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Fast Fashion Research in Kenya
© Kevin McElvaney / Greenpeace

Ostafrikas Textilmüllproblem

Um an manchen Orten übers Wasser zu gehen, braucht es keine übernatürlichen Kräfte. Viola Wohlgemuth war als Greenpeace-Expertin für Kreislaufwirtschaft in Ostafrika, um sich vor Ort ein Bild zu machen, wie Textilmüll aus Übersee dort die Umwelt verschmutzt – und fand nahe des Gikomba-Markts einen Abschnitt des Nairobi-Flusses, der derart voll mit weggeworfener Kleidung war, dass man darin stehen konnte. Das hat sogar Methode: “Wenn Regenzeit ist, wird das ganze Zeug in den Indischen Ozean geschwemmt und ist wenigstens weg”, erklärt Wohlgemuth die pragmatische Denkweise dahinter. 

Fast Fashion Research in Kenya

Textilmüll in der Nähe des Gikomba-Markts in Nairobi

Länder wie Tansania oder Kenia sind Leidtragende eines Wirtschaftssystems, das für einen völlig übersättigten Markt produziert, und kein Konzept hat, was mit dem Überschuss geschehen soll. “Internationale Konzerne haben diese Länder zur Müllkippe ihrer linearen Geschäftsmodelle gemacht”, so Wohlgemuth.

Der aktuelle Report von Greenpeace Deutschland “Vergiftete Geschenke” fasst die Rechercheergebnisse zusammen und kommt zum Schluss: Altkleiderexporte werden oftmals zur Entsorgung von Plastik-Textilmüll in den Ländern des Globalen Südens missbraucht. (Das englischsprachige Factsheet zum Thema finden Sie hier.)

Report: Vergiftete Geschenke

Report: Vergiftete Geschenke

Greenpeace-Recherche zu Textilmüllexporten nach Ostafrika

15 | DIN A4

5.16 MB

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Getarnte Textilmüllexporte

Es dreht sich bei dieser Kleidung um Secondhandware, wobei der Begriff dehnbar ist. Mittlerweile handelt es sich bei vielen der Kleidungsimporte, die etwa auf dem Markt in Dar Es Salaam der größten Hafenstadt Tansanias, oder in Nairobi umgeschlagen werden, auch um unverkaufte Neuware aus europäischen Ländern - zum Beispiel Ladenhüter, die in der Corona-Pandemie nicht in den Geschäften verkauft wurden. Dazu kommen Überbestände aus Asien. Auf Kisuaheli heißt diese Ware “Mitumba”: Bündel oder Ballen. Denn so werden die Kleidungsstücke verkauft: als großes Paket. 

  • Fast Fashion Research in Kenya

    Fast-Fashion-Recherche in Kenia

    Plastik und Textilmüll auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi

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  • Fast Fashion Research in Kenya

    Bergeweise Verschmutzung

    Textilmüll nahe des Gikomba-Markts in Nairobi

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  • Fast Fashion Research in Kenya

    "Mitumba" als Geschäftsmodell

    Verkäuferinnen auf dem Toi-Toi-Markt in Nairobi

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  • Fast Fashion Research in Kenya

    Fabrikneu auf den Müll

    Auch Überschussware aus dem Ausland landet auf den Märkten - und oft auf Deponien.

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  • Fast Fashion Research in Tanzania

    Was ist drin?

    "Mitumba" heißt Ballen: So wird die Ware angeliefert, hier auf dem Arusha-Markt in Tansania.

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Das ist ein Problem: Für die Abnehmer:innen, die die Ware unbesehen zum Weiterverkauf erwerben, ist nicht ersichtlich, wofür sie ihr Geld investieren. Manchmal ist es qualitativ gute Kleidung, die ihr Einkommen sichert; manchmal sind es verschmutzte und zerrissene Klamotten oder absolut unbrauchbare Produkte: viel zu warme Winterkleidung oder Übergrößen, die vielleicht in den USA Abnehmer:innen finden, aber kaum welche in Tansania. Als “Gambling” bezeichnen die Zwischenhändler:innen das: Ihre Arbeit ist oftmals ein Glücksspiel.

Bei schlechter Mitumbaware handelt es sich im Grunde lediglich um getarnte Textilmüllexporte aus dem Ausland. Die Recherchen vor Ort haben ergeben, dass 30 bis 40 Prozent der eingeführten Kleidungsstücke nicht mehr verkauft werden können. Im Jahr 2019 importierte Kenia 185.000 Tonnen Altkleider, demnach wären davon 55.500 bis 74.000 Tonnen tatsächlich Textilabfälle. Sie sammeln sich auf wilden Mülldeponien wie der oben beschriebenen. Sie landen in den Flüssen und am Ende im Indischen Ozean. Oder sie werden unter freiem Himmel  verbrannt - in Ermangelung moderner Verbrennungsanlagen, die entstehende Giftstoffe herausfiltern würden.

Ein anderes Geschäftsmodell

Das Problem ist vielgestaltig, darum gibt es auch keine einfache Lösung. “Deswegen sind wir hier”, sagt Viola Wohlgemuth. “Wenn wir als Greenpeace Forderungen stellen wollen, müssen sie von den Menschen hier kommen, und nicht aus dem europäischen Kontext.” Die Einfuhr von Mitumba-Ware zu verbieten und die lokale Industrie zu stärken, klingt erst einmal wie ein naheliegender Ansatz, gibt Wohlgemuth zu, sei aber kurzfristig der falsche Weg: “Das habe ich hier verstanden: Wenn man das wegnimmt, bricht ein ganzes Geschäftsmodell zusammen, in dem vor allem Frauen Arbeitsplätze finden - das geht nicht von heute auf Morgen, dafür ist diese neokolonialistische Abhängigkeit schon zu lange in Kraft.” 

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Viel wichtiger sei es, dass vor allem qualitativ hochwertige Ware ins Land kommt. Die Upcycling-Designerin Anne Kiwia, die in Tansania Stirnbänder aus gebrauchten Textilien herstellt, sagt: “Es geht nicht darum, dass wir hier eine eigene Textilproduktion aufbauen, die genauso billig produziert wie in Asien, um dann hier die Umwelt zu zerstören.” Sie sieht ein anderes Geschäftsmodell für die afrikanische Modeindustrie vor: “Das Tolle an Afrika ist unsere Kreativität: Wir müssen Vorreiter werden in Sachen nachhaltiger Upcycling-Mode.”

Auf Greenwire: Reisebericht aus Tansania

Fast Fashion Research in Tanzania

Update aus Tansania, Teil 1

30. März: Unser Team ist wohlbehalten in Dar Es Salaam, Tansania, angekommen und hat bereits mit der Recherche begonnen.

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Fast Fashion Research in Tanzania

Update aus Tansania, Teil 2

6. April: Unser Team spricht mit Menschen in Dar Es Salaam, darunter Anne Kiwia. Sie upcycelt Mitumba aus den Märkten Dar Es Salaams in nachhaltige, farbenfrohe Kopfbänder für Frauen.

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Fast Fashion Research in Kenya

Update aus Kenia, Teil 3

7. April: Auf den Märkten Toi und Gikomba in Nairobi bietet sich ein bereits bekanntes Bild: Kleider und Schuhe werden massenweise angeboten, das Team ist regelrecht erschlagen von der Menge.

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Ein internationaler Vertrag gegen Textilmüllexporte

International erhält das Thema bereits Aufmerksamkeit, aber längst nicht genug. Vor kurzem wurde etwa die neue EU-Textilstrategie veröffentlicht, die einige wichtige Schritte enthält. Sie sieht beispielsweise ein Verbot der Ausfuhr von Textilabfällen vor und will die Produktion von langlebiger, haltbarer und reparierbarer Kleidung fördern. Dies ist ein guter Anfang, aber erst einmal eine Idee und nicht rechtlich bindend. Um die immer verheerenderen Auswirkungen der Fast Fashion auf Mensch und Umwelt wirksam zu stoppen, muss die Modeindustrie international durch einen globalen Vertrag reguliert werden – ähnlich dem Vertrag zur Plastikvermeidung, dessen Ausarbeitung die UN-Umweltversammlung im März dieses Jahres anstieß, nachdem Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace lange dafür gekämpft haben.

Zur Verbesserung der Situation in Ländern wie Kenia und Tansania sind die folgenden Kernforderungen am wichtigsten. Aus Greenpeace-Sicht müssen sie zuerst umgesetzt werden:

  • Nur der Export von Altkleidern, die tatsächlich als tragbare Kleidung wiederverwendet werden können, ist erlaubt; der Export von Textilabfällen aus dem Globalen Norden muss verboten werden.
  • Alle unbrauchbaren importierten Altkleider müssen das Herkunftsland zurückgeschickt werden können. 
  • Es braucht Rechtsvorschriften zur erweiterten Herstellerverantwortung, einschließlich einer globalen Steuer auf jedes Produkt bei Einführung in den Markt. Damit wird die umweltverträgliche, getrennte Sammlung von Textilien finanziert, um die professionelle Wiederverwendung und das Recycling von Textilien zu ermöglichen.
  • In diese Steuer gehört auch das Verursacherprinzip: Das heißt, der Hersteller trägt die Kosten für die in der gesamten Lieferkette verursachten Umwelt- und Gesundheitsschäden, unabhängig von der geografischen Lage des Schadens.
  • Der schrittweise Ausstieg aus der Verwendung von Kunstfasern muss so schnell wie möglich erfolgen, um zu verhindern, dass sie weiterhin in die Umwelt des Globalen Südens gelangen.
Fast Fashion Research in Kenya

Textilmüll und Plastik auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi

“Viele der Klamotten, die hier ankommen, sind tatsächlich nichts anderes als Plastikmüll”, sagt Viola Wohlgemuth in Hinblick auf die - zum Teil unbekannte - Zusammensetzung der Textilien. Eine geplante Markenanalyse haben die Rechercheur:innen vor Ort wieder aufgeben müssen. “Wir haben festgestellt, dass die Exporteure häufig die Etiketten aus der Ware herausgeschnitten haben. Das bedeutet aber auch, dass wir - und entsprechend potentielle Recyclingunternehmen - gar nicht wissen können, was drinsteckt und somit können diese Textilien auch nicht wiederverwertet werden.” Dafür gäbe es Lösungen: etwa schwer zu entfernende QR-Codes, über die ein (noch einzuführender) Produktpass abgerufen werden kann. Nur diese Transparenz kann ermöglichen, dass Hersteller Verantwortung für ihre Produkte übernehmen, und zwar über deren gesamten Lebenszyklus. 

“Das muss natürlich Hand in Hand gehen mit einem Ökodesign”, sagt Wohlgemuth. “Es dürfen schlicht keine Textilien mehr auf den Markt, die nicht recyclefähig sind. Ein Großteil der Textilien besteht allerdings aus Verbundmaterial und ist damit nicht wiederverwertbar, wie ein Getränkekarton. Das kann nur verbannt werden.” Gerade einmal ein Prozent der neu hergestellten Textilien werden aus alten Textilfasern hergestellt, damit ist die Branche von Kreislauffähigkeit so weit entfernt wie kaum eine andere. Der Rest wird aus neuen Rohstoffen hergestellt, mit wahnwitzigen Mengen Rohöl. 

Fashion Revolution Day

Der Report erscheint kurz vor dem Fashion Revolution Day am 24. April. Das Datum erinnert an die Katastrophe von Rana Plaza vor neun Jahren: Mehr als 1000 Menschen kamen damals beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch ums Leben. Rana Plaza ist seitdem ein Symbol geworden für die menschenunwürdigen und umweltschädlichen Praktiken der Modebranche. Greenpeace hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu ändern: Die Detox-Kampagne hat Lieferketten von einigen Firmen zwar erfolgreich entgiftet - doch das Problem liegt mittlerweile bei der gewaltigen Überproduktion von Kleidung durch Fast-Fashion-Konzerne, deren Auswirkung die Recherche beleuchtet. 

Der Tag ist ebenfalls Auftakt einer Greenpeace-Aktionswoche vom 23. bis zum 30.4., in der unter anderem mit Kleidertauschpartys ein nachhaltigerer Umgang mit unseren Ressourcen aufgezeigt wird. Ein guter Zeitpunkt, um auf unsere Verantwortung als Verbraucher:innen in Europa hinzuweisen, findet Viola Wohlgemuth: “Wir haben so eine Macht! Und Freiheit: Woanders auf der Welt verschwinden Menschen, wenn sie Politik und Wirtschaft kritisieren. Da sollten wir es schaffen, mal bei einem Unternehmen nachzufragen, weshalb sie keine Ausleihe anbieten, oder wie es mit der Recyclingfähigkeit ihrer Produkte aussieht.”

Greenpeace goes Kliemannsland

  • Siebdruck im Kliemannsland

    Am 23.4. und 24.4.2022 hat das Kliemandsland zum "Kliematreff" geöffnet. Greenpeace war mit dabei.

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  • Siebdruck von Greenpeace beim Kliematreff

    Greenpeace-Aktivist:innen bieten beim Kliematreff eine Siebdruckwerkstatt an

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  • Peace-Zeichen in der Siebdruckwerkstatt

    Schön viel Farbe auf die Siebdruckvorlage, trocknen lassen und ...

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  • Peace-Jutebeutel - produziert beim Kliematreff

    Und fertig: Der selbstgemachte Peace-Jutebeutel. Nicht vergessen, ihn zum Einkauf einzustecken!

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  • Siebdruck beim Kliematreff

    Selber machen macht Spaß!

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