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AKW Saporischschja von oben
AP/dpa/pa

Risiko Saporischschja: Droht ein atomarer Notfall?

Seit dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine treibt die Welt die Sorge um: zu wie viel Brutalität ist Russland bereit. Gerade, wenn militärische Erfolge ausbleiben, und Russland eventuell Gebiete verliert, könnten die in die Ecke getriebenen Machthaber in Moskau verbrannte Erde zurücklassen. Besonders vulnerable Punkte: Die Atomkraftwerke in der Ukraine. Greenpeace-Experten erklären nun, was besonders am umkämpften AKW Saporischschja drohen kann, welche Szenarien es gibt und wie man darauf reagieren könnte. 

4. März 2022: Das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine steht seit dem russischen Einmarsch unter Kontrolle der Besatzungsmächte. Greenpeace-Atomexperten beobachten die Lage seit Februar 2022. Bereits zwei Tage vor dem russischen Angriff auf Saporischschja, am 2. März 2022, veröffentlichten die Greenpeace-Experten Jan Vande Putte und Shaun Burnie eine Analyse der Sicherheits- und Gefahrenlage des AKW Saporischschja und am Südukraine-Kraftwerk. Die jüngste Zerstörung des Kachowka-Staudamms am 6. Juni und die Entleerung des Kachowka-Stausees haben die Krise am AKW Saporischschja weiter verschärft. Der Stausee dient als Hauptwasserquelle zur Kühlung der Reaktoren. Trotzdem ist die Wasserversorgung nach offiziellen Angaben und Einschätzung von Greenpeace-Experten derzeit noch gesichert, da ausreichend Wasserreserven auf dem Gelände des Atomkraftwerks vorhanden sind, um die Kühlung für Monate aufrechtzuerhalten.

Dennoch gibt es zahlreiche Szenarien, die zu einem nuklearen Notfall führen könnten und unter der aktuellen Besatzung besorgniserregend sind. Am gefährdetsten ist die Stromversorgung für die wichtigsten Sicherheitsfunktionen des Atomkraftwerks - ohne Strom ist es nicht möglich, den Kernbrennstoff und die Becken für abgebrannte Brennelemente am Standort zu kühlen. Künftige Sabotageakte der russischen Armee, wie die Zerstörung der Kühlwasserbehälter oder der Stromversorgung, können nicht ausgeschlossen werden und stellen eine ernsthafte Bedrohung dar. Eine gezielte Beschädigung der Abklingbecken oder des Sicherheitsbehälters könnte zu schwerer Kontamination führen. Eine Kombination dieser Faktoren könnte zu katastrophalen Ereignissen führen, ohne die Möglichkeit, den Unfall zu stoppen.

 

Kraftwerksblöcke und das Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja sind nachts beleuchtet

Mit Sorge betrachten Expert:innen die Situation ukrainischer Atomkraftwerke im Krieg. Der Bruch des Kachowka-Staudamms bedeutet für das AKW Saporischschja ein zusätzliches Sicherheitsrisiko.

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Kaltabschaltzustand bedeutet mehr Sicherheit

Von den sechs Reaktoren im AKW Saporischschja sind fünf im Kaltabschaltzustand. Das heißt, sie produzieren aktuell keinen Strom und die atomare Kettenreaktion ist unterbrochen. Reaktoreinheit fünf bleibt trotz der Anordnung der ukrainischen Regulierungsbehörde SNRIU am 9. Juni, sie in den Kaltabschaltzustand zu versetzen, im Heißabschaltzustand. Das bedeutet, dass zwar auch der Reaktor aktuell keinen Strom erzeugt, also auch hier derzeit keine Kettenreaktion stattfindet. Die Kernbrennstäbe befinden sich jedoch noch im Reaktorkern, bleiben heiß und müssen ständig gekühlt werden. 

Am 13. Juni erklärte die SNRIU, dass Russland die Umstellung auf den Kaltabschaltzustand blockiert. Seit dem 11. September 2022 befinden sich alle Reaktoren im Abschaltmodus.

 

Hauptbedrohung: unzureichende Stromversorgung

In einem Webinar von Greenpeace am 12. Juli 2023 berichten Dr. Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheit und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur Wien, und Jan Vande Putte, Atom-Experte bei Greenpeace über die aktuelle Bedrohungslage: Die Hauptbedrohung ist die Stromversorgung und nicht die Wasserversorgung. 

Es gibt nur eine Hauptstromleitung, die gerade jetzt im Krieg extrem anfällig ist. Wenn das Atomkraftwerk von der externen Stromversorgung abgeschnitten ist, hängt die Kühlung des heißen Kernbrennstoffs von Dieselgeneratoren ab, denen der Diesel möglicherweise in etwa zwei Wochen ausgeht. Sie können nicht als zuverlässige Stromquelle angesehen werden.

Jan van de Putte
"Wenn man den Strom zur Kühlung des Reaktors verliert, würde sich das Hauptsystem erhitzen und anfangen zu kochen. Außerdem würde der Druck steigen, der Reaktorkern würde sich erhitzen und freigelegt werden. An diesem Punkt kommt es zu einem schweren Unfall. Der Reaktorkern würde schmelzen. Seit dem Krieg waren die Reaktoren siebenmal ohne externe Stromversorgung. In diesen Fällen sind sie auf Dieselgeneratoren angewiesen, die jedoch nie für einen längeren Betrieb ausgelegt wurden."

Jan Vande Putte

Greenpeace Atom-Experte.

Jan van de Putte
Zitat
"Wenn man den Strom zur Kühlung des Reaktors verliert, würde sich das Hauptsystem erhitzen und anfangen zu kochen. Außerdem würde der Druck steigen, der Reaktorkern würde sich erhitzen und freigelegt werden. An diesem Punkt kommt es zu einem schweren Unfall. Der Reaktorkern würde schmelzen. Seit dem Krieg waren die Reaktoren siebenmal ohne externe Stromversorgung. In diesen Fällen sind sie auf Dieselgeneratoren angewiesen, die jedoch nie für einen längeren Betrieb ausgelegt wurden."
Zitatinhaber, Vorname Nachname
Jan Vande Putte
Position des Zitatinhabers
Greenpeace Atom-Experte.

Potenzielles Risiko: Freisetzung von Radioaktivität

Es gibt viele Szenarien für zukünftige radioaktive Notfälle in Saporischschja. Eine Schädigung des AKW birgt das potenzielle Risiko, Radioaktivität freisetzen, jedoch tritt dies nicht zwangsläufig ein. Falls eine Freisetzung auftritt, erfolgt sie höchstwahrscheinlich erst nach einigen Tagen. Die Kontamination breitet sich dann unvorhersehbar aus und hängt von den vorherrschenden Wetterbedingungen und der Topographie der Umgebung ab.

Eine solche Freisetzung kann entweder lokal begrenzt oder großflächig über die Ukraine hinaus erfolgen. Die erste Sorge von Greenpeace gilt den Menschen in der Ukraine, die am meisten gefährdet sind. Das Risiko einer starken Kontamination besteht hauptsächlich innerhalb eines Umkreises von einigen hundert Kilometern um das AKW Saporischschja. Allerdings besteht bei außergewöhnlichen Wetterbedingungen die Möglichkeit einer weiteren Ausbreitung der Kontamination. Auch weite Teile Europas können von einer mittleren Kontamination betroffen sein, was entsprechende Maßnahmen wie Einschränkungen in der Landwirtschaft erfordern würde. Die vorrangig freigesetzten radioaktiven Stoffe wären hauptsächlich Cäsium (Cs-137 und Cs-134).

Bei einem nuklearen Notfall am AKW Saporischschja sind bestimmte Maßnahmen zur Minimierung der Auswirkungen und zur Sicherheit der Bevölkerung in der Ukraine erforderlich. Die örtlichen Notfallbehörden müssen Informationen bereitstellen und Anweisungen über verschiedene Medienkanäle kommunizieren. Wenn radioaktive Materialien freigesetzt werden, sollen die Menschen in geschlossenen Räumen bleiben und auf Anweisungen der Behörden warten. Ihren Anweisungen ist Folge zu leisten. Auch Greenpeace wird die Situation weiter beobachten und relevante Informationen bereitstellen.

Forderung: Sicherheit muss gewährleistet sein 

Um für möglichst viel Sicherheit zu sorgen, fordert Greenpeace: Russland muss all seine Truppen, militärische Ausrüstung und Sprengstoffe aus dem AKW Saporischschja entfernen. Außerdem muss das Kernkraftwerk wieder unter die Kontrolle des ukrainischen Betreibers und der ukrainischen Behörden gebracht werden. Die Ukraine braucht uneingeschränkten Zugang zum Bereich, um das AKW Saporischschja zu stabilisieren. Alle Reaktoren müssen gemäß der Anordnung der ukrainischen nationalen Regulierungsbehörde SRNIU am 8. Juni sofort in den Kaltabschaltzustand gebracht werden.

Um weiteren Druck auf Russland auszuüben, muss die EU umfassende nukleare Sanktionen gegen Rosatom verhängen, da das Unternehmen mitverantwortlich für die Besetzung des AKW Saporischschja ist. Es liegt in der Verantwortung Russlands, den Krieg zu beenden, die territoriale Integrität der Ukraine anzuerkennen und alle Feindseligkeiten einzustellen.

Nur durch die Umsetzung dieser Maßnahmen kann das potenzielle Risiko einer Freisetzung von Radioaktivität und die damit verbundene Kontamination effektiv reduziert werden. Die internationale Gemeinschaft muss alles in ihrer Macht stehende tun, um eine sichere Zukunft für die Region zu gewährleisten.

 

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