Die wahren Kosten industrieller Tierhaltung

Teures Billigfleisch

Fleisch aus einer tierquälerischen Haltung ist noch immer die Normalität – alles für einen vermeintlich günstigen Preis. Warum uns alle Billigfleisch in Wahrheit teuer zu stehen kommt.
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Der Braten auf dem Tisch: Jahrhundertelang ein Essen der Oberschicht und reserviert für Feiertage. Dass die meisten Menschen fast täglich Fleisch essen, ist hingegen eine Erfindung der sehr jungen Neuzeit. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag der durchschnittliche Verzehr pro Kopf und Jahr bei rund 14 Kilogramm. Heute sind es im Schnitt rund 60 Kilogramm im Jahr, also mehr als viermal so viel. 

Im europäischen Vergleich zahlen die Deutschen wenig für ihr Fleisch. Nicht nur im  Genießerland Frankreich, sondern auch in Ländern wie Spanien oder Dänemark muss deutlich tiefer in die Tasche gegriffen werden. Hierzulande wird Fleisch seit jeher massiv subventioniert. So gilt für Fleisch- und Wurstprodukte ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent, während auf tier- und umweltfreundliche Alternativen wie Hafermilch und Tofu der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent anfällt.

Supermärkte setzen auf Billigfleisch statt Tierschutz

Das Geschäft mit Billigfleisch als Lockmittel funktioniert für die Supermärkte – kaum ein Prospekt ohne Fleisch und Wurst zu Schleuderpreisen. Und auch der Blick ins Sortiment zeigt schnell: Das Angebot von Fleisch aus vernünftiger Tierhaltung ist gering. Diesen Eindruck untermauert die Auswertung einer aktuellen Greenpeace-Abfrage bei Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny, Rewe und Real: Rund 88 Prozent des Frischfleischs der Supermarkt-Eigenmarken stammt von Tieren, die unter qualvollen und häufig nach Greenpeace-Bewertung gesetzeswidrigen Bedingungen gehalten wurden, gekennzeichnet als Haltungsform 1 oder 2 (Überblick über Fleischsiegel und Haltungskennzeichnung). Die meisten der abgefragten Supermärkte zeigten zudem wenig Ambitionen, zukünftig auf billig produziertes Fleisch in ihrem Sortiment zu verzichten. Dabei hat der Handel es in der Hand, einen wesentlichen Beitrag für eine bessere Tierhaltung zu leisten. Und das geht konkret so: Das Sortiment auf besseres Fleisch (Haltungsform 3 oder 4) umstellen, alle Fleisch- und Wurstwaren transparent kennzeichnen und vor allem faire Preise und langfristige Verträge für bäuerliche Betriebe gewährleisten.  

Wir zahlen die Rechnung: bei Gesundheit, Umwelt und Klima

Egal, ob Fleischesser oder nicht – die Folgekosten dieser Geizmentalität treffen uns alle. Selbstredend: Wer in hohem Maße Fleisch isst, riskiert gesundheitliche Konsequenzen wie Bluthochdruck bis hin zu einem höheren Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken. 

Doch der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung trägt zur Bildung und Ausbreitung von multiresistenten Krankheitserregern bei und erhöht damit für alle Menschen das Risiko einer Infektion mit diesen Keimen. Auch bei der Wasserrechnung zahlen alle drauf. Das gilt insbesondere für Regionen mit hoher Tierdichte/mit vielen Tierställen: Je mehr Tiere in einer Region gehalten werden, desto mehr Gülle entsteht, desto mehr Nitrat gelangt ins Grundwasser. Und desto aufwändiger  – und damit teurer  – muss das Wasser gereinigt werden. Aufgrund der hohen Nitratwerte im Grundwasser drohen Deutschland mittlerweile Strafzahlungen in Milliardenhöhe von Seiten der EU, für die alle mit ihren Steuergeldern aufkommen müssten.     

Um die Nachfrage nach billigem Fleisch zu bedienen, halten Landwirtinnen und Landwirte so viele Schweine, Kühe und Hühner, dass sie Futtermittel importieren müssen. Für dieses Soja, das in deutschen Futtertrögen landet, werden vor allem in Südamerika riesige Waldflächen und wertvolle Ökosysteme zerstört. Damit heizt der übermäßige Fleischkonsum die Klimakrise nicht nur durch Emissionen aus der Massentierhaltung an, sondern vernichtet auch Wälder, die wir brauchen, um der Klimakrise entgegenzuwirken. 

Höfesterben – wachse oder weiche

Viele Landwirtinnen und Landwirte machen sich begründet Sorgen um ihre Existenz und die Zukunft ihrer Höfe. Sie müssen an allen Enden sparen. Oft setzen sie dann leider auf Masse und industrielle Produktion, um mithalten zu können. Dann landet  etwa – Beispiel Schweinehaltung – billigeres, gentechnisch verändertes Futter aus Südamerika im Trog. Die Tiere werden unter unsäglichen Bedingungen turbogemästet. Ein 110 Kilogramm schweres Schwein bekommt nur 0,75 Quadratmeter Platz. Kein Auslauf, kaum Tageslicht, wenig Beschäftigung. Und das 24 Stunden am Tag. Das bedeutet unfassbares Tierleid und lohnt sich trotzdem kaum für die Betriebe. Ein Kilogramm Schweinefleisch bringt ihnen gerade einmal 1,60 Euro. Damit können sie knapp ihre Kosten decken. Um die Tiere artgerechter und umweltschonender halten zu können, bräuchten sie mindestens 50 Cent mehr, wie es beispielsweise die von Greenpeace vorgeschlagene Tierwohlabgabe ermöglichen würde. Die aktuellen Niedrigpreise zwingen die Bauernfamilien, entweder zu expandieren oder ihren Hof aufzugeben.

Agrarwende geht nur mit Politik

Doch nicht nur die Billigpreise des Handels tragen hier Verantwortung. Auch die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit sich die Umstellung auf eine bessere Tierhaltung und eine umwelt- und klimafreundlichere Landwirtschaft für die bäuerlichen Betriebe lohnt. Wichtigster Hebel ist die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP), um das völlig verkrustete Verteilungsprinzip der Agrarsubventionen aufzubrechen. In Deutschland muss zudem die Bundesregierung bzw. die verantwortliche Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner handeln. Konkret heißt das: Eine staatlich verpflichtende Haltungskennzeichnung für Fleisch und Wurst einführen, für tierschutzkonforme Haltungsbedingungen sorgen und nicht zuletzt Fleisch teurer machen. Denn die gute Nachricht ist: Die Mehrheit der Deutschen ist bereit, für Fleisch mehr Geld auszugeben, wenn es tatsächlich direkt in eine bessere Tierhaltung fließt.  

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