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Schummeln für die Quote

Der Bundestag hat eine Änderung beim Agrosprit beschlossen. Ab 2015 gilt eine Minderungsquote für Treibhausgase: Ersatz für die bisherige Energiequote. Doch gut gemeint ist nicht gut gemacht.

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Es klingt erst einmal sinnvoll: Die Umstellung von einer reinen Beimischungsmenge auf eine Berechnungsweise, welche die Minderung an Treibhausgasen zur Grundlage hat. Tatsächlich ist der Beschluss jedoch ein faules Ei. Denn der Vergleich von Agrospritprodukten und  fossilem Kraftstoff im Bezug auf Klimafreundlichkeit ist an vielen Stellen fehlerhaft.

Dabei gar nicht berücksichtigt ist die Wirkung indirekter Landnutzungsänderungen. Dadurch schwinden unsere Wälder – die erhöhte Produktion von Agrotreibstoff fordert wachsende Agarflächen.  Außerdem  gewährt die Art der Berechnungen jede Menge Schlupflöcher -  Experten, wie beispielsweise Jan Henke von "meo carbon solutions", erwarten, dass gerade Agrosprit aus Indonesien (Palmöl) und Lateinamerika (Zuckerrohrethanol und Sojaöl) künstlich klimafreundlich gerechnet und daher vermehrt eingesetzt werden wird.

Eine echte Überprüfung der tatsächlichen Bedingungen beim Anbau und bei der Verarbeitung findet also kaum statt. Dadurch entsteht ein Paradox: Je mehr geschummelt wird, desto höher sind die angeblichen Treibhausgasquoten auf dem Papier, und um so weniger Agrartreibstoff muss real beigemischt werden.

Anhebung der Quoten bis 2020

Doch das Parlament hat dazu noch eine Erhöhung für die kommenden Jahre beschlossen. Statt der ursprünglich geplanten 3 Prozent Treibhausgasquote legte der Bundestag die Quote auf zunächst 3,5 Prozent fest. Ab 2017 steigt sie auf 4 Prozent und ab 2020 sogar auf 6 Prozent.  

Diese Quotenerhöhung könnte sich dramatisch auswirken, denn trotz Schönrechnerei bei der Treibhausgaswirkung sind zu ihrer Erfüllung  große Mengen an zusätzlichen Rohwaren notwendig. Derzeit werden 3,5 Millonen Tonnen Agrosprit in Deutschland eingesetzt. Durch die Aufstockung bis 2020 werden schätzungsweise zwei Millionen Tonnen zusätzlich benötigt, selbst wenn man eine verbesserte Treibhausgasquote unterstellt.

Um aber zwei Millionen Tonnen Agrospit – irreführend oft Biosprit genannt – herzustellen, sind rund eine Million Hektar bestes Ackerland notwendig. Doch das ist knapp, der Anbau von Pflanzen für Treibstoffgewinnung stößt in Deutschland längst an seine Grenzen. Importe werden notwendig - und mehr Ackerflächen in anderen Ländern. Schon jetzt ist Landwirtschaft der weltweit größte Treiber für die Rodung tropischer Wälder -  mehr Agrosprit bedeutet mehr Druck auf diese Wälder.

Teurer Agrosprit

Außerdem muss mit einem Mythos aufgeräumt werden: Agrosprit ist nicht billiger, sondern deutlich teurer als Mineralkraftstoff. Das liegt an den wahnwitzigen Aufwendungen, die zur Erzeugung betrieben werden müssen.

Dass E10 an den Tankstellen billiger angeboten wird als Benzin liegt einzig daran, dass die Mineralölunternehmen den Agrokraftstoff künstlich quersubventionieren, damit er sich überhaupt verkauft. Das Positive: Diese Mehrkosten tragen nicht die Steuerzahler, sondern alle Fahrzeughalter an den Tankstellen.  

Es ist notwendig, sich endlich einzugestehen: Die Agrospritpolitik der Bundesregierung steht vor einem Scherbenhaufen, der auch durch Taschenspielertricks nicht repariert wird. Mit Klimaschutz hat sie rein gar nichts zu tun; sie ist reine Klientelpolitik für die Agrarindustrie. Dem Klima hilft nur eine wirkliche Wende im Verkehrssektor und kein Herumdoktern, bei dem klimaschädlicher fossiler Kraftstoff durch klima- und zudem umweltschädlichen Agrarsprit ersetzt wird.

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