Keine Rückschritte bei der Tierhaltung, Herr Rainer
- Ein Artikel von Anja Franzenburg & Kristina Oberhäuser
- mitwirkende Expert:innen Matthias Lambrecht & Lasse van Aken
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Die Grüne Woche lockt als Gipfel der Landwirtschaftsbranche. Aktivist:innen fordern Agrarminister Rainer auf, das Tierleid anzugehen etwa mit der Haltungskennzeichnung von Fleisch.
Es ist eine große Show: Die Grüne Woche in Berlin gilt als eine der führenden internationalen Veranstaltungen – wenn es um Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau geht – und feiert ihren 100. Geburtstag. Zur Eröffnung erscheint traditionell der Bundeslandwirtschaftsminister, ihm, Alois Rainer (CSU), ist die Aktion gewidmet: Auf einem Jahrmarktwagen vor dem Nordeingang des Messegeländes versucht eine Alois Rainer-Holzfigur immer wieder die Vorhänge zuzuziehen – und outet sich so als Hampelmann der Fleisch- und Milchindustrie. Denn hinter der Fassade zeigt eine große Videowand, wie Schweine in Deutschland gehalten werden.
Es sind Aufnahmen aus Schweineställen der Haltungsform 2 zu sehen, die Greenpeace zugespielt wurden. Die Bilder der verletzten, erkrankten oder toten Tiere sind unerträglich. 2017 und 2025 hatten Rechtsgutachten im Auftrag von Greenpeace nachgewiesen, dass die Haltungsformen 1 und 2 gegen den Tierschutz verstoßen. Das Fleisch dieser Tiere verkaufen Supermärkte Tag für Tag. Eine verpflichtende Haltungskennzeichnung würde Verbraucher:innen ermöglichen, solche Produkte zu meiden. Ein Label, das zeigt, wie die Tiere gehalten wurden, würde jene Landwirt:innen unterstützen, die sich für mehr Tierwohl einsetzen. Einen Gesetzesentwurf dafür hatte in der vergangenen Legislaturperiode der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir ausgearbeitet. Doch Alois Rainer setzt die Kennzeichnung nicht um. “Herr Minister: Haltung zeigen!” steht deshalb auf den Bannern der Aktivist:innen.
“Alois Rainer macht sich zum Erfüllungsgehilfen von Fleisch- und Milchindustriekonzernen, die ohne Rücksicht auf massenhaftes Tierleid ihr profitables Geschäft betreiben und die elenden Zustände in vielen Ställen weiter verbergen wollen.”
Dabei zeigen Umfragen: Verbraucher:innen wollen wissen, wie die Tiere bei der Erzeugung von Fleisch und Milchprodukten gehalten werden. Für mehr als 80 Prozent der Bundesbürger:innen sind diese Informationen wichtig. Die großen Supermarktketten machen schon seit Jahren Haltungsformen auf Frischfleisch und Milch mit einem freiwilligen Label kenntlich.
Transparenz ausgehebelt: Die verschleppte Haltungskennzeichnung
Eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung für alle tierischen Lebensmittel, im Einzelhandel ebenso wie in der Außer-Haus-Verpflegung würde verlässlich für mehr Transparenz sorgen. Das schafft die Voraussetzungen für einen fairen Wettbewerb, in dem das Engagement von bäuerlichen Betrieben für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft von den Verbraucher:innen wahrgenommen und honoriert werden kann.
- Verzögerung um Jahre: Das Gesetz sollte ursprünglich im August 2025 in Kraft treten, wurde durch Rainer aber bereits zum zweiten Mal verschoben. Jetzt soll es erst 2027 umgesetzt werden.
- Verwässerung durch Komplexität: Die Forderung, auch Importwaren kennzeichnen zu lassen, ist prinzipiell richtig – aber abhängig von einer langwierigen EU-Genehmigung und möglicherweise nicht mit EU-Recht vereinbar.
- Unvollständige Kennzeichnung: Positiv ist, dass Restaurants und Kantinen auch kennzeichnen sollen – das hat die SPD in der Koalition durchgesetzt. Aber zunächst gilt das Gesetz nur für frisches Schweinefleisch. Rind und Geflügel fehlen ebenso wie Wurst- oder Milchprodukte.
Vertrauen zerstört: Milliarden-Programm einkassiert!
Das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung sollte Landwirt:innen helfen, ihre Ställe mit Investitionen für mehr Tierwohl zukunftsfähig zu machen. Doch Minister Rainer hat das Förderprogramm kassiert.
- Die Fakten: Das Programm – von Rainers Vorgänger Cem Özdemir (Grüne) gestartet – stellte eine Milliarde Euro Tierwohl-Fördermittel für Stallumbau und laufende Mehrkosten bis Ende 2030 bereit. Es wurde von den schweinehaltenden Betrieben sehr gut angenommen und schuf Planungssicherheit.
- Der Vertrauensbruch: Landwirt:innen haben auf Basis der zugesagten Gelder geplant und investiert. Jetzt streicht der CSU-Minister das Geld dafür zusammen und kürzt den Zeitraum für die Zahlungen um mehrere Jahre.
- Die Konsequenz: Existenzängste bei Landwirt:innen, Stillstand beim Tierwohl und Nachteile für Tierwohlprodukte im Wettbewerb mit Billigfleisch aus industrieller Tierhaltung.
Fleischkonsum geht zurück
Mehr Platz und Bewegung für Tiere würde zwangsläufig zu einer Reduzierung der Anzahl führen. Weniger Fleisch im Angebot wiederum würde dem Ernährungstrend folgen, mehr auf pflanzliche Produkte zu setzen. Denn der Appetit auf Fleisch lässt nach. Seit 1980 ist der Fleischkonsum in Deutschland stark rückläufig: Während er 1987 noch bei 100 kg pro Person lag, 2019 bei knapp unter 60 kg, erreichte er 2022 mit 52,7 kg pro Person den bisherigen Tiefstand. Im Jahr 2024 stieg der Verzehr leicht auf 53,2 kg – vor allem der von Geflügel. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass sich die Nachfrage nach Fleisch wieder massiv erhöhen wird.
Fleischindustrie verdient auf Kosten der Bevölkerung
Die Fleischindustrie jedoch tut so, als gäbe es diese langfristige Entwicklung nicht. Unbeirrt setzt sie auf billig produziertes Fleisch, das sie zu Dumpingpreisen auf den Markt wirft. So schlachtete die Fleischbranche im Jahr 2024 rund 742 Millionen Tiere. 48,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde sowie 693,3 Millionen Hühner, Puten und Enten. Ihr Umsatz liegt jährlich bei 49 Milliarden Euro.
„Die Riege um den größten Schlacht-Konzern Tönnies und die Milliardärsfamilie Wesjohann bereichert sich Jahr für Jahr am Geschäft mit Billigfleisch.“
Die Fleischproduktion ist für fast ein Fünftel der weltweiten Treibhausgase verantwortlich und einer der größten Naturzerstörer. Dadurch entstehen in Deutschland jährlich rund 21 Milliarden Euro Kosten durch Umwelt- und Klimaschäden. Hinzu kommen Gesundheitskosten in Höhe von gut 16 Milliarden Euro durch den übermäßigen Konsum von rotem Fleisch, Schinken und Wurst, der die Risiken für Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und Typ-2-Diabetes erhöht. „Den Preis für die Kosten für Umwelt und Gesundheit der Menschen zahlt nicht die Industrie, sondern die Gesellschaft“, sagt van Aken.
Wie ist Deutschland zur Produktionsstätte von Fleisch geworden?
Doch wie ist es überhaupt zu dieser Entwicklung gekommen? Vor zwanzig Jahren baute die Landwirtschaft in Deutschland die Schweinehaltung weit über den Bedarf aus. Begründet wurde dies mit der enormen Nachfrage in Asien. Tatsächlich haben sich die Schweinebestände allerdings vor allem innerhalb der EU verschoben: Die Niederlande, Frankreich und Dänemark reduzierten die Bestände, während Deutschland seine ausbaute – dank niedrigerer Umwelt- und Tierschutzstandards und dadurch geringeren Erzeugungskosten. So setzte Deutschland etwa die EU-Düngevorgaben ungenügend um - Landwirt:innen konnten also mehr Gülle aus Tierställen ausbringen als die Konkurrenz aus dem benachbarten Ausland. Im Gegensatz zu anderen Ländern war der vorgeschriebene Mindestplatzbedarf für Tiere niedriger sowie tierquälerische Praktiken wie enge Kastenstände für Sauen, die betäubungslose Kastration von Ferkeln und das Kupieren der Schwänze erlaubt. Erst im Jahr 2021 verbot auch Deutschland die betäubungslose Kastration und schärfte die Düngeverordnung erst im Sommer 2023 nach, als Strafzahlungen aus Brüssel in Millionenhöhe drohten.
Industrielle Tierhaltung unter Druck, Politik muss Rahmen setzen
Mit der Verbreitung der Schweinepest in einigen deutschen Betrieben schloss sich die Vermarktungsmöglichkeit in asiatischen Ländern und die Preise für Schweine brachen ein. Gleichzeitig sank der Konsum im Inland. Der Umbau zu einer besseren Tierhaltung geht durch die mangelnde Unterstützung der Politik nur schleppend voran, auch wenn der Lebensmittelhandel angekündigt hat, ab 2030 kein Billigfleisch mehr abzunehmen. Gegenwärtig jedoch, das zeigt der Greenpeace-Supermarktcheck 2025, stammen immer noch 80 Prozent des Frischfleisches aus den Haltungsformen 1 und 2 – also von Tieren, die häufig unter gesetzeswidrigen und qualvollen Bedingungen gehalten werden.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor für die Schweinehalter:innen: Greenpeace hatte im Jahr 2017 nachgewiesen, dass die Schweinehaltung in Deutschland gegen den Tierschutz und somit gegen die Verfassung verstößt. Das Land Berlin reichte daraufhin beim Bundesverfassungsgericht eine Normenkontrollklage ein. Mit dem Urteil könnten die zwei schlechtesten Haltungsformen bei Schweinen rechtswidrig werden.
Protest bei Deutschem Fleischkongress
In dieser Gemengelage traf sich im November 2025 die deutsche Fleischwirtschaft in der Rheingoldhalle der Messe Mainz. Im Gegensatz zur Grünen Woche bleibt die Branche hier ohne Publikumsverkehr unter sich. Statt jedoch die künftigen Herausforderungen anzugehen, versucht sie auf einem Kongress vor allem, die Reihen zu schließen und Kritik abzuwehren.
Vor der Tagungshalle hatten sich deshalb Greenpeace-Aktive zusammengefunden. Sie forderten einen Wandel in der Fleischindustrie und ein Ende der klimaschädlichen und tierquälerischen Billigfleischproduktion. Auch in der Halle protestierten Aktivist:innen. Dort schallte den Teilnehmer:innen aus Boxen anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Fleischkongresses ein Geburtstagsständchen entgegen: Die Audiobotschaft kritisierte die deutsche Fleischindustrie, weil sie sich ihrer Verantwortung entzieht und weiter möglichst viel Fleisch möglichst billig produziert.
„Nur wenn sich die Fleischbranche grundlegend wandelt und endlich auf weniger und besseres Fleisch sowie pflanzliche Eiweißquellen setzt, hat sie in einer klimaverträglichen Gesellschaft noch einen Platz", sagt Lasse van Aken. "Unter dem Billigfleischsystem leiden nicht nur die Tiere, sondern auch unsere Lebensgrundlagen: Das Klima wird verheizt, das Grundwasser verschmutzt und die Biodiversität, elementar für erfolgreiche Ernten, wird zerstört. Die Lebensmittelindustrie muss aus der Erzeugung aussteigen – genauso wie die Energiewirtschaft aus der Braunkohle oder die Autoindustrie aus dem Verbrenner.”