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Irina und Jelena Pastutschenko mit Greenpeace-Kampagnengeschäftsführer Roland Hipp beim Start der Greenpeace-Ausstellung "Verstrahlt, verdrängt, vergessen" in der Hamburger Kampnagelfabrik vor den Fotos der Ausstellung.
© Sabine Vielmo/Greenpeace

Tschernobyl: Gesprächsnotizen gegen das Vergessen

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Irina und Jelena Pastutschenko stammen aus Gomel in Weißrussland. Die beiden jungen Frauen haben die Katastrophe von Tschernobyl am eigenen Leib erfahren: Beide sind an Krebs erkrankt und mussten operiert werden. Zur Eröffnung der Greenpeace-Ausstellung "Verstrahlt, verdrängt, vergessen" sind sie nach Deutschland gekommen. Aus den Gesprächen mit ihnen haben wir einige Fragen und Antworten zusammengestellt.

Greenpeace: Irina, Jelena, welche Hilfe erhalten Menschen in Weißrussland, die durch Tschernobyl krank geworden sind?

Irina und Jelena: In einer Stadt wie Gomel und mit einer Krankheit, die eindeutig auf Tschernobyl zurückzuführen ist, gibt es gute Unterstützung. Wir selber erhalten finanzielle Beihilfe, haben ein Auto und eine Wohnung bekommen.

Auf dem Land sieht es viel schlechter aus. Die Menschen dort leben immer noch von dem, was sie auf ihren verseuchten Böden anpflanzen. Sie sind ja abhängig von dem, was sie im Garten und auf dem Feld ernten oder im Wald sammeln können. Aber das alles ist verstrahlt. Dadurch sind sie der Radioaktivität immer weiter ausgesetzt. Und das wird vom Staat nicht anerkannt.

Es gibt ein großes Interesse daran, möglichst wenig anzuerkennen. Der Regierung wird das sonst zu teuer.

Greenpeace: Gibt es einen Austausch zwischen den Menschen über Tschernobyl und über ihr persönliches Schicksal?

Irina und Jelena: Es gibt Treffen, Veranstaltungen, aber da gehen wir nicht gern hin - es ist einfach zu intensiv, zu viel. Die beste Unterstützung ist die Familie.

Ganz viel Hilfe kommt von draußen. Doktor Lengfelder vom Otto-Hug-Strahleninstitut zum Beispiel hat sehr schnell nach dem Unglück ein Strahlenkrankenhaus in Gomel aufgebaut und Messstationen, wo Lebensmittel kontrolliert werden. Das alles wird vom Institut und aus Spenden finanziert. Diese Hilfe aus dem Ausland ist sehr wichtig. Inzwischen gibt es auch ein Krebszentrum in Gomel.

Greenpeace: Wie wirkt sich die Katastrophe auf die heutigen Lebensgewohnheiten und den Alltag in Gomel aus?

Irina und Jelena: Beim Einkaufen zum Beispiel. Lebensmittel, vor allem Pilze, Waldbeeren und Milchprodukte, müssen seit Tschernobyl geprüft und zertifiert werden. Die Zertifizierung kostet aber Geld, die Ware wird dadurch zu teuer.

Darum gibt einen zweiten Markt, wo nicht-zertifizierte Ware verkauft wird. Da stehen die Leute, deren Obst und Gemüse eigentlich gar nicht verkauft werden dürfte. Alle wissen, dass diese Lebensmittel verstrahlt sind, aber sie sind eben billiger. Wer weniger Geld hat und weniger aufgeklärt ist, kauft dort ein und trägt ein größeres Risiko.

Es wird viel vertuscht, aber was sollen die Leute machen? Sie müssen ja auch leben. Und sie haben nur das, was auf ihrem Boden wächst.

Greenpeace: Sind viele Menschen in eurem gesellschaftlichen Umfeld krank?

Irina und Jelena: Es sterben sehr viele Menschen in Gomel. Ganz viele sind krank und leiden. Viele würden Gomel gern verlassen und nach Minsk gehen. Dort ist die Belastung viel geringer. Aber sie finden keine Arbeit, und so müssen sie in Gomel bleiben. Doch die Menschen geben nicht auf. Sie lassen sich ihre Hoffnung und ihre Zuversicht nicht nehmen. Viele engagieren sich, zum Beispiel indem sie Ärzte und Lehrer über die Gefahren aufklären.

Greenpeace: Ihr seid nach Hamburg gekommen, um zu zeigen, was die Atomkraft Menschen antun kann. Was möchtet ihr denjenigen sagen, die heute immer noch an der Atomkraft festhalten?

Irina und Jelena: Wir möchten, dass die Menschen, die etwas bewegen können, uns zuhören und aus unserer Geschichte lernen. Wir müssen weg von der Atomkraft. Wir müssen regenerative Energiequellen nutzen. Tut etwas!

Greenpeace: Irina und Jelena, vielen Dank, dass ihr zu uns gekommen seid.

Über die Greenpeace-Fotoausstellung verstrahlt - verdrängt - vergessen

Als um 1.23 Uhr der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte, begann für Menschen ein ungeheuerlicher Leidensweg, der bis heute andauert. Von ihren Schicksalen erzählte die Greenpeace-Fotoausstellung "verstrahlt - verdrängt - vergessen". Es sind Bilder des niederländischen Fotografen Robert Knoth. Die Fotos dokumentieren, was heute gern verleugnet oder totgeschwiegen wird: das Leid von Menschen, die von radioaktiver Verseuchung betroffen sind.

Die 80 eindringlichen Fotos vermitteln einen Eindruck der erschütternden Folgen einer Atomkatastrophe und ähnlich schrecklicher Ereignisse in Russland, Weißrussland und Kasachstan. Für seine bewegenden Schwarz-Weiß-Bilder reiste Robert Knoth nach Tschernobyl (Ukraine), nach Mayak und Tomsk (Russland) sowie nach Semipalatinsk (Kasachstan).​​​​​​ Mit seinen Bildern erzählt er vom Leid der Betroffenen, von ihrem Alltag unter schwierigen Bedingungen und ihren Versuchen, dem Leben trotzdem ein wenig Glück abzuringen. 

Dabei gelingt es dem mehrfach ausgezeichneten Fotografen, ein eigentümliches Gefühl von Nähe und Vertrautheit zu erzeugen. Es scheint, als ob einen die fotografierten Personen bis auf den Grund ihrer traurigen Seele blicken ließen. Bewegend. Beklemmend. Berührend. Die Texte der Journalistin Antoinette de Jong zu den Bildern entstanden auf Basis von Interviews mit den Betroffenen.

Rund 80 Fotos gegen das Vergessen zeigte Greenpeace von 26. September bis 1. Oktober auf der Photokina in Köln und vom 18. Oktober bis zum 5. November 2006 im Münchener Gasteig. Darüber hinaus war die Ausstellung weltweit in rund 30 Ländern zu sehen. Unter anderem in der Athener U-Bahn, im Europäischen Parlament in Brüssel und im Haus der Fotografie in Moskau.

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