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Kraftwerksblöcke und das Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja sind nachts beleuchtet
Ukrinform / Imago

Ukraine-Krieg: Bedrohliche Lage für dortige Atomkraftwerke

(Dieser Artikel wird laufend aktualisiert, die Ursprungsversion wurde am 2. März 2022 veröffentlicht.)

Inmitten des furchtbaren Angriffskrieges auf die Ukraine stellen die 15 Atomreaktoren des Landes eine weitere massive Bedrohung für das Land selbst, aber auch für Europa dar. Die Ukraine deckt ihren Strombedarf vorwiegend aus Atomkraftwerken. Sie liefern 51 Prozent der Elektrizität des Landes.

Interaktive Karte zeigt AKWs in Ukraine und Kämpfe mit russischen Truppen

Interaktive Karte ukrainischer AKWs

An welchem AKW wird gerade wo gekämpft? Diese englische Karte zeigt - ständig aktualisiert mit öffentlich zugängigen Informationen über die Bewegung russischer Streitkräfte - wo es gerade heikel ist.

Interaktive Karte (englisch)

Tschernobyl äußerst heikel

Tschernobyl Tour zum 30. Jahrestag

Der Sarkophag um die Reaktorruine in Tschernobyl

Vom Vormittag des 9. März bis zum 13. März war das havarierte Kraftwerk Tschernobyl vom Stromnetz abgeschnitten, nach Medienberichten wurde die Stromversorgung am 14. März erneut unterbrochen. Notfall-Dieselgeneratoren halten den Betrieb im AKW am Laufen.  Die Atomruine Tschernobyl benötigt Energie und auch die Kontrolle durch die IAEA: Es gibt dort den schützenden Sarkophag um die Reaktorruine, der beaufsichtigt werden muss, laufende Rückbauarbeiten, Brennelemente, die noch bis 2000 in Betrieb waren, und Müll, der nicht unkontrolliert bleiben darf. „Wenn die Dieselaggregate auslaufen, kommt es nicht unbedingt unmittelbar zu einer radioaktiven Freisetzung“, sagte Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie, am 9. März 2022. „Selbst wenn sich dann Brennelemente erhitzen, hat man noch Zeit, Maßnahmen zu ergreifen. Das ist bei einem Reaktor, der aus dem Leistungsbetrieb kommt, etwas anderes.“ Dennoch müsse unbedingt eingegriffen werden, damit die IAEA die Kontrolle über diesen Reaktor zurückerlangt.

Nach mehr als einem Monat Unterbrechung fließen immerhin wieder Informationen zwischen Tschernobyl und den ukrainischen Behörden: Am 20. April 2022 teilte der Direktor der IAEA Rafael Grossi mit, dass die direkte Kommunikation zwischen dem stillgelegten Kernkraftwerk und der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde wiederhergestellt sei. Er berief sich dabei auf Informationen der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde.

Die staatliche Atomaufsichtsbehörde der Ukraine gab bereits Tage zuvor bekannt, dass aufgrund der militärischen Aktivitäten die Radioaktivitätswerte dort angestiegen seien. Soldaten und Fahrzeuge hatten den radioaktiven Staub rund um den 1986 explodierten Reaktor 4 aufgewirbelt.

Zwar sind in Tschernobyl keine Reaktoren mehr in Betrieb, doch lagern in der Umgebung des Atomkraftwerkes große Mengen hochradioaktiver Abfälle, die zum Teil aus den inzwischen stillgelegten Reaktoren 1 bis 3 stammen, sowie aus dem 1986 explodierten Reaktor 4. Dieser ist zwar inzwischen von einem neu gebauten Sarkophag eingehüllt, enthält aber immer noch hochradioaktive Stoffe.

Zudem lagern am Ort radioaktive Abfälle aus den Aufräumarbeiten nach der Atomkatastrophe von 1986. Einige dieser Lagerstätten befinden sich in der Nähe des Flusses Pripjat, der in den Dnjepr mündet und einen großen Teil der ukrainischen Bevölkerung, darunter auch die Hauptstadt Kiew, mit Trinkwasser versorgt. Der Austritt von Radioaktivität in den Pripjat wäre eine Gefahr für die Trinkwasserversorgung und könnte das Land für sehr lange Zeit destabilisieren.

Waldbrände rund um Tschernobyl 

Während der Tschernobyl-Katastrophe 1986 wurden die Wälder in der Region kontaminiert. In den letzten Jahren stellten Messgeräte dort höhere Strahlungswerte in der Atmosphäre durch Waldbrände fest. Ende März sind im Gebiet um die Atomruine nach Angaben der ukrainischen Behörden erneut Brände ausgebrochen; die Kriegshandlungen erschweren allerdings Löscharbeiten oder machen sie zum Teil unmöglich. Die Kontamination inner- und außerhalb der Sperrzone stellt eine Bedrohung für alle Menschen dar und könnte sich anhand von Großbränden ausbreiten, die durch Explosionen ausgelöst werden könnten.

Petition

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Kein Geld für Putins Krieg

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Sicherheitslage des AKW Juschnoukrainsk

Juschnoukrainsk bei Nacht

Das AKW Juschnoukrainsk

Auch das Atomkraftwerk Juschnoukrainsk in der Südukraine könnte vor der Übernahme durch die russische Armee stehen. Eine neue englischsprachige Kurzstudie von Greenpeace untersucht die Gefahr, die von dem Standort ausgeht – und welche Bedeutung Juschnoukrainsk für die Energieversorgung des Landes hat.

“Sobald die russischen Soldaten die Stromversorgung der Südukraine kontrollieren, hat der Kreml ein Druckmittel gegenüber der ukrainischen Regierung in der Hand”, sagt Heinz Smital. Aus diesem Grund sei die Übernahme der Reaktoren von Juschnoukrainsk ein taktisches Ziel des russischen Militärs. Die Reaktoren des Kraftwerks erzeugen im Durchschnitt zehn Prozent des in der Ukraine benötigten Stroms.

Von den drei Reaktoren der Anlage in Juschnoukrainsk geht auch in Friedenszeiten ein erhebliches Risiko aus. Gründe dafür sind die jahrzehntealte, sowjetische Bauweise und der altersbedingte Verschleiß. Die ursprüngliche technische Lebenslaufzeit der Reaktoren. ist bereits lange abgelaufen. Wichtige vereinbarte Nachrüstungen beispielsweise der Notstromversorgung oder bei Filteranlagen, die Radioaktivität zurückhalten sollen, wurden bisher nicht vollständig umgesetzt. “Die Kombination aus alter Reaktortechnik, nicht umgesetzten Sicherungsmaßnahmen und militärischen Kämpfen rund um die Atomanlagen setzt die Betriebsmannschaft unter enormen Stress. Das ist eine hochgefährliche Mischung, die leicht zu schweren Reaktorunfällen führen kann, sagt Smital.

Brand im AKW Saporischschja

In der Nacht auf Freitag, 4. März, beschossen nach ukrainischen Informationen russische Truppen das Atomkraftwerk Saporischschja, das größte AKW des Landes. Ein dadurch ausgelöster Brand ist laut Medienberichten mittlerweile wieder gelöscht. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der ukrainischen Regierung wurden vor Ort keine erhöhten Strahlungswerte gemessen. Smital schätzt die Situation zwar als kritisch ein, die Gefahr einer Kernschmelze bestünde allerdings nicht unmittelbar: “Die ukrainischen Betreiber handeln offenbar verantwortungsvoll. Soweit bekannt, haben sie alle bis auf einen Reaktorblock runtergefahren. Den verbliebenen Block 4 nutzen sie mit reduzierter Leistung, um die Kühlwassersysteme des gesamten Kraftwerkskomplex sicher laufen lassen zu können.”

Dennoch zeigt der Vorfall, welchen Risiken die Bevölkerung durch Atomkraft ausgesetzt ist – in Friedens- wie in Kriegszeiten: “Putins Invasion setzt die Gesundheit der Menschen in Europa aufs Spiel. Ein Atomkraftwerk zu beschießen ist unverantwortlicher Wahnsinn. Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt, welche katastrophalen Folgen die Kernschmelze von Reaktoren haben kann: zehntausende Menschen werden verstrahlt, weite Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar.” Greenpeace fordert den sofortigen Waffenstillstand in der Ukraine.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Greenpeace-Analyse zu atomaren Risiken in der Ukraine

Firefighters in the Radioactive Contaminated Bryansk Region

Strahlenmessungen in der Bryansk-Region, 2016

Die Atomanlage in Saporischschja ist mit sechs großen Reaktoren das größte AKW in Europa. Nach Medienberichten haben russische Truppen die Stadt eingenommen, ebenso die Kontrolle über die Anlage übernommen. Das Atomkraftwerk liegt im Südosten der Ukraine, nahe der Krim. Ein aktuelles Briefing von Greenpeace warnt angesichts der militärischen Invasion vor einer nie dagewesenen nuklearen Gefährdung. Einige der Reaktoren in Saporischschja sind veraltet, sie wurden bereits in den 1970er Jahren gebaut und konzipiert, ihre ursprüngliche Lebensdauer von 40 Jahren ist bereits verlängert worden. 

„Dieser Krieg wird in einem Land geführt, das über mehrere Atomreaktoren und Tausende Tonnen hochradioaktiver abgebrannter Brennelemente verfügt. Die dadurch verursachten Gefahren sind enorm“, sagt Jan Vande Putte, Atomexperte von Greenpeace Belgien. „Solange dieser Krieg andauert, bleibt die militärische Bedrohung der ukrainischen Atomanlagen bestehen. Auch deshalb muss der grausame Krieg gegen die Ukraine sofort beendet werden.“

Das Atomkraftwerk Saporischschja verfügt neben den Reaktoren ebenfalls über sechs Kühlbecken mit hunderten Tonnen hochradioaktiver Kernbrennstoffe. Ein Reaktor ist derzeit noch in Betrieb. Im Jahr 2020 erzeugte Saporischschja rund 19 Prozent des ukrainischen Strombedarfs. Weder die Reaktorgebäude noch die Becken für abgebrannte Brennelemente sind dafür ausgelegt, dem Einschlag einer Rakete oder Artillerie standzuhalten.

Auch wenn die Anlage nicht direkt beschädigt würde, sind die Reaktoren stark abhängig von einer durchgehenden Stromversorgung für den Betrieb der Kühlsysteme, von der Verfügbarkeit von Nukleartechnikern und weiterem technischen Personal sowie vom Zugang zu schwerem Gerät und Logistik, um die benötigte Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Am 2. März trat auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) zu einer Dringlichkeitssitzung zur atomaren Krise in der Ukraine zusammen. Die Ukraine hat von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) dringende Hilfe für die Sicherheit ihrer Nuklearanlagen angefordert.

Atomkraftwerke gehören zu den komplexesten und verwundbarsten Industrieanlagen. Sie brauchen 24 Stunden am Tag Strom für die Pumpen und Wasser für die Kühlung des Kernbrennstoffs, sowohl im Reaktor als auch im angrenzenden Becken für abgebrannte Brennelemente. Diesel-Notstromaggregate können aber möglicherweise nicht mehrere Wochen lang laufen, wie es in Kriegszeiten vielleicht nötig ist.

Risiko eines Raketeneinschlags 

Selbst wenn der Reaktor abgeschaltet ist, verbleibt im Reaktorkern eine enorme Restwärme, die ständig gekühlt werden muss. Ohne Kühlung beginnt sich das Wasser im Reaktorkern (und im Becken für abgebrannte Brennelemente) zu erhitzen. „Das größte Risiko besteht darin, dass abgebrannte Brennelemente von einer Rakete getroffen werden oder aufgrund des deaktivierten Energiesystems nicht gekühlt werden können“, sagt Roger Spautz, Atomexperte bei Greenpeace Frankreich und Luxemburg. 

Auch die AKW Rivne und Khmelnitsky sind bedroht. Bei Rivne 1 und 2 handelt es sich um WWER-440-Druckwasserreaktoren, die nicht über einen sekundären Sicherheitsbehälter verfügen und daher besonders anfällig sind. Ihre Lebensdauer wurde kürzlich bis ins Jahr 2030 beziehungsweise 2031 verlängert, auf insgesamt jeweils 50 Betriebsjahre.

Abandoned Toys in Pripyat

Tschernobyl

Am 26. April 1986 erschüttert eine Explosion das Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine radioaktive Wolke verseucht die Region und zieht über Europa. Ursache sind menschliches Versagen und technische Mängel.

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Briefing von Greenpeace International: The vulnerability of nuclear plants during military conflict

Briefing von Greenpeace International: The vulnerability of nuclear plants during military conflict

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