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Müllhalde in Dedepinari, Provinz Adana, Türkei
© Caner Ozkan / Greenpeace

Plastikmüllexporte aus Deutschland

Illegale Ausfuhr statt Wiederaufbereitung

Trotz internationaler Abkommen, die das verhindern sollen, landet nicht-recyclebarer Plastikmüll aus Deutschland in Südostasien oder der Türkei. Dort bedroht er die Gesundheit von Mensch und Natur.

Deutschland hat ein riesiges Plastikmüllproblem, das aber gar nicht so leicht zu erkennen ist: denn ein Teil des gewaltigen Abfallaufkommens wird ins Ausland verschifft. In der Türkei oder in Malaysia lagert der Müll oft auf wilden Deponien, statt dort recycelt zu werden – ihre vermeintliche Wiederverwertung im Zielland ist der offizielle Grund, warum diese Plastikmüllexporte überhaupt möglich sind. Oftmals sind die ansässigen Unternehmen allerdings von der schieren Masse an Müll überfordert – oder seiner Zusammensetzung: Plastikgemische sind häufig schwer wiederaufzubereiten. Schlimmstenfalls gibt es von vornherein keine Absicht, die Abfälle zu recyceln. 

Dabei ist der Export von nicht-wiederverwertbaren Abfällen verboten: Ein internationales Umweltschutzabkommen, die Basler Konvention, hat im Mai 2019 ihre Regelungen dahingehend verschärft; 187 Länder haben das Abkommen unterzeichnet. Die Änderungen sind mit dem 1.1.2021 in Kraft getreten.

In der Realität wird die Übereinkunft aber immer wieder gebrochen. Wie etwa bei unsortierten, nicht-recyclebaren Abfällen aus Deutschland, die in die Türkei gelangen oder von dort aus weiter in Drittländer verschickt werden – ein Problem, das zurzeit Behörden und Umweltschutzorganisationen beschäftigt.

Plastikmüllexporte über die ganze Welt

  • German Plastic Waste Found in Malaysia

    Deutscher Müll in Malaysia

    2019 hat Greenpeace bei einer Recherche in Malaysia eindeutig deutschen Plastikmüll gefunden.

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  • Waste Dump in Yenidam, Adana Province, Turkey

    Erdnussverpackung aus einem deutschen Supermarkt

    Plastikmüll aus Deutschland fand sich auch auf einer wilden Deponie in der türkischen Provinz Adana.

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  • Villagers Pick through Discarded Imported Plastic in Surabaya, Indonesia

    Illegale Müllkippe in Indonesien

    Dorfbewohner sammeln illegal importiertes Plastik auf einer Müllhalde in Surabaya auf.

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Deutscher Plastikmüll in der Türkei

Im vergangenen Jahr wurden mindestens 114 Containerladungen Plastikmüll aus Deutschland in die Türkei exportiert. Die türkischen Behörden beschlagnahmten die Container und stuften einige Inhalte als illegal ein: Abgesehen vom Basler Übereinkommen gilt in der Türkei seit Januar 2021 ein Importverbot für bestimmte Plastikabfälle, zum Beispiel den Import von gemischten sowie “mechanisch sortierten” Kunststoffen. 

Nach Aussage türkischer Experten ist dieser Plastikmüll – zumindest in Teilen – nicht wiederverwertbar. Doch niemand fühlt sich dafür zuständig: Der verantwortliche Händler ging bankrott, seither lagern die Container verteilt in fünf türkischen Häfen. Die türkische Regierung bemühte sich um die Rückführung der Container nach Deutschland, fand jedoch nach eigener Aussage keine Unterstützung bei den zuständigen Behörden in den deutschen Bundesländern. Und auch die exportierenden Unternehmen wie ALBA, Lobbe, Meilo oder TEWES kümmerten sich nur halbherzig um eine Rückführung, wenn überhaupt.

Die türkische Regierung will ebenfalls nicht auf dem deutschen Plastikmüll sitzenbleiben. Nach Informationen von Greenpeace und der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation Basel Action Network sind bereits einige der Container in Drittländer verschifft worden; nach Vietnam, Kroatien, Großbritannien und in die USA. Anfang Dezember 2021 sollten weitere 37 dieser Container mit deutschen Kunststoffabfällen nach Vietnam geschickt werden, nach einem Zwischenstopp im griechischen Hafen Piräus. Greenpeace und das Basel Action Network alarmierten die zuständige griechische Behörde, die daraufhin das Verladen der Container auf das Schiff “Cosco Pride” verhinderte. Diese Container werden nun von den griechischen Behörden zurückgestellt. Doch was passiert nun damit?

 

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Forderung an die deutsche Politik

Die deutsche Bundesregierung muss veranlassen, dass die Container schnellstmöglich und auf direktem Weg zurückgeholt werden, und verhindern, dass die Container zurück in die Türkei gelangen. Denn die Gefahr droht, dass sie von dort erneut ins Ausland verschifft werden. In einem Brief wandte sich Martin Kaiser, der geschäftsführende Vorstand von Greenpeace Deutschland, Anfang Dezember an das Bundesumweltministerium: Die Bundesregierung müsse Vorkehrungen treffen, die Container wieder in Empfang zu nehmen und allen betroffenen Ländern – der Türkei, Griechenland und Vietnam – versichern, dass der bereits illegal verschiffte Plastikmüll zurück nach Deutschland kommt. Dabei gibt es rechtliche Grauzonen, doch die moralische Verantwortung Deutschlands ist klar: Unser Abfall darf in der Türkei und Südostasien nicht zur Gesundheitsgefahr für die dort lebenden Menschen werden.

Umweltgefahr durch illegale Müllhalden

Waste Picker at Waste Dump in Dumaguete, Philippines

Auf den Philippinen: Eine Müllsammlerin durchwühlt den Abfall auf einer Mülldeponie in Dumaguete City.

Dass Plastikmüll über den halben Globus verschifft wird, mutet seltsam an, aber tatsächlich gab es für die Abfälle bislang Abnehmer. Schließlich handelt es sich bei recyclingfähigen Kunststoffen um Wertstoffe – bis es auch den Zielländern zu viel wurde: Bis 2018 war China einer der größten internationalen Abnehmer von Plastikmüll, dann verhängte das Land notgedrungen einen Importstopp. Das hatte allerdings in erster Linie zur Folge, dass sich Plastikexporteure andere Zielhäfen suchten. Vor allem der südostasiatische Raum leidet darunter. Greenpeace dokumentierte Funde von Plastikmüll aus Deutschland auf wilden Deponien in Malaysia und Indonesien – aber auch in der Türkei. 

Im Sommer 2020 machten Anwohner:innen Greenpeace Türkei auf eine große Menge Plastikmüll aus Deutschland aufmerksam. Der wurde dort offenbar in einer Recyclinganlage aussortiert, weil die Plastikteile nur schwer oder gar nicht recyclebar waren. Dr. Sedat Gündoğdu von der Universität in Adana erzählte Greenpeace, dass auch die angrenzenden Gewässer und Felder durch Plastik und den giftigen Rauch, der bei der Müllverbrennung entsteht, belastet sind. Denn beim Verbrennen werden Kohlenmonoxid, Stickstoffoxid, Feinstaub und andere Schadstoffe, darunte, polychlorierte Dibenzo-Dioxine und Furane (besser bekannt unter der Bezeichnung “Seveso-Gift”) freigesetzt. Nihan Temiz Ata von Greenpeace Türkei beklagt: „Die meisten Abfall-Firmen hier haben zwar Importlizenzen, aber sie importieren viel mehr, als sie verarbeiten können.“ Passiert ist seitdem wenig: Die Müllberge etwa in der Provinz Adana wachsen weiterhin.

Deutschlands Plastikproblem

Grüner Punkt, Gelbe Tonne – rote Karte? Das Selbstverständnis Deutschlands als Recyclingvorbild zerbröselt bei genauerem Hinsehen. Mit einem Anteil von etwa 45 Prozent ist die Recyclingquote hierzulande auf den ersten Blick ganz gut. Doch das ist nur der Teil des Plastikmülls, der bei den Recyclingunternehmen ankommt - ob der Kunststoff tatsächlich rezykliert und wieder in Umlauf gebracht wird, steht auf einem anderen Blatt. Von den mehr als sechs Millionen Tonnen Plastikmüll, die Deutschland pro Jahr produziert, wird nur ein Bruchteil so wiederverwertet, dass die Industrie es wie Neukunststoff einsetzen kann: Laut Plastikatlas der Böll-Stiftung sind das nur 2,8 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Kunststoffprodukte.

Was passiert mit dem Rest? Ein Großteil wird “thermisch verwertet” (also zur Energiegewinnung verbrannt) und ins Ausland gebracht. Deutschland mag beim Recycling keine Weltklasse sein, im Verbrennen und bei Plastikmüllexporten ist das Land allerdings Europameister: 2019 war Deutschland im EU-Vergleich der größte Exporteur von Kunststoffabfällen. Im Jahr 2020 exportierte die Bundesrepublik insgesamt etwa 1 Million Tonnen Kunststoffabfälle in andere Länder. Das wichtigste Empfängerland ist Malaysia: 2020 exportierte Deutschland etwa 170.000 Tonnen Müll in das südostasiatische Land. 

Ein mehr als besorgniserregender Trend zeichnet sich dabei in der Türkei ab: Die deutschen Plastikmüllexporte in die Türkei sind von 2016 bis 2020 um mehr als das Siebenfache gestiegen und lagen im Jahr 2020 bei 136.000 Tonnen. Und nicht nur Deutschland schickt seinen Müll dorthin: Die Türkei war 2020 das größte Exportland für die Kunststoffabfälle der EU-Mitgliedsstaaten. Insgesamt wurden 13,7 Millionen Tonnen Plastikabfälle in die Türkei exportiert – das ist fast so viel wie die gesamte Export-Güterumschlagsmenge des Hamburger Hafens im ersten Quartal 2020.

Report: Der Recycling-Mythos 2.0

Report: Der Recycling-Mythos 2.0

Toxische Nachwirkungen von importiertem Plastikmüll in Malaysia

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Die Basler Konvention

Mit dem „Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung“ wurden 1995 erstmals weltweit geltende Regelungen getroffen. Mittlerweile haben sich mehr als 180 Staaten der Konvention angeschlossen. Um der Plastikflut Herr zu werden, haben die Vertragsparteien im Mai 2019 Verschärfungen beschlossen. Darum müssen seit Januar 2021 sowohl das Export- als auch das Importland bei der Ausfuhr gefährlicher oder verunreinigter Kunststoffabfälle zustimmen. Das erschwert die Entsorgung in Länder mit geringeren Umweltstandards. Doch dazu bedarf es konsequenter Kontrollen, die nicht immer gewährleistet sind.

Im Fall der Plastikmüllcontainer, die in der Türkei gelandet sind, ist die Sache klar. Nicht bloß nach dem Basler Übereinkommen, auch gemäß der Europäischen Abfallverbringungsverordnung (Artikel 22 und 23) ist Deutschland eindeutig verpflichtet, die Rückholung der Container anzuordnen. "Der Plastikmüll muss hier fachgerecht entsorgt werden und hätte gar nicht erst in der Türkei landen dürfen", sagt Manfred Santen, Chemieexperte von Greenpeace. "Deutschland muss Verantwortung für den eigenen Müll übernehmen.”

Petition

https://act.greenpeace.de/mehrweg-statt-mehr-muell

Mehrweg statt mehr Müll!

Schluss mit Einwegplastik! Fordern Sie von der Bundesregierung, Mehrwegverpackungen und unverpacktes Einkaufen flächendeckend als Standard einzuführen. Mehrweg muss verpflichtend gelten und darf kein bloßes Zusatzangebot sein!

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