Greenpeace nimmt Kurs auf die Arktis: Einsatz für den Tiefseeschutz
Greenpeace war mit den Schiffen Witness und Arctic Sunrise im Nordatlantik unterwegs.
- Ein Artikel von Andi Nolte
- mitwirkende Expert:innen Franziska Saalmann
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Die Arktis ist in Gefahr. Doch anstatt wirksamen Schutz sicherzustellen, wollte die norwegische Regierung in ihren Gewässern vor Spitzbergen mit Tiefseebergbau beginnen. Deshalb nahmen Greenpeace Deutschland und Greenpeace Norwegen mit den Schiffen Witness und Arctic Sunrise im Sommer 2024 gemeinsam Kurs auf die Arktis, um das von Norwegen für den Tiefseebergbau vorgesehene Gebiet genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse der Expedition waren alarmierend.
Inmitten des geplanten Abbaugebiets dokumentierte die Crew eine hohe Präsenz tief tauchender, lärmsensibler Walarten. Der Report „Bedrohte Wale im geplanten Tiefseebergbaugebiet Norwegens”, liefert akustische und visuelle Belege für die ökologische Bedeutung dieser Region: Sichtungen von Pottwalen, Schnabelwalen, Finnwalen, Kaltwasser-Delfinen - darunter streng geschützte und bereits gefährdete Arten, die auf der Roten Liste stehen.
"Es ist für mich unlaublich berührend und motivierend hier so viele Wale zu sehen und zu hören. Das geplante Abbaugebiet ist ihr Lebensraum und wir können noch verhindern, dass Norwegen mit dem zerstörerischen Tiefseebergbau startet!"
Politische Kehrtwende in Norwegen
Nun gibt es eine bedeutende neue Entwicklung: Am 3. Dezember 2025 entschied die neue norwegische Regierung im Rahmen ihrer Haushaltsdebatte, für die kommenden vier Jahre keine Gelder für den Tiefseebergbau bereitzustellen. Damit wird die geplante Lizenzvergabe für Bergbau-Areale in der Arktis vorerst nicht starten.
Für die norwegische Tiefseebergbau-Industrie ist das ein deutliches Signal, dass der Rohstoffabbau am Meeresgrund keine politische Rückendeckung mehr hat. Mehrere Unternehmen haben bereits ihren Rückzug aus Norwegen angekündigt, da sich Investitionen in die Tiefseebranche wirtschaftlich nicht lohnen und der gesellschaftliche Widerstand zu groß ist.
Norwegens Entscheidung ist ein wichtiger Etappensieg – doch die Debatte um den Tiefseebergbau ist international noch nicht beendet.
Bedrohte Wale im geplanten Tiefseebergbaugebiet Norwegens
Anzahl Seiten: 14
Dateigröße: 1.55 MB
HerunterladenOrcas, Pottwale und Delfine: Artenvielfalt im geplanten Abbaugebiet
© Christian Åslund / Greenpeace
Die Schwanzfluke eines Pottwals beim Abtauchen vor dem Greenpeace-Segelschiff Witness, welches im August 2024 eine wissenschaftliche Expedition in der neu eingerichteten Tiefseebergbau-Region vor Norwegen durchgeführt hat.
Bereits im Sommer 2024 waren Greenpeace Deutschland und Greenpeace Norwegen mit den Schiffen Witness und Arctic Sunrise in der Arktis unterwegs. Die Ergebnisse dieser Expedition liegen nun vor, und sie sind alarmierend. Inmitten des geplanten Abbaugebiets dokumentierte die Crew eine hohe Präsenz tief tauchender, lärmsensibler Walarten. Der Report „Bedrohte Wale im geplanten Tiefseebergbaugebiet Norwegens”, liefert akustische und visuelle Belege für die ökologische Bedeutung dieser Region: Sichtungen von Pottwalen, Schnabelwalen, Finnwalen, Kaltwasser-Delfinen – darunter streng geschützte und bereits gefährdete Arten, die auf der Roten Liste stehen.
Interesse daran, wie eine solche Dokumentation klingt? Hier geht es zur Hydrophon-Aufnahme von Orcas!
Es ist eindeutig: Die Region ist ein bedeutender Lebensraum für gefährdete Meeressäuger. Sollte der Tiefseebergbau hier beginnen, wären diese sensiblen Arten massiv bedroht. Die gesammelten Daten helfen dabei, die Risiken des geplanten Tiefseebergbaus für Wale und Delfine besser zu verstehen – und stärken die wissenschaftliche Grundlage für dringend notwendige Schutzmaßnahmen.
Die Expedition 2024: Wissenschaft unter Segeln
Als Norwegen seine Pläne Ende 2024 zunächst auf Eis legte, war die Gefahr noch nicht gebannt. Das betroffene Gebiet – größer als das Vereinigte Königreich – wurde weiterhin untersucht. Greenpeace nutzte diese Phase, um wissenschaftliche Daten zu sammeln und Öffentlichkeit zu schaffen.
Die Crew zeichnete Unterwassergeräusche auf, sichtete Meeressäuger und dokumentierte ihre Präsenz. Ziel war es, nachzuweisen, wie artenreich und sensibel dieses Ökosystem ist – lange bevor industrielle Maschinen dort zum Einsatz kommen könnten.
Mit an Bord: Greenpeace-Meeresbiologin Franziska Saalmann, die das Projekt leitete.
Gespräch mit zwei Expertinnen
© Christian Åslund / Greenpeace
Greenpeace-Expertinnen Haldis Tjeldflaat Helle und Franziska Saalmann an Bord der Witness im Nordatlantik
Die Greenpeace-Umweltwissenschaftlerin Haldis Tjeldflaat Helle aus Norwegen und Greenpeace-Meeresbiologin Franziska Saalmann aus Deutschland sind 2024 gemeinsam durch die Arktis und das vorgesehene Abbaugebiet gesegelt. In einem kurzen Interview berichten Sie von ihren Eindrücken:
Eine Expedition in die Arktis – das ist etwas sehr Besonderes. Was habt ihr von der Expedition erwartet?
Haldis: Ich war total aufgeregt, endlich das Gebiet zu sehen, das wir schützen wollen! Ich hatte mit rauer See gerechnet, aber auch darauf gehofft, einige der erstaunlichen Wildtiere in der Region zu entdecken. In dieser Hinsicht wurden meine Erwartungen mehr als erfüllt – das Meer war ruhig, wenn auch etwas neblig, und wir entdeckten wirklich faszinierende Lebewesen. Ein besonders spezieller Moment war, als mitten im dichten Nebel plötzlich ein paar Orcas an unserem Boot vorbeizogen. Sie wirkten unglaublich geheimnisvoll und majestätisch, wie sie durchs Wasser glitten.
Franziska: Die Orcas waren für mich neben den Pottwalen auch ein absolutes Highlight. Insgesamt war die Expedition nach meinem Meeresbiologie-Studium eine großartige Chance, mit Wissenschaftler:innen über den Nordatlantik zu segeln, um Wale zu erforschen. Ich war sehr gespannt, mehr über die Tiere und die Technik, mit denen wir sie erforscht haben, zu lernen. Für die Arktis habe ich die dicksten Klamotten ausgeliehen und eingepackt, die ich auftreiben konnte - nur um dann festzustellen, dass es hier beunruhigend warm ist.
Die Arktis ist in Gefahr – Stoppt den Tiefseebergbau!
Die norwegische Regierung plant, in den Gewässern vor Spitzbergen Tiefseebergbau zu ermöglichen. Zwar sind die Pläne Ende 2024 vorerst gestoppt worden, doch die Bedrohung bleibt: Schon bald könnten Lizenzen vergeben werden – in einem Gebiet größer als das Vereinigte Königreich.
© Christian Åslund / Greenpeace
Blick aus der Kabine der Witness auf unruhiges Wetter
Mit einem Segelboot durch die Arktis zu reisen, bringt sicherlich einige Herausforderungen mit sich. Gab es Momente, die es euch schwer gemacht haben?
Haldis: Überraschenderweise war der schwierigste Moment auf der Reise die Strecke von Bergen nach Ålesund – bevor wir überhaupt in die Arktis gesegelt sind. Es war der erste Tag auf See, es regnete und das Meer war ziemlich unruhig, sodass sowohl ich als auch die beiden Forschungsassistenten für ein paar Stunden ziemlich blass aussahen. Aber Franzi schien völlig unbeeindruckt und tippte fröhlich auf ihrem Computer!
Franziska: Ich war tatsächlich in Ålesund eher ein wenig “landkrank” und hatte noch über Stunden das Gefühl, hin und her zu schwanken. Die Herausforderung auf dem Wasser war vor allem der Nebel, in den wir eingehüllt waren - wie sollten wir bei der schlechten Sicht gute Aufnahmen von Walen bekommen? Geklappt hat es trotzdem. Aber da habe ich wirklich jegliches Raum- und Zeitgefühl verloren, weil es in der Arktis im Sommer ja auch nicht dunkel wird.
Ihr nehmt sicherlich viele tolle Momente aus dieser Expedition mit nach Hause. Wollt ihr den schönsten mit uns teilen?
Haldis: Für mich war ein magischer Moment, als wir es geschafft hatten, unseren ersten Pottwal zu orten und zu identifizieren. Ich stand am Bug des Schiffes, und kurz bevor wir den Pottwal fanden, ritten Weißschnauzendelfine an der Bugwelle mit. Während wir den Pottwal beobachteten, tauchte ein Zwergwal auf und versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Gerade als die Fluke des Pottwals verschwunden war, wurde mir bewusst, wie viel Leben diese Gebiete beherbergen und wie viel wir noch von den erstaunlichen Kreaturen lernen können, die in diesen Teilen des Ozeans leben.
Franziska: Geht mir ganz genau so. Es war das erste Mal, dass ich einen Wal abtauchen gesehen habe – zuzusehen, wie sich die Fluke, also die Schwanzflosse, hoch aus dem Wasser hebt, bevor der Wal in die Tiefen des Meeres verschwindet, war wirklich magisch. Es hat mich auch sehr beeindruckt, die Klick-Töne, die sie zur Navigation und Jagd ausstoßen, wieder auf dem Hydrophon zu hören und so eine Verbindung zu ihrer Sprache und Welt zu bekommen.
Gab es etwas während der Expedition, das euch besonders überrascht hat?
Haldis: Die Menge an Delfinen! Ich bin keine Meeresbiologin, sondern Umweltwissenschaftlerin und war so darauf fokussiert, mich über Tiefseetiere und tief tauchende Wale zu informieren, dass ich mich völlig unvorbereitet fühlte für all die Delfingruppen, denen wir begegneten – und wie man nie müde wird, ihnen zuzusehen.
Franziska: Ich war erstaunt darüber, wie gut es geklappt hat, über das Hydrophon gehörte Pottwale aufzuspüren. Wir haben unseren Kurs angepasst und dann geschaut, ob die Töne, die wir hören, lauter werden. Gleichzeitig haben wir mit vereinten Kräften draußen Ausschau gehalten: Wer sieht den Wal? So konnten wir insgesamt vier oder fünf Pottwale an der Wasseroberfläche erkennen. Viele weitere konnten wir mit den Mikrofonen aufnehmen. Wie viele genau und welche Arten sich im Wasser tummelten, werden die Datenauswertungen mit dem Unterwassermikrofon ergeben. Die Crew hat außerdem einen super Job gemacht, mit dem Schiff immer in ausreichender Entfernung zu bleiben, um die Wale nicht zu stören oder zu bedrängen.
Warum ist Tiefseebergbau so gefährlich für die Walarten, die dort leben?
Franziska: Für den Rohstoffabbau in der Tiefsee kommen Maschinen zum Einsatz, die laute Geräusche verursachen. Wale, die ihr Gehör nutzen, um zu kommunizieren, zu navigieren und Beute zu finden, können durch diesen Lärm gestört oder sogar desorientiert werden. Dies kann zu Verhaltensänderungen führen. Manche Tiere verstehen einander nicht mehr, andere flüchten sogar. Außerdem würde Tiefseebergbau den Meeresboden großflächig zerstören, was den Lebensraum von Organismen am oder im Meeresboden stark beeinträchtigt. Wale leben nicht direkt am Meeresboden, aber die Zerstörung dieser Lebensräume kann ihre Nahrungsaufnahme stören, wenn beispielsweise die Nahrung ihrer Beutetiere betroffen ist. Tiefseebergbau findet zwar nur am Meeresboden statt, kann aber auch durch solche Kettenreaktionen die Zusammensetzung und Dynamik des gesamten Ökosystems verändern.
Und jetzt?
Die Arktis bleibt eines der empfindlichsten Ökosysteme unseres Planeten. Norwegens Entscheidung verschafft der Tiefsee eine dringend benötigte Atempause.
Doch ob daraus ein dauerhaftes Schutzsignal für andere Länder wird, ist noch offen.
Die Expedition hat gezeigt, wie viel Leben diese Gewässer beherbergen – von tief tauchenden Pottwalen bis zu neugierigen Delfinschulen.
Die Frage ist nicht nur, ob wir Rohstoffe abbauen können. Sondern ob wir bereit sind, einen der letzten weitgehend unberührten Lebensräume der Erde wirklich zu bewahren.