Schnelle Hilfe bei hohen Tankkosten: das Tempolimit
- Ein Artikel von Simone Miller
- mitwirkende Expert:innen Matthias Lambrecht
- Hintergrund
In der aktuelle Debatte über hohe Tankkosten und fossile Abhängigkeiten ist es wieder da: das Tempolimit. Nach Greenpeace-Berechnungen könnte es Autofahrende um viele Milliarden Euro im Jahr entlasten. Und es bietet noch weitere Vorteile.
Ein entschleunigter Verkehr ist gut für den Klimaschutz und erhöht die Verkehrssicherheit. Das ist unbestritten. Nun trumpft das Tempolimit auch noch als finanzieller Joker auf: Bis zu 240 Euro könnte eine Familie mit Benziner oder Diesel im Jahr sparen, wenn Deutschland ein Tempolimit einführt. Bei einem Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen und 100 km/h auf Landstraßen würden sich die Einsparungen beim aktuellen Spritpreis-Niveau auf fast 5 Milliarden Euro summieren. Eine stärkere Begrenzung der Geschwindigkeit auf 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen könnte die Autofahrenden jährlich sogar um 9,5 Milliarden Euro an Tankkosten entlasten. Vom Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol bis zur Wirtschaftsweisen Veronika Grimm drückten zuletzt etliche sachkundige Stimmen ihr Unverständnis darüber aus, warum Deutschland als weltweit einziges Industrieland an einem Recht auf Rasen festhält. In der derzeitigen Spritpreiskrise wäre ein Tempolimit die effektivste und günstigste Lösung: Es benötigt keine staatlichen Subventionen wie ein Tankrabatt und senkt schnell den Kraftstoffverbrauch sowie die Abhängigkeit von Ölimporten.
Weniger Tempo – Mehr Entlastung
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„In der aktuellen Lage muss man nicht lange überlegen. Ein Tempolimit senkt den Spritverbrauch und damit die Tankrechnungen der Menschen um Milliarden. Es macht uns weniger abhängig von unsicheren Ölimporten und bringt den Klimaschutz voran. Wenn in anderen Ländern schon der Sprit knapp wird, kann die Bundesregierung nicht an einem aus der Zeit gefallenen Recht auf Rasen festhalten.“
Umfragen zeigen, dass viele ein Tempolimit befürworten, das auch den steigenden Kostendruck rasch mindern könnte. Selbst die Mehrheit der ADAC-Mitglieder unterstützt ein generelles Tempolimit. Bereits 2007 forderten Greenpeace-Aktive eine allgemeine Höchstgeschwindigkeit und stellten an deutschen Autobahnen Verkehrsschilder mit „120 km/h Höchstgeschwindigkeit – Klimaschutz“ auf. Mit Rückendeckung der Klimawissenschaft: Das Tempolimit sei aus wissenschaftlicher Sicht eine fantastische Maßnahme, sagt Patrick Plötz vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Es adressiere sofort den gesamten fossilen Pkw-Bestand und koste kaum etwas. Plötz: „Man hat gleichzeitig weniger Unfälle, einen besseren Verkehrsfluss, weniger Schadstoffbelastung - alles kostenlos und sofort umsetzbar. Das ist also ein Traum von einer Maßnahme.“ Deutschland gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt ohne generelles Tempolimit: Dazu zählen die Isle of Man, die indischen Bundesstaaten Vanuatu, Pradesh und Uttar sowie Nepal, Myanmar, Burundi, Bhutan, Afghanistan, Nordkorea, Haiti, Mauretanien, Somalia und der Libanon. Derzeit sind nur rund 30 Prozent des deutschen Autobahnnetzes dauerhaft oder zeitweise geschwindigkeitsbeschränkt. Ein Tempolimit wie im restlichen Europa würde den Trend zu immer schnelleren Verbrennern bremsen und sparsame Technologien fördern: Elektroautos sind bei einem moderaten Fahrstil effizient, ihr Energieverbrauch steigt bei hohen Geschwindigkeiten, was die Reichweite verringert.
Und es gibt weitere gute Gründe für ein Tempolimit.
Ein Tempolimit verbessert die Verkehrssicherheit
Ein Tempolimit kann Menschenleben retten. So hat beispielsweise Frankreichs drittgrößte Stadt Lyon nach Einführung von Tempo 30 auf den meisten städtischen Straßen eine positive Bilanz gezogen: zwei Jahre Tempolimit hat für ein in Drittel weniger Unfälle und fast 40 Prozent weniger Verkehrstote und Schwerverletzte gesorgt. Seit dem 30. März 2022 gilt auf über 80 Prozent der Straßen in Lyon Tempo 30, ähnlich wie auch in Paris, Grenoble, Lille und anderen europäischen Großstädten wie Amsterdam. Das erklärte Ziel bei der Einführung des Tempolimits in der französischen Metropole war, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, den Verkehrsfluss zu beruhigen und zu einer besseren Aufteilung des öffentlichen Raums zu gelangen. Außerdem sollte Fußgänger:innen und Radfahrenden das Vorankommen erleichtert werden. Für Anlieger sollte auch die Lärmbelästigung reduziert werden.
Landstraßen sind die gefährlichsten Straßen Deutschlands: 57 Prozent der bei Unfällen im Straßenverkehr Getöteten kamen 2024 auf Landstraßen ums Leben, innerorts waren es 33 Prozent und auf Autobahnen 10 Prozent. Nach wie vor ist überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit die Unfallursache Nummer 1 für tödliche Verkehrsunfälle. Eine von Umweltverbänden gefordertes Tempolimit von 80 km/h für Landstraßen würde eine bessere Anpassung an die oft kurvenreiche und unebene Straßenlandschaft bieten und das Risiko von Unfällen reduzieren – insbesondere bei Überholmanövern. Eine moderatere Geschwindigkeit ermöglicht zudem eine bessere Sicht und Reaktionsfähigkeit, was die Verkehrssicherheit insgesamt erhöht. Die hohen Geschwindigkeitsdifferenzen auf Landstraßen und Autobahnen führen regelmäßig zu Aggressionsdelikten wie dichtem Auffahren, Rasen und Drängeln. Einen kleinen Überblick über Verkehrssicherheit und Tempolimit gibt es hier.
Ein Tempolimit ist Klimaschutz
2025 hat das Umweltbundesamt (UBA) neue Berechnungen zum Einsparpotential von Treibhausgasen durch Tempolimits vorgelegt: Geschwindigkeitsbegrenzungen von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Außerortsstraßen könnte den Treibhausgasausstoß des deutschen Straßenverkehrs insgesamt um gut 5 Prozent reduzieren. Das entspricht rund 8 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr. Ein Tempolimit ist die einzige kostengünstige Methode, die Emissionen des Verkehrssektors schnell zu senken. Jeder Stundenkilometer mehr wirkt sich überproportional auf den Verbrauch aus, denn Luft- und Rollwiderstand steigen schneller als die Geschwindigkeit. Ein VW Golf etwa, der bei 100 Kilometern pro Stunde 6,5 Liter verbrennt, schluckt bei über 200 km/h mehr als 20 Liter. Im Porsche Cayenne Turbo (Normverbrauch: 11,5 Liter auf 100 Kilometer) zieht bei Vollgas und 270 Stundenkilometern rund 67 Liter pro 100 Kilometer aus dem Tank. Niedrigere Höchstgeschwindigkeiten in Städten würden den Effekt weiter vergrößern.
Der Verkehrssektor hat 2024 etwa 100,5 Millionen Tonnen CO₂ ausgestoßen, was deutlich über dem Zielwert von 95,8 Millionen Tonnen lag. Ein Tempolimit könnte einen wesentlichen Teil dieser Lücke schließen, da der Anteil des Verkehrs an den Gesamtemissionen seit 1990 von etwa 13 Prozent auf etwa 22 Prozent im Jahr 2023 gestiegen ist.
Ein Tempolimit ist wirtschaftlich sinnvoll
Allein ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen würde einen erheblichen wirtschaftlichen Nutzen haben. Eine internationale Forschendengruppe ermittelte 2023 sogenannte Wohlfahrtsgewinne von mindestens 950 Millionen Euro pro Jahr: Besonders der eingesparte Treibstoff, weniger Unfälle, geringere Lieferkettenkosten und Einsparungen bei der Infrastruktur seien dafür neben dem Klimaschutzeffekt relevant. Die Expert:innen bewerten ein Tempolimit daher als Win-win-Situation: gut fürs Klima und mit erheblichem Gewinn für die Gesellschaft.
Ein Tempolimit kann Deutschland viele Milliarden sparen: Denn auch die EU gibt für den Verkehr Obergrenzen für den CO2-Ausstoß vor. Nach jetzigem Stand werden diese Grenzen im deutschen Verkehr deutlich gerissen. Die Bundesregierung müsste dann bei anderen Ländern CO2-Zertifikate zukaufen. Das summiert sich schnell zu hohen Milliardenbeträgen. Auch Greenpeace hat hierzu bereits Berechnungen durchgeführt.
Die durch ein Tempolimit gesparten Emissionen würde die drohenden Kosten deutlich schmälern. Insofern ist es wirtschaftlich schlicht unsinnig, diese kostengünstige Maßnahme gerade in Zeiten knapper Kassen nicht endlich umzusetzen.
Ein Tempolimit verringert Lärm und verbessert die Luft
Ein Tempolimit würde Luftschadstoffe und Lärm vermindern. Müssten Autos nicht mehr für die jetzigen Höchstgeschwindigkeiten konzipiert werden, könnten sie leiser, kleiner und leichter sein und allein deswegen weniger verbrauchen.
Eine niedrigere Geschwindigkeit bedeutet in der Regel auch weniger Lärm, da der Lärmpegel von Fahrzeugen mit zunehmender Geschwindigkeit steigt. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) in Deutschland kann eine Senkung der Geschwindigkeit um 10 km/h zu einer Lärmminderung um bis zu 3 dB(A) führen. Dies entspricht etwa einer Halbierung des Lärms. Ein Tempolimit kann die Luftqualität verbessern – niedrigere Geschwindigkeiten reduzieren den Verbrauch von Diesel oder Benzin und damit auch die Emissionen von Schadstoffen. Durch die Kombination von Lärmreduktion und Verbesserung der Luftqualität kann ein Tempolimit dazu beitragen, die Lebensqualität entlang von Straßen und Autobahnen zu erhöhen und die Gesundheit der Anwohner:innen zu schützen.
Mit Tempolimit sind Autofahrten kaum länger
Ein Test der Auto Bild ergab erstaunlich geringe Unterschiede in der Fahrlänge. Das Blatt schickte zwei Mercedes-Kombis parallel auf eine Fahrt von Flensburg nach Füssen im Allgäu: der eine ein Spar-Diesel mit 135 PS, der andere ein Achtzylinder-Turbo mit 525 PS. Der eine schnurrte gleichmäßig mit 125, der andere heizte mit bis zu 250 Sachen übers Land. Am Ende hatte das schnellere Fahrzeug mehr als doppelt so viel Treibstoff verbraucht – und war nur 13 Minuten früher da. Und wer Zweifel an einer Freizeitfahrt mit der Bild-Zeitung hat: Rein rechnerisch führt ein Tempolimit natürlich längeren Fahrzeiten. Wer nur 130 km/h fährt, braucht länger als jemand, der mit 160 km/h unterwegs ist. Jedoch ist der Zeitverlust gering. Auf einer Strecke von 50 Kilometern ist ein Auto mit 130 km/h gerade einmal vier Minuten langsamer als eines mit 160 km/h. Aufs gesamte Jahr gerechnet beträgt die Zeitersparnis ohne Tempolimit laut Umweltbundesamt nur ein Prozent. In der Praxis erwarten Verkehrsforscher außerdem auch positive Zeiteffekte. Weniger Unfälle, weniger Staus, Streckensperrungen und Umfahrungen könnten die Fahrtzeit gegenüber heute sogar verkürzen.