Mehrere Walarten wären durch Tiefseebergbau in der Arktis gefährdet
- Hintergrund
Die riesige Norwegische See erstreckt sich bis zur Arktis. Sie beherbergt eine unglaubliche Vielfalt an Wildtieren. Noch vor Kurzem zeichnete sich nördlich des Polarkreises eine alarmierende Bedrohung ab: Die norwegische Regierung plante, Gebiete in der Norwegischen See für Tiefseebergbau zu öffnen. Die vorgeschlagenen Regionen überschnitten sich mit den Lebensräumen zahlreicher Meerestiere, darunter Wale. Die Störung durch den Tiefseebergbau, insbesondere durch Lärmbelästigung und Lebensraumzerstörung, könnte verheerende Auswirkungen auf diese ohnehin schon verletzlichen, geräuschempfindlichen Lebewesen haben.
Nun gibt es jedoch eine bedeutende politische Kehrtwende: Am 3. Dezember 2025 entschied die neue norwegische Regierung im Rahmen ihrer Haushaltsdebatte, in den kommenden vier Jahren keine Gelder für den Tiefseebergbau bereitzustellen. Damit wird die geplante Lizenzvergabe für Bergbau-Areale in der Arktis vorerst nicht starten. Für viele ist das ein starkes Signal, dass der industrielle Rohstoffabbau am Meeresgrund keine Zukunft hat.
Doch auch wenn diese Entscheidung ein wichtiger Erfolg für den Meeresschutz ist, bleibt die Debatte um den Tiefseebergbau international hochaktuell. Die arktischen Lebensräume – und die dort lebenden Walarten – verdienen weiterhin Aufmerksamkeit und Schutz.
Im Folgenden stellen wir drei Walarten vor, die in der Arktis vorkommen – einschließlich der Regionen, die nun vorerst vor dem Tiefseebergbau geschützt sind und dies auch bleiben müssen.
Der Nördliche Entenwal
Der Nördliche Entenwal, auch liebevoll als Dögling bezeichnet, ist ein bemerkenswerter Schnabelwal, der für sein unverwechselbares Aussehen bekannt ist. Seine große, rundliche Stirn – die sogenannte Melone – ist nicht nur charakteristisch, sondern erfüllt auch eine wichtige Funktion für seinen akustischen Sinn, das Sonar. Mit seiner Hilfe navigiert der Schnabelwal durch die dunklen Tiefen des Ozeans, kommuniziert mit seinen Artgenossen und findet seine Nahrung, wie etwa Tintenfische, die er geschickt am Meeresboden aufspürt. Die Welt der Geräusche ist für den Nördlichen Entenwal von größter Bedeutung. Doch gerade diese akustische Sensibilität macht ihn auch besonders anfällig für Störungen.
Leider ist der Zustand der Entenwalpopulation ungewiss. In der Vergangenheit durch den Walfang dezimiert, sind diese Wale heute durch Umweltverschmutzung und vom Menschen verursachten Lärm bedroht. Studien zeigen, dass sie sehr empfindlich auf akustische Störungen durch Aktivitäten wie militärische Sonare und seismische Tests für Öl- und Gasbohrungen reagieren. Wenn in der Norwegischen See mit dem Tiefseebergbau begonnen wird, könnte dies schwerwiegende Folgen für diese schallabhängigen Lebewesen haben. Daher ist eine kontinuierliche Forschung unerlässlich, um die Wissenslücken zu schließen und zum Schutz dieser kaum erforschten Art beizutragen.
© Whitehead Lab
Nördliche Entenwale sind auf verschiedene Weise bedroht
Pottwale
Pottwale (siehe Foto oben) heißen auf englisch Sperm Whales und haben den Namen von der einzigartigen Substanz namens Spermaceti (auch Walrat oder Weißer Amber genannt). Diese wachsähnliche Substanz, die früher in Kerzen und Kosmetika verwendet wurde, dient als Auftriebshilfe und kann dem Druck während tiefer Tauchgänge zur Nahrungssuche standhalten. Sie befindet sich den großen, eckig wirkenden Köpfen der Wale. Apropos Kopfform: Diese gibt in Deutschland dem Wal ihren Namen, denn “Pott” ist plattdeutsch und bedeutet “Topf”, und man fand, der Kopf sehe aus wie ein Topf. Etwas despektierlich, in Wahrheit bietet die Form Platz für das größte Gehirn aller Tiere auf der Erde.
Pottwale sind in der Lage, so tief zu tauchen wie kaum ein anderes Lebewesen. In den dunklen Tiefen des Ozeans nutzen sie ein leistungsfähiges Sonar, um nach Nahrung zu suchen und zu navigieren, wobei sie Klicklaute zur Echoortung und zur Kommunikation untereinander erzeugen. Die Klickgeräusche sind mit dem Morsealphabet vergleichbar. Pottwal-Gruppen haben einen einzigartigen Kommunikationsstil, der sogar regionale Akzente aufweist.
Pottwale sind eine kosmopolitische Art und leben in allen Weltmeeren, von der Arktis bis zur Antarktis. Die Weibchen und Jungtiere leben in gemäßigten und tropischen Gewässern, während die Männchen polare Gewässer bevorzugen und zur Fortpflanzung in wärmere Gewässer wandern. Sie verfügen über einen einzigartigen Verteidigungsmechanismus gegen Raubtiere (etwa Schwertwale und Haie): Sie legen ihre Köpfe dicht beieinander und strecken ihre Schwänze aus, wie die Speichen eines Rades, so das die gefährdeten Kälber in der Mitte geschützt werden.
Die Pottwalpopulationen, die während der Ära des industriellen Walfangs stark bejagt wurden, haben sich noch nicht vollständig erholt. Heute sind sie durch menschliche Aktivitäten bedroht, etwa durch Zusammenstöße mit Schiffen, weggeworfene Fanggeräte wie Fischereinetze und Leinen, Plastikverschmutzung und Lärm. Pottwale werden von der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) weltweit und im Mittelmeer als gefährdet eingestuft.
Der Buckelwal
Buckelwale gehören zu den bekanntesten und beliebtesten Walen der Welt. Sie sind leicht an den markanten Höckern auf ihrem Kopf, den Falten entlang ihres Mauls und ihren spektakulären akrobatischen Kunststücken und Lautäußerungen zu erkennen. Diese Wale zeigen oft ein ausgeklügeltes Verhalten an der Oberfläche, wie das laute Aufschlagen beim Springen und Schwanzschlagen, das weithin sichtbare Spritzer erzeugt. Buckelwale machen die längsten Wanderungen aller Säugetiere der Welt.
Buckelwale geben eine breite Palette von Lauten von sich, darunter Stöhnen, Schreie, Quitschen und sogar Schnarchen, und kreieren damit Lieder. Die Wissenschaft erforscht noch immer, wie sich diese Gesänge im Laufe der Zeit und in verschiedenen Populationen verändern. Es wird angenommen, dass viele Rufe eine Rolle bei der Balz spielen, andere sind Rufe zwischen Müttern und Kälbern.
Diese Wale nutzen auch faszinierende Jagdstrategien. Eine dieser Techniken ist als Blasennetz-Technik bekannt, bei der Buckelwale gemeinsam Blasen abgeben, um einen kreisförmigen Vorhang oder ein Netz zu erzeugen und damit Fischschwärme zu fangen.
Buckelwale leben in allen Ozeanen und unternehmen ausgedehnte Wanderungen zwischen ihren sommerlichen Nahrungsgründen in der Nähe der Arktis und Antarktis und ihren wärmeren winterlichen Brutgebieten in den Tropen. Vor ihren Wanderungen müssen sie sich intensiv ernähren, um Energiereserven zu bilden.
Wie viele andere Walarten wurden auch Buckelwale zu kommerziellen Zwecken stark bejagt, was zu einem drastischen Rückgang ihrer Population führte. Seit dem Verbot des kommerziellen Walfangs haben sich viele Buckelwalpopulationen jedoch deutlich vom Rande der Ausrottung erholt.
© Paul Hilton / Greenpeace
Buckelwale leben in allen Ozeanen
Politische Kehrtwende in Norwegen – und was sie bedeutet
Die aktuelle Entwicklung ist ein Erfolg für den Meeresschutz – doch sie bedeutet keine endgültige Entwarnung. Die Tiefsee gilt als einer der letzten weitgehend unberührten Lebensräume unseres Planeten. Ihre Ökosysteme sind extrem langsam wachsend und empfindlich gegenüber Störungen. Für geräuschempfindliche Arten wie den Nördlichen Entenwal oder den Pottwal können industrielle Aktivitäten schwerwiegende Folgen haben.
Die gute Nachricht: Politische Entscheidungen können verändert werden. Schutzmaßnahmen können greifen. Populationen können sich erholen – wie der Buckelwal zeigt. Die Frage ist nun, welchen Weg wir einschlagen: kurzfristige Rohstoffinteressen oder langfristiger Schutz einzigartiger Lebensräume?
Jetzt helfen, die Heimat der Wale zu schützen
Die Wale der Arktis schwimmen weiterhin durch dunkle, kalte Gewässer. Ob diese Gewässer auch in Zukunft ein sicherer Ort für sie bleiben, liegt in unserer Hand.
Greenpeace hilft gemeinsam mit Unterstützenden auf der ganzen Welt, die majestätischen Wale vor der Bedrohung durch Menschen zu schützen. Wir setzen uns für streng geschützte Meeresschutzgebiete ein, in denen Wale sicher leben können, und dafür, dass der zerstörerische Tiefseebergbau nicht ihre empfindlichen natürlichen Lebensräume zerstört.