Stadtnatur: Was Kommunen jetzt tun müssen, um uns zu schützen
- Ein Artikel von Nina Klöckner
- Überblick
Verformte Straßenbahngleise, Rettungsdienste im Dauereinsatz, Tropennächte ohne Abkühlung, Unwetter mit Hagel und Sturzfluten – das sind nur ein paar Folgen des historischen Hitze-Wochenendes Ende Juni in Deutschland. Und auch wenn es danach erst einmal wieder etwas kühler wurde, haben diese Tage gezeigt, wie verletzlich gerade unsere Städte bei solchen Extremen sind. Denn die Folgen der Klimakrise sind besonders dort zu spüren: Asphalt, Pflastersteine, Beton speichern tagsüber die Hitze und geben sie nachts ab. Die Folge: Städte kühlen kaum noch ab. Das ist ein Dilemma, denn schon jetzt leben über 78 Prozent der Menschen in Deutschland in Städten – Tendenz steigend.
Beton und Asphalt speichern die Hitze
Milderung ist derzeit nicht in Sicht. Die Anzahl der Hitzetage wird in den kommenden Jahren massiv steigen. Über 45 Prozent unserer Siedlungsfläche sind bereits versiegelt und täglich kommen neue Flächen hinzu. Greenpeace hat Menschen in ganz Deutschland aufgefordert, Orte in ihrer Umgebung, die versiegelt und dadurch viel zu heiß sind, in eine interaktive Karte einzutragen. Über 1000 Menschen sind dieser Aufforderung schon nachgekommen und haben auch gleich Vorschläge zur Linderung mitgeliefert: Flächenentsiegelung, Stadtbäume, Gründächer, Grünstreifen, Fassadenbegrünung, grüne Korridore.
Hitze-Hotspots auf unserer interaktiven Karte eintragen!
Asphalt und Gebäude heizen unsere Städte besonders stark auf. Es gibt deshalb Bereiche in der Stadt, wo es sich an heißen Tagen kaum aushalten lässt, beispielsweise Plätze. Gibt es in Ihrer Umgebung auch Orte, die kühlende Grünflächen brauchen? Jetzt mitmachen und auf unserer interaktiven Karte eintragen! Das hilft uns, auf kommunaler Ebene Druck zu machen, dass diese Orte besonders schnell vom Hotspot zum Cool Spot werden.
Grün kühlt die Stadt
In der Tat wäre eine Linderung des Problems gar nicht so kompliziert. Parks, Straßenbäume, begrünte Fassaden und Dächer wirken wie eine natürliche Klimaanlage: Schatten und Verdunstungskälte senken die lokale Temperatur um bis zu 11 Grad. Neben der Abkühlung sorgt die Begrünung für bessere Luftqualität, dämpft den Lärm und fördert die biologische Vielfalt.
Es gibt inzwischen weltweit zahlreiche Projekte, die zeigen, wie städtische Räume durch kreative und mutige Ideen ökologisch aufgewertet werden können. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul wurde beispielsweise vor etwas über 20 Jahren eine Autobahn abgerissen und der darunterliegende Fluss renaturiert. Heute schlängelt sich der Cheonggyecheon über acht Kilometer durchs Stadtzentrum. Die Wirkung ist riesig. So wurde der städtische Wärmeinseleffekt um bis zu 5,9 Grad Celsius gesenkt, die Anzahl der Pflanzenarten stieg von 62 auf 308, die der Fischarten von 4 auf 25.
In Estlands Hauptstadt Tallinn ist 2023 entlang eines ehemaligen Hochspannungs- und Eisenbahnkorridors ein 14 Kilometer langer Grünstreifen entstanden, der sechs der acht Stadtbezirke verbindet. Die Fläche wurde in Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften und Partnern entwickelt. Sie dient Bestäubern wie Schmetterlingen und Wildbienen als Lebensraum, Bewohner:innen können sich dort bewegen und erholen.
Paris hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 300 Hektar neue Grünflächen zu schaffen. Dafür sollen beispielsweise zahlreiche Parkplätze am Stadtrand durch Baumreihen ersetzt werden. Die Bürger:innen der französischen Hauptstadt bekommen durch das Programm „Permis de végétaliser“ die Möglichkeit, öffentliche Flächen wie Fassaden oder Verkehrsinseln zu begrünen. Bisher prägten etwa den zentralen Rathausplatz vor dem Hotel de Ville Asphalt und Betonplatten. Doch seit Sommer 2025 sorgen dort 150 Bäume für Abkühlung.
Wie ist die Lage in den Kommunen?
Die Beispiele zeigen, wie es gehen kann. Warum passiert also ausgerechnet in Deutschland so wenig? Warum wird so wenig dafür getan, unsere urbanen Räume krisenfest zu machen? Meistens fehlt eine Strategie für die Klimaanpassung gänzlich und es gibt auch keine Hitzeaktionspläne, um die Bevölkerung vor den Folgen der Klimakrise zu schützen. Dabei ist die rechtliche Lage eindeutig: Lokale Klimaanpassungsstrategien sind im Bundes-Klimaanpassungsgesetz vorgeschrieben. Auch Artikel 8 der EU-Natur-Wiederherstellungsverordnung nennt verbindliche Vorgaben, dass die städtischen Grünflächen (netto) nicht mehr abnehmen und perspektivisch wachsen.
Deutschland muss bis September einen Nationalen Wiederherstellungsplan vorlegen, der klarmacht, wie das erreicht werden kann. Eine mögliche Lösung: Die Umgestaltung der Städte zur „Schwammstadt“. Darin wird Regenwasser möglichst nicht abgeleitet, sondern lokal genutzt oder gespeichert. So wird das Wasser für Trockenzeiten gehalten und sichert die Vitalität der Bäume und anderer Pflanzen in der Stadt.
Das funktioniert natürlich nur, wenn für die Umsetzung genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Studien beziffern die Untergrenze der jährlichen Anpassungskosten auf 8,6 bis 10,6 Milliarden Euro: Diese zusätzlichen Aufwendungen treffen jedoch auf eine äußerst prekäre kommunale Finanzlage. Das Finanzierungsdefizit liegt bei 31,9 Milliarden Euro und der Investitionsrückstand bei 231,2 Milliarden Euro – beides sind Rekordwerte. Eine ökologische Milliardärssteuer, die Greenpeace schon länger fordert, könnte notwendige Einnahmen in Höhe von bis zu 25 Milliarden Euro für die Kommunen generieren und die Kommunen wieder handlungsfähig machen.
Greenpeace fordert auf Städte-Ebene:
- Mehr Grün in Innenstädten: 45 Prozent städtische Grünflächen und ein Baumüberschirmungsgrad von 30 Prozent im besiedelten Stadtgebiet.
- Entsiegelungs- und Begrünungspotenzial erheben
- Cool Spots statt Hotspots: Identifikation und Umwandlung von Hitze-Hotspots in kühlende Grünflächen.
- Erstellung bzw. Umsetzung des Hitzeaktionsplans, der Klimaanpassungs- und Biodiversitätsstrategie
Auf Bundesebene fordert Greenpeace:
Einen ambitionierten Plan zur Wiederherstellung der Natur, der die EU-Vorgaben konsequent umsetzt und die Ideen und Wünsche der Bevölkerung berücksichtigt.
Werden Sie Teil unserer Vision und lassen Sie uns gemeinsam unsere Städte der Zukunft in Wohlfühlorte verwandeln!
Argumente für mehr Stadtnatur und Grün
Kühlung der Stadt
Dicht bebaute Stadtzentren können im Hochsommer 10°C heißer als das Umland sein. Bäume und Gewässer kühlen durch Schatten und Verdunstung aktiv die Umgebung.
Standortvorteil
Vielfältige Stadtnatur erhöht die Lebensqualität und die Aufenthaltsdauer. Das macht Städte nicht nur für Bewohner:innen lebenswerter, sondern auch für Gäste und den Tourismus attraktiver.
Gesundheit
Weniger Hitze, Lärm und Schadstoffe entlasten den Körper direkt. Grüne Erholungsräume dienen als Rückzugsorte, die Stress abbauen und die seelische Gesundheit stärken, fördern aber auch mehr Bewegung. Idealerweise ist der nächste Park nur 300m vom Wohnort entfernt.
Soziales Miteinander
Der Zugang zu Grünflächen ist innerhalb der Stadt oft ungleich verteilt. Stadtnatur sollte einen gerechten Ausgleich schaffen, denn Parks und Grünflächen sind wichtige Orte für Begegnung, Teilhabe, Freizeitangebote und sozialen Austausch.
Saubere Luft
Grünflächen und Straßenbäume wirken als natürliche Filter. Sie binden Feinstaub sowie andere Schadstoffe und verbessern so direkt die Luftqualität.
Ruhe
Pflanzen, Bäume und Hecken absorbieren, reflektieren und streuen Schall, sodass Lärm abgemildert wird und sie als Puffer zum Beispiel zu Hauptverkehrsstraßen dienen können.
Besserer Wasserhaushalt
Unversiegelte Flächen sind wichtig für die Versickerung von Regenwasser vor Ort und fördern die Grundwasserneubildung, schützen vor Hochwasser und kühlen durch Verdunstung.
Klimaschutz
Böden und Pflanzen binden Kohlenstoffdioxid. Dach- und Fassadenbegrünungen können zudem die Energieeffizienz von Gebäuden steigern und Energie für Heizung und Kühlung sparen.
Natur als Lernort und Erlebnisraum
Grüne Lernorte und urbane Wildnis ermöglichen Kindern und Erwachsenen wichtige Naturerfahrungen. Sie fördern das Verständnis für ökologische Zusammenhänge direkt vor der Haustür.
Zusätzlicher Lebensraum für zahlreiche Arten
Städte können wertvolle Zufluchtsorte für Tiere und Pflanzen sein, wenn wir ihnen den Raum dafür geben. Isolierte Parks reichen dafür jedoch nicht aus, Grünflächen müssen als zusammenhängendes Netzwerk geplant werden, damit beispielsweise Insekten die Chance haben, von einer Fläche zur nächsten zu gelangen. Das hilft auch dem Klima: Ein einzelner Baum kühlt nur seinen Schattenplatz, ein lückenloser Grünstreifen hingegen schafft ein durchgängig kühleres Mikroklima. Städte brauchen daher eine durchgehende grüne Infrastruktur.