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Rinder auf einer Wiese in Brandenburg
© Isadora Tast

Tierhaltung: mehr Tierleid als Tierwohl

Weniger Tiere und diese artgerecht zu halten, ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch für den Umwelt- und Klimaschutz unerlässlich.

 

Eine unvorstellbar große Zahl: Mehr als 770 Millionen Schweine, Rinder, Hühner, Puten, Schafe und weitere Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Im Gegensatz zu Millionen liebevoll umsorgter Haustiere erleiden sie in der Regel ein kurzes, qualvolles Leben. Die Verordnungen zur Haltung von Nutztieren sind viel zu schwach: Sie verstoßen laut Greenpeace-Gutachten etwa bei der Schweinehaltung sogar gegen das deutsche Tierschutzgesetz und damit gegen die Verfassung.

Der Bau von Riesenställen, in denen die Tiere eng an eng stehen, ist getrieben vom Kostendruck durch den harten Preiswettbewerb, der mit einer Industrialisierung der Tierhaltung einhergeht. In Europa verdreifachte sich zwischen 1960 und 2010 die Milch- und Fleischproduktion. Viel und möglichst billig: Dieser Trend setzt sich bei Schweine- und Geflügelfleisch bis heute fort. Obwohl der durchschnittliche Fleischkonsum in Deutschland hoch ist – mit 1,1 Kilogramm pro Woche doppelt so hoch wie von der Wissenschaft empfohlen – wird längst auch für den Export produziert. 

 

Vollautomatisches Melken in Mecklenburg-Vorpommern: Etwa 70 Kühe werden gleichzeitig auf einem Melkkarussell gemolken.

Vollautomatisches Melken: Etwa 70 Kühe werden gleichzeitig auf einem Melkkarussell gemolken.

Die Tierhaltung hat nicht nur ein ethisches Problem – auch aus Gründen des Klima-, Biodiversitäts- und Grundwasserschutzes ist ein Umbau hin zu einer artgerechteren Haltung mit nur halb so vielen Tieren notwendig.

Tierhaltung verursacht die meisten Treibhausgase in der Landwirtschaft

Die Tierhaltung ist weltweit für 19 Prozent aller ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich, dazu zählt vor allem das besonders klimaschädliche Methan. Treibhausgase werden zum einen direkt ausgestoßen – etwa von Rindern bei der Verdauung. Diese sind mit ihrem Methanausstoß für einen Großteil der Treibhausgasemissionen innerhalb des Agrarsektors verantwortlich, weshalb Rindfleisch und Milchprodukte besonders klimaschädlich sind. 

Zu den indirekten Emissionen der Tierhaltung gehört der CO2-Ausstoß bei der Landnutzung und den verharmlosend genannten Nutzungsänderungen – also wenn etwa für den Anbau von Tierfutter Wälder gerodet oder Grünflächen umgebrochen werden. Dadurch wird nicht nur das in Holz und Boden gespeicherte CO2 freigesetzt, die ausgeräumten Flächen nehmen auch kaum noch Treibhausgase aus der Atmosphäre auf. Insbesondere in Südamerika ist das Ausmaß der Regenwaldvernichtung dramatisch.

Der Tierhaltung in Deutschland werden aber meist nur die direkten Emissionen zugerechnet und nicht die Treibhausgase, die durch den Anbau von Futterpflanzen etwa in Südamerika  entstehen. Eine Greenpeace-Studie hat sich die gesamte Kette angeschaut: So erhöht sich der Anteil der Tierhaltung an den Gesamtemissionen für ganz Deutschland von sechs auf elf Prozent. Die Studie rechnet auch vor, dass die Tierbestände bis 2045 halbiert werden müssen, um die Klimaziele in der Landwirtschaft in Deutschland zu erreichen. 

Conventional Dairy Farm in Lower Saxony, Germany

Studie: klimaneutrale Landwirtschaft

Wie die Landwirtschaft bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden kann, zeigt Greenpeace in einer Studie.

Landwirtschaft auf dem Weg zum Klimaziel

Für Gülle und Tierfutter reichen die Flächen nicht

Weniger Tiere würden auch die Flächen in Deutschland entlasten. Jährlich landen mehr als 200 Millionen Tonnen Gülle auf den Feldern und belasten das Grundwasser mit Nitrat. Wasserwerke müssen in einigen Regionen immer mehr Aufwand betreiben, um die Trinkwasserqualität sichern zu können. 

Längst reichen in Deutschland auch die Flächen für den Anbau eiweißreicher Futterpflanzen nicht mehr, um damit die Millionen hierzulande gehaltener Tiere zu füttern. Für den Export von Soja nach Deutschland und Europa werden in südamerikanischen Ländern wie Brasilien großflächig Wälder und ökologisch wertvolle Flächen zerstört. Rund 80 Prozent der weltweit zur Verfügung stehenden Acker- und Weideflächen werden für die Erzeugung tierischer Produkte genutzt. 

Mit Wäldern und Savannen schwinden jedoch Lebensräume. Das weltweite beängstigende Artensterben ist nur noch aufzuhalten, wenn wir aufhören, solche wertvollen Lebensräume für Tierfutter zu zerstören – und das gelingt nur durch eine Abkehr von der industrialisierten Tierhaltung und weniger Fleischkonsum.

KEIME AUF ACHSE

Aus Zentren der industriellen Tierhaltung werden mit Gülle antibiotikaresistente Keime in entfernte Regionen getragen. Die Afrikanische Schweinepest bringt weitere Risiken mit sich.

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Waldzerstörung für Landwirtschaft

Wachsende Gefahr

Pandemien, deren Erreger von Wildtieren stammen, werden wir noch öfter erleben. Naturräume zugunsten von Futtermitteln zu zerstören, steigert das Risiko.

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Mehr Tierwohl: weniger Tiere, dafür artgerecht gehalten

Wäre billige Massenproduktion nicht mehr die Maxime, könnte sich auch der Umgang mit den Tieren ändern – hin zu mehr Tierwohl. Derzeit befasst sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit den unsäglichen Zuständen in den Ställen. Nachdem ein Greenpeace-Gutachten dargelegt hat, dass die konventionelle Schweinemast in Deutschland gegen Tierschutz und Verfassung verstößt, hat der Berliner Senat eine Normenkontrollklage eingereicht. Stimmt das Bundesverfassungsgericht dieser Sicht zu, müsste die entsprechende Nutztierhaltungsverordnung endlich überarbeitet und den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden.

Die Probleme in der deutschen Schweinehaltung werden in der Fachdebatte mit den "drei K" zusammengefasst: Kupieren, Kastration und Kastenstand. 

  • Kupieren: Rund 40 Millionen Ferkeln wird kurz nach der Geburt qualvoll der Ringelschwanz abgeschnitten. Ziel ist, dass die Tiere sich nicht gegenseitig anfressen. Aufgrund der Enge in den Ställen und fehlender Beschäftigung neigen die Tiere dazu, sich gegenseitig zu verletzen. Die intelligenten Tiere werden nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten, sondern den Bedürfnissen der Produktion angepasst.  
  • Kastration: Rund 20 Millionen Ferkeln wurden bis 2021 ohne Betäubung schmerzvoll die Hoden entfernt. Erst seit 2021 gibt es ein Verbot der betäubungslosen Kastration, nach jahrelangem Verzögern mit langen Übergangsfristen. 
  • Kastenstand:  Der Kastenstand, in dem Sauen wochenlang in engen Gitterkäfigen fixiert dahinvegetieren müssen, ist in anderen EU-Ländern bereits verboten. In Deutschland ist er mit Übergangsfristen weiterhin erlaubt.   
Schweine konventionell gehalten in einem Stall in Deutschland

Schweine in einem Stall in Deutschland: Die Tiere haben kupierte Schwänze, stehen auf Spaltenboden in Kot, Enge und Dreck.

In der konventionellen Landwirtschaft sind etliche Formen der Qualhaltung also noch Realität. Milchkühe und Schlachtrinder werden teilweise immer noch in Anbindehaltung und auf ungeeignetem Untergrund gehalten, wodurch sie vielfach Verletzungen davontragen – obwohl der Bundesrat die Anbindehaltung 2016 als tierschutzwidrig einstufte. Auch in der Geflügelhaltung gibt es noch Missstände: So kostet das Töten männlicher Küken in Brütereien, etwa durch Schreddern, jährlich mehr als 45 Millionen Tiere das Leben. Diese Praxis soll aber ab 2022 in Deutschland endlich verboten werden. In der Putenmast wiederum werden den Tieren immer noch die Schnäbel gekürzt. 

Artgerechte Tierhaltung: Agrarsubventionen sinnvoll einsetzen

Einem 110-Kilo-Mastschwein stehen nur 0,75 Quadratmeter Platz zu, ein Huhn vegetiert oft dicht an dicht mit zehntausenden weiteren Leidensgenossen im Stall. Das ist nicht artgerecht. Doch der Um- beziehungsweise Neubau tiergerechter Ställe und Ausläufe ist teuer und es gibt rechtliche Hürden. Landwirt:innen brauchen deshalb Sicherheit, dass sich ihre Investitionen auch langfristig lohnen. Letztlich hängt Tierwohl am Geld – und das ist eigentlich zu Genüge vorhanden. 

Der Topf für EU-Agrarsubventionen beinhaltet 55 Milliarden Euro jährlich. Doch das alte Verteilungsprinzip fördert eine Landwirtschaft, die auf Kosten von Tieren, Klima und Umwelt geht. Denn die  Fördermittel werden auch nach der 2021 beschlossenen Reform immer noch vor allem nach der Größe der bewirtschafteten Fläche vergeben. Es bedarf dringender Änderungen. Betriebe, die ihre Tiere artgerecht halten,  klima- und umweltschonend wirtschaften, sollten finanziell mit Steuergeldern unterstützt werden

Pläne für mehr Tierwohl gibt es, die Bundesregierung setzt sie nur nicht um

Viele Politiker:innen, Handelsketten und Betriebe schieben die Verantwortung von sich und weisen darauf hin, dass die Mehrheit der Verbaucher:innen beim Einkauf eher günstig als tierwohlgerecht wähle. Doch eine große Mehrheit der Deutschen ist laut einer Umfrage bereit, eine Tierwohlabgabe auf Fleisch und Milchprodukte zu zahlen, wenn diese denUmbau der Tierhaltung fördert und den Tieren tatsächlich geholfen ist. 

Greenpeace hat Anfang 2020 verschiedene Modelle für eine Besteuerung von Fleisch und Milch analysiert, die Anreize böten, mehr pflanzliche statt tierischer Produkte zu konsumieren – und so Umweltzerstörung und Klimaschäden zu vermeiden.

Derzeit fördert Deutschland den klimaschädlichen Konsum tierischer Produkte mit mehr als 5 Milliarden Euro pro Jahr, da auf Fleisch und Milchprodukte nur die ermäßigte Mehrwertsteuer von sieben Prozent erhoben wird. Diese Subvention sollte umgehend gestoppt und der reguläre Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben werden. Dafür könnten gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse ganz von der Steuer befreit und für alle erschwinglicher werden.

Auslaufmodell Billigfleisch

Noch dominiert zwar Frischfleisch aus tierschutzwidriger Haltung das Sortiment, aber der Handel ist in Bewegung. Das zeigt der neue Supermarkt-Check von Greenpeace.

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„Auf Biegen und Brechen“

Die EU-Förderpolitik müsste bäuerliche Betriebe auf die Herausforderungen durch Klima- und Artenkrise vorbereiten. In Brüssel und Berlin lässt man sie aber im Stich.

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Der Preis des Billigfleischs

Supermarktketten locken mit Fleisch zu Dumpingpreisen. Die Schäden der Intensivtierhaltung für Umwelt und Klima werden auf die Allgemeinheit abgewälzt.

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Mit den Einnahmen aus einer auf Fleisch- und Milchprodukte erhobenen, zweckgebundenen Tierwohlabgabe könnten Stallumbauten für eine bessere Tierhaltung gezielt gefördert werden. Das von der Bundesregierung eingesetzte Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die sogenannte Borchert-Kommission, hat diesen Vorschlag in ihren Empfehlungen zum Umbau der Tierhaltung und dessen Finanzierung aufgegriffen. Doch den Empfehlungen der Borchert-Kommission sind bislang keine Taten gefolgt. 

Ebenso fehlt noch immer die von Greenpeace geforderte verpflichtende Haltungskennzeichnung von Fleisch, die mehr Transparenz beim Einkauf schaffen würde. Obwohl auch Teile des Handels und der Industrie ein verpflichtendes Kennzeichen befürworten, hatte sich die inzwischen abgewählte Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner auf ein freiwilliges “Tierwohl-Label” versteift. Doch das würde nur für Schweinefleisch gelten und hätte nicht dafür gesorgt, Fleisch aus tierquälerischer Haltung kenntlich zu machen. Dabei zeigt die seit 2004 EU-weit verpflichtende Kennzeichnung bei Hühnereiern, wie die Nachfrage nach tierischen Produkten aus guter Haltung deutlich steigen kann, wenn diese klar und einheitlich gekennzeichnet sind. (Fallbeispiel Ei-Kennzeichnung, ab Seite 8). 

Die neue Bundesregierung muss den verschleppten Umbau der Tierhaltung jetzt endlich angehen. Greenpeace wird sich weiterhin für eine nachhaltige Agrarpolitik einsetzen, die Landwirt:innen eine Perspektive mit Planungssicherheit für den Umbau der Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit gibt. 

 

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Häufig gestellte Fragen zur Tierhaltung

Woran erkenne ich gutes Fleisch?

Zertifizierungen und Gütesiegel wie Demeter, Bioland oder Neuland stehen für eine bessere Tierhaltung. Generell empfiehlt Greenpeace, Fleisch, Milch oder Eier eher selten und nur aus guter Haltung zu beziehen. Was hinter den geläufigen Siegeln und Labeln steckt, erklärt der Greenpeace-Siegelratgeber. Der Lebensmitteleinzelhandel hat seit 2019 eine freiwillige vierstufige Kennzeichnung für Frischfleisch etabliert. Die will er nun nach und nach bei den Eigenmarken des Handels auch auf verarbeitetes Fleisch ausweiten. Die Haltungsformen 1 und 2 des Handels hat Greenpeace als tierschutzwidrig eingestuft. Im Jahr 2021 haben die großen Lebensmittelketten, allen voran Aldi und Rewe, angekündigt, künftig nur noch Fleisch aus den besseren Haltungsformen 3 und 4 verkaufen zu wollen

Ist Fleisch essen ungesund?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt maximal 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche. Durchschnittlich konsumiert die Bevölkerung in Deutschland jedoch 1,1 Kilogramm. Ein hoher Anteil an Fleisch- und Milchprodukten bei der Ernährung kann Herzerkrankungen, einige Krebsarten sowie Diabetes begünstigen https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/ungesunde-fleischeslust. Auch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten steht im Zusammenhang mit der intensiven Tierhaltung. Durch die Vernichtung von Wäldern dringen Menschen in Wildtierhabitate vor – so können bislang unbekannte Viren auf Nutztier oder Mensch überspringen. Zudem ist es bekannt, dass neue Viren auch in großen Massentierhaltungsställen entstehen und sich verbreiten können – wie etwa die Schweinegrippe. 

 

Was ist artgerechte Tierhaltung?

Tiere sollten ihre angeborenen Verhaltensweisen ausleben können und ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten werden. Das geht nur, wenn ausreichend Platz, Zugang zu Freiland, Beschäftigungsmöglichkeiten, Tageslicht und abgetrennte Liege- und Kotbereiche vorhanden sind.

 

Wie sollte eine gute Ernährung aussehen?

Wählen Sie saisonale Produkte aus der Region – am besten in Bio-Qualität. Denn die ökologische Landwirtschaft setzt keine chemisch-synthetischen Pestizide ein, auch die Tierhaltung ist deutlich besser als bei konventionellen Betrieben. Weniger tierische Produkte, dafür aus besserer Haltung, sorgen für weniger Tierleid, sind gut für die Gesundheit und entlasten Umwelt und Klima. Zum Weiterlesen: 10 Tipps für gutes Essen

 

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