Kerosinverbrauch lässt sich um ein Drittel senken
- Ein Artikel von Gregor Kessler
- mitwirkende Expert:innen Lena Donat
- Nachricht
Privatflugzeuge und Luxusklassen sind besonders klimaschädlich, zeigen Greenpeace-Recherchen. Es wäre gerecht, sie besser zu regulieren. Luxusflüge zu streichen, würde zudem den drohenden Treibstoffmangel entschärfen.
Zeit ist Geld, haben wir alle schon gehört. Aber Zeit kann eben auch CO2 sein. Ziemlich viel CO2 sogar. Wer einen Privatjet wählt, um ein wenig schneller ans Ziel zu gelangen, verantwortet dadurch ein Vielfaches an Treibhausgasen, zehnmal so viel wie mit einem Linienflug, 50-mal so viel wie mit einer Zugfahrt. Jetzt droht der Krieg im Iran, auch das Kerosin in Europa knapp werden zu lassen. Dabei lässt sich der Verbrauch um ein gutes Drittel senken, wenn man den verschwenderichsten Teil der Flüge streicht, zeigt eine Greenpeace Recherche.
Die Warnungen kommen von berufener Stelle. Laut Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), könnte Europa schon sehr bald vor einem Kerosinmangel stehen. In der Folge könnten Ticketpreise deutlich steigen und Flüge gestrichen werden. Der Irankrieg trifft auch die Kerosinlieferungen aus der Region nach Europa. Sollte die Straße von Hormus weiter blockiert bleiben, sind 20 bis 30 Prozent der deutschen Kerosinversorgung gefährdet, zeigt eine neue Berechnung des Ölmarkt-Experten Steffen Bukold im Auftrag von Greenpeace.
Die Antwort der Luftfahrtbranche ist schlicht: Staatliche Hilfen sollen ihre steigenden Kosten abfedern. Der auch für die Luftfahrt geltenden CO2-Preis gehöre ausgesetzt, die Luftverkehrssteuer gleich abgeschafft, fordert der europäische Branchenverband Airlines for Europe (A4E), zu dem auch die Lufthansa gehört.
Der naheliegendere Schluss: Wenn etwas knapp wird, sollte man den Verbrauch reduzieren. Wie das in Deutschland gerecht und schnell geht, hat Greenpeace jetzt im Maßnahmenpaket Himmel hilf dargelegt. Mit fünf Maßnahmen lässt sich der Kerosinverbrauch in Deutschland um 38 Prozent senken. Etwa indem Luxusflüge und überflüssige Verbindungen gestrichen werden. Die wirksamste Maßnahme mit etwa 26 Prozent Einsparung wäre, First- und Business-Class für Economy-Plätze zu nutzen. Weiter schlägt Greenpeace vor, Privatjet- und Inlandsflüge zu streichen, kürzere europäische Flüge auf die Bahn zu verlegen und die Zahl der Geschäftsreisen zu halbieren.
5 Maßnahmen zum Kerosinsparen
Anzahl Seiten: 10
Dateigröße: 1.04 MB
HerunterladenMit dem Privatjet in den Urlaub
Privatjetflüge zu streichen wäre dabei eine erster Schritt. Das träfe nur einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung, dem zudem Alternativen zur Verfügung stehen: Videokonferenzen, Zugverbindungen oder, wenn es unbedingt sein muss, ein Linienflug. Schließlich dienen offenbar längst nicht alle Privatjetflüge beruflichen Zwecken. Eine im September 2024 von Greenpeace Mittel- und Osteuropa veröffentlichte Studie des Berliner Thinktanks T3 Transportation hat die Privatjetflüge zu 45 beliebten Luxus-Urlaubszielen in Europa untersucht.
© Greenpeace
Übersicht der 45 untersuchten Flughäfen
Und siehe da: Die insgesamt 117.965 Flüge im Jahr 2023, die zusammen gut eine halbe Million Tonnen CO2 verursachen, verteilen sich sehr ungleichmäßig. Im Schnitt klettert die Zahl der Landungen an den analysierten Flughäfen im Juli um 250 Prozent über den Wert im Januar. Vergleicht man die durchschnittliche Zahl der Landungen an den 41 Sommerzielen in den Urlaubsmonaten Juni bis September, so liegt der Wert mehr als doppelt so hoch wie außerhalb der Saison (Oktober bis Mai).
Von erhöhten Geschäftsabschlüssen im August auf Mallorca ist nichts bekannt. Die Erklärung scheint viel eher zu sein: Viele Superreiche nutzen ein privates Flugzeug, um für ein paar Tage ans Mittelmeer zum Baden oder nach Genf zum Shoppen zu fliegen. „Diese Auswertung entlarvt den rücksichtslosen und klimaschädlichen Lebensstil weniger Superreicher auf Kosten von immer mehr Menschen, die unter den Folgen der Klimakrise leiden“ ,sagt Lena Donat, Greenpeace-Expertin für Mobilität. „Eine große Zahl an Privatjetflügen steuert Urlaubsorte wie Mallorca, Nizza oder Malaga an und die Zahl dieser Flüge nimmt im Sommer spürbar zu. Das sind keine Geschäftsflüge, sondern überwiegend extrem klimaschädliche Reisen zum privaten Vergnügen.“
Aus Deutschland starteten im vergangenen Jahr 8770 Privatflüge zu den 45 betrachteten Urlaubszielen – 1582 davon nach Palma de Mallorca, 1341 nach Salzburg, 950 nach Nizza.
Zudem finden zwölf Prozent der untersuchten Privatjetflüge auf besonders klimaschädlichen Ultrakurzstrecken von weniger als 250 Kilometern statt, etwa von München nach Salzburg, eine Entfernung von kaum 120 Kilometer. Ein gutes Drittel fliegt auf Strecken von weniger als 500 Kilometern. Entfernungen, die auf vielen Strecken leicht mit dem Zug zurückgelegt werden können. „Wir erleben, wie Überflutungen Häuser zerstören, wie Hitzewellen alte und kranke Menschen bedrohen und eine kleine Gruppe sehr Reicher steigt auch auf kürzesten Strecken in den Privatjet – drastischer lässt sich die Ungerechtigkeit einer schwachen Klimapolitik nicht ausdrücken“, so Donat. „Wir können uns zerstörerischen Luxus wie Privatjets nicht länger leisten. Die EU sollte sie verbieten.“
Auch First- und Business-Class verursachen hohe Klimaschäden
Das Problem endet nicht mit Privatjets, zeigt eine jüngere Greenpeace-Analyse aus dem Dezember 2025. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die wachsende Zahl an Flügen in den Klassen First und Business auf ihren Klimaschaden hin zu untersuchen. Plätze in diesen Luxusklassen bieten deutliche mehr Platz, was zugleich mehr Gewicht und dadurch auch mehr CO2 pro verkauftes Ticket bedeutet. Im Schnitt verursachen sie vier bis fünfmal soviel Treibhausgase, wie in der Economy-Class, so das Ergebnis einer Datenanalyse der Berliner Denkfabrik T3 im Auftrag von Greenpeace. Selbst der Klimaschaden durch einen Premium-Economy-Flug ist noch 50 Prozent höher. T3 hat die im Jahr 2024 aus 44 europäischen Ländern startenden Langstreckenflüge von 24 Fluggesellschaften ausgewertet.
In der First und Business Class die Beine lang machen, während unten die Welt in Flammen aufgeht, ist rücksichtslos. Wer auf unser aller Kosten derart klimaschädlich reisen will, sollte auch angemessen dafür zahlen müssen.
Greenpeace fordert in europaweite Abgabe auf Luxusflugtickets, wie sie Frankreich und Großbritannien bereits verlangen. Eine Abgabe auf in Europa verkaufte Tickets von 340 Euro in der First, 220 Euro in der Business Class und 75 Euro in der Premium Economy Klasse könnte mindestens 3,3 Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen erzielen - ohne höhere Kosten für die Mehrheit der Reisenden. Diese Einnahmen sollten in den Ausbau des innereuropäischen Zugverkehrs investiert werden und damit allen Menschen zugutekommen. Während der Weltklimakonferenz im November forderte eine Ländergruppe um Frankreich, Spanien und Kenia („Premium Flyers Solidarity Coalition“) eine Extra-Abgabe auf Luxus-Flugreisen. Deutschland ist der Initiative nicht beigetreten. Stattdessen beschloss die Koalition parallel zur Klimakonferenz, ab Juli 2026 die Flugticketsteuer zu senken.