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Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser
Daniel Müller / Greenpeace

„Mutwilliger Zerstörungsakt" - Interview zum Hambacher Wald

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Der kleine aber ökologisch wertvolle Hambacher Wald westlich von Köln ist zurzeit Schauplatz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um den Kohleausstieg. Für Umweltschützer ist ganz klar: Das grüne Kleinod darf auf keinen Fall gerodet werden. Nicht nur wegen der geschützten Tier- und Pflanzenarten, die dort leben, sondern auch aus Gründen des Klimaschutzes. Die darunter liegende Braunkohle darf nicht gefördert und verfeuert werden; das würde den Klimawandel weiter anheizen.

Doch auch für die Gegenseite, den Energiekonzern RWE, hat dieser Wald symbolische Bedeutung: Geht es seinen alten Braunkohlekraftwerke wirklich schon jetzt an den Kragen? Oder können noch ein paar Jahre Bestandschutz ausgehandelt werden? Und was bedeutet dieses Kräftemessen für die Kohlekommission, die – eigentlich im gesellschaftlichen Konsens mit Umweltverbänden und Gewerkschaften – das Wann und Wie des notwendigen Kohleausstiegs erarbeiten soll? Wir sprachen darüber mit Martin Kaiser, Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland. Er ist Teil der Kohlekommission; gemeinsam mit sechs weiteren Mitgliedern ging er am vergangenen Montag in den Hambacher Wald, um Baumpatenschaften für Buchen zu übernehmen, die RWE abholzen will.

Greenpeace: Was war Zweck der Baumpatenschaft-Aktion im Hambacher Forst?

Martin Kaiser: Wir wollen aufzuzeigen, dass wir das Vorgehen von RWE für absolut inakzeptabel halten: Der Energieriese will mit der Kettensäge Fakten schaffen, bevor die Kommission ihre Arbeit machen kann. Damit gefährdet der Konzern aus Profitgier den ergebnisoffenen Dialog, den es in der Kohlekommission geben muss.

RWE argumentiert, der Konzern brauche die Kohle schon bald für einen geordneten Weiterbetrieb seines Kraftwerksparks. Ist die Versorgungssicherheit in Gefahr, wenn die Hambacher Kohle nicht gefördert wird?

Meiner Meinung nach braucht RWE die Braunkohle unter dem Hambacher Forst nicht mehr, weil die Kraftwerke Niederaußem und Neurath, für die die Kohle benötigt werden würde, sowieso so schnell wie möglich abgeschaltet, beziehungsweise gedrosselt werden müssen. Die Kraftwerkblöcke sind zwischen 44 und 53 Jahren alt. Auch andere alte Braunkohlekraftwerkblöcke müssen rasch gedrosselt oder heruntergefahren werden, damit Deutschland seine Klimaziele 2020 erreicht. Das geht, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden, wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IEE) im Auftrag von Greenpeace belegt.

Die Teilnehmer der Protestaktion vom Montag haben verkündet, die Rodung des Hambacher Forstes sei eine Rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Heißt das, wenn doch gerodet wird, tritt Greenpeace aus der Kohlekommission aus?

RWE will sich als Konzern für Erneuerbare Energien aufstellen. Zugleich will das Unternehmen den alten Hambacher Wald für Kohleabbau roden, noch während die Kommission tagt. Dieses Vorgehen halten wir für absolut falsch. Ein solcher mutwilliger Akt der Zerstörung von mehr als 500 Hektar alten Waldes belastet die Arbeit in der Kohlekommission massiv. Dabei steht sogar noch eine Entscheidung des Gerichts in Münsters aus, ob RWE überhaupt das Recht hat, diesen Wald abzuholzen.

Hier ist auch die Bundesregierung gefragt. Denn Bundeskanzlerin Merkel hat die Kohlekommission einberufen – sie muss die Rahmenbedingungen für die Suche nach einem gesellschaftlichen Konsens garantieren. Gegebenenfalls würden wir prüfen müssen, ob eine sinnvolle Mitarbeit unter diesen Bedingungen des Vertrauensverlustes für uns und andere Verbände noch möglich ist. Derzeit gehen wir davon aus, dass RWE mit seiner Provokation nicht durchkommt.

Was macht Greenpeace eigentlich grundsätzlich in der Kohlekommission?

In der Kommission wollen wir gemeinsam mit anderen Umwelt- und Klimaschützern und zusammen mit gesellschaftlichen Kräften wie den Gewerkschaften, der Politik und den Wirtschaftsverbänden darum ringen, dass Deutschland den Kohleausstieg klima- und sozialgerecht erreicht. Ein schneller Ausstieg aus der Kohle bis 2030 ist wichtig, um unser Klima zu schützen. Kein Land auf der Welt verbrennt derzeit mehr klimagiftige Braunkohle als Deutschland. Die Arbeit in der Kommission ist eine verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe.

Bis wann ist denn mit Ergebnissen aus der Kommission zu rechnen?

Bis Ende des Jahres. Der Zeitplan ist ambitioniert und sollte von RWE nicht gefährdet werden. Jeder hat wohl nach diesem Sommer Bilder von verbrannten Feldern und trockengefallenen Flüssen vor Augen. Die beklemmenden Erfahrungen dieses Dürresommers zeigen: Die Klimakrise ist höchst real. In Deutschland, Europa und weltweit brennen Wälder. Menschen leiden unter Hitzewellen und Sturzfluten. Wir müssen jetzt handeln, um den Klimawandel nicht noch weiter anzuheizen.

  • Mitglieder der Kohlekommission protestieren mit roten Banner vor dem Braunkohletagebau in Hambach

    Rote Linie

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  • Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser wird Baumpate einer Buche im Hambacher Forst

    Symbolischer Schutz

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  • Schqaufelradbagger im Tagebau Hambach, dahinter das Braunkohlekraftwerk Neurath

    Zankapfel

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  • Greenpeace-Geschäftsführer in der Kohlekommission im Gespräch mit Andreas Scheidt von E.on.

    Den Wandel verhandeln

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