Das grüne Herz der Erde

Der Amazonas-Regenwald

Das Amazonas-Gebiet ist für die Artenvielfalt wie den Klimaschutz von immenser Bedeutung. Doch der riesige Regenwald ist bedroht.
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Faultiere sind bekannt dafür, lange Ruhephasen einzuhalten und sich sehr langsam zu bewegen. Sie leben tropischen Regenwäldern wie dem Amazonasbecken und sind hervorragende Botschafter für die Natur – denn mehr Ruhe ist auch, was der Regenwald braucht. Und wir alle brauchen es für den Regenwald, denn er ist unser natürlicher Verbündeter im Kampf gegen die Klimakrise.

Einzigartiges Ökosystem

Geschätzte 80 bis 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert der Amazonas-Regenwald. Er dehnt sich auf einer Fläche von unvorstellbaren sechs Millionen Quadratkilometern in neun Ländern aus, wobei 60 Prozent der Fläche in Brasilien liegen. Damit umfasst er mehr als die Hälfte des weltweit verbliebenen Tropenwaldes und ist die größte zusammenhängende Regenwaldfläche der Welt.

Der Amazonas-Regenwald fungiert als natürliche Klimaanlage und gilt als einer der globalen Klima-Kipp-Punkte. Seine Zerstörung würde die Klimakrise dramatisch anfachen. Gleichzeitig ist er für die Artenvielfalt von unschätzbarem Wert, nicht zuletzt als Apotheke für uns Menschen. Laut Weltgesundheitsorganisation basiert ein Viertel aller Arzneimittel auf pflanzlichen Wirkstoffen.

Studien zufolge gibt es dort unter anderem 40.000 Pflanzen-, 425 Säugetier- und 1,300 Vogelarten. Mehr als in jedem anderen terrestrischen Ökosystem und auch in anderen Tropenwäldern. Viele sind noch nicht einmal entdeckt. 

Überdies leben im Amazonasgebiet 180 indigene Gemeinschaften mit  insgesamt knapp 350.000 Menschen. Rund 70 der Gemeinschaften leben in selbstgewählter Isolation, ohne Kontakt zur industrialisierten Welt. Für sie ist der Regenwald Zuhause, Supermarkt und Apotheke in einem. Er versorgt sie mit Nahrung, Werkzeug, Medizin und allem, was sie zum Leben benötigen. Schwindet der Regenwald, schwindet ihre Heimat ebenso wie die jener Indigener, die zwischen ihren Dörfern und nicht-indigen geprägten Städten Brasiliens pendeln. Und das bedeutet mehr als “nur” den Verlust des Zuhauses, die Sicherheit dieser Menschen ist akut bedroht. 

Wenn der Regenwald vertrocknet

Der Amazonas-Regenwald reguliert seinen Wasserhaushalt zu einem Großteil eigenständig; er macht seinen Regen nämlich überwiegend selbst. Dieser Kreislauf beginnt, in dem die Bäume Wasser durch ihre Wurzeln bis in die Baumkronen transportieren. Dort geben sie die Feuchtigkeit über die Blätter ab und es verdunstet in der Hitze. Wolken bilden sich, aus denen erneut Regen fällt; der Kreislauf beginnt von vorn. 

Nur etwa ein Viertel des Niederschlags ist nicht “waldgemacht”, sondern beginnt über dem Atlantischen Ozean. Passatwinde tragen das dort verdunstende Wasser bis nach Amazonien und sogar noch Tausende Kilometer weiter in den Süden des Kontinents. Wird der Wald zerstört, beeinflusst dies die komplexen Wasserkreisläufe und führt dazu, dass die Niederschläge abnehmen.

Es gibt alarmierende Anzeichen dafür, dass der Kreislauf schon jetzt leidet. So ist in manchen Regionen die Niederschlagsmenge bereits um rund ein Viertel gesunken. In den vergangenen 20 Jahren gab es zunehmend regenarme Perioden und sogar Dürren

Forscherinnen und Forscher befürchten, dass schon bald große Teile des Regenwalds versteppen könnten, denn die dortigen Niederschlagsmuster sind nicht mehr rein typisch für die Regenwälder, sondern auch für Savannen. Dieser Prozess der Versteppung findet zwar über Jahrzehnte statt, ist aber kaum mehr umzukehren. Die Auswirkungen auf den Lebensraum Amazonas-Regenwald wären furchtbar. Denn die Lebewesen die sich im Regenwald wohl fühlen, sind in den allermeisten Fällen nicht an trockene Ökosysteme angepasst. Auch aus Klimaperspektive wären die Konsequenzen gravierend: Steppen speichern deutlich weniger Kohlendioxid als Regenwälder.

Aktuell spielt die Waldzerstörung bei der weiteren Entwicklung die entscheidende Rolle. Wenn diese in dem atemberaubenden Tempo weitergeht, das unter dem rechtsradikalen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro eingeschlagen wurde, erreicht der Wald bereits dadurch seinen Kipppunkt und fällt dann wiederum als Klimaschützer aus – die Krisen verstärken sich gegenseitig. Bisher sind rund 71 Millionen Hektar des brasilianischen Amazonasgebiets zerstört, was 18,9% der ursprünglichen Waldfläche entspricht. Mehr als 40 Prozent davon verschwanden allein in den vergangenen 20 Jahren.

Die Klimaerhitzung, kombiniert mit der Zerstörung weiter Teile des Regenwaldes, könnte zudem laut Studien dafür sorgen, dass auch andere Regionen Südamerikas darunter leiden würden, etwa in Argentinien, Peru, Paraguay und Uruguay. Absurderweise würde zudem gerade auch die Landwirtschaft, der große Teile der Zerstörung dienen sollen, unter der zunehmenden Trockenheit massiv leiden.

Wenn der Regenwald verschwindet

Lange Jahre gab es begründete Hoffnung, dass die Zerstörung des größten Regenwaldes der Erde enden könnte. Die Abholzung wurde zwar nicht gestoppt, aber sie ging ab 2006 immerhin deutlich zurück, mit einem Tiefpunkt im Jahr 2012. Auch Erfolge gegen Projekte wie den geplanten São-Luiz-do-Tapajós-Staudamm im Herzen des Waldes stimmten vorsichtig optimistisch.

Doch nachdem schon danach die Waldzerstörung wieder wuchs, drehte insbesondere Bolsonaros Regierung an allen erdenklichen Schrauben, um die Fortschritte für den Umweltschutz rückgängig zu machen. Sie ermuntert zum Landraub, schränkt indigene Rechte ein und beleidigt NGO-Aktive, die sich für den Wald- und Umweltschutz einsetzen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellt sie Umweltschutz nicht nur als überflüssig, sondern sogar als gefährlich dar. Gleichzeitig treibt er eine Politik voran, die den Wald nicht als Ökosystem, sondern als Nutzfläche und Rohstofflieferanten sieht. Rodungen begrüßt er, die landwirtschaftliche Fläche soll sich vergrößern.

Die Folgen sind verheerend. Die Abholzungsraten stiegen nach Bolsonaros Wahl weiter in die Höhe. Im Jahr 2019 verschwand Wald auf der gigantischen Fläche von 10.129 km², was knapp viermal der Größe des Saarlands entspricht.

Umweltverbrechen bleiben ebenso straffrei wie Verbrechen gegen Indigene. In der Konsequenz steigt die Zahl der Waldbrände, da Brandstifter sich ermutigt fühlen: 2019 brannte es so großflächig wie seit Jahren nicht, in 2020 gab es im Juni einen weiteren Negativrekord im Vergleich zu den Vorjahren. 

Waldzerstörung im Amazonas

Europas Verantwortung

Was in Brasilien geschieht, macht betroffen und scheint gleichzeitig weit weg - doch so ganz  stimmt das nicht. Wir tragen weltweit Verantwortung dafür, den einzigartigen Amazonas-Regenwald zu erhalten. Denn leider tragen wir auch in Europa zur Waldzerstörung bei. Gleichzeitig sind die Folgen der Klimakrise global zu spüren. Und nicht zuletzt wächst durch die Nutzung von Land, welches vorher Regenwald war, die Gefahr von Seuchen, die von Tieren auf den Menschen überspringen, so genannten Zoonosen wie Covid-19. Die Wissenschaft schätzt, dass bis zu einem knappen Drittel der Zoonosen-Ausbrüche, darunter von Aids und Ebola, auf veränderte Landnutzung – das heißt in den meisten Fällen konkret die Zerstörung von Tropenwäldern – zurückzuführen sind.

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist es nahezu unmöglich, komplett waldzerstörungsfrei einzukaufen. Daher trägt die Politik die Hauptverantwortung, einen solchen Konsum zu ermöglichen und zu fördern. Ein wichtiger Schritt dabei: Das geplante EU-Mercosur-Abkommen mit den vier südamerikanischen Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay nicht zu ratifizieren. Denn abgesehen davon, dass ein solches Freihandelsabkommen Bolsonaros umweltschädliche und rechtsradikale Politik sogar noch bestätigen und belohnen würde, ist es auch inhaltlich gestrig. 

Es setzt auf eine koloniale Rolle Südamerikas als Rohstofflieferanten und fördert klimaschädlichen Handel wie den Verkauf europäischer Autos in Südamerika und den Export südamerikanischen Fleisches nach Europa, als gäbe es nicht schon heute zu viel Fleischproduktion in der EU. Auch Pestizide sollen verstärkt nach Südamerika exportiert werden, selbst wenn sie hochgiftig sind und der Artenvielfalt vor Ort nachweislich schaden.

Doch auch wenn veränderter Konsum allein die Situation nicht beenden kann, machtlos sind wir beim Einkauf nicht: Wer weniger Fleisch und Milchprodukte isst, keine Tropenholzmöbel und Böden kauft und seinen Papierverbrauch einschränkt, trägt damit zum Waldschutz bei (mehr Tipps für waldfreundlichen Konsum hier). 

Gleichzeitig können und müssen Unternehmen in Deutschland und Europa stärker zur Verantwortung gezogen werden. Positive Signale gibt es auf EU-Ebene: ein Gesetz ist in Arbeit, welches sicherstellen soll, dass Produkte die auf den EU-Binnenmarkt gelangen, nicht mit Waldzerstörung in Verbindung stehen. Dazu ist allerdings elementar, dass das Gesetz auch Zähne hat, also Wirksamkeit entfaltet und sich positiv auf die Produktionsweisen in den Ursprungsländern auswirkt.

Damit der Wald endlich das bekommt, was er dringend braucht: Mehr Ruhe.

Hooked On Meat

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