Verirrter Buckelwal in der Ostsee
- Ein Artikel von Dr. Eva Boller & Jörg Siepmann
- mitwirkende Expert:innen Daniela von Schaper & Franziska Saalmann
- Nachricht
Ein Buckelwal strandete vor Timmendorfer Strand und rang um sein Leben. Zwischenzeitlich konnte er sich befreien, doch nun liegt er vor der Insel Poel in der Wismarer Bucht fest.
Der vergangene Woche Montag auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand gestrandete Buckelwal befindet sich aktuell in flachem Gewässer vor der Insel Poel. Leider geht es dem Wal schlechter und die Einsatzkräfte haben sich gegen weitere Rettungsmaßnahmen entschieden. Nach Einschätzung unsere Meeresexpert:innen vor Ort sowie nach intensivem Austausch mit weiteren internationalen Wissenschaftler:innen lautet die Bewertung folgendermaßen: „Die Situation des Buckelwals ist kritisch. Nach gemeinsamer Einschätzung unserer Expert:innen und der beteiligten Fachleute müssen wir davon ausgehen, dass das Tier erheblich geschwächt ist. Mehrfache Strandungen sowie eine deutlich reduzierte Vitalität und fehlende Reaktionen auf äußere Reize deuten darauf hin. In solchen Situationen führen Eingriffe häufig nicht zu einer nachhaltigen Rettung, sondern können das Leiden des Tieres verlängern. Ein natürlicher Verlauf – so schwer es auch zu akzeptieren ist – entspricht in vielen Fällen und auch hier am ehesten dem Tierwohl.“
Aktuelles zum Wal bei Instagram
Das tut Greenpeace
Walschutz ist ein Langfristziel
Nach der Strandung des Wals vor Timmendorfer Strand hat Greenpeace seine Bereitschaft zur Mithilfe an das Rettungsteam vor Ort signalisiert und war auf Abruf. Am Donnerstag (27. März) dann baten die Einsatzkräfte um Verstärkung durch unsere Schlauchboote. Nachdem sich der Wal freischwimmen konnte, haben wir mit der Bildung einer Kette aus Booten mitgeholfen, den Wal am erneuten Stranden zu hindern. Im Folgenden war Greenpeace mit unseren Meeresbiolog:innen sowie unseren Schlauchbooten vor Ort in der Wismarer Bucht und im direkten Austausch mit dem Einsatzteam. Unsere Arbeit passierte in enger Abstimmung – von der Wasserschutzpolizei bis zu Walexpert:innen – , um in der sich ständig veränderten Situation angemessen zu agieren.
Inzwischen sind wir nicht mehr an den Einsatzmaßnahmen beteiligt. Wir sind weiterhin ansprechbar, wenn es um Fragen für den Schutz des Lebensraums der Wale geht. Unser Boot ist vor Ort und wir sind allzeit bereit, wenn wir im Sinne des Tierwohls helfen können.
Eines ist klar: Das Problem geht über diesen einen Fall hinaus. Schweinswale, die in deutschen Meeren heimisch sind, verfangen sich häufig in Stellnetzen, was ihnen zum tödlichen Verhängnis werden kann. Dies betrifft vor allem die vom Aussterben bedrohte Population des Ostsee-Schweinswals.
Auch weltweit bleiben Wale gefährdet, wenngleich sich einige Walpopulationen in den vergangenen Jahren durch das internationale Walfangverbot für die Hohe See etwas erholt haben. Fischernetze ebenso wie Lärm unter Wasser setzen ihnen zu. Greenpeace setzt sich dafür ein, dass Wale zukünftig besser geschützt werden: beispielsweise durch wirksame Schutzgebiete, von denen auch Wale profitieren; sowie durch den Verbot von Tiefseebergbau, welcher die sensiblen Geschöpfe in ihren Lebensräumen stören würde.
Vor Ort
Fragen & Antworten zum Buckelwal in Wismar
Warum wird das Netz nicht aus seinem Maul entfernt?
Leider war es nicht möglich, den Wal von dem Netz zu befreien. Die zuständigen Wissenschaftler:innen haben dies vor Ort genau geprüft, aber es gab keine Möglichkeit, an das Fischernetz heranzukommen. Wir wissen also nicht, wie stark das Netz den Wal tatsächlich beeinträchtigt.
Warum ist niemand von euch bei dem Wal im Wasser?
Wir sind seit mehreren Tagen vor Ort und versuchen unermüdlich dem Wal zu helfen. Erst Donnerstagmorgen waren wir wieder bei dem Wal, um seinen gesundheitlichen Zustand einzuschätzen. Leider scheint es ihm nicht gut zu gehen, aber wir hoffen natürlich, dass er noch genug Kraft hat, um weiter zu schwimmen. Wir werden auch weiterhin die Situation regelmäßig neu bewerten und sind im engen Austausch mit dem Deutschen Meeresmuseum, um zu prüfen, wie wir weiter vorgehen.
Warum wird er nicht mit Walgesängen aus der Ostsee gelockt?
Leider ist es so, dass die Kommunikation von und zu Walen bisher nicht entschlüsselt ist. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine finalen Erkenntnisse darüber, wie sich das Abspielen von Wallauten auf das Tier auswirken würde. Das bedeutet, wenn wir versuchen würden, den Buckelwal mit Walgesängen anzulocken, damit er uns folgt, könnte dies das Gegenteil bewirken und ihn zurück in die falsche Richtung treiben - und wir wollen auf keinen Fall, dass er erneut strandet. Deswegen sehen wir nach Rücksprache mit den zuständigen Fachleuten davon ab.
Was wird gegen die Möwen unternommen, die auf dem Wal herumhacken?
Gegen die Möwen können wir leider nichts tun. Es wäre mehr Stress für den Wal, wenn wir immer wieder versuchen würden, sie zu verscheuchen. Wir halten selbst genug Abstand zu dem Tier, um ihn nicht unnötig zu stressen.
Warum kann man den Wal nicht einfach von der Sandbank ziehen oder abschleppen?
Es handelt sich um ein tonnenschweres Tier. Ein einfaches Abschleppen mit Seilen oder Schlingen würde höchstwahrscheinlich zu schweren Verletzungen führen. Ohne spezialisiertes Gerät und aufgrund des enormen Eigengewichts ist ein solcher Eingriff derzeit zu gefährlich und würde die Situation für den Wal eher verschlimmern.
Kann man den Wal aktiv füttern, um ihn zu unterstützen?
Nein, eine aktive Fütterung ist unter diesen Umständen nicht möglich, was auch von den Expert:innen vor Ort so eingeschätzt wird.
Welche Rolle spielt Greenpeace vor Ort?
Greenpeace ist zur Unterstützung und Beratung vor Ort. Die Organisation koordiniert jedoch nicht die Maßnahmen – und entscheidet auch nicht; dies liegt in der Hand der zuständigen Behörden und Expert:innen. Wir blieben mehrere Tagen in der Nähe des Wals. Wir haben den Wal nach seiner Befreiung in Niendorf begleitet und zusammen mit den Rettungskräften, dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) und Sea Shepherd dafür gesorgt, dass er nicht wieder strandet. Letztlich ist der Wal leider in der Nacht (nachts können wir ihn aufgrund von Gefahren wie etwa einer Kollision wegen schlechter Sicht nicht begleiten) wieder auf einer Sandbank bei Wismar gestrandet und hat sich daraufhin nur noch einmal etwas mehr südlich bewegt. Seit Samstag, 4.4, sind wir nicht mehr an den Einsatzmaßnahmen beteiligt. Wir sind weiterhin ansprechbar, wenn es um Fragen für den Schutz des Lebensraums der Wale geht. Unser Boot ist vor Ort und wir sind allzeit bereit, wenn wir im Sinne des Tierwohls helfen können.
Warum unternehmt Ihr keinen weiteren Rettungsversuch? Warum lasst Ihr den Wal sterben?
Dem Wal geht es wirklich sehr schlecht. Seit seinem Auftauchen haben wir gemeinsam mit weiteren Fachleuten alles sorgfältig geprüft und frühzeitig gehandelt, wo es sinnvoll und möglich war.
Wenn es zum jetzigen Zeitpunkt eine realistische Chance gäbe, das Tier zu retten, würden wir diese natürlich sofort ergreifen. Nach aktueller fachlicher Einschätzung kann der Wal jedoch nicht mehr gerettet werden. Weitere Animierungsversuche würden seine Situation nicht verbessern, sondern ihn unnötig quälen und zusätzliches Leid verursachen. Das wollen wir vermeiden – im Sinne des Tieres.
Die Entscheidung, jetzt keinen weiteren Rettungsversuch mehr zu unternehmen, fällt uns sehr schwer. Wir haben den Wal über Tage begleitet und auch uns macht das Schicksal des Tieres sehr betroffen. Wir verstehen, wie sehr das viele Menschen bewegt.
Warum lasst Ihr den Buckelwal in der Ostsee durch fehlende Euthanasie-Maßnahmen so qualvoll leiden?
Die Frage ist nachvollziehbar. Nur gibt es nach Einschätzung der zuständigen Wissenschaftler:innen und Expert:innen derzeit keine praktikable Möglichkeit dafür. Es wäre technisch extrem schwierig umzusetzen und würde sehr wahrscheinlich mit starken Schmerzen für das Tier verbunden sein. Es besteht die große Gefahr, dass die Qualen sich sogar in die Länge ziehen. Diese Situation ist auch für uns schwer auszuhalten. Wir verstehen, dass viele Menschen sich ein anderes Vorgehen wünschen. Aber wir müssen uns daran orientieren, was dem Tier in seiner aktuellen Lage am ehesten weiteres Leid erspart.
Warum zieht ihr euch zurück?
Seit Tagen bleibt die Situation unverändert: Dem Buckelwal geht es zunehmend schlechter. Alle weiteren Rettungsversuche würden dem Tier schaden und zusätzliches Leid auslösen. Wir können leider nichts mehr für ihn tun. Da unsere Unterstützung derzeit nicht mehr nötig ist, werden wir gerade nicht aktiv. Unser Boot ist aber vor Ort und wir sind weiterhin in Bereitschaft. Wir hoffen, dass der Wal Ruhe findet. Genauso wie euch geht auch uns das Schicksal des Tieres sehr nahe. Wir danken euch allen für die Unterstützung aus der Ferne.
Wenn das Meer zur Falle für Wale wird
Der Fall erinnert an frühere Strandungen – etwa von Pottwalen in der Nordsee. Auch damals zeigte sich, wie schnell ein falscher Kurs im Ozean tödlich enden kann. Doch während es sich dabei meist um Pottwale handelte, ist der aktuelle Fall ein anderer: Buckelwale sind zwar ebenfalls große Wanderer, doch ihr Verhalten und ihre Lebensräume unterscheiden sich.
Buckelwale durchqueren die Weltmeere zwischen tropischen Gebieten, in denen sie ihre Jungen aufziehen, und kalten, nährstoffreichen Regionen nahe der Pole. Auf diesen langen Wanderungen können sie sich verirren – und gelangen so auch in Randmeere wie die Ostsee. Dort waren sie allerdings nie heimisch und sind nur sehr selten anzutreffen.
Dieser Wal ist vermutlich genau auf einer solchen Wanderung. Möglicherweise folgte er Schwärmen von Fischen – in den letzten Wochen wurde er vermehrt an unterschiedlichen Orten der Ostsee gesichtet. Nun geriet er in ein Gebiet, das für ihn zur Falle wurde.
„Noch immer haben Meeressäugetiere zu wenig Rückzugsräume und ihre Nahrung wird aufgrund der Überfischung immer knapper. Besonders die Ostsee ist in einem schlechten ökologischen Zustand und wurde dem Wal in den letzten Wochen bereits aufgrund von Fischernetzen, die sich um seinen Körper geschlungen haben, zum Verhängnis.“
Buckelwal orientierungslos im flachen Wasser
Die Ostsee stellt für große Wale gleich mehrere Probleme dar:
- Geringe Tiefe: Anders als der offene Ozean ist die Ostsee vielerorts flach. Große Wale können sich hier leichter festsetzen.
- Nahrungsmangel: Es fehlen oft ausreichend große Schwärme von Beutefischen.
- Niedriger Salzgehalt: Der deutlich geringere Salzgehalt kann bei längerem Aufenthalt zu gesundheitlichen Problemen führen, etwa Hautveränderungen.
Gerät ein Wal in solche Bedingungen, kann er schnell geschwächt werden. Orientierungslosigkeit, Erschöpfung oder Krankheit können dann dazu führen, dass er auf einer Sandbank strandet.
Walstrandungen: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Rettung eines gestrandeten Wals ist extrem schwierig. Anders als kleinere Meeressäuger können Tiere von rund zehn Metern Länge und mehreren Tonnen Gewicht nicht einfach zurück ins Wasser geschoben werden. Selbst koordinierte Einsätze mit Booten, Drohnen und vielen Helfenden sind oft erfolglos – wie die bisherigen Versuche gezeigt haben.
Fest steht: Nicht jeder nicht-heimische Wal, der sich in die Ostsee verirrt, findet den Weg zurück in den Atlantik. Manche schaffen es – viele nicht. Und so bleibt der Fall, der vor dem Timmendorfer Strand begann, ein eindringliches Beispiel dafür, wie verletzlich selbst die größten Tiere der Erde sind, wenn sie sich in den falschen Gewässern wiederfinden.
Was jetzt für den Meeresschutz getan werden muss
Der Fall zeigt, wie dringend Meeresschutz ist – auch vor unserer eigenen Haustür. Das bedeutet konkret:
- Schutz sensibler Meeresgebiete stärken: Weniger Schiffsverkehr, weniger Lärm, strengere Schutzgebiete – vor allem die Ostsee ist stark belastet.
- Unterwasserlärm reduzieren: Wale orientieren sich über Schall. Industrieprojekte, Schifffahrt und militärische Aktivitäten müssen stärker reguliert werden.
- Meere sauber halten: Plastik und Schadstoffe schwächen Meeressäuger zusätzlich; Netze aus der Fischerei können zu tödlichen Fallen werden.
- Forschung und Monitoring ausbauen: Nur wer Wanderbewegungen besser versteht, kann frühzeitig reagieren und Tiere schützen.
Was wir alle für die Wale tun können
- Abstand halten: Bei Sichtungen von Walen oder anderen Meerestieren niemals nähern oder stören – das kann lebensgefährlich für die Tiere sein.
- Plastik vermeiden: Weniger Einwegprodukte nutzen und Müll korrekt entsorgen.
- Nachhaltig konsumieren: Pflanzliche Alternativen statt Fisch wählen. Jeder nicht gegessene Fisch musste auch nicht in einem Fischernetz gefangen werden!
- Engagement zeigen: Meeresschutzorganisationen unterstützen, Petitionen unterschreiben oder selbst aktiv werden.
Jeder Beitrag zählt – denn damit die Ozeane für Wale kein Irrweg werden, braucht es Schutz auf allen Ebenen.