Europa bleibt abwehrbereit: Militär-Vergleich von Nato und Russland
- Ein Artikel von Simone Miller
- mitwirkende Expert:innen Dr. Alexander Lurz
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Eine neue Greenpeace-Studie zeigt: Die Nato-Staaten sind Russland auch ohne die USA in wesentlichen militärischen Kategorien überlegen. Allerdings verzetteln sie sich in rüstungspolitischer Kleinstaaterei.
Die Debatte über die massive Nato-Aufrüstung dreht sich um eine mögliche russische Bedrohung und den Ruf nach europäischer Eigenständigkeit. Zweifel wachsen, ob die Aufrüstung trotz eines Rekordbudgets zu mehr Sicherheit führt - die tatsächliche Verteidigungsbereitschaft kommt wegen einer unzureichenden gemeinsamen Planung in der Nato nur schleppend voran. Eine neue Greenpeace-Studie mit aktuellen Daten zu Militärausgaben unterstützt diese Sichtweise.
Vergleich Nato-Russland: Europa allein zu Haus?
Anzahl Seiten: 24
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HerunterladenDie aktuelle Studie von Friedensforscher Herbert Wulf und Alexander Lurz, Experte für Frieden und Abrüstung bei Greenpeace, reagiert auf die veränderte transatlantische Realität durch die unberechenbare Politik von US-Präsident Donald Trump. Die Autoren untersuchen das aktuelle militärische Kräfteverhältnis zwischen Nato und Russland und bestätigen ihre Studienergebnisse vom November 2024: Europa verfügt über enorme Verteidigungsressourcen und ist Russland in militärischen Schlüsselkategorien überlegen. Dies gilt sogar im Falle eines Rückzugs der USA aus der Nato. Nur bei Atomwaffen sind die europäischen Atomwaffenstaaten Russland quantitativ unterlegen. Besonders deutlich zeigt sich die europäische Überlegenheit bei Kampfflugzeugen (Nato-Europa + Kanada: 2215, Russland 1064), Kriegsschiffen (143 zu 34) und Artillerie (15.896 zu 5976). 2025 gaben die europäischen Nato-Staaten und Kanada zusammen rund 626 Milliarden US-Dollar aus, Russland dagegen etwa 190 Milliarden US-Dollar.
„Ein akutes Gefühl der Bedrohung und Furcht prägt die sicherheitspolitischen Debatten und hat eine massive Aufrüstungsbereitschaft ausgelöst, obwohl die Nato Russland militärisch deutlich überlegen ist. Doch wer Europas Sicherheit allein mit immer mehr Milliarden garantieren will, übersieht die wahren Probleme: fehlende Kooperation, teure Doppelstrukturen und nationale Egoismen. Die EU-Länder achten penibel darauf, dass die heimische Industrie profitiert. Auch die neue Militärstrategie der Bundeswehr spart die notwendige Zusammenarbeit in Europa völlig aus. Diese nationalen Alleingänge verschwenden immense Ressourcen.“
Debatten und hat eine massive Aufrüstungsbereitschaft ausgelöst, obwohl die Nato Russland militärisch deutlich überlegen ist.
Doch wer Europas Sicherheit allein mit immer mehr Milliarden garantieren will, übersieht die wahren Probleme: fehlende Kooperation, teure Doppelstrukturen und nationale Egoismen. Die EU-Länder achten penibel darauf, dass die heimische Industrie profitiert. Auch die neue Militärstrategie der Bundeswehr spart die notwendige Zusammenarbeit in Europa völlig aus. Diese nationalen Alleingänge verschwenden immense Ressourcen.“
Rüstungspolitische Kleinstaaterei in der europäischen Nato
Insgesamt haben die europäischen Staaten plus Kanada im vergangenen Jahrzehnt nach Angaben der Nato 3.785 Milliarden (knapp 3,8 Billionen) US-Dollar für ihre Streitkräfte ausgegeben. Seit Jahrzehnten kritisieren sich die Europäer:innen jedoch selbst, nicht genügend und nicht koordiniert genug für die eigene Sicherheit gehandelt zu haben. Es gibt zwar eine Menge Einzelinitiativen, die europäische Zusammenarbeit hat sich aber nur graduell verbessert. So leidet Europas Sicherheitspolitik unter einem unkoordinierten und teuren Wettlauf um Rüstungsprojekte. Ein Beispiel für das Scheitern der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) an nationalen Interessen ist der Transporthubschrauber NH90: Für acht Länder entstanden 17 verschiedene Varianten. Einsparungen durch höhere Produktionszahlen entfielen so. Jüngstes Beispiel ist der deutsch-französische Streit um die Projektführung des neuen Kampfflugzeugsystems FCAS. Gleichzeitig betreiben die EU-Staaten elf verschiedene Typen an Kampfpanzern.
Fähigkeiten, die ohne die USA fehlen, könnten durch gezielte und europäisch koordinierte Investitionen ausgeglichen werden. Dazu zählen Aufklärungs- und Frühwarnsysteme, Raketenabwehr und Luftverteidigung sowie Lufttransport für schweres Gerät. Die Studie macht deutlich, dass Europas Zukunft von gemeinsamer Handlungsfähigkeit abhängt. Zugleich bleibt es entscheidend, langfristige Sicherheit nicht ausschließlich militärisch zu denken.
Studienergebnisse im Detail
Die Studie vergleicht das militärische Kräfteverhältnis zwischen Russland und den europäischen Nato-Staaten (plus Kanada) anhand zentraler Kategorien wie Militärausgaben, Truppenstärke, Großwaffensysteme, Atomwaffen, militärische Einsatzbereitschaft und Rüstungsbeschaffung und -produktion.
Militärausgaben: Die militärischen Kapazitäten der Nato übertreffen Russland in nahezu allen Aspekten. Insgesamt haben die europäischen Staaten plus Kanada im vergangenen Jahrzehnt nach Angaben der Nato 3.785 Milliarden US-Dollar für ihre Streitkräfte ausgegeben. Auch ohne die USA bleibt die Nato finanziell überlegen. 2025 investierten die europäischen Nato-Staaten und Kanada zusammen rund 626 Milliarden US-Dollar in ihre Rüstungsindustrie, Russland dagegen etwa 190 Milliarden US-Dollar. Selbst kaufkraftbereinigt bleibt Russland unter den europäischen Verteidigungsausgaben.
Technologische und operationale Überlegenheit: Die Studie vergleicht acht Waffensysteme: Kampfpanzer, Gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Kampfhubschrauber, Kriegsschiffe, U-Boote, Kampfflugzeuge und strategische Bomber. In fünf der acht Waffenkategorien übertrifft die Nato Russland mindestens dreifach. Beispielsweise verfügen alle Nato-Staaten gemeinsam über 5.270 Kampfflugzeuge (hierunter 2.215 in Europa und Kanada), wohingegen Russland nur 1.064 besitzt. Bei der Artillerie ist das Verhältnis ebenso etwa 3:1 zu Gunsten der europäischen Nato-Staaten plus Kanada, bei Kriegsschiffen 4:1. Lediglich bei strategischen Bombern erreicht Russland fast die USA (114 zu 138), während sie in den europäischen Streitkräften nicht verfügbar sind. Zudem hat Russland in vielen Waffenbereichen einen erheblichen technologischen Rückstand auf die Nato, der kaum innerhalb eines Jahrzehnts aufzuholen ist.
Truppenstärke: Die europäischen Nato-Staaten plus Kanada hatten 2025 1,96 Millionen Soldat:innen unter Waffen. Finnland und Schweden, die inzwischen Nato-Mitglieder geworden sind, verfügten zusammen über 38.700 Soldat:innen, die Nato insgesamt hat etwa 3,3 Millionen aktive Soldat:innen. Hinzu kommt ein großes Reservoir an Reservist:innen. Im Vergleich dazu hat Russland eine Personalstärke von 1,264 Millionen aktive Soldat:innen. Trotz verschiedener Rekrutierungsrunden Russlands für den Krieg gegen die Ukraine ist die Zahl der aktiven Soldat:innen zuletzt nur um rund 100.000 gestiegen.
Atomwaffen: Zwischen Nato (mit den Nuklearstreitkräften der USA) und Russland herrscht ein nukleares Patt. Die drei Nato-Nuklearwaffenstaaten verfügen über 3700 (plus 1342 ausgemusterte) Atomsprengköpfe der USA, 290 Stück in Frankreich und 225 Stück in Großbritannien. Russland verfügt über 4400 (plus 1150 ausgemusterte) Atomsprengköpfe. Russland ist quantitativ den beiden europäischen Nuklearmächten weit überlegen. Die Atomwaffen bleiben das größte russische Faustpfand. Allerdings bleibt die alte Regel des nuklearen Patts bestehen: Wer Atomwaffen einsetzt, muss mit einem Zweitschlag und mit der eigenen Vernichtung rechnen. Die Zweitschlagskapazität ist durch die U-Boot-gestützten Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens gegeben.
Militärische Engpässe der Nato: In einigen Rüstungsbereichen sind europäische Streitkräfte bislang auf das US-Militär angewiesen. Dazu zählen Aufklärung und Frühwarnsysteme: Europas Satellitenkapazitäten reichen nicht aus, um Truppenbewegungen Russlands oder Raketentests rechtzeitig zu erfassen und zu überwachen. Raketenabwehr und Luftverteidigung: Es fehlt ein Abwehrsystem gegen Hyperschallwaffen und Marschflugkörper. Drohnen: Ihre Bedeutung ist durch den Krieg in der Ukraine stark gestiegen, daher wird ihre Produktion derzeit in Europa intensiviert. Engpässe gibt es zudem im Lufttransport für schweres Gerät, bei der Munitions-Produktion und der elektronischen Kriegsführung.
Wann ist genug genug? Kräftevergleich NATO-Russland
Anzahl Seiten: 64
Dateigröße: 1.79 MB
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