Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe von Ahr und Erft
- Ein Artikel von Ortrun Sadik
- mitwirkende Expert:innen Thilo Maack
- Hintergrund
Die Schäden der verheerenden Flut 2021 im Ahrtal sind größtenteils beseitigt. Doch die Angst bleibt zurück: Wann trifft Deutschland die nächste Jahrhundertflut?
Wann kommt wieder eine Jahrhundertflut wie die an Ahr und Erft 2021? Dieses Jahr 2026 droht – mal wieder – das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung zu werden. Schon im Juni rollen erste Hitzewellen durch Deutschland und Europa, vereinzelt sorgen Starkregenereignisse für weggespülte Autos wie im Juni in Berlin. Das Wetterphänomen El Niño droht, die Klimakrise 2026 noch zu verstärken.
Seit drei Jahren sind die Meere besonders warm, die Jahrestemperaturen brechen einen Rekord nach dem anderen. Diese Hitze im System macht Überschwemmungen, Stürme und Dürren immer schlimmer. Die Zahl der Hitzetoten steigt und die bange Frage hängt im Raum: Wann und wo gibt es die nächste „Jahrhundertflut“ in Deutschland? Wann und wo entlädt sich die angestaute Hitze in einer neuen verheerenden Überschwemmungen?
Überschwemmungen im Juni 2021: Das Ahrtal versinkt
Die Flut im Ahrtal und in den angrenzenden Gebieten im Sommer 2021 war verheerend. Am 14. Juli 2021 regnete es so stark, dass in der Nacht zum 15. Juli vielerorts kleine Flüsse zu reißenden Strömen anwuchsen – mit verheerenden Folgen. Die Jahrhundertflut verwüstete ganze Ortschaften, die Wassermassen rissen alles mit. Im Ahrtal in Rheinland-Pfalz wurden über 9.000 Gebäude und 100 Brücken zerstört. Mehr als 130 Menschen verloren in der Flut ihr Leben, tausende Menschen ihr gesamtes Hab und Gut.
Vieles ist seitdem wieder aufgebaut worden. Dafür wurden bis zum 1. Juni 2026 knapp 3,7 Milliarden Euro von Land und Bund bereitgestellt. Diese flossen und fließen immer noch unter anderem in kommunale Infrastruktur, Krankenhäuser, Wohnhäuser oder Unternehmen. Dennoch sind die Zerstörungen bis heute noch an vielen Stellen sichtbar.
Greenpeace im Ahrtal
Direkt nach der Flut beteiligten sich Greenpeace-Ehrenamtliche und -Mitarbeitende an den Aufräumarbeiten und halfen vor Ort. Während THW, Feuerwehr und etliche Helfer:innen aus der Umgebung versuchten, in der Region wieder so etwas wie Normalität herzustellen, hatten sich auch Greenpeace-Freiwillige mit Pumpen und Generatoren auf den Weg gemacht, um tagelang mit anzupacken, Schlamm zu schippen und mit aufzuräumen.
Boden- und Wasserproben im Katastrophengebiet 2021
Nach der Flut hatten Greenpeace-Aktive im Sommer 2021 Boden- und Wasserproben im Ahrtal genommen und untersucht. Denn die Gefahr für Menschen und Umwelt ist nach einem Hochwasser noch lange nicht gebannt, bloß weil das Wasser getrocknet ist. Bei solch verheerenden Zerstörungen wie durch die Flut können sich Chemikalien und Schadstoffe mit den Wassermassen zum Teil unkontrolliert über eine große Region verteilen. Um mögliche Auswirkungen auf die Bewohner:innen einschätzen zu können, nahmen Greenpeace-Expert:innen stichprobenartig Boden- und Wasserproben im nordrhein-westfälischen Katastrophengebiet rund um den stark beschädigten Ort Blessem.
Die Proben wurden vor Ort aufbereitet und anschließend zur Analyse an zertifizierte Labore übergeben. Besonderes Augenmerk legten die Greenpeace-Expert:innen dabei auf Kinderspiel- und Sportplätze, Privatgärten und Äcker; dort, wo sich Menschen aufhalten. Auch provisorische Mülldeponien, die sich vor Ort gebildet haben, wurden untersucht.
In zwei Fällen konnten unabhängige Labore Auffälligkeiten feststellen: So fanden sich in einer Probe von einer Pferdekoppel in Blessem erhöhte Werte des Lösungsmittels Toluol, auf einer Sperrmülldeponie im selben Ort wurde eine erhöhte Belastung mit Mineralöl-Kohlenwasserstoffen gemessen – beide Werte liegen über den von der Bundesumweltministerkonferenz verabschiedeten Unbedenklichkeitswerten (Zuordnungswert Z0) der „Anforderungen an die stoffliche Verwertung von mineralischen Abfällen – Technische Regeln“ der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall.
Untersuchungen zwei Jahre nach der Flutkatastrophe
Vor dem zweiten Jahrestag der Flutkatastrophe begutachteten Greenpeace-Aktive, inwieweit die verheerenden Überschwemmungen nach wie vor Spuren in der Region hinterlassen haben. So ist etwa das Naturschutzgebiet Ahrmündung noch immer stark mit Plastikmüll verschmutzt, insbesondere Flaschen und Getränkekisten aus einem überfluteten Getränkelager sind nach wie vor in dem sensiblen Lebensraum zu finden, in dem seltene Vögel wie der Flussregenpfeifer brüten.
In dem Naturschutzgebiet sammelte die Gruppe über zwei Tage etwa sieben Kubikmeter Müll ein, darunter Flaschen, Kisten, Plastikteile, Medikamente, Ölbehälter, Spielzeug, Hausrat, Möbelreste und sogar eine Flaschenpost. „Wir setzen fort, was hunderte helfende Hände in unzähligen Freiwilligenstunden begonnen haben“, sagte Greenpeace-Sprecher Thilo Maack damals.
2023: Flutwohnung auf Tour durch Deutschland
Im Juli 2023 organisierte Greenpeace außerdem die Wanderausstellung „Flutwohnung“, um die verheerenden Folgen der Klimakrise zu visualisieren. Die Aktivist:innen bauten unter anderem vor dem Berliner Paul-Löbe-Haus eine begehbare Installation auf, die eine von der Flut zerstörte Wohnung zeigte. Eingerichtet war die aus zwei Wänden angedeutete „Wohnung mit originalen, flutgeschädigten Möbeln aus dem Ahrtal und der italienischen Region Emilia-Romagna. Begleitende Bildtafeln erzählten die persönlichen Geschichten der betroffenen Besitzer:innen, um das Ausmaß der Katastrophen für die Öffentlichkeit erfahrbar und erlebbar zu machen. Die Tour führte die Installation im Anschluss durch mehrere deutsche Großstädte, darunter Hamburg, Köln und München.
Das Ziel dieser Aktion war es, die Politik unmittelbar mit der Realität des menschengemachten Klimawandels zu konfrontieren und konsequente politische Maßnahmen einzufordern. Da der Bundestag zu dieser Zeit über das Gebäudeenergiegesetz debattierte, nutzte Greenpeace die Ausstellung, um eine Klimapolitik zu verlangen, die sich strikt am 1,5-Grad-Klimaziel orientiert. Die Installation verdeutlichte, dass die Klimakrise längst keine abstrakte Bedrohung mehr war, sondern auch in Deutschland zu einer realen und großen Gefahr für die Menschen geworden ist. Damit wollten wir den Druck auf die Bundesregierung erhöhen, Klimaschutz endlich die notwendige Priorität einzuräumen.
Die Klimakrise ist da
Auch wenn die Flut 2021 im Ahrtal besonders heftig war- es war nicht die einzige „Jahrhundertflut“ in Deutschland oder gar Europa in den letzten Jahren. Denn die Klimakrise und die immer höheren Durchschnitts- und auch Meerwassertemperaturen sorgen immer häufiger für immer heftigere Regenfälle. Und das wird weiter zunehmen.
Die Situation ist dramatisch: Jedes Zehntelgrad Erderhitzung verändert das Klima - ab der kritischen Grenze von 1,5 Grad Celsius Erwärmung oberhalb der vorindustriellen globalen Durchschnittstemperatur drohen Klimaveränderungen, die unumkehrbar sind. Und die 1,5 Grad hat die Welt im Prinzip überschritten. Dass der Mensch diese Erderhitzung verursacht, ist seit Jahrzehnten bekannt, seit einigen Jahren treten uns die Folgen immer deutlicher vor Augen.
Hochwasser-Prävention und Klimaschutz
Flusshochwasser und Überschwemmungen durch Starkregen werden im Zuge der Klimakrise in Deutschland häufiger und intensiver. Dem Gesamtverband der Versicherer zufolge sind mehr als 300.000 Adressen in Deutschland von Hochwasser bedroht. Eine dramatische Flut wie 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wird durch die globale Erwärmung bis zu neunmal wahrscheinlicher.
Deshalb muss Deutschland beim Katastrophenschutz nachbessern, die Klimaanpassungen vorantreiben - und am wichtigsten natürlich: seine Klimaziele einhalten. Denn wir müssen alle Kraft aufwenden, um eine Verschlimmerung der Klimakrise zu verhindern.