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AKW Gundremmingen
Paul Langrock / Zenit / Greenpeace

AKW in Europa sind schlecht gegen Naturkatastrophen geschützt

Hat die Nuklearkatastrophe von Fukushima zu mehr Sicherheit in europäischen Atomkraftwerken geführt? Offenbar nicht: Ein aktueller Greenpeace-Bericht belegt die Versäumnisse.

In diesen Tagen jährt sich die nukleare Katastrophe von Fukushima zum zehnten Mal: Nach einem Seebeben am 11. März 2011 trafen gigantische Tsunamiwellen auf die japanische Küste. In drei Blöcken des überfluteten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi kam es daraufhin zu Kernschmelzen.  Mehr als 18.000 Menschen verloren durch Erdbeben und Tsunami ihr Leben, 160.000 mussten aufgrund der radioaktiven Verseuchung evakuiert werden. Bis heute ist ein normales Leben in großen Teilen der Präfektur Fukushima nicht denkbar.

Katastrophen wie in Fukushima oder zuvor 1986 in Tschernobyl haben der Menschheit nachdrücklich vor Augen geführt: Atomkraftwerke sind unsicher – in ihrer Planung werden niemals sämtliche Eventualitäten berücksichtigt, die zu einem Super-GAU führen können. Vor dem zehnten Jahrestag der Fukushima-Katastrophe hat Greenpeace die Sicherheit von elf europäischen Atomkraftwerken bewertet, Anlagen in Deutschland, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Belgien, Frankreich, Schweiz, Schweden und Spanien. Bei keiner liegt ein ausreichendes Konzept zum Schutz vor Naturkatastrophen vor. Der Bericht trägt den Titel “Lessons not learned” – die Lektionen, die aus dem Unglück in Japan nicht gelernt wurden.

Aber warum nicht? Die Verfasser:innen der Untersuchung kommen zum Schluss: Im Ernstfall lebensnotwendige Ausgaben werden von den Betreiberfirmen aus finanzieller Klammheit auf die lange Bank geschoben. Aufgrund fallender Strompreise ist Atomenergie längst nicht so rentabel wie früher – teure Investitionen, um Kraftwerke gegen Sturmfluten und Erdbeben abzusichern, will sich kaum jemand leisten. Darum werden Bedrohungen kleingerechnet, damit die Betreiber nicht tätig werden müssen. 

Nur abschalten ist sicher

Am besten in der Übersicht schneidet noch das AKW im bayrischen Gundremmingen ab, aus einem einfachen Grund: Die Anlage gibt es nicht mehr lange. Die sicherste Maßnahme zum Schutz vor Kernschmelzen ist schlichtweg, die Kraftwerke einfach abzuschalten. Doch auch diesen Prozess ziehen die Unternehmen in die Länge, wie man gerade in Frankreich sieht. Schließlich sind auch die sich daran anschließenden Rückbaumaßnahmen teuer – lieber lässt man überalterte Reaktoren noch ein paar Jahre laufen. Die Sicherheit von Millionen Menschen hängt daran, ob sie wirtschaftlich ist. Eine zynische Rechnung.

Anlagen, die bei Havarie ein derartig verheerendes Potenzial entwickeln wie Atomkraftwerke, dürfen nicht mit Risikoabschätzungen operieren, die auf das Beste hoffen – sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. “Die Flutwelle, die zur Explosion des AKW in Japan führte, war in den Planungen nicht vorgesehen”, sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. Ein Versäumnis, das viele Menschen mit dem Leben bezahlt haben.

Die untersuchten Atomkraftwerke und ihre Schwachpunkte

Almaraz in Spanien
Nach dem Fukushima-Unglück wurden hier zwar Nachbesserungen im Erdbebenschutz angeschoben – doch der Prozess geht nur langsam voran. Ein Flugzeugabsturz auf das Reaktorgebäude hätte katastrophale Folgen.

Mochovce in der Slowakei
Auch zehn Jahre nach Fukushima ist der Erdbebenschutz noch in Arbeit. Es gibt keine alternativen Kühlsysteme im Ernstfall. Auch diese Anlage ist nicht ausreichend vor Terroranschlägen geschützt.  

Temelin in Tschechien
Stresstests zeigen ein verheerendes Bild. Auf einen schweren Unfall ist die Anlage in Temelin nicht vorbereitet. Notwendige technische Verbesserungen – etwa um nach einem Zwischenfall den Kern zu kühlen – sind aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

Krško in Slowenien 
Eine der bedenklichsten Anlagen in der Untersuchung: Das überalterte Atomkraftwerk Krško hat sowohl eine erhöhte Erdbeben-, als auch Überflutungsgefahr, und wenig überzeugende Sicherheitsansätze. Bedenklicher noch: Slowenien plant, das Kraftwerk weitere 20 Jahre zu betreiben – und in der seismisch aktiven Gegend einen weiteren Reaktor zu bauen. 

Ringhals in Schweden 
Das schwedische Kernkraftwerk hat erhebliche Sicherheitslücken beim Schutz vor Extremwetterereignissen. Die Kühlung der Anlage funktioniert mit Meerwasser – ein alternatives Konzept gibt es nicht. Die Schwedische Behörde für Strahlensicherheit SSM mahnte in einem Bericht diverse Sicherheitsmängel an. 

Doel und Tihange in Belgien
Die belgischen Pannenmeiler in Doel und Tihange sind seit langem in der Kritik, zwei Reaktoren waren aufgrund von Sicherheitsmängeln nach 2012 zeitweilig außer Betrieb. Ihr Schutz vor Erdbeben und Überflutungen ist nach wie vor mangelhaft.

Beznau in der Schweiz
Das älteste Atomkraftwerk Europas, das noch in Betrieb ist, hat schwere Sicherheitsmängel, insbesondere beim Erdbebenschutz. Aufgrund des Alters der Anlage sind nachträgliche Verbesserungen oft nur schwierig umzusetzen. 

Gravelines und Cattenom in Frankreich
Brandbekämpfung und Belüftungssysteme in Gravelines und Cattenom sind nicht auf Erdbeben ausgelegt und würden im Ernstfall versagen. Neben dem Alter der Anlage gibt es Probleme mit der dort ausgeübten Sicherheitskultur. 

Gundremmingen in Deutschland
Gundremmingen steht noch vor der Abschaltung – erst dann ist die Anlage sicher. Es gibt zwar Überflutungskonzepte, die allerdings nicht überzeugen. Viele vorgesehene Maßnahmen im Ernstfall scheinen nicht ausreichend oder überholt.

 

Zum Weiterlesen:

Studie: Lessons not Learned from the Fukushima Accident (engl.)

Studie: Lessons not Learned from the Fukushima Accident (engl.)

68 | DIN-A4

1.51 MB

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