Diese Ressourcen aus dem Meer will die Tiefseebergbauindustrie plündern
Jahrmillionen gewachsen, in Minuten zerstört
- Ein Artikel von Andi Nolte
- Hintergrund
Die Tiefsee ist einer der am wenigsten erforschten und faszinierendsten Lebensräume unseres Planeten. Sie beherbergt nicht nur eine einzigartige Artenvielfalt, sondern auch Rohstoffe, die die Industrie ins Visier genommen hat. Doch dieser Schatz hat seinen Preis: den Verlust unersetzlicher Ökosysteme. In den verschiedenen Regionen der Ozeane lagern unterschiedliche metallische Ressourcen. Die Industrie hat es vor allem auf drei Arten von Lagerstätten abgesehen: Manganknollen, Kobaltkrusten und Schwarze Raucher (Massivsulfide).
Manganknollen – der umstrittene Schatz des Pazifiks
©Bribiesca-Contreras et al, 2025 The National Oceanography Centre
Tiefseekoralle auf einer Manganknolle
Der Schatz, den die Tiefseebergbauindustrie auf dem Meeresboden im Pazifik sucht, heißt Manganknolle. Solche Knollen befinden sich in einer Tiefe von 3.000-6.000 Metern, insbesondere im Pazifischen Ozean. Man kann sie sich als braun-schwarze Mineral-Klumpen vorstellen, die etwa handgroß in der oberen Schicht des Meeresbodens liegen. Sie wachsen hier in einem Schneckentempo, gerade einmal wenige Millimeter in einer Million Jahre. Manganknollen bestehen vorwiegend aus Mangan- und Eisenverbindungen, enthalten aber auch andere Metalle. Wirtschaftlich ebenfalls interessant sind Nickel, Kupfer und Kobalt, die in der Masse aber nur bis etwa 3 Prozent einer Knolle ausmachen.
©NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Hohonu Moana 2016
Die Tiefseekrake "Casper", entdeckt an der Necker Ridge, Hawaii, in 4290 Metern Tiefe. Ihr Mantel ist etwa 6,4 Zentimeter lang. Diese Aufnahme entstand mit dem US-amerikanischen Tauchroboter Deep Discovery.”
Eines der größten Vorkommen von Manganknollen befindet sich in der Clarion-Clipperton-Zone in der Tiefsee des Pazifik zwischen 4.000 und 6.000 Metern. Auf Manganknollen wachsen unterschiedlichste Wesen wie Korallen und gestielte Schwämme. Die polymetallischen Knollen bilden wiederum die Lebensgrundlage für andere, bewegliche Arten. Ein Beispiel ist eine erst vor wenigen Jahren entdeckte Mini-Krake, die aufgrund ihres transparenten, geisterhaften Aussehens “Casper” getauft wurde. Diese legt ihre Eier auf die Manganknollen, klammert sich an den dort wachsenden Schwämmen fest und bewacht ihre Brut bis zu vier Jahre lang.
© Fred Dott / Greenpeace
Manganknollen
2023 hat das Alfred Wegener Institut (AWI) Forschungsergebnisse veröffentlicht, wonach Manganknollen eine erhöhte radioaktive Strahlung aufweisen. Es ist völlig unklar, wie hoch das Risiko bei der Arbeit mit Manganknollen oder einer Lagerung in großen Räumen (wie es bei Bergbauarbeiten auf See der Fall wäre) ist. Der neue Raubbau in der Tiefsee bringt also neben den Meeren wahrscheinlich auch die Menschen in Gefahr, die im neuen Industriezweig vor Ort arbeiten werden.
Darüber hinaus könnte Tiefseebergbau weitere alte koloniale Muster wiederholen: Die meisten Unternehmen stammen aus wohlhabenden Industrienationen, rohstoffreiche Länder verfügen oft nicht über die notwendige Technologie oder die finanziellen Mittel für den eigenständigen Abbau. Stattdessen sind sie gezwungen, Lizenzen an ausländische Firmen zu vergeben – meist zu wirtschaftlich ungünstigen Bedingungen.
Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) soll sich um die Verwaltung von Bodenschätzen in der Tiefsee kümmern, steht jedoch in der Kritik, eher die Interessen großer Unternehmen als den Schutz betroffener Länder zu berücksichtigen. Während Metalle wie Kobalt, Nickel und Kupfer exportiert werden würden, bliebe die lokale Wertschöpfung aus und die betroffenen Länder wirtschaftlich abhängig. Ähnlich wie beim Landbergbau in vielen ehemaligen Kolonien erhalten die Menschen die dort leben kaum wirtschaftliche Vorteile, während Umweltzerstörung ihre Lebensgrundlagen – etwa die Fischerei – bedroht. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt bereits, wie gefährlich und ungerecht der Tiefseebergbau werden kann: Das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals erhielt 2011 die erste Genehmigung für Tiefseebergbau in den Hoheitsgewässern von Papua-Neuguinea. Doch statt wirtschaftlichem Aufschwung brachte das Projekt Solwara I nur massive Verluste – für die Bevölkerung, nicht für die Investoren. Umweltgruppen und Einheimische protestierten, rechtliche Auseinandersetzungen folgten, und 2019 ging das Unternehmen bankrott. Zurück blieb ein Schuldenberg von 120 Millionen US-Dollar für die Regierung Papua-Neuguineas. Inselstaaten wie Palau, Fidschi und Samoa fordern daher ein Moratorium für den Tiefseebergbau, da die Risiken für Ökosysteme und lokale Wirtschaftszweige wie Tourismus und Fischerei zu hoch seien. Eine gerechtere Alternative wäre eine globale Rohstoffstrategie, die auf Menschenrechte, Recycling und Kreislaufwirtschaft setzt, statt unberührte Ökosysteme und lokale Gemeinschaften zu gefährden.
Metalle in der Arktis – Kobaltkrusten und Schwarze Raucher
© Jan Steffen/GEOMAR
Kobaltkruste
Durch vulkanische Aktivität am Meeresboden sind über Millionen Jahre hinweg riesige Unterwassergebirge entstanden – sogenannte Seeberge oder Seamounts. Diese Giganten, von denen es schätzungsweise 33.000 in den Weltmeeren gibt, ragen bis zu 4.000 Meter in die Höhe. Ihre sedimentfreien Flanken sind oft mit steinharten, metallhaltigen Belägen überzogen, die in der Fachwelt als kobaltreiche Eisenmangankrusten oder kurz Kobaltkrusten bekannt sind.
Ähnlich wie Manganknollen entstehen diese Krusten über Millionen Jahre hinweg, indem sich Metallverbindungen aus dem Wasser auf dem Gestein ablagern – jedoch noch langsamer: Sie wachsen nur 1 bis 5 Millimeter pro Million Jahre. Diese extrem lange Entstehungszeit macht sie ökologisch besonders wertvoll, denn sie bieten Lebensräume für ganz besondere Tiefseeorganismen, die an diese einzigartigen Bedingungen angepasst sind.
Die Tiefseebergbauindustrie sieht in Kobaltkrusten eine begehrte Rohstoffquelle, da sie große Mengen an Kobalt, Nickel, Mangan und anderen Metallen enthalten. Doch der Abbau wäre technisch aufwändig: Um an die Metalle zu kommen, müssten Kobaltkrusten von den Felsen abgefräst werden – mit schwerwiegenden Folgen für die Ökosysteme. Die Umweltzerstörung ist nicht minder gravierend als die durch den Abbau von Massivsulfiden oder Manganknollen.
© GEOMAR Schmidt Ocean Institute CSSF
Schwarzer Raucher, Niua
Die Tiefseebergbauindustrie hat es in der Arktis außerdem auf Schwarze Raucher abgesehen: Das sind Quellen am Meeresboden, die heißes Wasser ausspucken und dabei einen Cocktail aus verschiedenen chemischen Elementen enthalten. Diese Lösung kann bis zu 400 Grad Celsius heiß werden und setzt besonders viel Schwefel und Eisen, aber auch Kupfer, Zink und andere Mineralien frei. Diese Mineralien häufen sich an und bilden Schornsteine, die sogar bis zu 30 Meter hoch werden können. Die Schwarzen Raucher geben vielen Arten ein Zuhause, beispielsweise Krebsen, aber auch vielen Mikroorganismen, die ganz unten in der Nahrungskette stehen.
Das sind die Argumente der Tiefseebergbauindustrie
Argument Nummer 1: “Eine Batterie in einem Stein - Manganknollen sind der sauberste Weg hin zu Elektrofahrzeugen”, schreibt das Unternehmen “The Metals Company” auf seiner Webseite. Laut Schätzungen der Metallindustrie werden die Vorräte der benötigten Metalle für die Energiewende, beispielsweise für Batterien von Elektroautos, in den irdischen Minen in den kommenden Jahrzehnten erschöpft sein.
Der Gegencheck: Brauchen wir Tiefseebergbau für Elektroautos, Batterien, etc. wirklich?
Greenpeace hat eine Studie beim Öko-Institut in Auftrag gegeben, die untersucht, ob Tiefseebergbau wirklich für die Energiewende gebraucht wird.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Metalle aus der Tiefsee nicht benötigt werden. Zentrale und seltene Batterie-Rohstoffe wie Lithium und Graphit können aus den in der Tiefsee vorhandenen Manganknollen nicht gewonnen werden: Einerseits enthalten sie kein Graphit. Andererseits ist Lithium nur in solch geringen Mengen enthalten, dass sich ein Herauslösen wirtschaftlich überhaupt nicht lohnen würde.
Zwar könnten relevante Kobalt- und Nickelmengen aus den Manganknollen gewonnen werden – aber realistischerweise erst nach 2030. Die Entwicklung der Technologien wird in Zukunft das Metall in Batterien durch günstigere und verfügbare Metalle (Mangan, Eisen und Phosphate) ersetzen - teilweise ist dies bereits der Fall. In China steigt die Nachfrage, auch Tesla experimentiert mit nickel- und kobaltfreien Batterien. Der Marktanteil von diesen sogenannten LFP (Lithium-iron-phosphate)-Batterien ist von etwa 5 % im Jahr 2019 auf etwa 30 % im Jahr 2022 gestiegen und hat bereits viele Nickel- und/oder Kobaltbatterien in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum ersetzt.
Das liegt auch daran, dass beispielsweise die Kosten für Kobalt in den letzten Jahren rapide gestiegen sind: Sie haben sich vom Jahr 2021 aufs Jahr 2022 mehr als verdoppelt. Das macht den Rohstoff für die Verkäufer:innen interessant, Kaufende aber schauen sich nach Alternativen um. Da der Trend sich vom Kobalt weg und hin zu anderen Metallen entwickelt, ist sein Nutzen für den Ausbau der E-Mobilität zeitlich begrenzt.
Auch Mangan könnte aus den Knollen gewonnen werden. Das Metall ist aber verfügbarer und günstiger, und eine erhöhte Nachfrage für Batterien hätte nur sehr begrenzte Auswirkungen auf den Weltmarkt für diese Rohstoffe. Für die Batterieherstellung ist im Bezug auf Mangan keine Knappheit zu erwarten.
Fazit: Die Tiefseebergbau-Industrie kann sich mit Kobalt und auch Nickel aus den Manganknollen in den kommenden Jahren eine goldene Nase verdienen - beispielsweise in der Stahlproduktion. Der Bedarf für Elektroautos und eine grüne Verkehrs- und Energiewende lässt sich auch ohne Ausbeutung der Tiefsee decken.
Argument Nummer 2: Manganknollen können umweltschonend und “sauber” “geerntet” werden, denn: Sind die Maschinen einmal auf dem Meeresgrund, können sie die Knollen ganz leicht aus der obersten dünnen Schicht aufsammeln und an die Oberfläche pumpen.
Der Gegencheck: Können Manganknollen umweltschonend gesammelt werden?
Nein. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Tiefseebergbau-Lobby schadet das Vorhaben dem Ökosystem massiv: Einerseits sind die Manganknollen ein essenzieller Bestandteil eines kaum erforschten Ökosystems. Andererseits können sie dem Meeresboden nicht ohne Auswirkungen entnommen werden.
Um die Manganknollen einzusammeln, saugen die Tiefsee-Planierraupen die obersten 10 cm des Meeresbodens auf und filtern die Knollen heraus. Mit Ausnahme von ein paar Bakterien, die tiefere Schichten bewohnen, befinden sich alle Lebewesen des Meeresbodens in dieser obersten Schicht. Heißt: Zerstören wir diese Schicht, zerstören wir praktisch das gesamte Ökosystem in dem Abbaugebiet. Und das in keinem geringen Maße: Pro 5.000 Tonnen abgebauten Manganknollen muss rund ein Quadratkilometer Meeresboden abgebaut werden. Damit würden Tausende von entdeckten und unentdeckten Arten in kürzester Zeit ausgelöscht.
Durch den Abbau wird das Sediment des Bodes aufgewirbelt, das sich nur langsam wieder absetzt. Damit wird das Wasser getrübt und auch für die Nicht-Bodenlebewesen für eine unbestimmte Zeit unbewohnbar. Die Staubwolke driftet außerdem in andere intakte Gebiete, setzt sich dort ab, sodass die Bodenlebewesen dort zu ersticken drohen.
Wie sehr die Entnahme der Knollen dem Ökosystem zusetzt, zeigt eine Langzeitstudie, die im Jahr 1989 startete: Vor Peru wurde ein Stück des Tiefsee-Meeresboden umgepflügt. Untersuchungen seitdem zeigen, dass sich das Ökosystem in den letzten drei Jahrzehnten immer noch nicht erholt hat. Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern wird, bis sein ursprünglicher Zustand wiederhergestellt ist.
Zudem zeigt eine neue Studie von Greenpeace: Tiefseebergbau würde 30 verschiedene Walarten durch Lärm, Lebensraumzerstörung und Abnahme ihrer Beutetiere gefährden.
Die Tiefsee und der Meeresboden spielen eine zentrale Rolle als Speicher von CO2 im Klimakrise. Das vom Meer aufgenommene CO2 sinkt durch die sogenannten Kohlenstoffpumpen in die Tiefen und wird dort teilweise im Sediment eingelagert. Wühlen die Tiefsee-Planierraupen das Sediment auf, wird das Treibhausgas wieder freigesetzt und die Ozeane versauern noch stärker. Wissenschaftler:innen des ‘International Programme on the State of the Oceans’ haben vor kurzem gewarnt: Jeder Schaden, der durch menschliche Aktivitäten in der Tiefsee verursacht wird, würde mit den Auswirkungen des Klimawandels interagieren und diese verschärfen. Die Widerstandsfähigkeit der Tiefseetiere und -ökosysteme würde so noch weiter verringert werden.
Fazit: Tiefseebergbau zerstört an Ort und Stelle den Meeresboden und dessen Ökosystem sowie das Leben in der näheren Umgebung. Zusätzlich bedroht er unzählige schwimmende Meeresbewohner, deren Lebensraum teilweise kilometerweit entfernt durch Sedimentwolken, Lärm, Versauerung der Meere und Abnahme der Beutetiere unbewohnbar wird. Der Schaden, der durch Tiefseebergbau verursacht wird, würde mit den Auswirkungen des Klimawandels interagieren und diese verschärfen.
Argument Nummer 3: Tiefseebergbau verhindert Menschenrechtsverletzungen, denn: Der Metallabbau in den irdischen Minen geht häufig mit Menschenrechts- oder Landrechtsverletzungen (beispielweise Kinderarbeit im Kongo), Umweltzerstörung und hohen Emissionen einher.
Der Gegencheck: Verhindert Tiefseebergbau Menschenrechtsverletzungen?
Zunächst: Die Tiefsee gehört als ‘Erbe der Menschheit’ allen Menschen. Daher tritt es die Rechte aller Menschen mit Füßen, wenn Unternehmen den Meeresboden für den eigenen Profit zerstören. Des Weiteren: Ein Unrecht darf nicht gegen ein anderes aufgewogen werden. Vor allen Dingen: Kinderarbeit und Landraub müssen dringend und generell abgeschafft werden. Hier hilft nur ein starkes Lieferkettengesetz, das Menschenrechtsverletzungen verbietet.