Atomkraftwerke im Hitzestreik: Warum wir jetzt Batterien brauchen
- Ein Artikel von Ortrun Sadik
- mitwirkende Expert:innen Heinz Smital
- Hintergrund
Kaum ist es heiß, müssen Atomkraftwerke gedrosselt werden. Warum das so ist, warum Gaskraftwerke uns nicht weiterhelfen und wie gerade die Energiewende die Stromversorgung sichert.
Die erste große Hitzeperiode des Jahres 2026 hat Europa fest im Griff und legt eine zentrale Schwachstelle unserer Energieversorgung offen. Während das Thermometer klettert, geraten ausgerechnet jene Kraftwerke ins Wanken, die als „Grundlastkraftwerke“ galten: die Atommeiler. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein neuer Hoffnungsträger, der das Stromnetz der Zukunft wetterfest machen könnte.
Wenn Flüsse zu heiß für Atomkraft werden
Im Juni 2026 mussten in Frankreich zahlreiche Reaktoren ihre Leistung drosseln oder komplett abschalten. Betroffen waren Anlagen wie Golfech-2, Nogent-2 und Bugey-3. Der Grund: Atomkraftwerke benötigen enorme Mengen an Kühlwasser aus Flüssen. Wenn die Wassertemperatur steigt, gefährdet das noch weiter aufgeheizte Abwasser die eh schon hitzebelasteten Ökosysteme der Flüsse, weshalb gesetzliche Grenzwerte die Stromproduktion limitieren. In der Schweiz musste das Werk Beznau sogar ganz vom Netz gehen.
Besonders dramatisch war die Lage in Ungarn: Die Donau erreichte Ende Juni eine Rekordtemperatur von 30,22 °C. Nur durch eine Ausnahmegenehmigung konnte das AKW Paks weiterlaufen – ein riskanter Kompromiss zwischen Versorgungssicherheit und Umweltschutz. Da sich Europa laut der Weltorganisation für Meteorologie mehr als doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt, werden solche Krisenszenarien künftig sehr zunehmen und Atomkraftwerken Probleme bereiten, vor allem, was deren Wartung und Wirtschaftlichkeit angeht.
„Wer den schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien und Energiespeichern nicht konsequent vorantreibt, verzögert damit auch dauerhaft niedrigere Stromkosten. Es ist absurd, dass Frau Reiche die Energiewende immer wieder ausbremst: Mit ihr kann man Klimaschutz mit günstiger Stromversorgung verbinden.“
Die „Abend-Lücke“ der Stromversorgung und die Kosten der Trägheit
Sonne und Solarstrom passt hingegen gut zusammen, denn Angebotsspitzen und Bedarfsspitzen verlaufen ähnlich: Während Hitzeperioden entsteht vor allem Tagsüber und in den Nachmittagsstunden ein deutlich erhöhter Strombedarf durch die vermehrt laufenden Klima- und Kühlanlagen. Gleichzeitig produzieren Solaranlagen über diese Tageszeit Sonnenstrom ohne Ende. Während also die deutsche Solarstromproduktion das europäische Netz tagsüber stabilisiert, entsteht nach Sonnenuntergang ein Problem. Wenn die Solarleistung wegbricht und Windkraft bei typischem Hochdruckwetter schwach ausfällt, müssen kurzfristig andere Kraftwerke einspringen.
Bisher setzt die Politik hierbei stark auf neue Gaskraftwerke. Doch das ist teuer: Gaskraftwerke verursachen hohe Anfahrkosten (Start-up costs). Dazu gehören nicht nur der Brennstoffverbrauch beim Hochfahren, sondern auch ein schlechterer Wirkungsgrad und ein erhöhter Verschleiß der Technik. Wenn diese Kosten auf nur wenige Betriebsstunden am Abend umgelegt werden, schießen die Strompreise für uns alle in die Höhe.
Erklär mir das
Was sind „Anfahrkosten“ bei Kraftwerken?
Große Wärmekraftwerke (wie Gas- oder Kohlekraftwerke) funktionieren nicht wie ein Lichtschalter. Um Strom zu produzieren, müssen sie erst „vorgeheizt“ werden. Dieser Prozess verbraucht viel Brennstoff, ohne dass bereits Strom fließt, und belastet die Bauteile durch extreme Temperaturwechsel (Verschleiß). Diese Kosten nennt man Anfahrkosten. Batteriespeicher hingegen sind sofort einsatzbereit, ohne zusätzliche Energie für den Start zu benötigen.
Batteriespeicher: Die effiziente Alternative
Hier kommen Batteriespeicher ins Spiel. Sie sind die flexiblen „Sprinter“ des Stromnetzes. Im Gegensatz zu Gaskraftwerken haben sie keine Anfahrkosten. Sie speichern den günstigen Solarstrom vom Mittag und geben ihn punktgenau in den teuren Abendstunden wieder ab. Erschreckend, dass Politiker:Innen wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) immer noch nicht erkannt haben, dass eine konsequente Energiewende nicht nur das Klima schützt, sondern auch für eine stabile und bezahlbare Stromversorgung gut ist.
Wer den Ausbau von Speichern vernachlässigt, zementiert dauerhaft hohe Strompreise und bremst die Zukunftsfähigkeit der Netze aus. Die Hitzewelle 2026 hat gezeigt: Ein modernes Stromsystem braucht keine starren Großkraftwerke, die bei Hitze kapitulieren, sondern mehr Flexibilität und intelligente Speicherung.
Fragen & Antworten zum „Hitze und Atomkraftwerke“
Warum schalten Atomkraftwerke bei Hitze ab?
Atomkraftwerke nutzen Flusswasser zur Kühlung. Ist der Fluss bereits zu warm, würde das eingeleitete Kühlwasser die Wassertemperatur weiter erhöhen und Fische sowie Pflanzen im Fluss gefährden.
Warum ist Strom abends oft besonders teuer?
Weil die günstige Solarenergie fehlt und stattdessen teure Kraftwerke (z. B. Gas) hochgefahren werden müssen. Die Kosten für den Brennstoff und das Anfahren der Anlagen machen den Strom in diesen Stunden kostspielig.
Wie helfen Batterien gegen hohe Strompreise?
Batterien speichern Strom, wenn er im Überfluss vorhanden und günstig ist (z. B. mittags bei viel Sonne). In den teuren Abendstunden geben sie diesen Strom wieder ab und verhindern so, dass teure Gaskraftwerke überhaupt erst gestartet werden müssen.
Erwärmt sich Europa schneller als der Rest der Welt?
Ja, laut Daten der Weltorganisation für Meteorologie erwärmt sich unser Kontinent mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Das macht den Umbau unseres Energiesystems so dringlich.