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Das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior fährt fünf Jahre nach dem Unfall an dem zerstörten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi vorbei. Die Umweltorganisation hat eine Unterwasseruntersuchung zu den Auswirkungen der radioaktiven Verseuchung des Pazifiks infolge der Atomkatastrophe von 2011 eingeleitet.
© Greenpeace

Fukushima und das Meer

Im März 2011 gingen vor dem AKW Fukushima gewaltige radioaktive Wolken auf den Pazifik nieder. Greenpeace-Messungen zeigen: Das Meer hat die Strahlung weitgehend verdünnt.

Es ist nur ein schwacher Trost für das heimgesuchte Land: Als im März 2011 gleich drei Reaktoren des AKW Fukushima Daiichi explodierten, war es einzig der Wind, der noch schlimmeres Unheil verhinderte. Er wehte den größten Teil der Strahlung aufs offene Meer hinaus. Kaum auszudenken, wie es heute in Japan aussähe, wären die Radionuklide weiträumig über das Land verteilt worden.

30 Billiarden Becquerel

Wie viel Radioaktivität bei dem dreifachen Super-GAU auf einen Schlag ins Meer gelangte, ist unbekannt. Schätzungen bewegen sich zwischen fünf und 90 Petabecquerel (PBq), die meisten liegen im Bereich von 15 bis 30 PBq. Ein Petabecquerel sind eine Billiarde Becquerel, eine Zahl mit 15 Nullen. Von Mai 2011 bis Ende 2014 flossen laut AKW-Betreiber Tepco mit dem kontaminierten Kühlwasser weitere 33 TBq (Terabecquerel) Cäsium ins Meer – 33 Billionen Becquerel. Zum Vergleich: Das größte Atomkraftwerk der EU, Gravelines in Nordfrankreich, setzte 2008 mit seinen sechs Reaktoren im Routinebetrieb 0,000066 TBq Cäsium-137 frei. Ein Verhältnis von 1: 500.000.

„Fukushima hat als Einzelereignis weltweit die bisher größte radioaktive Belastung des Meeres verursacht“, sagt Heinz Smital, Kernphysiker und Greenpeace-Experte für Atomkraft. „Nur den riesigen Ausmaßen des Pazifiks ist zu verdanken, dass die Kontamination des Ozeans nicht deutlich höher ist.“

Collecting Sea Water Samples in East China Sea

Die Besatzung der Rainbow Warrior nimmt im Mai 2011 Meerwasserproben zur Messung der Strahlung vor der Ostküste Japans nahe Fukushima.

Im großen Mixer

Vor der japanischen Küste treffen gewaltige Strömungen aufeinander. Der Oyashio-Strom bringt kaltes Wasser aus dem Norden, der Japan-Strom warmes aus dem Süden. Dieser gigantische Mixer zusammen mit den Wassermassen des Pazifiks hat die aufgenommene Strahlung inzwischen stark verdünnt. Die Greenpeace-Messungen vom Februar und März 2016 weisen am Meeresboden 52 bis 120 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) aus. Vor dem Super-GAU waren es 0,25 Bq/kg.

Entwarnung bedeutet das allerdings nicht. Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf Meeressediment und bestimmte Meerestiere. Wie sich das Ökosystem Meer und die Arten insgesamt unter der Belastung weiter entwickeln werden, ist völlig ungewiss. Zumal die Einleitungen noch lange andauern werden. Die Radionuklide können sich in Fisch und anderen Meereslebewesen anreichern.

„Obwohl hier keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung ausgeht, zeigen diese Ergebnisse, dass die Folgen von Fukushima noch sehr präsent sind. Welche gesundheitlichen Auswirkungen diese dauerhafte Belastung für die Menschen vor Ort hat, wird sich erst in der Zukunft zeigen“, so Smital.

Hohe Belastungen in Wäldern und Flüssen

In den Wäldern und Böden von Fukushima sind große Mengen an radioaktivem Cäsium gebunden. Wind und Wetter setzen permanent Radionuklide frei, der Regen spült sie in die Flüsse. Vor allem im großen Einzugsgebiet der Flüsse Abukuma, Ukedo und Niida mit ihren Nebenflüssen sind die Böden stark kontaminiert. An der Mündung des Abukuma-Flusses (Präfektur Miyagi) maß das Greenpeace-Team eine Belastung von 260 bis 5.500 Bq/kg. Am Ufer der Flüsse Niida und Ota waren es 920 bis 25.000 Bq/kg. Die Belastung ist also um ein Vielfaches höher als am Meeresgrund.

Aus den verzweigten Flusssystemen wird noch viele Jahrzehnte lang radioaktives Cäsium-137 in den Pazifik gelangen. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Das heißt, in 30 Jahren ist die Strahlung um die Hälfte verringert.

Vor der Strahlung versagt die Technik

Greenpeace-Messungen im Februar und März 2016 haben ergeben: Flüsse, Seen, Wälder in Fukushima sind hoch belastet mit radioaktivem Cäsium

Ein fast unlösbares Problem ist das verbliebene radioaktive Inventar in den Reaktorruinen. Die ganz oder teilweise geschmolzenen Reaktorkerne geben so viel Strahlung ab, dass derzeit nicht einmal ein Roboter dort Überlebenschancen hat. Seine Elektronik hält der Radioaktivität nicht stand.

Von den rund 700 Petabecquerel Cäsium-137 und Cäsium-134 in den drei zerstörten Reaktoren sind je nach Schätzung zwischen 1,6 und 3,3 Prozent ins Meer gelangt – ein Bruchteil der Gesamtmenge. Rund 20 Prozent befinden sich nach Angaben des Betreibers in hochkontaminiertem Wasser: insgesamt 59.000 Kubikmeter in Reaktor 1 bis 4.

Dieses Wasser ist eines der Hauptprobleme bei dem Versuch, die Anlage zu stabilisieren. Täglich müssen auch heute noch 321 Kubikmeter Wasser zur Kühlung in die zerstörte Anlage gepumpt werden. Mehr als 800.000 Kubikmeter radioaktives Wasser lagern bereits in Tanks. Allein der Tritiumgehalt dieser gelagerten Wassermassen wird auf 900 Terabecquerel geschätzt, für die es keine Lösung gibt.

„Für die Menschen in Fukushima gibt es auch mehr als fünf Jahre nach dem Atomdesaster keine Normalität“, sagt Smital. „Die Katastrophe dauert an. Die japanische Regierung ist weit davon entfernt, Fukushima unter Kontrolle zu haben.“

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Report: Radiation Reloaded

Report: Radiation Reloaded

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