Skip to main content
Jetzt spenden
Landkarte von Fukushima zeigt die radioaktive Verseuchung
© Daniel Müller

Fukushima

Die mehrfache Katastrophe in Japan

Der 11. März 2011 versetzte Japan in einen Ausnahmezustand, der bis heute anhält. Die dreifache Katastrophe von Erdbeben, Tsunami-Flutwelle und Supergau traf das Land bis ins Mark.

Der 11. März 2011 ging als einer der schlimmsten Schicksalstage Japans in die Geschichte ein. Eine Dreifach-Katastrophe suchte das hochtechnisierte Industrieland heim: Ein Erdbeben in bisher nie dagewesener Stärke 9,0, ein gewaltiger Tsunami und – dadurch ausgelöst – ein atomarer Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit fatalen Folgen. 

Die bis zu 15 Meter hohe Tsunamiwelle überspülte einen 1000 Meter breiten Landstrich an der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu. Das Wasser brach auch über das AKW mit seinen sechs Atomreaktoren herein – der Beginn einer nuklearen Katastrophe.

Große Teile der japanischen Landesfläche wurde rund um Fukushima Daiichi kontaminiert. Mehr als 18.000 Menschen verloren durch Erdbeben und Tsunami ihr Leben, 160.000 mussten aufgrund der radioaktiven Verseuchung evakuiert werden. Viele weitere leiden unter Traumata, bei Kindern treten zudem vermehrt Schilddrüsenerkrankungen auf. Im Oktober dieses Jahres bestätigte das japanische Gesundheitsministerium offiziell den ersten Leukämiefall eines Arbeiters in der havarierten Atomanlage, der in direktem Zusammenhang mit dem Unglück steht.

Die Wucht der Tsunami-Welle ließ die Kühlung der Atomreaktoren im AKW Fukushima Daiichi ausfallen. In den Blöcken 1,2 und 3 kam es zur Kernschmelze. Schließlich explodierten die drei Reaktorgebäude; große Mengen radioaktiver Strahlung traten aus. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Häuser sofort verlassen. Die meisten der Menschen leben bis heute in Flüchtlingscamps oder Sozialwohnungen.

Der Betreiber des Atomkraftwerks, die Tokyo Electric Power Company, hat in den vergangenen Jahren zehntausende Arbeiter eingesetzt, um die Lage in Fukushima unter Kontrolle zu bringen und die Region von der radioaktiven Kontamination zu säubern – mit mäßigem Erfolg. Auf angeblich dekontaminierten Feldern fand Greenpeace Werte von mehr als zehn Millisievert pro Jahr, ein Zehnfaches des international zulässigen Grenzwertes. Zum Vergleich: Fünf Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 wurden dort im Umkreis von 30 Kilometern Werte von nur fünf Millisievert gemessen – und dieses Gebiet ist bis heute gesperrt.

Auswirkungen bis heute: verseuchtes Meer, kontaminierte Dörfer

Die Lage um das gesperrte Atomkraftwerk ist heute noch immer schwierig: Täglich werden hunderte Tonnen Wasser in die Anlage gepumpt, um die Reaktoren zu kühlen. Ohne diese Kühlung, die noch jahrelang weitergeführt werden muss, stiegen die Temperaturen erneut und führten zu weiteren Kernreaktionen. Inzwischen sind dabei etwa 320.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser angefallen. Es lagert in Stahltonnen auf dem Gelände der Anlage oder wurde in den Pazifik abgelassen. Mehr als 400 Tonnen verseuchtes Wasser flossen nach dem Unfall ins Meer vor Japan, wo die Strahlung Meereslebewesen trifft und somit am Ende auch in die menschliche Nahrung gelangt.

Japan steht zudem vor dem Problem, wo das Land die Tonnen verstrahlten Mülls lagern soll, die bei Dekontaminierungsarbeiten in der Evakuierungszone anfallen. Bislang sind es 8,4 Millionen Kubikmeter – diese Menge könnte das Baseballstadion Tokyo Dome bis zu 23-mal füllen. Die Säcke werden derzeit provisorisch an mehr als 141.000 Standorten rund um das Kraftwerk gelagert. Und in den kommenden Jahren werden weitere Millionen Tonnen Strahlenmüll hinzukommen.

Wo es möglich ist, tragen Arbeiter in der Evakuierungszone eine 5 Zentimeter dicke Erdschicht ab. Ist ein Dorf offiziell „dekontaminiert“ sollen seine Bewohner zurückkommen. Doch aus den Wäldern, mit den Flüssen und dem Regen kehrt die Radioaktivität zurück. Niemand kann die Wälder und Berge von Fukushima sicher dekontaminieren. Das wissen auch die Bewohner der Region – viele wehren sich deshalb gegen ihre erzwungene Rücksiedlung. Seit 2017 werden Teile der geräumten Gebiete wieder besiedelt werden, die Opfer erhalten dann keine Kompensationszahlungen mehr.

Greenpeace misst in Fukushima

Gleich nach dem Unfall, im April 2011, fuhren erstmals Greenpeace-Experten nach Fukushima, um die radioaktive Belastung der Häuser, Straßen, Dörfer, Wälder und Wiesen zu messen. Zahlreiche Messungen außerhalb der 20-Kilometer-Evakuierungszone zeigten, dass die Strahlung an vielen Hotspots eine ernsthafte Bedrohung der Gesundheit darstellt. Greenpeace forderte, die Zone auf 30 Kilometer auszuweiten, doch erst Wochen später gab die japanische Regierung den Warnungen nach. Viele Bewohner der Region Fukushima fühlten sich von der Regierung und von TEPCO hinters Licht geführt.

Seitdem reist Greenpeace fast jährlich in die betroffene Region, um die radioaktive Verseuchung zu messen und zu dokumentieren. Für die Menschen vor Ort ist das sehr wichtig. Denn ihrer eigenen Regierung trauen sie nur bedingt. Vor allem der Druck, in die verstrahlten gebiete zurückkehren zu sollen, macht den Menschen Angst. Zu Recht, wie die Greenpeace-Messungen beweisen. Jedes Jahr finden die Messteams wieder radioaktive Hotspots. Sicher ist die Gegend um Fukushima noch lange nicht.

Mehrheit in Japan für erneuerbare Energien

Die Folgen des Super-GAUs sind noch lange nicht behoben. Daher ist es umso unverständlicher, dass die japanische Regierung in 2015 mit Sendai 1 und 2 in der südlichen Provinz Kagoshima zwei ihrer Atomreaktoren wieder angefahren hat. Nach dem Nuklearunfall hatte Japan alle Atomkraftwerke abgeschaltet; fast zwei Jahre kam das Land sehr gut ohne Atomkraft aus. Dennoch will die Regierung von Premierminister Shinzo Abe möglichst viele Reaktoren erneut starten – in einem der weltweit am meisten von Erdbeben bedrohten Land und in unmittelbarer Nähe aktiver Vulkane.

Dabei ist Japan durch seine geographischen Bedingungen besonders gut für Wind- und Wasserkraft geeignet. In Umfragen befürwortet die Mehrheit der japanischen Bevölkerung einen Ausstieg aus der Atomkraft und den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Bei Gouverneurswahlen gewann in Kagoshima 2016 ein Kandidat, der von der politischen Opposition unterstützt wurde. Der 58 Jahre alte Satoshi Mitazono, ein früherer Fernsehkommentator, hatte versprochen, die beiden Kernkraftwerke abzuschalten.
Das geplante Wiederanfahren zweier weiterer Reaktoren des AKW Takahama hatte ein Gericht im März untersagt. 

Greenpeace fordert Japans Regierung auf, aus der Atomkraft auszusteigen und sich vom Einfluss der Atomlobby zu befreien. Die Katastrophe in Fukushima hat erneut klar gemacht, dass nukleare Energie nicht zu kontrollieren ist. Durch den Wiedereinstieg gefährdet Japans Regierung unzählige Menschenleben und weite Teile der Umwelt. Auch Japan braucht eine Energiewende!

Häufig gestellte Fragen zu Fukushima

Wie konnte es in einem hochtechnisierten Land wie Japan zu dem verheerenden Atomunfall kommen?

Die Atomkatastrophe von Fukushima passierte vor allem, weil die japanischen Behörden dem Schutz der Menschen nicht die höchste Priorität einräumten. Im Vordergrund standen vielmehr die Gewinne der Atomindustrie. Die Regierung und die Regulierungsbehörden wussten ebenso wie TEPCO, der Betreiber der Fukushima-Reaktoren, dass die Bedrohung durch Erdbeben oder Tsunamis weit über das hinausging, wofür das Atomkraftwerk gebaut war. Es gab seit 1990 zahlreiche Warnungen von Universität und unabhängigen Experten vor schweren unbeherrschbaren Unfällen. 

Ist die Atomkatastrophe inzwischen unter Kontrolle?

Die Lage im Atomkraftwerk bleibt schwierig: Täglich werden hunderte Tonnen Wasser in die Anlage gepumpt, um die Reaktoren zu kühlen. Ohne diese Kühlung drohten weitere Kernreaktionen. Auch Grundwasser, das in die Anlage sickert, wird radioaktiv verseucht und muss gelagert werden. Inzwischen sind dabei etwa 1,1 Millionen Kubikmeter radioaktiv verseuchtes Wasser angefallen. Es lagert in Stahltonnen auf dem Gelände des AKW oder wurde in den Pazifik abgelassen. 

Welche Auswirkungen hat der Atomunfall auf Japan?

Weite Teile der Region Fukushima bleiben trotz aller staatlichen Dekontaminierungsversuche verstrahlt. Dennoch betreibt die Regierung die Rücksiedlung der Bewohner, die sie damit einem erhöhten Strahlenrisiko aussetzt. Ein weiteres Problem lautet: Wo wird das Land die bislang 8,4 Millionen Kubikmeter Atommüll lagern, die bei den Dekontaminierungsarbeiten angefallen sind? Der radioaktive Müll stapelt sich derzeit provisorisch an mehr als 141.000 Standorten. In den kommenden Jahren werden weitere Millionen Tonnen Strahlenmüll hinzukommen.