Kritische Rohstoffe: Warum die Tiefsee nicht geopfert werden muss
- Ein Artikel von Dr. Eva Boller
- mitwirkende Expert:innen Daniela von Schaper
- Hintergrund
Kritische Mineralien sind rar. Trotzdem braucht es für die Energiewende keine Ausbeutung der Tiefsee, das zeigt eine neue Studie im Auftrag von Greenpeace.
Draußen tobt der geopolitische Sturm: Rohstoff-Allianzen werden geschmiedet, Handelskonflikte verschärfen sich, einzelne Staaten preschen vor und wollen den Meeresboden für den Bergbau freigeben. Innen herrscht emsige Arbeitsatmosphäre: In den Verhandlungsräumen der International Seabed Authority (ISA) ringen Regierungen derzeit um Regeln für eine Industrie, die es so noch gar nicht gibt – den Tiefseebergbau.
Doch mitten in diese aufgeheizte Debatte platzt nun eine neue Analyse mit einer klaren Botschaft: Die Energiewende braucht keinen Tiefseebergbau.
Kritische Mineralien aus der Tiefsee nicht nötig
Die internationale Studie „Jenseits des Rohstoffabbaus“, erstellt vom Institute for Sustainable Futures der University of Technology Sydney im Auftrag von Greenpeace International, zeigt erstmals umfassend, wie sich der Bedarf an kritischen Mineralien wie Lithium, Nickel und Kobalt deutlich senken lässt – ohne die internationalen Klimaziele zu gefährden.
Damit gerät ein zentrales Argument der Industrie ins Wanken: dass neue Rohstoffquellen in der Tiefsee unvermeidlich seien, um Windräder, Solaranlagen und Batteriespeicher in ausreichender Menge zu bauen.
„Die Studie zeigt erstmals, dass eine ambitionierte Energiewende nicht mit der Opferung wichtiger Ökosysteme einhergehen muss – weder an Land noch auf See. Stattdessen geht es darum, unsere Energie- und Verkehrssysteme klug und nachhaltig umzugestalten. Dann werden nämlich weniger kritische Mineralien benötigt als bisher gedacht.“
Ein Drittel weniger Mineralien – durch kluge Politik
Die Autor:innen modellieren drei Szenarien für eine vollständig erneuerbare Energieversorgung bis 2050. Im sogenannten „Progressive Scenario“ sinkt der Bedarf an neu geförderten Mineralien um rund ein Drittel gegenüber bisherigen Referenzpfaden.
Der weltweite Spitzenbedarf reduziert sich von rund 27 Millionen Tonnen pro Jahr auf etwas über 10 Millionen Tonnen.
Wie das gelingen kann?
- massiver Ausbau von öffentlichem Verkehr statt immer größerer Autoflotten
- kleinere, materialeffizientere Fahrzeuge
- höhere Recyclingquoten und echte Kreislaufwirtschaft
- technologische Innovationen wie Natrium-Ionen-Batterien, die weniger Lithium, Nickel oder Kobalt benötigen
Im Unterschied zu vielen Szenarien – etwa denen der International Energy Agency (IEA) – setzt die Studie stärker auf Effizienz, geringeren Energiebedarf und strukturelle Veränderungen im Verkehrssystem. Das Ergebnis: Die Energiewende wird nicht zum Rohstoff-Wettrennen, sondern zu einem Effizienzprojekt.
Kein Dilemma zwischen Klima- und Meeresschutz
Besonders wichtig für die ISA-Verhandlungen: Selbst wenn ökologisch sensible Gebiete konsequent vor Bergbau geschützt werden, reichen die bekannten Reserven an Land aus, um den Bedarf im progressiven Szenario zu decken.Greenpeace hat eine globale Karte sogenannter „Restricted Areas“ erstellt – Regionen mit hoher ökologischer oder sozialer Bedeutung. Die Analyse zeigt: Auch wenn diese Gebiete tabu bleiben, ist die Versorgung für die Energiewende gesichert.
Das oft bemühte Narrativ eines unvermeidlichen „Rohstoff-Dilemmas“ zwischen Klimaschutz und Naturschutz hält der Überprüfung nicht stand.
Warum das gerade jetzt politisch brisant ist
Die Studie erscheint in einer Phase zunehmender geopolitischer Spannungen. Rohstoffe sind längst Teil strategischer Machtpolitik. Einzelne Staaten drängen auf nationale Alleingänge beim Tiefseebergbau, während andere ein Moratorium fordern.
In diesem Umfeld geht es nicht nur um Technik oder Ökonomie, sondern um Grundsatzfragen: Bleibt die Tiefsee ein globales Gemeinschaftsgut – oder wird sie zur nächsten geopolitischen Frontlinie?
Die Analyse liefert Regierungen nun ein starkes Argument gegen vorschnelle Entscheidungen. Wenn die Energiewende auch ohne Tiefseebergbau gelingt, entfällt der politische Druck, eine Hochrisiko-Industrie unter Zeitdruck zu legalisieren.
Und was hat das mit Deutschland zu tun?
Deutschland ist als Industrienation stark vom Import kritischer Rohstoffe abhängig. Gleichzeitig hat sich die Bundesregierung für eine vorsorgliche Pause für Tiefseebergbau ausgesprochen und schließt sich somit rund 40 Staaten an, die sich gegen den Start der Industrie aussprechen. Beides zusammen macht die ISA-Verhandlungen für Deutschland besonders relevant:
Geht es künftig um neue Abbauprojekte in sensiblen Ökosystemen – oder um eine strategische Rohstoffpolitik, die Effizienz, Recycling und Innovation priorisiert?
„Statt neue Hochrisiko-Industrien im Ozean zu starten, müssen Regierungen jetzt Ressourceneffizienz, Recycling und nachhaltige Mobilität priorisieren. Deutschland muss sich im Rahmen seiner internationalen Verpflichtungen darum bemühen, die Tiefsee zu schützen und mindestens 30 Prozent der Meeres- und Landfläche bis 2030 wirksam vor menschlicher Ausbeutung zu bewahren“,
Eine Richtungsentscheidung für die Energiewende
Die Studie macht deutlich: Die Energiewende ist nicht nur eine Frage von Windrädern und Solarmodulen. Sie ist auch eine Frage politischer Weichenstellungen.Ob wir in eine Zukunft steuern, in der der Meeresboden industrialisiert wird – oder in eine, die auf Effizienz, Kreislaufwirtschaft und Schutz sensibler Ökosysteme setzt – entscheidet sich jetzt.
Die gute Nachricht: Der vermeintliche Sachzwang existiert nicht. Die Energiewende braucht Mut zur Transformation – aber keinen Raubbau in der Tiefsee.
Jenseits des Rohstoffabbaus
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