Jetzt spenden
Sea Anemone (Urticina crassicornis) in the Arctic
© Solvin Zankl / Greenpeace

Kritische Rohstoffe: Warum die Tiefsee nicht geopfert werden muss

Label
Einmalig
Label
Monatlich
Standardintervall
Monatlich
Position Spendenbar am unteren Rand
Aus

Kritische Mineralien sind rar. Trotzdem braucht es für die Energiewende keine Ausbeutung der Tiefsee, das zeigt eine neue Studie im Auftrag von Greenpeace. 

Draußen tobt der geopolitische Sturm: Rohstoff-Allianzen werden geschmiedet, Handelskonflikte verschärfen sich, einzelne Staaten preschen vor und wollen den Meeresboden für den Bergbau freigeben. Innen herrscht emsige Arbeitsatmosphäre: In den Verhandlungsräumen der International Seabed Authority (ISA) ringen Regierungen derzeit um Regeln für eine Industrie, die es so noch gar nicht gibt – den Tiefseebergbau.

Doch mitten in diese aufgeheizte Debatte platzt nun eine neue Analyse mit einer klaren Botschaft: Die Energiewende braucht keinen Tiefseebergbau.

Kritische Mineralien aus der Tiefsee nicht nötig

Die internationale Studie „Jenseits des Rohstoffabbaus“, erstellt vom Institute for Sustainable Futures der University of Technology Sydney im Auftrag von Greenpeace International, zeigt erstmals umfassend, wie sich der Bedarf an kritischen Mineralien wie Lithium, Nickel und Kobalt deutlich senken lässt – ohne die internationalen Klimaziele zu gefährden.

Damit gerät ein zentrales Argument der Industrie ins Wanken: dass neue Rohstoffquellen in der Tiefsee unvermeidlich seien, um Windräder, Solaranlagen und Batteriespeicher in ausreichender Menge zu bauen.

Daniela von Schaper
„Die Studie zeigt erstmals, dass eine ambitionierte Energiewende nicht mit der Opferung wichtiger Ökosysteme einhergehen muss – weder an Land noch auf See. Stattdessen geht es darum, unsere Energie- und Verkehrssysteme klug und nachhaltig umzugestalten. Dann werden nämlich weniger kritische Mineralien benötigt als bisher gedacht.“

Daniela von Schaper

Greenpeace-Meeresexpertin

Daniela von Schaper
Zitat
„Die Studie zeigt erstmals, dass eine ambitionierte Energiewende nicht mit der Opferung wichtiger Ökosysteme einhergehen muss – weder an Land noch auf See. Stattdessen geht es darum, unsere Energie- und Verkehrssysteme klug und nachhaltig umzugestalten. Dann werden nämlich weniger kritische Mineralien benötigt als bisher gedacht.“
Zitatinhaber, Vorname Nachname
Daniela von Schaper
Position des Zitatinhabers
Greenpeace-Meeresexpertin
Kreisförmiges Bild
An

Ein Drittel weniger Mineralien – durch kluge Politik

Die Autor:innen modellieren drei Szenarien für eine vollständig erneuerbare Energieversorgung bis 2050. Im sogenannten „Progressive Scenario“ sinkt der Bedarf an neu geförderten Mineralien um rund ein Drittel gegenüber bisherigen Referenzpfaden.

Der weltweite Spitzenbedarf reduziert sich von rund 27 Millionen Tonnen pro Jahr auf etwas über 10 Millionen Tonnen.

Wie das gelingen kann?

  • massiver Ausbau von öffentlichem Verkehr statt immer größerer Autoflotten
  • kleinere, materialeffizientere Fahrzeuge
  • höhere Recyclingquoten und echte Kreislaufwirtschaft
  • technologische Innovationen wie Natrium-Ionen-Batterien, die weniger Lithium, Nickel oder Kobalt benötigen

Im Unterschied zu vielen Szenarien – etwa denen der International Energy Agency (IEA) – setzt die Studie stärker auf Effizienz, geringeren Energiebedarf und strukturelle Veränderungen im Verkehrssystem. Das Ergebnis: Die Energiewende wird nicht zum Rohstoff-Wettrennen, sondern zu einem Effizienzprojekt.

Kein Dilemma zwischen Klima- und Meeresschutz

Besonders wichtig für die ISA-Verhandlungen: Selbst wenn ökologisch sensible Gebiete konsequent vor Bergbau geschützt werden, reichen die bekannten Reserven an Land aus, um den Bedarf im progressiven Szenario zu decken.Greenpeace hat eine globale Karte sogenannter „Restricted Areas“ erstellt – Regionen mit hoher ökologischer oder sozialer Bedeutung. Die Analyse zeigt: Auch wenn diese Gebiete tabu bleiben, ist die Versorgung für die Energiewende gesichert.

Das oft bemühte Narrativ eines unvermeidlichen „Rohstoff-Dilemmas“ zwischen Klimaschutz und Naturschutz hält der Überprüfung nicht stand.

Warum das gerade jetzt politisch brisant ist

Die Studie erscheint in einer Phase zunehmender geopolitischer Spannungen. Rohstoffe sind längst Teil strategischer Machtpolitik. Einzelne Staaten drängen auf nationale Alleingänge beim Tiefseebergbau, während andere ein Moratorium fordern.

In diesem Umfeld geht es nicht nur um Technik oder Ökonomie, sondern um Grundsatzfragen: Bleibt die Tiefsee ein globales Gemeinschaftsgut – oder wird sie zur nächsten geopolitischen Frontlinie?

Die Analyse liefert Regierungen nun ein starkes Argument gegen vorschnelle Entscheidungen. Wenn die Energiewende auch ohne Tiefseebergbau gelingt, entfällt der politische Druck, eine Hochrisiko-Industrie unter Zeitdruck zu legalisieren.

Und was hat das mit Deutschland zu tun?

Deutschland ist als Industrienation stark vom Import kritischer Rohstoffe abhängig. Gleichzeitig hat sich die Bundesregierung für eine vorsorgliche Pause für Tiefseebergbau ausgesprochen und schließt sich somit rund 40 Staaten an, die sich gegen den Start der Industrie aussprechen. Beides zusammen macht die ISA-Verhandlungen für Deutschland besonders relevant:
Geht es künftig um neue Abbauprojekte in sensiblen Ökosystemen – oder um eine strategische Rohstoffpolitik, die Effizienz, Recycling und Innovation priorisiert?

Daniela von Schaper
„Statt neue Hochrisiko-Industrien im Ozean zu starten, müssen Regierungen jetzt Ressourceneffizienz, Recycling und nachhaltige Mobilität priorisieren. Deutschland muss sich im Rahmen seiner internationalen Verpflichtungen darum bemühen, die Tiefsee zu schützen und mindestens 30 Prozent der Meeres- und Landfläche bis 2030 wirksam vor menschlicher Ausbeutung zu bewahren“,

Daniela von Schaper

Greenpeace-Meeresexpertin

Daniela von Schaper
Zitat
„Statt neue Hochrisiko-Industrien im Ozean zu starten, müssen Regierungen jetzt Ressourceneffizienz, Recycling und nachhaltige Mobilität priorisieren. Deutschland muss sich im Rahmen seiner internationalen Verpflichtungen darum bemühen, die Tiefsee zu schützen und mindestens 30 Prozent der Meeres- und Landfläche bis 2030 wirksam vor menschlicher Ausbeutung zu bewahren“,


Zitatinhaber, Vorname Nachname
Daniela von Schaper
Position des Zitatinhabers
Greenpeace-Meeresexpertin
Kreisförmiges Bild
An
Aktivisti protestieren vor einem Tiefseebergbauindustrieschiff

Jahrmillionen gewachsen, in Minuten zerstört

Hintergrund

Die Tiefseebergbau Industrie will Ressourcen aus dem Meer plündern. Doch worum geht es dabei eigentlich und was steht auf dem Spiel?

mehr erfahren über Jahrmillionen gewachsen, in Minuten zerstört
Niobium

Niob: begehrtes seltenes Metall

Hintergrund

Niob (Niobium) ist ein seltenes Metall, das heiß begehrt wird. Es kann für die Energiewende und in der Bauindustrie verwendet werden. Besonders wichtig ist es aber für die Rüstungsindustrie.

mehr erfahren über Niob: begehrtes seltenes Metall

Eine Richtungsentscheidung für die Energiewende

Die Studie macht deutlich: Die Energiewende ist nicht nur eine Frage von Windrädern und Solarmodulen. Sie ist auch eine Frage politischer Weichenstellungen.Ob wir in eine Zukunft steuern, in der der Meeresboden industrialisiert wird – oder in eine, die auf Effizienz, Kreislaufwirtschaft und Schutz sensibler Ökosysteme setzt – entscheidet sich jetzt.

Die gute Nachricht: Der vermeintliche Sachzwang existiert nicht. Die Energiewende braucht Mut zur Transformation – aber keinen Raubbau in der Tiefsee.

Jenseits des Rohstoffabbaus

Jenseits des Rohstoffabbaus

Analyse zur ISA-Tagung belegt: Mineralienbedarf lässt sich deutlich senken – Schutz der Ozeane ist möglich

Dateigröße: 1.52 MB

Herunterladen
Von der Suche ausschließen
An

Mehr zum Thema

Zwei Aktive von Greenpeace mit Banner "Stoppt den Tiefseebergbau" und pinker Krake vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Raubbau an der Tiefsee

Bei der ISA-Vollversammlung 2025 herrschte beim Tiefseeschutz Blockade statt Bewegung. Statt endlich einen überfälligen Schritt in Richtung Tiefseeschutz zu gehen, hat die ISA ihre Verantwortung erneut vertagt.

mehr erfahren über Raubbau an der Tiefsee
Greenpeace-Meeresexpertin Franziska Saalmann mit Fernglas auf der Schiffsbrücke

Einsatz für Tiefseeschutz

Erneut war Greenpeace mit dem Schiff Witness in der Arktis unterwegs, um das von Norwegen für Tiefseebergbau vorgesehene Gebiet zu untersuchen und sich für seinen Schutz einzusetzen.

mehr erfahren über Einsatz für Tiefseeschutz
Walflosse ragt aus dem Ozean

Norwegen stoppt vorerst Tiefseebergbau - Wale in der Arktis atmen auf

Die Norwegische See ist ein Hotspot der Artenvielfalt. Nach starkem Protest stellt Norwegen seine Tiefseebergbau-Pläne vorerst ein. Dies ist auch ein wichtiger Erfolg für die Wale der Arktis. Ihr Schutz ist dennoch noch nicht dauerhaft gesichert.

mehr erfahren über Norwegen stoppt vorerst Tiefseebergbau - Wale in der Arktis atmen auf
Ground Mural to celebrate Global Ocean Treaty in Berlin

Globaler Ozeanvertrag

Mit einer Kunstaktion feiert Greenpeace das Inkrafttreten des UN-Hochseeschutzabkommens am 17. Januar 2026 – ein Meilenstein und Auftrag an Deutschland.

mehr erfahren über Globaler Ozeanvertrag
Greenpeace projiziert Botschaften von Menschen aus aller Welt auf den Svea-Gletscher in Spitzbergen. Mit Videos fordern Prominente wie der schwedische Schauspieler Gustaf Skarsgård und die südafrikanische Schauspielerin Amanda du-Pont den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre auf, die Pläne für den Tiefseebergbau in den arktischen Gewässern Norwegens zu stoppen.

Tiefseebergbau in der Arktis?

Ein Erfolg für die Artenvielfalt: Norwegen legt Tiefseepläne auf Eis bis Ende 2029.

mehr erfahren über Tiefseebergbau in der Arktis?
The Marine Biodiversity of Batu Rufus Dive Site, Raja Ampat

Ein tropisches Farbenparadies stirbt

Die prächtige Welt der Korallenriffe ist bedroht: Durch die Erderhitzung kollabieren die empfindlichen Riffe. Mit ihnen verschwindet ein unverzichtbares Ökosystem.

mehr erfahren über Ein tropisches Farbenparadies stirbt