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Aus dem Greenpeace Magazin 3/2011

Biosprit: Warum Greenpeace E10 ablehnt

Verkehrte Welt: Ausgerechnet diejenigen, die sich massiv gegen eine Verschärfung der CO2-Grenzwerte gewehrt haben, wollen nun wieder einmal das Klima retten - diesmal mithilfe von mehr Bio im Tank. Ein unglaublich zynisches Projekt.

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Denn vor allem die deutschen Autohersteller sahen in mehr Bio die Möglichkeit, die von der EU drohenden Grenzwerte zu unterlaufen. Dabei wurden sie von der Politik nachdrücklich unterstützt: Kanzlerin Merkel hat in Brüssel persönlich für abgeschwächte Grenzwerte gekämpft. Am Ende stand ein fauler Kompromiss: Ein Teil der geplanten CO2-Einsparungen sollte durch "Bio"-Sprit erreicht werden. Um Klimaschutz geht es bei "E10" also keinem der Beteiligten, ganz im Gegenteil: Es soll Industriepolitik durchgesetzt und das Ganze den Autofahrern als Bio-Produkt untergeschoben werden. Doch die haben auf diesen Täuschungsversuch erstaunlich sensibel reagiert: Sie meiden den neuen Sprit.

Denn die Bilanz des Bio-Treibstoffs ist miserabel. Im besten Falle werden drei Prozent CO2 vermieden. Dabei wäre schon mit gut aufgepumpten Reifen oder moderaten Gewichtseinsparungen mehr zu erreichen - oder mit der Verpflichtung der Hersteller, Spritspartechnologien in allen Autos anzubieten, nicht nur gegen Aufpreis.

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich aber selbst diese mageren drei Prozent als Schönfärberei, denn mehr und mehr Getreide wird importiert werden müssen, auch aus Entwicklungsländern. Zudem ist absehbar, dass die Produktion der Pflanzen mit hohem Düngemittel- und Pestizideinsatz in Monokulturen, mit erhöhten Lachgasemissionen und Überdüngung von Gewässern einhergeht. Und: Die Ackerflächen werden sich ausdehnen - auf Kosten von Wäldern. Die schönen Nachhaltigkeitszertifikate sind eine Öko-Lüge. Unter dem Strich ist bei dieser Form von Klimaschutz die Klimabilanz sogar schlechter als bei Mineralöl.

Ethisch ist die Verbrennung von Nahrungsmitteln in Autos ohnehin unverantwortlich. Ackerflächen und Lebensmittel sind eine noch kostbarere Ressource als Öl, und der vorprogrammierte Anstieg der Lebensmittelpreise wird vor allem die Ärmsten treffen. Allein von den für Deutschland erwarteten 1,8 Millionen Kubikmetern Ethanol und den dafür benötigten 4,5 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr könnten fünf Millionen Menschen leben. Soeben hat zum wiederholten Mal der UN-Beauftragte für das Recht auf Nahrung darauf hingewiesen: Biotreibstoff führt zu Landspekulationen, Vertreibungen von Farmern und Rodungen. Das ist ein Skandal!"

Mit E10 soll nichts anderes erreicht werden, als dass wir auf Kosten des ärmeren Teils der Weltbevölkerung weiterhin mit übermotorisierten und übergewichtigen Autos unbegrenzt rasen können. Umweltminister Norbert Röttgen will den neuen Sprit wider besseres Wissen durchsetzen, angeblich um die Ölabhängigkeit zu verringern und das Klima zu schützen. Wenn es ihm ernst wäre, könnte er diese Ziele auf sehr einfache und wirkungsvolle Weise erreichen: Er muss das Gewicht der Autos, die extreme Übermotorisierung und die Höchstgeschwindigkeiten begrenzen. Warum auch immer die Autofahrer E10 meiden: Sie tun das Richtige.

(Autor: Wolfgang Lohbeck, Autoexperte bei Greenpeace)

Dieser Kommentar ist erschienen im Greenpeace Magazin 3/2011. Sie können das Magazin mit dem Titelthema "Atom: Merkels Gau" hier online kaufen.

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