Nukleare Teilhabe: Braucht Deutschland eigene Atomwaffen?
- Ein Artikel von Eva Schaper & Ortrun Sadik
- Hintergrund
Mindestens 20 amerikanische Atombomben lagern in Deutschland. Im Kriegsfall sollen deutsche Piloten sie ins Ziel fliegen. Das nennt man die nukleare Teilhabe. Dieses Modell ist die einzige nukleare Abschreckungskomponente, über die die Bundeswehr verfügt. Doch angesichts von Putins Angriffskriegs und dem Irrsinn von Donald Trump wird in Deutschland immer wieder diskutiert, ob die bisherige Teilhabe noch ausreicht – oder ob Europa oder gar Deutschland eigene Atomwaffen benötigt. Doch nukleare Eigenständigkeit schafft keine Sicherheit!
Dazu hat Greenpeace im April 2026 die Studie „Eine Bombe für Deutschland?„ von Ryan Swan (Fellow, Bonn International Centre for Conflict Studies) veröffentlicht. Die Studie im Auftrag von Greenpeace nimmt die derzeit diskutierten Szenarien unter die Lupe. Das Ergebnis ist eindeutig: Nukleare Aufrüstung birgt enorme Eskalationsrisiken und löst die Sicherheitsprobleme unserer Zeit nicht.
Was ist nukleare Teilhabe?
Warum in Deutschland US-Atomwaffen stationiert sind
Unter „nuklearer Teilhabe“ versteht man ein Konzept der NATO, bei dem Mitgliedsstaaten ohne eigene Atomwaffen wie z.B. Deutschland an der Planung, Ausbildung und dem potenziellen Einsatz von US-amerikanischen Atomwaffen beteiligt sind. Dabei werden US-Atomwaffen auf europäischem Boden gelagert und im Ernstfall durch Flugzeuge der Bündnispartner ins Ziel gebracht.
Die genaue Zahl der in Deutschland lagernden amerikanischen Atombomben ist geheim, aber es wird geschätzt, dass es mindestens 20 sind. Im Kriegsfall sollen deutsche Piloten und Pilotinnen sie zu ihrem Einsatzort fliegen und dort abwerfen und zünden.
Diese Teilhabe ist keine Mitbestimmung. Die Entscheidung über einen Einsatz der US-Atomwaffen trifft ausschließlich der US-Präsident, der wiederum das Militär, also den US-Europa- und den Nato-Oberkommandierenden (SACEUR) anweist, Atomwaffen einzusetzen.
Unterscheiden wird dabei zwischen
- der Technischen Teilhabe (der Bereitstellung von Trägerflugzeugen und ausgebildeten Piloten; die nukleare Teilhabe im engeren Sinne) und
- der Politischen Teilhabe, was die Mitarbeit in der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) der NATO meint, in der Strategien, Einsatzszenarien und Rüstungskontrolle diskutiert werden.
Nur fünf Staaten der NATO Staaten unterstützen die technische nukleare Teilhabe. Das sind Deutschland, Belgien, die Niederlande, Italien und evtl. die Türkei. Kanada und Griechenland haben die technische Teilhaben beendet und sind dennoch weiter in der NATO und in deren Nuklearer Planungsgruppe. Spanien, Island, Dänemark, Litauen und Norwegen haben sogar die Lagerung von Atomwaffen auf ihrem Gebiet verboten.
Die drei Szenarien zur nuklearen Eigenständigkeit im Check
Die Analyse untersucht systematisch die drei strategischen Optionen, die derzeit im politischen Berlin und Brüssel kursieren:
- Ein französisch-britischer Schutzschirm: die Idee, die bestehenden Atomwaffen unserer Nachbarn zu „europäisieren“.
- Eine eigenständige EU-Nuklearstreitmacht: ein völlig neues, gemeinschaftliches Atomwaffenprogramm der Europäischen Union.
- Ein deutsches Eigenprogramm: der direkte Weg zur deutschen Atombombe.
Nukleare Aufrüstung ist keine Lösung
Die Studie bewertet diese Szenarien nach drei harten Kriterien: strategischer Nutzen, Rechtmäßigkeit und Kosten. Die Bilanz fällt in allen Bereichen negativ aus.
Die Analyse zeigt deutlich, dass eine nukleare Aufrüstung die realen Sicherheitsprobleme nicht lösen kann. So bieten Atomwaffen keine Abschreckung gegen die wahrscheinlichsten Bedrohungen wie Drohnen- oder Cyberangriffe, Sabotage an kritischer Infrastruktur oder Desinformation. Im Gegenteil: Atomwaffen binden Milliardenbeträge, die genau dort für den effektiven Schutz der Bevölkerung fehlen. Zudem birgt das Streben nach nuklearer Eigenständigkeit massive Eskalationsrisiken, da es Gegner zu Präventivschlägen provozieren und eine neue, weltweite Rüstungsspirale in Gang setzen könnte.
Keine Atomwaffen für Deutschland
Eine deutsche Atombombe stünde zudem im klaren Widerspruch zum Völkerrecht: Sie würde sowohl den Zwei-plus-Vier-Vertrag als auch den Atomwaffensperrvertrag verletzen, wodurch Deutschland nicht nur seinen Status als verlässlicher Partner und Friedensmacht verlieren würde. Mit dem Bruch des Zwei-plus-Vier-Vertrags würde eine Bundesregierung sogar die völkerrechtliche Grundlage der deutschen Einheit verletzen. Letztlich erweist sich das Projekt als ein finanzielles Milliardengrab. Der Aufbau einer eigenen nuklearen Infrastruktur würde enorme Mittel verschlingen, die stattdessen dringend für den Klimaschutz und den sozialen Zusammenhalt benötigt werden. Hinzu kommt: In der Aufbauphase einer eigenen atomaren Bewaffnung würde Deutschland umso mehr zum Ziel eines konventionellen oder gar atomaren Präventivangriffs.
Die Studie kommt zu dem eindeutigen Ergebnis: Nukleare Eigenständigkeit ist eine Scheinlösung. Statt mehr Sicherheit erhöht sie sogar das Risiko eines Atomkriegs, ohne die realen Sicherheitslücken Europas zu schließen.
Atomwaffenstandorte Büchel und Ramstein
Im Unterschied zu den meisten der 29 NATO-Staaten hat Deutschland eine offensive Sonderrolle: Die sogenannte erweiterte oder technische Teilhabe beinhaltet, dass Deutschland Flugzeuge sowie Piloten und Pilotinnen mit der Bereitschaft zur Verfügung stellt, die Atomwaffen einzusetzen. Außer Deutschland sind nur noch die Niederlande, Belgien, Italien und eventuell die Türkei Teil der erweiterten nuklearen Teilhabe. In Deutschland sitzen zudem die weltweit wichtigsten NATO- und US-Army-Einrichtungen außerhalb der USA: Die Planung von Luftangriffen der NATO findet von Ramstein, Kalkar und Uedem aus statt, die schnelle Eingreiftruppe der NATO wird von Ulm aus geleitet. Das größte US-Sonderwaffenlager außerhalb der USA ist in Miesau. Die Fliegerhorste Büchel und Nörvenich sowie der US-Stützpunkt Ramstein haben Vorrichtungen, um US-Atombomben zu lagern und die notwendigen Start- und Landebahnen, um sie auch zum Einsatz zu bringen.
Atomwaffen sollen der Abschreckung dienen: Da der Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen so schrecklich wäre, ganze Regionen ausradieren würde, ist das Kalkül, dass sie nie zur Verwendung kommen. Doch Experten halten dieses Kalkül für brandgefährlich, insbesondere, wenn die politische Kontrolle in die Hände unberechenbarer Akteure fällt. Ein weiteres strategisches Risiko: Gelagerte Atomwaffen können paradoxerweise die Angriffslust steigern, da sie im Ernstfall als primäre Ziele für einen Präventivschlag dienen, um die eigene Bedrohung zu minimieren.
Wir brauchen in Deutschland die Diskussion um die hier liegenden Atomwaffen und das dahinter stehende Konzept der gegenseitigen Vernichtung – sie sind eine Bedrohung für den Frieden, nicht sein Garant.
Studie Nukleare Teilhabe - Atomwaffen in Deutschland.pdf
Anzahl Seiten: 16
Dateigröße: 6.77 MB
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Die Bombe für Deutschland?
Anzahl Seiten: 31
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