Tschernobyl damals und heute

Verstrahlt für tausende Jahre

Der Super-GAU von Tschernobyl 1986 setzte laut WTO mehr Radioaktivität frei als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Über die Opfer wird weitgehend geschwiegen.

Die strahlende Ruine von Tschernobyl

Es sollte ein Experiment sein und wurde zum Super-GAU: Menschliche Fehler und technische Mängel führten 1986 zum bis dahin größten Unfall in der Geschichte der zivilen Atomkraft.

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Was in Tschernobyl geschah, war mehr als ein Unfall - es war die nukleare Apokalypse: Ein Reaktor fliegt in die Luft und keine Technik der Welt kann das Verhängnis abwenden. Ein riesiges Gebiet radioaktiv verseucht, tausende Menschen dem Tod geweiht, tausende krank. Hunderttausende in Angst vor dem, was sie noch erwartet. Und ein Ende nicht abzusehen, bis heute. 

 

Der Unfall

Bei einem Test gerät Reaktor 4 des ukrainischen AKW Tschernobyl am 26. April 1986 außer Kontrolle. Er explodiert und schleudert eine radioaktive Wolke in die Atmosphäre, die über ganz Europa zieht. 150.000 Quadratkilometer Land – eine Fläche größer als Griechenland - werden so stark verstrahlt, dass rund 350.000 Menschen umgesiedelt werden oder flüchten. Insgesamt sind über acht Millionen Menschen betroffen.

Zehn Tage lang brennt der Block. Zwischen 600.000 und 800.000 Helfer aus der gesamten Sowjetunion schickt die Regierung zu Aufräumarbeiten nach Tschernobyl, die sogenannten Liquidatoren. Unzulänglich geschützt, räumen sie mit normalen Schaufeln hochradioaktive Trümmer beiseite, die auf einer der 800 Atommüll-Deponien im Umfeld des AKW landen. 40 Sekunden am Stück dürfen die Helfer sich an Ort und Stelle aufhalten – eine Schaufel voll und weg. Bis heute weiß niemand, wie viele Menschen damals innerhalb von Monaten starben. Die sowjetischen Behörden hielten die Daten geheim. Was jedoch bekannt ist: 93.000 Menschen sind allein an Krebs in Folge der Katastrophe gestorben oder werden daran sterben. Noch 1986 wird in aller Eile eine Schutzhülle aus Stahlbeton um die strahlende Ruine errichtet, der Sarkophag. Schon wenige Jahre später zeigt er erste Risse.

Der neue Sarkophag

2012 beginnt der Bau einer neuen Schutzhülle. Die Herausforderung ist gewaltig, die Kosten explodieren, der ursprüngliche Zeitplan ist nicht zu halten. Wegen der hohen Strahlung kann der neue Sarkophag nicht direkt über dem Reaktor errichtet werden, er entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft. Sobald er fertiggestellt ist, soll er auf Schienen über die alte einsturzgefährdete Hülle gezogen werden – bei einem Bauwerk dieser Größe absolutes Neuland für die Ingenieure.

Schon jetzt ist klar: Auch diese Schutzhülle wird nicht von Dauer sein. Sie ist für 100 Jahre ausgelegt. Ob es gelingt, die Reaktorruine in ihrem Inneren zurückzubauen und ihre strahlenden Massen zu entsorgen, ist ungewiss. Ein Konzept gibt es bislang nicht.

Verseuchtes Land

Ebenso fehlt ein Plan für die Dekontaminierung der Region. Nach dem Unfall wurden ganze Dörfer in Gruben versenkt und zugeschüttet. Dreißig Jahre später sind immer noch über 10.000 Quadratkilometer Land für die Ernährung nicht nutzbar. Obst, Gemüse, Beeren, Pilze, das Gras für die Milchkühe weisen hohe Strahlungswerte auf. Diese 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl ist für tausende Jahre nicht mehr zu bewohnen.  

Zehn Kilometer um das Kraftwerk herum wird die Gegend noch für Zehntausende von Jahren unbewohnbar bleiben. Innerhalb dieser Zone liegt Pripjat, eine Geisterstadt mit ehemals rund 50.000 Einwohnern. Pripjat ist mit hochgiftigem Plutonium verseucht, einem Spaltprodukt aus Atomkraftwerken mit einer Halbwertzeit von 24.400 Jahren.  

Und Strahlung ist unberechenbar: Auch außerhalb der evakuierten Gebiete wurden sogenannte „Hot Spots“ entdeckt, Gebiete mit hoher radioaktiver Kontamination. Diese Gegenden sind normal bewohnt, es gibt keine Zugangsbeschränkungen. Die Menschen sind der Strahlung schutzlos ausgeliefert.

Krankheit, Tod, Angst

Die Folgen des Super-GAU wurden von Beginn an systematisch heruntergespielt – eine Tendenz, die auch in Fukushima zu beobachten ist. Greenpeace hat 2006 mit dem „Tschernobyl-Gesundheitsreport“ ein wenig Licht in das Dunkel gebracht. Im März 2016 erschien der neue Greenpeace-Report Nuclear Scars – Die endlosen Katastrophen von Fukushima und Tschernobyl. Er weist nach, dass der Unfall von Tschernobyl 1986 sich bis heute auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung auswirkt. Niedrigere Geburtenraten, eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Missbildungen, aber auch Depressionen und Suizide zeigen, dass die Katastrophe noch lange nicht ausgestanden ist.

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