Bruchgefährdete Bauteile auch in japanischen AKW

Brüchig wie AKW-Stahl

Fehlerhafte Bauteile in japanischen AKW - in einem Land, das traumatisiert ist vom Super-GAU in Fukushima, müssten bei dieser Nachricht alle Alarmsirenen schrillen. Aber tun sie es?

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Frankreichs AKW-Skandal hat es zutage gebracht: Mangelhafter Stahl in zentralen Bauelementen französischer Atomkraftwerke kam nicht nur aus dem eigenen Land, er stammte auch aus zwei japanischen Stahlwerken. Vor allem die Japan Casting and Forging Company (JCFC) ist jetzt in den Fokus von Untersuchungen geraten. Ein Vertreter der japanischen Atomaufsicht NRA ist diese Woche zu Gesprächen nach Paris gereist.  

Schrott auch aus japanischen Stahlwerken   

Nach Informationen von Greenpeace sind Bauteile der beiden Stahlwerke JCFC und JSW (Japan Steel Work) an nahezu jedem japanischen AKW-Standort verbaut. Auch hier geht es um zentrale Bauelemente des primären Kühlkreislaufs, um Dampferzeuger und Teile von Reaktordruckbehältern. Und wie der französische Stahl weist der japanische unerlaubte Kohlenstoffüberschüsse auf, die das Material unter Belastung verspröden lassen und bruchanfällig machen. Im Extremfall kann dies zur Kernschmelze führen. 

Zwar hat die NRA auf die Enthüllungen reagiert. Die Japan Times berichtete Anfang September 2016, dass japanische AKW-Betreiber auf Anordnung der Atomaufsicht bis zum 31. Oktober die einwandfreie Qualität aller verbauten JCFC-Stahlteile nachweisen müssen. Doch mehr als Papier müssen sie nicht vorlegen. Eine Überprüfung der Bauteile selber scheint bisher nicht vorgesehen zu sein. 

„Das ist unhaltbar“, sagt Susanne Neubronner, Greenpeace-Expertin für Atomkraft. „In Frankreich wurde das Ausmaß des Skandals erst durch Materialtests festgestellt. Auf Dokumente war dabei kein Verlass, die waren teilweise sogar gefälscht.“  

Japan leidet wegen Fukushima

Materialtests sind nur möglich, wenn die zu prüfenden Elemente ausgebaut werden. Davor scheuen AKW-Betreiber naturgemäß zurück – es ist teuer und zeitaufwendig. Doch die Japaner haben bitter am eigenen Leib erfahren müssen, dass ein Super-GAU das ganze Land und die Menschen teurer zu stehen kommt als vorsorgende Sicherheitsvorkehrungen.

Denn die Katastrophe ist in Fukushima auch heute noch allgegenwärtig. Das menschliche Leid lässt sich nicht messen, aber der GAU belastet auch den Staatshaushalt. Allein der Abriss und die Entsorgung der Atomruinen wird nach neuesten Erwartungen noch Jahrzehnte beanspruchen, mit geschätzt mehreren Milliarden Euro an Kosten Jahr für Jahr. Damit korrigierte die Regierung die bisher genannten Kosten von gut 700 Millionen Euro im Jahr deutlich nach oben.

Derzeit nur drei Reaktoren am Netz

Der Zeitpunkt für Materialtests ist günstig. Derzeit liefern nur drei von 42 Reaktoren Strom: Sendai 1 und 2 sowie Ikata 3, alle in Südjapan. Bis zur Katastrophe im März 2011 waren 54 Reaktoren an 17 AKW-Standorten in Betrieb. Nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami und dem dreifachen Super-GAU im AKW Fukushima Daiichi wurden alle AKW schrittweise vom Netz genommen. Zwölf Meiler, darunter die drei Reaktorruinen von Fukushima, wurden endgültig stillgelegt.

In der japanischen Bevölkerung hat die Katastrophe mehrheitlich zu einem radikalen Umdenken geführt. So akzeptiert die Stromerzeugung mittels Atomkraft vorher war, so umstritten ist sie heute. Die Hoffnung auf eine grundlegende Energiewende schwand allerdings schnell wieder, denn schon ein Jahr später wollte die Regierung sich nicht mehr auf einen verbindlichen Ausstiegsplan festlegen.

 Durch die Entdeckung, dass in japanischen Reaktoren vermutlich bruchgefährdetes Material verbaut wurde, steht diese Politik nun wieder zur Debatte. „Die japanische Regierung muss das Stahlproblem ernst nehmen und umgehend umfassende Untersuchungen einleiten“, sagt Neubronner. „Die Verharmlosung der drohenden Gefahr wäre ein Schlag ins Gesicht der Leidtragenden von Fukushima.“

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