Tiefseebergbau
Raubbau an den letzten unberührten Lebensräumen der Erde
Unnötig und gefährlich und garantiert nicht nachhaltig.
- Ein Artikel von Birgit Hilmer
- mitwirkende Expert:innen Daniela von Schaper
- Überblick
Früher tauchten Schatzsuchende zum Meeresgrund, um versunkene Schmucktruhen mit Gold und Edelsteinen aus Schiffswracks zu bergen. Heute ist der Meeresboden Zielobjekt geopolitischer und wirtschaftlicher Machtinteressen. Die Tiefseebergbau-Industrie will hier Rohstoffe wie Mangan, Kobalt und Kupfer abbauen. Dieses Vorhaben ist jedoch hoch umstritten, denn es birgt erhebliche Risiken für die Meeresumwelt, die womöglich unwiderruflich sind.
Wie funktioniert Tiefseebergbau?
Tiefseebergbau (engl. Deep Sea Mining) bedeutet, in mehreren tausend Metern Tiefe Rohstoffe wie Manganknollen, metallhaltige Krusten an Seebergen und Schwefelverbindungen an Massivsulfiden (Hydrothermalquellen an vulkanisch aktiven Zonen) abzubauen. Für den Abbau würden panzergroße Maschinen zum Einsatz kommen, die den Meeresboden aufreißen, Manganknollen absaugen und Seeberge sowie unterseeische Vulkane abfräsen. Ein massiver Eingriff, der die Lebensräume vieler Tierarten zerstört, die über Millionen Jahre gewachsen sind.
Zahlreiche Regierungen halten bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) Lizenzen zur Erforschung dieser Ressourcen auf der Hohen See. Auch Deutschland besitzt zwei dieser Lizenzen, eine im Pazifischen und eine im Indischen Ozean. Noch hat der kommerzielle Tiefseebergbau nicht begonnen – und es gibt die Chance, ihn ganz zu stoppen!
Protest vor dem Berliner Reichstag für den Schutz der Tiefsee
© Anne Barth / Greenpeace
Protest zum Start der ISA Juli 2025 in Berlin.
Zum Start der jährlichen ISA-Verhandlungen am 7. Juli 2025 protestierten 15 Aktivist:innen von Greenpeace mit einem zehn Meter großen Oktopus am Spreeufer vor dem Reichstag für den Schutz der Tiefsee . Auf Bannern forderten sie die Bundesregierung auf: „Moratorium beschließen – Tiefseebergbau stoppen!“ sowie „Tiefsee schützen!“. „Es braucht ein klares Bekenntnis der Bundesregierung gegen den Start von Tiefseebergbau, um unumkehrbare Schäden am Meeresboden zu verhindern. Wir müssen jetzt diesen noch weitestgehend unberührten Lebensraum vor überhasteten, zerstörerischen Eingriffen schützen.
Fact Sheet Tiefseebergbau - Unnötig und hochgefährlich!
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HerunterladenDie wichtigsten Ergebnisse der letzten ISA-Verhandlungen
Keine voreiligen Weichenstellung für industrielle Eingriffe in der Tiefsee
Insgesamt 171 Mitglieder verhandeln bei regelmäßigen Treffen der ISA über das Schicksal der Tiefsee. Vor allem stehen bei der jährlichen Vollversammlung die Diskussionen über den möglichen Start des Tiefseebergbaus in internationalen Gewässern im Mittelpunkt. Dies sind die entscheidenden Ergebnisse aus den Verhandlungen im Juli 2025 in Jamaika:
1. Positiv: Kein Mining Code beschlossen
Trotz enormen Drucks aus der Industrie haben die Teilnehmenden erneut keinen sogenannten Mining Code (Regelwerk für Tiefseebergbau) verabschiedet. Damit gibt es zur Zeit keine internationale Genehmigung für den Tiefseebergbau und keine festgesetzte Frist für ein Regelwerk. Stattdessen ist nun das Sekretariat beauftragt, eine Übersicht der offenen Fragen zu erstellen – darunter Umwelt-, Finanz-, Regulierungs-, Verfahrens- und institutionelle Aspekte.
2. Negativ: Grundsatzregelung für den Schutz der Tiefsee erneut abgeschmettert
Die Versammlung hat aber auch keine Grundsatzregelung für den Schutz der Meeresumwelt beschlossen, dabei könnte diese zum Wendepunkt in der globalen Tiefsee-Debatte führen.
3. Positiv: Untersuchungen von Verstößen gegen internationales Recht - Maßnahmen gegen The Metals Company eingeleitet. Aktuell versucht das Bergbauunternehmen „The Metals Company“ (TMC) ohne ISA-Beteiligung eine Startgenehmigung durch die USA zu bekommen. Als Reaktion auf das umstrittene Vorgehen haben die ISA-Mitgliedsstaaten den Generalsekretär und die Rechts- und Technikkommission damit beauftragt, damit verbundene potenzielle Vertragsverletzungen durch TMC zu untersuchen. Ergebnisse dieser Untersuchung sollen auf der nächsten ISA-Sitzung im März 2026 vorgelegt werden.
Haben Unternehmen ihren Sitz in Staaten, die UNCLOS als Rechtsrahmen anerkennen, sind sie über die jeweilige nationale Gesetzgebung indirekt an die Bestimmungen des Übereinkommens gebunden.. Das eigenmächtige Vorgehen von TMC darf nicht zur Blaupause werden und internationale Standards außer Kraft setzen. Die Ergebnisse der Untersuchung könnten konkrete Auswirkungen auf die TMC-Tochterfirmen NORI und TOML haben, die derzeit über ISA-Erkundungslizenzen verfügen und 2026 bzw. 2027 auslaufen. Auch das Unternehmen Allseas mit Hauptsitz in der Schweiz, das TMC mit Ausrüstung, Schiffen und finanziellen Mitteln unterstützt, ist im Fokus der Untersuchung.
Was ist die ISA? - Das UN-Gremium in Jamaika
Die International Seabed Authority (ISA, deutsch: Internationale Meeresbodenbehörde) ist die zuständige internationale Organisation für die Regulierung des Tiefseebergbaus. Sie gründete sich 1994, in dem Jahr, in dem das UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) in Kraft getreten ist. Sie hat die Aufgabe, die Tiefsee, das gemeinsame Erbe der Menschheit, zu verwalten und führt die Verhandlungen über den Start von Tiefseebergbau. Diese Verhandlungen finden üblicherweise während der Ratssitzungen statt. 36 Länder sind im ISA-Rat organisiert, welche die Entscheidung treffen, ob der industrielle Rohstoffabbau am Meeresgrund verboten bleibt oder erlaubt wird. Die Mitglieder des Rats werden von der Versammlung gewählt und wechseln nach einigen Jahren.
Deutschlands widersprüchliche Strategie beim Tiefseebergbau
Auf der UN-Ozeankonferenz in Nizza 2025 hat sich der Umweltminister Carsten Schneider für eine Fortsetzung der vorsorglichen Pause bei den Plänen zum Tiefseebergbau ausgesprochen. Es haben sich mehr Staaten als je zuvor klar gegen den Tiefseebergbau positioniert und er werbe dafür, dass sich noch mehr Länder dieser Allianz anschließen. Derzeit stellen sich 40 Staaten weltweit gegen den Beginn des Tiefseebergbaus.
Dennoch besitzt auch die Bundesrepublik Explorationslizenzen, eine davon in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) im Pazifik - ein rund 75.000 Quadratkilometer großes Gebiet mit Manganknollen, 20 mal so groß wie die balearische Insel Mallorca. Hier erkundet ein von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) koordiniertes Team bereits seit 2006 in großem Stil polymetallische Manganknollen. In den nächsten Projekten will die BGR auch mit der Maschinenbau-Firma Impossible Metals zusammenarbeiten. Ende Februar 2025 musste Impossible Metals jedoch geplante Abbautests vorerst absagen. Das Unternehmen konnte seine Technologie aufgrund von finanziellen Problemen nicht rechtzeitig fertigstellen. Die Tests sollen nun 2027 oder 2028 durchgeführt werden. Zwar sollen mit den Maschinentests auch die Umweltauswirkungen untersucht werden, allerdings wird hierbei eine Technologie erprobt, um sie später für den Tiefseebergbau einzusetzen.
Erst kürzlich hat die Bundesregierung das Forschungsprojekt Deep Sea Sampling 2 bewilligt, an dem das deutsche Unternehmen Bauer beteiligt ist. Die Bundesregierung finanziert hier die Entwicklung von Abbaumaschinen für Metalle an unterseeischen Vulkanen im Indischen Ozean.
Das bedeutet: Deutschland fordert einerseits bei der ISA eine vorsorgliche Pause für den Tiefseebergbau und fördert gleichzeitig Tests von Abbaumaschinen im Pazifik und Indik. Für Greenpeace stehen beide Vorhaben im Pazifik und im Indik im Widerspruch zu Deutschlands erklärten umweltpolitischen Zielen und birgt erhebliche Risiken für fragile Tiefseeökosysteme.
Deutschland fährt einen Schlingerkurs beim Tiefseebergbau. Zwar fordert die Bundesregierung offiziell eine vorsorgliche Pause, jedoch treibt sie weiterhin Abbautests voran. Eine ‚vorsorgliche Pause‘ sollte nicht als Alibi dafür dienen, den Tiefseebergbau zukunftsfähig zu machen. Die Bundesregierung muss eine klare Position gegen Tiefseebergbau und auch jegliche Forschung in diese Richtung beziehen. Dazu gehört auch die aktive Förderung von Maßnahmen zum Schutz des bisher kaum erforschten Ökosystems.
Eine Studie verschiedener Institute (unter anderem des Geomar, der Universität Bremen und der BGR, veröffentlicht im Juli 2024) fand heraus, dass Manganknollen eine wichtige Rolle für die Sauerstoffproduktion spielen könnten, und unterstreicht ihre essentielle Funktion im Ökosystem. Diese Studie liefert einen neuen Beweis dafür, dass Tiefseebergbau ein industrieller Blindflug ist.
Metalle aus der Tiefsee – umkämpft und bedroht
In der Tiefsee können die folgenden Rohstoffe gefunden werden: Mangan, Nickel, Kupfer, Molybdän, Kobalt, Yttrium, Tellur und Thallium sowie verschiedene weitere Metalle wie Vanadium, Lithium, Wolfram und Wismut. Die Batterien von Elektroautos benötigen große Mengen an Lithium, Kobalt, Nickel und Mangan. Windkraftanlagen und Photovoltaik brauchen große Mengen an Kupfer. Für die Herstellung und Speicherung von Wasserstoff ist Nickel essentiell. Die Krux ist: Nicht alles, was in den Manganknollen enthalten ist, kann auch herausgelöst werden.
Wenn nicht Tiefseebergbau, was dann?
Die Antwort lautet: Kreislaufwirtschaft, alternative Technologien und weniger Konsum. Der steigende Bedarf von Metallen kann langfristig nur gedeckt werden, wenn wir mehr Energie in Recycling stecken. Hierfür ist Ökodesign unverzichtbar, das heißt: Recycling muss bereits bei der Herstellung und im Design des Produkts (etwa der E-Autos) mitbedacht sein. Aktuell können viele Metalle nur unter hohem Aufwand recycelt werden. Echtes Recycling bedeutet, in die Technologien für die Rückgewinnung beispielsweise auch von Lithium zu investieren. Das ist bereits möglich, wird aber noch viel zu wenig angewendet. Auch müssen kaputte Geräte, wie Smartphones, die auch Lithium und andere Metalle enthalten, einfacher repariert werden können, damit Alternativen zum Neukauf bestehen.
Greenpeace Studie: Die Jagd nach Metallen in der Tiefsee
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HerunterladenDas sind die Argumente der Tiefseebergbauindustrie
Argument Nummer 1: “Eine Batterie in einem Stein - Manganknollen sind der sauberste Weg hin zu Elektrofahrzeugen”, schreibt das Unternehmen “The Metals Company” auf seiner Webseite. Laut Schätzungen der Metallindustrie werden die Vorräte der benötigten Metalle für die Energiewende, beispielsweise für Batterien von Elektroautos, in den irdischen Minen in den kommenden Jahrzehnten erschöpft sein.
Der Gegencheck: Brauchen wir Tiefseebergbau für Elektroautos, Batterien, etc. wirklich?
Greenpeace hat eine Studie beim Öko-Institut in Auftrag gegeben, die untersucht, ob Tiefseebergbau wirklich für die Energiewende gebraucht wird.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Metalle aus der Tiefsee nicht benötigt werden. Zentrale und seltene Batterie-Rohstoffe wie Lithium und Graphit können aus den in der Tiefsee vorhandenen Manganknollen nicht gewonnen werden: Einerseits enthalten sie kein Graphit. Andererseits ist Lithium nur in solch geringen Mengen enthalten, dass sich ein Herauslösen wirtschaftlich überhaupt nicht lohnen würde.
Zwar könnten relevante Kobalt- und Nickelmengen aus den Manganknollen gewonnen werden – aber realistischerweise erst nach 2030. Die Entwicklung der Technologien wird in Zukunft das Metall in Batterien durch günstigere und verfügbare Metalle (Mangan, Eisen und Phosphate) ersetzen - teilweise ist dies bereits der Fall. In China steigt die Nachfrage, auch Tesla experimentiert mit nickel- und kobaltfreien Batterien. Der Marktanteil von diesen sogenannten LFP (Lithium-iron-phosphate)-Batterien ist von etwa 5 % im Jahr 2019 auf etwa 30 % im Jahr 2022 gestiegen und hat bereits viele Nickel- und/oder Kobaltbatterien in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum ersetzt.
Das liegt auch daran, dass beispielsweise die Kosten für Kobalt in den letzten Jahren rapide gestiegen sind: Sie haben sich vom Jahr 2021 aufs Jahr 2022 mehr als verdoppelt. Das macht den Rohstoff für die Verkäufer:innen interessant, Kaufende aber schauen sich nach Alternativen um. Da der Trend sich vom Kobalt weg und hin zu anderen Metallen entwickelt, ist sein Nutzen für den Ausbau der E-Mobilität zeitlich begrenzt.
Auch Mangan könnte aus den Knollen gewonnen werden. Das Metall ist aber verfügbarer und günstiger, und eine erhöhte Nachfrage für Batterien hätte nur sehr begrenzte Auswirkungen auf den Weltmarkt für diese Rohstoffe. Für die Batterieherstellung ist im Bezug auf Mangan keine Knappheit zu erwarten.
Fazit: Die Tiefseebergbau-Industrie kann sich mit Kobalt und auch Nickel aus den Manganknollen in den kommenden Jahren eine goldene Nase verdienen - beispielsweise in der Stahlproduktion. Der Bedarf für Elektroautos und eine grüne Verkehrs- und Energiewende lässt sich auch ohne Ausbeutung der Tiefsee decken.
Argument Nummer 2: Manganknollen können umweltschonend und “sauber” “geerntet” werden, denn: Sind die Maschinen einmal auf dem Meeresgrund, können sie die Knollen ganz leicht aus der obersten dünnen Schicht aufsammeln und an die Oberfläche pumpen.
Der Gegencheck: Können Manganknollen umweltschonend gesammelt werden?
Nein. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Tiefseebergbau-Lobby schadet das Vorhaben dem Ökosystem massiv: Einerseits sind die Manganknollen ein essenzieller Bestandteil eines kaum erforschten Ökosystems. Andererseits können sie dem Meeresboden nicht ohne Auswirkungen entnommen werden.
Um die Manganknollen einzusammeln, saugen die Tiefsee-Planierraupen die obersten 10 cm des Meeresbodens auf und filtern die Knollen heraus. Mit Ausnahme von ein paar Bakterien, die tiefere Schichten bewohnen, befinden sich alle Lebewesen des Meeresbodens in dieser obersten Schicht. Heißt: Zerstören wir diese Schicht, zerstören wir praktisch das gesamte Ökosystem in dem Abbaugebiet. Und das in keinem geringen Maße: Pro 5.000 Tonnen abgebauten Manganknollen muss rund ein Quadratkilometer Meeresboden abgebaut werden. Damit würden Tausende von entdeckten und unentdeckten Arten in kürzester Zeit ausgelöscht.
Durch den Abbau wird das Sediment des Bodes aufgewirbelt, das sich nur langsam wieder absetzt. Damit wird das Wasser getrübt und auch für die Nicht-Bodenlebewesen für eine unbestimmte Zeit unbewohnbar. Die Staubwolke driftet außerdem in andere intakte Gebiete, setzt sich dort ab, sodass die Bodenlebewesen dort zu ersticken drohen.
Wie sehr die Entnahme der Knollen dem Ökosystem zusetzt, zeigt eine Langzeitstudie, die im Jahr 1989 startete: Vor Peru wurde ein Stück des Tiefsee-Meeresboden umgepflügt. Untersuchungen seitdem zeigen, dass sich das Ökosystem in den letzten drei Jahrzehnten immer noch nicht erholt hat. Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern wird, bis sein ursprünglicher Zustand wiederhergestellt ist.
Zudem zeigt eine neue Studie von Greenpeace: Tiefseebergbau würde 30 verschiedene Walarten durch Lärm, Lebensraumzerstörung und Abnahme ihrer Beutetiere gefährden.
Die Tiefsee und der Meeresboden spielen eine zentrale Rolle als Speicher von CO2 im Klimakrise. Das vom Meer aufgenommene CO2 sinkt durch die sogenannten Kohlenstoffpumpen in die Tiefen und wird dort teilweise im Sediment eingelagert. Wühlen die Tiefsee-Planierraupen das Sediment auf, wird das Treibhausgas wieder freigesetzt und die Ozeane versauern noch stärker. Wissenschaftler:innen des ‘International Programme on the State of the Oceans’ haben vor kurzem gewarnt: Jeder Schaden, der durch menschliche Aktivitäten in der Tiefsee verursacht wird, würde mit den Auswirkungen des Klimawandels interagieren und diese verschärfen. Die Widerstandsfähigkeit der Tiefseetiere und -ökosysteme würde so noch weiter verringert werden.
Fazit: Tiefseebergbau zerstört an Ort und Stelle den Meeresboden und dessen Ökosystem sowie das Leben in der näheren Umgebung. Zusätzlich bedroht er unzählige schwimmende Meeresbewohner, deren Lebensraum teilweise kilometerweit entfernt durch Sedimentwolken, Lärm, Versauerung der Meere und Abnahme der Beutetiere unbewohnbar wird. Der Schaden, der durch Tiefseebergbau verursacht wird, würde mit den Auswirkungen des Klimawandels interagieren und diese verschärfen.
Argument Nummer 3: Tiefseebergbau verhindert Menschenrechtsverletzungen, denn: Der Metallabbau in den irdischen Minen geht häufig mit Menschenrechts- oder Landrechtsverletzungen (beispielweise Kinderarbeit im Kongo), Umweltzerstörung und hohen Emissionen einher.
Der Gegencheck: Verhindert Tiefseebergbau Menschenrechtsverletzungen?
Zunächst: Die Tiefsee gehört als ‘Erbe der Menschheit’ allen Menschen. Daher tritt es die Rechte aller Menschen mit Füßen, wenn Unternehmen den Meeresboden für den eigenen Profit zerstören. Des Weiteren: Ein Unrecht darf nicht gegen ein anderes aufgewogen werden. Vor allen Dingen: Kinderarbeit und Landraub müssen dringend und generell abgeschafft werden. Hier hilft nur ein starkes Lieferkettengesetz, das Menschenrechtsverletzungen verbietet.
© Blue Planet Archive / Steven Kovacs
Tiefsee-Fischlarve (Acanthonus armatus) im Atlantischen Ozean
Was ist die Tiefsee?
Die Tiefsee ist eine wahre Wunderwelt und steckt voller unentdeckter Geheimnisse. Sie ist der größte Lebensraum der Erdeund beherbergt eine Vielfalt an Lebensformen. Von schillernden Kreaturen bis zu unbekannten Welten – in der Tiefsee tummeln sich unglaubliche Unterwasserwunder. Mit einer Fläche von mehr als 300 Millionen Quadratkilometern ist sie größer als alle Kontinente zusammen und macht mehr als 80% des gesamten Meeresraumes aus. Gleichzeitig ist sie der am wenigsten erforschte Lebensraum der Erde – wir wissen sogar mehr über den Mond als über unsere Tiefsee.
In den Tiefen der Meere herrscht völlige Finsternis, weil das Licht der Sonne nicht in die tiefen Wasserschichten vordringen kann. Hier wachsen keine Pflanzen und die Temperaturen liegen bei ca. 4°C oder darunter. Mit zunehmender Tiefe steigt auch der Druck, sodass in 10.000 Metern Tiefe das Gewicht von rund einer Tonne auf jedem Quadratzentimeter lastet. Daher ging die Wissenschaft bis Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die Tiefsee ein unbewohnter, lebloser Ort sei. Doch dann entdeckten Forschende Tiere an einem Telegraphenkabel in 1800 Meter Tiefe. Seitdem nimmt die Zahl der gefundenen Lebewesen ständig zu, sodass wir heute wissen: Durch die besonderen Bedingungen in der Tiefsee haben sich hunderttausende Arten entwickelt, die es so wie hier, nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Ihrem eigentümlichen Aussehen und ihren besonderen Fähigkeiten haben sie auch ihre Namen zu verdanken: Vampirtintenfisch, Anglerfisch oder die Seefledermaus. Pottwale tauchen in bis zu 3.000 Meter Tiefe, um hier Riesenkalmare zu jagen, jene “Seeungeheuer”, über die jahrhundertelang Seemannsgarn gesponnen wurde. In den allertiefsten Gräben finden sich vor allem Mikroorganismen, aber auch Muscheln, Borstenwürmer und Seegurken.
Die Tiefsee ist außerdem von großer Bedeutung für das Gleichgewicht des gesamten Ökosystems der Erde und spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation des Klimas. Als wichtige Kohlenstoffsenke nimmt sie langfristig große Mengen an Kohlenstoff auf, wodurch sie das globale Klima positiv beeinflusst. Veränderungen in der Tiefsee können sich also auch auf andere Ökosysteme auswirken und sogar über Jahrtausende hinweg spürbar sein. Wenn wir die Prozesse in der Tiefsee durch den Bergbau stören, könnten sich die Ökosysteme nur sehr langsam oder möglicherweise gar nicht erholen.