Deutschland erreicht Erdüberlastungstag – früher als viele andere Länder
- Ein Artikel von Anja Franzenburg
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Deutschland hat seine natürlichen Ressourcen für dieses Jahr am 10. Mai verbraucht. Den Rest des Jahres leben wir auf Kosten anderer. Doch was bedeutet das und wie können wir es ändern?
Kein neues Handy, kein neues Shirt – und streng betrachtet auch keine Schokolade, nicht mal ein kleines Stückchen. Zumindest in diesem Jahr. Denn Deutschland hat die ihm anteilig zustehenden Ressourcen für dieses Jahr am 10. Mai verbraucht. Nach nur gut vier Monaten. Rechnerisch versteht sich, denn sonst würde es ziemlich düster aussehen für die weitere Versorgung der Bevölkerung. Damit aber alles weiterlaufen kann, konsumiert das Land auf Pump.
Denn der sogenannte Erdüberlastungstag markiert das Datum, an dem die Bevölkerung statistisch die natürlichen Ressourcen genutzt hat, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Für den Rest des Jahres lebt sie ökologisch gesehen über ihre Verhältnisse, da mehr Rohstoffe entnommen und mehr Emissionen produziert wurden, als unser Planet ausgleichen kann.
Auszubaden haben das künftige Generationen und Menschen in gefährdeten Lebensräumen weltweit: überfischte Meere, abgeholzte Wälder, durch Überdüngung und Chemikalien aus Industrien verunreinigtes Grundwasser – die Liste ließe sich natürlich problemlos verlängern. Etwa um die hohen Treibhausgasemissionen. Sogar das Bundesverfassungsgericht sah das Wohl kommender Generationen gefährdet. Ihnen würde durch die fortschreitende Erderhitzung eine enorme Last aufgebürdet. In der Debatte ging es um das Recht auf Zukunft und um Generationengerechtigkeit.
Es geht auch um die Lebensgrundlagen anderer Länder
Würden alle so viel konsumieren wie wir in Deutschland, bräuchten wir drei Planeten. Den Overshoot-Day, wie er auf englisch heißt, berechnet das Global Footprint Network jährlich neu – für die gesamte Erde und für einzelne Länder. Bis 1970 hat die Erde mehr Ressourcen bereitgestellt als verbraucht wurden. Seitdem ist die Erdbevölkerung und der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen massiv gestiegen. Weltweit wurde der Erdüberlastungstag im vergangenen Jahr am 24. Juli erreicht. Es gibt aber auch Staaten, die keinen Überlastungstag haben, weil sie weniger Ressourcen verbrauchen, als ihnen rechnerisch zustehen. Unter dem Überkonsum anderer Nationen leiden sie dennoch. Wie sich unser Konsum auf das Leben in anderen Erdteilen auswirkt, bleibt oft abstrakt. Die Dürre in vielen Ländern lässt sich nicht eins zu eins dem klimaschädlichen Autoverkehr in Deutschland zuordnen. Doch es gibt auch Zahlen, die das Ausmaß nahelegen.
Über 90 Prozent des Verlustes biologischer Vielfalt und etwa 55 Prozent der Treibhausgasemissionen sind mit der Bereitstellung und Umwandlung von Ressourcen wie Sand oder Öl zu Produkten verbunden. Ein Beispiel: In der EU kauft jede Person im Schnitt jährlich 19 Kilogramm Textilien. Dafür werden pro Kopf etwa 523 Kilogramm Rohstoffe, 323 Quadratmeter Land, 12 Kubikmeter Wasser benötigt und 355 Kilogramm CO2 freigesetzt. Eine ganze Menge pro EU-Bürger:in.
Ressourcenverbrauch halbieren
Stattdessen bräuchte es eine auf Suffizienz, also absolut weniger Verbrauch, und Gemeinwohl ausgerichtete, ressourcenschonende Produktions- und Lebensweise innerhalb der planetaren Grenzen. Deutschland muss seinen Ressourcenverbrauch mindestens halbieren. Derzeit verbrauchen wir hierzulande etwa 16 Tonnen Rohstoffe pro Person und Jahr, deutlich mehr als der nachhaltige Korridor von 5 bis 8 Tonnen vorgibt.
„Wohnen, Ernährung und Mobilität sind die Bereiche mit dem größten Ressourcenverbrauch. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir, wie dringend notwendig, unseren Ressourcenverbrauch in Deutschland halbieren wollen. Das bedeutet einen Wandel hin zu weniger Wohnraum pro Person, mehr pflanzlicher Ernährung und geteilter Mobilität. Damit das für alle einfach und bezahlbar ist, muss die Bundesregierung die notwendigen Grundlagen schaffen.“
Ein Ausweg aus der Krise: echte Kreislaufwirtschaft
Mit dem Aufbau einer echten Kreislaufwirtschaft, könne der Ressourcenverbrauch enorm gesenkt werden, sagt Jäger-Roschko. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist recht simpel: In erster Linie geht es darum, sich zu fragen, ob es wirklich ein neuer Pulli, ein neuer Drucker oder ein neues Haus sein muss. Oder ob der Pulli gebraucht gekauft, der Drucker repariert und ein bestehendes Haus umgebaut werden kann.
Bleiben wir beim Kleidungsbeispiel: Laut einer Greenpeace-Umfrage aus dem vergangenen Jahr werden in Deutschland 40 Prozent der Kleidungsstücke in Kleiderschränken kaum oder nie getragen: Das Schnäppchen sitzt doch nicht so gut und die fürs Bewerbungsgespräch gekaufte Hose taugt nicht für den Alltag. Wir besitzen also viel mehr als wir brauchen. Statt für einen besonderen Anlass neu zu kaufen, könnte sich ein Blick in die Kleiderschränke von Freund:innen lohnen oder Textilien bei einem entsprechenden Anbieter geliehen werden. Generell lässt sich Kleidung an vielen Stellen gebraucht kaufen – auf Flohmärkten, online oder in Secondhand-Läden – oder auch tauschen, etwa im privaten Rahmen oder auf Kleidertauschpartys.
Wenn es ein neues Produkt sein muss, sollte es so designt sein, dass es lange genutzt werden kann. Kleidung sollte also haltbar und reparierbar sein. Das wäre das Gegenteil von Fast Fashion, die Konzerne wie Shein, Temu, aber auch Zara oder H&M hervorbringen. In kürzesten Abständen werfen diese Modeketten neue Kollektionen auf den Markt, wecken künstlich neue Bedürfnisse und treiben übereilten Konsum an. Diese Kleidung besteht fast ausschließlich aus minderwertigen synthetischen Fasergemischen, also Plastik.
Wodurch sie den dritten und letzten Schritt erschwert: Denn, wenn Produkte nicht mehr repariert oder wiederverwendet werden können, sollten die enthaltenen Rohstoffe möglichst hochwertig recycelt werden. Bei Stoffgemischen ist das zurzeit noch kaum möglich. Zwar werben viele Fast-Fashion-Unternehmen mit Recycling, also Kreislaufwirtschaft, doch dahinter steckt oft Greenwashing, da sie alte Plastikflaschen statt Altkleider nutzen: Lediglich ein Prozent der neu hergestellten Textilien besteht aus recycelten Textilfasern.
Die drei Ansätze der Kreislaufwirtschaft stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander: Weniger Ressourcen zu verbrauchen und Güter lange zu nutzen, sind die Treiber der Kreislaufwirtschaft. Recycling sollte wirklich nur der letzte Schritt sein - es ist ein energieintensives Verfahren und meist mit Material- und Qualitätsverlusten verbunden.
„Das Gute ist, dass jeder Mensch Teil der Kreislaufwirtschaft sein kann. Allerdings haben es zirkuläre Angebote wie Leihen oder Reparieren aktuell noch schwer gegen billige Wegwerfangebote wie Coffee to Go oder Fast Fashion. Hier müsste die Politik den Rahmen setzen. Noch fehlen gezielte Förderungen und klare Regeln für langlebige Produkte. Ein gutes Beispiel sind die viel zu schwachen Vorschläge zum Textilgesetz der Bundesregierung. Wir sollten uns ein Beispiel an Frankreich nehmen. Die gehen mit ihrem Anti-Fast-Fashion-Gesetz in die richtige Richtung. Eine Umsetzung wäre auch in Deutschland möglich.“
(Teile des Textes wurden am 5. Mai 2021 erstveröffentlicht und seitdem mehrfach aktualisiert.)