Tierhaltung in der Landwirtschaft

Mehr Tierleid als Tierwohl

Zu viele Tiere, zu schlechte Haltung, zu wenig Sanktionen bei Verstößen gegen den Tierschutz: Es läuft einiges schief in der Nutztierhaltung.

Eine Frage der Haltung

Tiere artgerecht zu halten, ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern hilft auch dem Umwelt- und Klimaschutz.

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Eine unvorstellbar große Zahl: Mehr als 770 Millionen Schweine, Rinder, Hühner, Puten, Schafe und weitere Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Im Gegensatz zu Millionen liebevoll umsorgten Haustieren erleiden sie in der Regel ein kurzes, qualvolles Leben. Die gesetzlichen Mindestregeln bei der Haltung von Nutztieren sind immer noch viel zu schwach; sie verstoßen beispielsweise bei der Schweinehaltung gegen das deutsche Tierschutzgesetz und damit gegen die Verfassung. Greenpeace fordert, die Haltungsvorschriften zu verschärfen und sie den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Tierverhaltensforschung anzupassen: weniger Tiere, dafür in artgerechter Haltung.

Auch aus Gründen des Klima-, Umwelt und Gewässerschutzes ist ein solcher Umbau dringend notwendig. Intensive Tierhaltung ist weltweit für rund 15 Prozent der ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich, dazu zählen unter anderem klimaschädliche CO2- und Methan-Emissionen. Allein in Deutschland landen jährlich mehr als 200 Millionen Tonnen Gülle auf den Feldern und belasten das Grundwasser mit Nitrat. Hinzu kommt, dass für die Millionen Tiere in der Landwirtschaft hierzulande nicht genügend Flächen für den Anbau eiweißreicher Futtermittel wie Soja vorhanden sind. Doch die Importe aus Übersee haben Folgen für Wald, Klima und Gesundheit. In südamerikanischen Ländern wie Brasilien werden für den Anbau von Soja großflächig Wälder und ökologisch wertvolle Flächen zerstört. Zudem kommt es auf den Soja-Plantagen zu einem massiven Einsatz gefährlicher Ackergifte wie Glyphosat.  

Zertifizierungen und Gütesiegel wie Demeter, Bioland oder Neuland stehen für eine bessere Tierhaltung. In der konventionellen Landwirtschaft sind hingegen etliche Formen der Qualhaltung erlaubt: Milchkühe und Schlachtrinder werden teilweise immer noch in Anbindehaltung und auf ungeeignetem Untergrund gehalten, wodurch sie vielfach Verletzungen davontragen. Auch das Kükenschreddern und Vergasen männlicher Küken in Brütereien ist immer noch trauriger Standard und kostet jährlich mehr als 40 Millionen Tiere das Leben. 

Missstände in der Schweinehaltung

Besonders deutlich wird die Kluft zwischen Tierwohl und Gesetz im Bereich der Schweinehaltung. Die gängige konventionelle Schweinemast und Ferkelproduktion verstößt aus Greenpeace-Sicht gegen Verfassung und Tierschutzgesetz. Damit befasst sich mittlerweile auch das Bundesverfassungsgericht, nachdem der Berliner Senat auf Basis eines Greenpeace-Rechtsgutachtens eine Normenkontrollklage in die Wege geleitet hatte.

Die Probleme in der deutschen Schweinehaltung werden in der Fachdebatte mit den "drei K" zusammengefasst: Kupieren, Kastration und Kastenstand. Denn rund 40 Millionen Ferkeln wird kurz nach der Geburt qualvoll der Ringelschwanz abgeschnitten, rund 20 Millionen Ferkel ohne Betäubung schmerzvoll die Hoden entfernt. Beides widerspricht EU-Recht, ist aber hierzulande gängige Praxis. Die Schweinemütter und trächtigen Sauen werden wochenlang in engen Gitterkäfigen, dem sogenannten Kastenstand, fixiert. Ein Fünftel der Jungtiere überlebt die Schweinemast nach SWR-Recherchen nicht, sondern stirbt frühzeitig oder muss notgeschlachtet werden.

Agrarsubventionen sinnvoll einsetzen

Ist das artgerecht? Einem 110-Kilo-Mastschwein stehen nur 0,75 Quadratmeter Platz zu, ein konventionell gehaltenes Huhn vegetiert dicht an dicht mit tausenden weiteren Leidensgenossen im Stall. Doch der Um- bzw. Neubau tiergerechter Ställe und Ausläufe ist teuer. Landwirtinnen und Landwirte brauchen deshalb Sicherheit, dass sich ihre Investitionen auch langfristig lohnen. Letztlich hängt Tierwohl am Geld – und das ist eigentlich zu Genüge vorhanden. Der Topf für EU-Agrarsubventionen beinhaltet 58 Milliarden Euro jährlich. Doch das alte Verteilungsprinzip fördert eine Landwirtschaft, die auf Kosten von Tieren, Klima und Umwelt geht. Es bedarf dringender Reformen. Betriebe, die tierwohl- und umweltschonend wirtschaften, sollten finanziell belohnt bzw. bereits bei der Umstellung unterstützt werden. Und nicht zuletzt: Deutschland muss seinen Alleingang aufgeben und sich an EU-Vorgaben halten – sei es bei der Tierhaltung, der Düngeverordnung oder der Erreichung von Klimazielen.  

Tierwohl gibt es nicht zu Schleuderpreisen

Politik, Handel und Betriebe schieben gerne ihre gesellschaftliche Verantwortung einer Rahmensetzung von sich und weisen darauf hin, dass die Mehrheit beim Einkauf eher günstig als tierwohlgerecht wähle. Doch die Mehrheit der Deutschen ist laut einer Umfrage bereit, mehr Geld auszugeben, wenn den Tieren damit wirklich geholfen ist. Greenpeace hat 2020 mit der Tierwohl-Abgabe einen Vorschlag für eine Steuerreform vorgelegt, bei dem der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf Fleisch aufgehoben wird und Obst und Gemüse dafür steuerlich begünstigt werden. Parallel muss eine einheitliche staatliche Haltungskennzeichnung für Fleisch mehr Transparenz beim Einkauf herstellen. Obwohl auch Handel und Industrie ein verpflichtendes Label befürworten, versteift sich Landwirtschaftsministerin Klöckner auf ein freiwilliges “Tierwohl-Label”, das nur für Schweinefleisch gelten soll. Dabei zeigt das Beispiel Hühner-Ei, wie die Nachfrage nach tierischen Produkten aus guter Haltung deutlich steigen kann, wenn diese, wie es seit 2004 sogar EU-weit Pflicht ist, klar und einheitlich gekennzeichnet sind. (Fallbeispiel Ei-Kennzeichnung, ab Seite 8). 

Greenpeace empfiehlt, Fleisch, Milch oder Eier lieber selten und nur aus guter Haltung zu beziehen. Was hinter den geläufigen Siegeln und Labels steckt, erklärt der Greenpeace-Siegelratgeber.

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