Gefährliche Keime in der Gülle
- Ein Artikel von Anja Franzenburg
- mitwirkende Expert:innen Stephanie Töwe
- Nachricht
Mit jedem antibiotikaresistenten Keim, der in die Umwelt gelangt, steigt das Risiko, das wichtigste Mittel gegen bakterielle Infektionen zu verlieren. Dazu trägt auch Gülle bei. Fragen und Antworten zu einem wachsenden Problem.
Immer häufiger wirken Antibiotika nicht mehr bei Infektionen, weil Keime resistent gegen Medikamente geworden sind. Dadurch wird es für die Medizin schwieriger, bakterielle Infektionen zu behandeln. Resistente Keime kommen sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin vor. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in großen Stallungen fördert diese. Über die Gülle etwa aus Schweineställen gelangen antibiotikaresistente Keime und Antibiotika großflächig in die Umwelt – das hat Greenpeace in verschiedenen Recherchen nachgewiesen, die unten aufgeführt sind. Was droht, wenn Antibiotika ihre Wirkung verlieren und welchen Beitrag eine bessere Tierhaltung leisten kann, um die Risiken zu vermindern, beleuchten unsere Fragen und Antworten.
Wieso gefährdet Gülle unsere Gesundheit?
Kurz erklärt
- Rückstände von Antibiotika und antibiotikaresistente Keime in der Gülle fördern die Entstehung von multiresistenten Keimen in der Umwelt, bei denen Medikamente nicht mehr wirken.
- Viele Felder sind überdüngt, dadurch sickern überschüssige Nährstoffe wie zum Beispiel Nitrat ins Grundwasser. Im Körper wird Nitrat zu Nitrit umgewandelt. Nitrit kann den Sauerstofftransport im Blut blockieren, was vor allem für Säuglinge lebensgefährlich ist, da sie dadurch innerlich ersticken können.
- Nitrit bildet im Magen chemische Verbindungen, die krebserregend sein können und langfristig das Risiko für Magen- oder Darmkrebs erhöhen.
- Stoßen Harn und Kot aufeinander, was bei Gülle der Fall ist, bildet sich Ammonium. Daraus kann das giftige Gas Ammoniak entstehen, das unsere Atemwege stark belastet.
Wieso sind antibiotikaresistente Keime gefährlich für Menschen?
Vor der Gefahr eines „postantibiotischen Zeitalters“, in dem Antibiotika ihre Wirkung weitgehend verloren haben, warnte die WHO bereits vor etlichen Jahren. Träte es ein, würden immer mehr Menschen wieder an Entzündungen sterben, die seit der Entdeckung des Penicillins und anderer Antibiotika vor mehr als 80 Jahren eigentlich heilbar sind. Schon heute kosten multiresistente Keime, etwa in Krankenhäusern, Menschen das Leben. Laut WHO könnten bis 2050 dadurch jährlich 10 Millionen Menschen sterben.
Mit jeder Resistenz steigt das Risiko, dass wir das wichtigste Medikament verlieren, um gefährliche bakterielle Infektionskrankheiten zu heilen. Menschen können mit diesen resistenten Keimen entweder durch direkten Kontakt mit Tieren, über kontaminierte Lebensmittel (z. B. unzureichend gewaschenes Gemüse oder Fleisch) oder über die Umwelt in Berührung kommen. Infiziert sich ein Mensch mit einem solchen Erreger, können Standard-Antibiotika versagen. Das macht die Behandlung von eigentlich unkomplizierten Infektionen (wie Harnwegs- oder Wundinfektionen) extrem schwierig und im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Der Einsatz von Antibiotika sollte deshalb in der Humanmedizin ebenso wie in der Tiermedizin sorgfältig erfolgen und bei Erkrankungen an Einzeltiere verabreicht werden, statt komplette Herden vorsorglich mitzubehandeln. Dies betrifft vor allem die besonders wichtigen Wirkstoffe. So ist bedenklich, dass Greenpeace im Jahr 2019 in elf Gülle-Proben Keime mit Resistenz gegen das Reserve-Antibiotikum Colistin gefunden hatte. Reserveantibiotika unterliegen eigentlich strengen Regeln, sie sollen besonders umsichtig eingesetzt werden, damit sie als letztes Mittel gegen Krankheiten erhalten bleiben, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken. Colistin wird vor allen Dingen in der Geflügelmast häufig und leider auch massenhaft verabreicht. Das Bundesamt für Risikoforschung (BfR) sieht diesen Einsatz in der Nutztierhaltung aufgrund der zunehmenden Resistenzbildungen sehr kritisch.
Einblicke in Greenpeace-Recherchen
Wie entstehen Resistenzen?
Bakterien vermehren sich rasant mittels Zellteilung. Dabei wird das Erbgut jedoch nicht immer identisch kopiert. So entstehen Mutationen – darunter kann auch zufällig eine Erbgutveränderung sein, die ein Bakterium unempfindlich macht gegen ein Antibiotikum. Kommt jetzt dieses Bakterium aufgrund einer Behandlung mit dem Medikament in Kontakt, hat es einen Vorteil gegenüber anderen Keimen, die nicht immun sind. Diese Bakterien sterben, der resistente Erreger jedoch nicht - er kann sich vermehren sowie seine Eigenschaften an andere Keime weiterreichen.
Bakterien müssen allerdings nicht auf eine zufällige Mutation warten, um Resistenzen zu erwerben. Sie können Gene auch aus der Umgebung aufnehmen.
Wieso sind antibiotikaresistente Keime in der Gülle ein Problem?
Bei den Keimen, die Greenpeace in der Vergangenheit in Gülleproben gefunden hatte, handelte es sich um Darmbakterien, die immer in Gülle zu finden sind. Diese sind zunächst einmal nicht problematisch. Das ändert sich jedoch, wenn sie Antibiotikaresistenzen entwickeln – und dann über die Gülle verbreitet werden. Denn wenn ein harmloser, aber resistenter Keim auf einen gefährlichen Krankheitserreger wie Salmonellen oder E. coli trifft, kann er die Resistenz übertragen. Wird dieser Keim dann über die Nahrung aufgenommen, können Menschen ernsthaft erkranken. Das Antibiotikum, gegen das der Erreger immun geworden ist, wirkt dann nicht mehr. Die Medizin kann zwar auf andere Antibiotika ausweichen – solange es noch wirksame gibt.
Resistente Keime machen nicht immer krank. Wir alle tragen sie möglicherweise gerade auf unserer Haut oder würden sie an Türklinken finden. Wir nehmen sie auch auf, sie besiedeln unseren Darm und unsere Schleimhäute. Erst wenn das Immunsystem geschwächt ist oder die Keime in normalerweise keimfreie Körperregionen gelangen (zum Beispiel Blutbahn, Lunge, Harnwege), können sie eine Infektion auslösen. Diese ist dann oft schwerer zu behandeln, weil die Keime gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Besonders Immungeschwächte, chronisch Kranke oder Menschen mit offenen Wunden, direkt nach einer OP sind dann gefährdet. Multiresistente Keime können über Menschen, Lebensmittel oder Gegenstände weitergegeben werden, was dann wiederum für vulnerable Gruppen ein Risiko darstellt.
Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist seit 2011 deutlich zurückgegangen. Ist damit zu rechnen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt?
Die an Tierärzte abgegebene Menge an Antibiotika hat sich seit 2011 reduziert; das ist durchaus eine positive Entwicklung. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren jedoch wieder abgeschwächt, vor allem bei einigen besonders wichtigen Antibiotika. Es wäre noch viel mehr möglich, wenn die Haltungsbedingungen verbessert und die Tiere nicht länger auf engstem Raum zusammengepfercht würden: Tiere erkranken unter schlechter Haltung häufiger – zudem können sich Erreger aufgrund der Enge schneller ausbreiten. Deshalb behandeln Tierärzte oft nicht nur ein einzelnes erkranktes Tier, sondern gleich den ganzen Stall. Dass eine gezielte Behandlung mit einem weitaus geringeren Einsatz von Antibiotika möglich wäre, zeigt die ökologischen Landwirtschaft. Hier bilden sich deutlich weniger Antibiotikaresistenzen.
Wie können sich antibiotika-resistente Keime aus den Ställen in der Umwelt verbreiten?
Die Keime können sich über den Staub aus den Ställen verbreiten oder gelangen bei der Lagerung der Gülle über die Luft in die Umwelt. Wird auf den Äckern gedüngt, verteilen sie sich noch weiter: auf Böden und in Gewässern, aber auch auf Getreide oder Gemüse. So gelangen sie auch in Lebensmittel. Jeder Kontakt kann zu einer Übertragung führen. Und schließlich verbreiten sich die Resistenzen, indem sie von resistenten Keimen auf andere Bakterien übertragen werden. Die Greenpeace-Probenahmen werfen nur ein Schlaglicht auf diese Entwicklung, die dringend systematisch beobachtet werden müsste. Der Einsatz von Antibiotika und das Auftreten von multiresistenten Keime sollten bundesweit einheitlich überwacht werden.
Was macht Greenpeace?
Mit Recherchen und Probenahmen hat Greenpeace das Problem aufgezeigt: Antibiotikaresistente Keime lassen sich in Wasser und Gülle nachweisen. Einige Tests liegen zwar schon Jahre zurück, doch die Sachlage hat sich nicht geändert, was wiederum aktuellere Untersuchungen zeigen.
Dabei gibt es Lösungen. Greenpeace setzt sich auf vielen Ebenen für eine eine bessere Tierhaltung und ein Düngegesetz ein, das zu hohe Einträge verhindert.
Was zu tun ist:
- Die Tierzahlen müssen reduziert werden. Denn Tiere, die besser gehalten werden, mehr Platz und ausreichend Bewegung haben, erkranken nicht so leicht.
- Konsument:innen können eine artgerechtere Tierhaltung unterstützen, indem sie weniger Fleisch, dafür aus besserer Haltung essen und mehr auf pflanzliche Ernährung setzen.
- Statt eine ganze Gruppe zu behandeln, sollten nur einzelne Tiere Antibiotika erhalten.
- Der Einsatz von Antibiotika in Ställen sowie die Entstehung von Resistenzen sollten bundesweit einheitlich erfasst werden.
- Verbot des Einsatzes sogenannter Reserveantibiotika in der Tierhaltung: Diese Medikamente müssen für den Einsatz in der Humanmedizin reserviert bleiben.
Gülle im Überfluss bedroht Trinkwasser und Gewässer
Neben der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen hat Gülle noch ein weiteres Problem: Es gibt zu viel davon. Die Massentierhaltung produziert mehr Gülle, als die Felder vertragen. Das hat weitreichende Folgen: Die überschüssigen Nährtoffe wie Phosphat und Nitrat, die die Pflanzen nicht mehr aufnehmen können, verschmutzen Grundwasser, Seen, Flüsse und Meere. Deshalb arbeitet Greenpeace auch zu diesem Themenkomplex.
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Greenpeace-Report: Gefahr vom Acker - Antibiotikaresistente Keime und Antibiotika in der Gülle_2020
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