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Deutsche Politik zur Nutzung von Biomasse muss überdacht werden

Die Förderung von Biomasse-Diesel und Ethanol dient nicht dem Klimaschutz. Sie bringt zudem keine Versorgungssicherheit und schafft kaum neue Arbeitsplätze. Dies ist das Ergebnis eines Gutachtens zur Nutzung von Biomasse des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik. Es wurde vergangenen Donnerstag dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) vorgelegt.

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Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim BMELV ist ein unabhängiges Gremium führender deutscher Agrarökonomen und Agrarwissenschaftler. In einer heute vorab in der Zeitschrift Agra-Europe veröffentlichten Zusammenfassung des Gutachtens Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung analysiert der Beirat den derzeitigen Stand und die Perspektiven der Bioenergie in Deutschland.

Keine guten Noten

Und er erteilt der bisher verfolgten Bioernegiepolitk keine guten Noten: Gerade wenn Deutschland beim Klimaschutz besonders hohe Ziele erreichen und mit gutem Beispiel vorangehen will, ist es (...) wichtig, die knappen Ressourcen auf die effizientesten Klimaschutzstrategien zu konzentrieren. Diesem Anspruch wird die deutsche Bioenergiepolitik bisher nicht gerecht, heißt es in dem Bericht.

Der Grund: Die Bundesregierung fördere mit hohen Subventionen besonders jene Bioenergielinien, die relativ teuer und vielfach ineffizient sind. Hierzu zählen die Erzeugung von Agrosprit oder die Biogasgewinnunng auf Maisbasis. Sie besitzen eine sehr geringe CO2äq-Vermeidungsleistung. Das heißt: Bei ihrem Einsatz wird der Ausstoß von nur sehr wenigen CO2-Äquivalenten vermieden.

Ein CO2-Äquivalent gibt an, wie viel eine festgelegte Menge eines Treibhausgases zum Treibhauseffekt beiträgt. Als Vergleichswert dient Kohlendioxid. So trägt beispielsweise ein Kilogramm Methan 21-mal stärker zum Treibhauseffekt bei als ein Kilogramm CO2.

Die Politik der Bundesregierung zu Biomasse ist konzeptionslos, unwirtschaftlich und verstellt den Weg zu einer nachhaltigen und klimaschonenden Energiepolitik, sagt Ulrike Kallee, Biomasse-Expertin bei Greenpeace. Statt mit hohen Subventionen die Nutzung von Biomasse im Verkehrssektor zu fördern, sollte die Bundesregierung sich dafür einsetzen, dass umwelt- und sozialverträglich produzierte Pflanzen dort genutzt werden, wo sie am meisten Treibhausgase einsparen. Zum Beispiel zum Erzeugen von Strom und Wärme in leistungsfähigen Blockheizkraftwerken.

Alternativen zur bisherigen Energiepolitik

Das sieht auch der Beirat für Agrarpolitik so und empfiehlt die Biogaserzeugung auf Güllebasis, möglichst ergänzt durch eine Kraftwärmekopplung. Auch die kombinierte Strom- und Wärmeerzeugung auf Basis von Hackschnitzeln (zum Beispiel aus Waldrestholz) wäre eine sinnvolle Alternative zur bisherigen Energiepolitik. Ebenso die CO-Verbrennung von Hackschnitzeln in bestehenden Großkraftwerken. Mehr Effizienzorientierung in der Bioenergie ermöglicht mehr Klimaschutz bei gleichem Aufwand, heißt es in dem Gutachten.

Weiterhin empfiehlt der Beirat, die Erschließung der Solar- und Windkraft stärker ins Zentrum der deutschen Energie- und Klimaschutzpolitik zu rücken. Das potenzielle Energieangebot aus Sonne und Wind übersteige den Energiebedarf bei weitem. Ein weiterer Vorteil: Bei der Solarenergie können Flächen genutzt werden, die nicht in Konkurrenz zur Erzeugung von Biomasse für den Nahrungsbereich stehen. Und auf diesen Flächen können wesentlich höhere Energieerträge je Flächeneinheit erzielt werden als mit Biomasse-Energie.

Bei knappen Ackerflächen hat nämlich eine großflächige Ausdehnung der Biomasse-Energie zwangsläufig zur Folge, dass bisher nicht ackerbaulich genutzte Flächen in Kultur genommen werden. Besonders in Südamerika und Indonesien führt die in Deutschland und der EU gesetzlich festgesetzte Beimischung von Agrosprit zu Diesel und Benzin dazu, dass immer mehr Urwälder für Plantagen zerstört werden, erläutert Ulrike Kallee.

Hierdurch werden riesige Mengen an CO2 frei. Im Endeffekt werden somit mehr Treibhausgase ausgestoßen als eingespart. Daran ändern auch die schwachen Nachhaltigkeitskriterien nichts, die letzte Woche von der EU vorgeschlagen wurden. Der Beimischungszwang muss aufgegeben werden, so die Greenpeace-Expertin.

Nach Ansicht des Beirates bringt die Förderung von Biomasse-Diesel und Ethanol zudem keine Versorgungssicherheit und schafft kaum neue Arbeitsplätze.

Insgesamt kommt der Beirat somit zu dem Ergebnis, dass die deutsche Bioenergiepolitik grundlegend überdacht werden sollte: Die Beimischungsziele für Biokraftstoffe sollten zurückgenommen und die Bioenergieerzeugung auf Ackerflächen nicht weiter ausgebaut werden.

Diesen Forderungen kann Greenpeace nur zustimmen und fordert Bundesminister Horst Seehofer auf, die Empfehlungen seines Beirates sofort umzusetzen.

Die Kurzfassung des Gutachtens können Sie über den Link Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung herunterladen.

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