Kein Schwein gehabt

Schweinehaltung in der Landwirtschaft

In der konventionellen Schweinehaltung ist Tierleid vielfach an der Tagesordnung. Die gängige Schweinemast und Ferkelproduktion hierzulande sind zudem rechtswidrig.
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Schweine sind nachweislich intelligent. Sie sind sauber und sozial – sofern sie artgerecht gehalten werden. Fast 95 Prozent der Schweine leiden jedoch in engen, dreckigen Ställen mit Vollspaltenböden. Stroh zum Wühlen, getrennte Bereiche zum Fressen, Liegen und Koten, Platz zum Bewegen? Fehlanzeige. 

Kein anderes europäisches Land produziert so viel Schweinefleisch wie Deutschland, allein 20 Prozent nur für den Export. Rund 60 Millionen Schweine werden jährlich hierzulande geschlachtet. 13,6 Millionen Tiere überleben die Mast erst gar nicht, bzw. müssen vorher notgetötet werden. Das sind rund ein Fünftel aller Schweine, die in Deutschland geboren werden, wie der SWR berichtet. Das Problem: Der größte Anteil des verkauften Schweinefleischs ist Billigfleisch aus schlechter Tierhaltung  – das ergab eine Greenpeace-Abfrage bei den großen Supermarktketten Anfang 2020. 

Greenpeace schiebt Reform der Schweinemast an

Greenpeace hat deshalb 2017 ein Rechtsgutachten zur konventionellen Schweinemast in Auftrag gegeben. Dieses belegt, dass die Schweinemast in Deutschland gegen Tierschutzgesetz und Verfassung verstößt. Und was Greenpeace oder Einzelpersonen rechtlich nicht möglich ist, übernahm ein Bundesland auf Basis des Greenpeace-Gutachtens: Der Berliner Senat sorgte per Normenkontrollklage dafür, dass sich seit 2019 das Bundesverfassungsgericht mit dem Thema befasst. 

Die drei K bei der Schweinehaltung

Die politische Diskussion dominieren aktuell drei besonders massive Missstände in der Schweinehaltung, auch als die “drei K” zusammengefasst: Kupieren, Kastration und Kastenstand. 

Kupieren des Ringelschwanzes: Pro Jahr wird in Deutschland 40 Millionen Ferkeln kurz nach der Geburt der Ringelschwanz abgeschnitten. Eine Maßnahme, die im direkten Zusammenhang mit der Haltung zu vieler Tiere auf zu engem Raum steht, denn durch die Enge entwickeln die Tiere Verhaltensstörungen und beißen sich unter anderem die Ringelschwänze blutig. Das Verstümmeln durch Kupieren ist in der EU schon seit 1994 untersagt. Weil Deutschland diese Vorgabe jedoch immer noch nicht umgesetzt hat, strebt die EU nun ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesregierung an. Greenpeace visualisiert mit einem Tierleid-Zähler die Zahl der kupierten Ringelschwänze sowie der betäubungslosen Kastrationen und setzt sich politisch für die Abschaffung beider Prozeduren ein.  

Kastration ohne Tierarzt und Betäubung: Manche Eber entwickeln einen strengen Geruch. Um diesen in Fleischprodukten zu verhindern, kastrieren die meisten Schweinehalterinnen und Schweinehalter die männlichen Ferkel – und zwar selbst, ohne tiermedizinische Fachkraft, ohne Betäubungsmittel. Das verstößt (wie das Kupieren des Ringelschwanzes) gegen EU-Recht und seit 2013 auch gegen das deutsche Tierschutzgesetz, ist aber politisch geduldet. Obwohl es erfolgreiche Lösungen gibt wie eine Impfung gegen den Ebergeruch oder eine bewusste Umstellung auf Ebermast, unterwirft sich die Politik weiter dem Druck der Agrarindustrie: Erst 2019 erteilte das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) unter Leitung von Julia Klöckner (CDU) eine Verlängerung der Erlaubnis um weitere zwei Jahre. So werden weiterhin jährlich rund 20 Millionen Schweine qualvoll die Hoden abgeschnitten.

Kastenstand oder “Schweine in Käfighaltung”: Gütesiegel beziehen häufig die Tiermast, aber nicht die vorgelagerte Produktion in die Bewertung ein. Typisches Beispiel ist der Kastenstand, ein enger Metallkäfig, der trächtige oder säugende Sauen über Wochen fixiert. Die Muttertiere geraten – eingezwängt und in direktem Kontakt mit der Sau im Nachbarkäfig – in massiven Stress. Fleischwunden, Schaum vor dem Maul und unruhiges Kauen (Leerkauen genannt) sind häufige Folgen. Der Kastenstand widerspricht seit mehr als 27 Jahren den Haltungsvorschriften – und ist dennoch geduldet. Selbst ein Urteil des Oberverwaltungsgericht Magdeburg 2015 änderte daran wenig. Das Gericht bestätigte, dass sich die Muttertiere laut TierSchNutztV zumindest ungehindert ausstrecken können müssen, ohne der Sau im Nachbarkäfig ins Gehege zu kommen. Stallbilder, die Greenpeace 2019 veröffentlicht und zur Anzeige gebracht hat, belegen jedoch weiterhin enge Gitterkäfige und kranke Sauen. Die derzeitige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) plant derweil eine echte “Sauerei”: Sie will nicht nur die Kastenstandhaltung um weitere 15-17 Jahre zementieren, sondern auch die Vorgabe, dass Muttertiere sich ungestört ausstrecken dürfen sollen, streichen. 

Regenwald im Futtertrog

Zusätzlich zu diesen direkten Problemen mit der Schweinehaltung ist auch der Futtermittelanbau problematisch. Denn für die Millionen Schweine in der Landwirtschaft hierzulande stehen nicht genügend Flächen für den Anbau eiweißreicher Futtermittel wie Soja zur Verfügung. Doch die Importe aus Übersee haben Folgen für Wald, Klima und Gesundheit. In südamerikanischen Ländern wie Brasilien werden für den Anbau von Soja großflächig Wälder, darunter auch Regenwald, und ökologisch wertvolle Flächen zerstört. Zudem kommt es auf den Soja-Plantagen zu einem massiven Einsatz gefährlicher Ackergifte wie Glyphosat.  

Welchem Siegel kann ich vertrauen?

Einem 110-Kilo-Mastschwein stehen nur 0,75 Quadratmeter Platz zu. Doch das würde aus Sicht des Landwirtschaftsministeriums unter Julia Klöckner (CDU) ausreichen, um auf das entsprechende Schnitzel das Etikett “Tierwohl” zu kleben. Dahinter steckt der Plan, ein einheitliches staatliches Label einzuführen. Eigentlich eine gute Idee, doch das Vorhaben der  Landwirtschaftsministerin entpuppt sich bei näherem Hinsehen eher als Schaumschlägerei. Denn: Das Label soll nur freiwilllig und zunächst nur für Schweine-Frischfleisch gelten, jedoch nicht für verkaufsstarke Produkte wie Wurst oder verarbeitetes Fleisch. Greenpeace fordert  – ebenso wie Handel und Industrie  – eine verpflichtende staatliche Haltungskennzeichnung für Fleisch- und Wurstprodukte, die beim Einkauf wirklich für Durchblick sorgt. 

Greenpeace empfiehlt, Fleisch, Milch oder Eier lieber selten und nur aus guter Haltung zu beziehen. Zertifizierungen und Gütesiegel wie Demeter, Bioland oder Neuland stehen für eine bessere Tierhaltung. Viele Label halten jedoch nicht, was sie in wohlklingenden Namen wie “Initiative Tierwohl” versprechen. Was hinter den geläufigen Siegeln und Labels steckt, erklärt der Greenpeace-Siegelratgeber.

Agrarsubventionen sinnvoll einsetzen

Wenn künftig mehr Menschen Produkte aus artgerechter Haltung kaufen, braucht es auch mehr Landwirtinnen und Landwirte, die entsprechend wirtschaften. Doch der Um- bzw. Neubau tiergerechter Ställe und Ausläufe ist teuer. Die Investitionen müssen sich daher langfristig lohnen. Die gute Nachricht: Der Topf für EU-Agrarsubventionen beinhaltet 58 Milliarden Euro jährlich, Geld ist also eigentlich vorhanden. Jetzt gilt es, die Milliarden so umzuverteilen, dass tierwohl- und umweltschonende Betriebe finanziell belohnt bzw. bereits bei der Umstellung unterstützt werden. 

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