Neue Erkenntnisse aus der arktischen Tiefsee
Greenpeace-Deep Arctic Expedition stößt möglicherweise auf bislang unbekannte Arten
- Ein Artikel von Dr. Eva Boller
- mitwirkende Expert:innen Franziska Saalmann
- Unterwegs
Was verbirgt sich in 3.000 Metern Tiefe? Die Expedition erforschte abgelegene Ökosysteme zwischen Grönland und Norwegen und sammelte einzigartige Daten.
Kein Sonnenlicht erreicht diese Welt. Nur die Scheinwerfer eines Tauchroboters durchbrechen die Dunkelheit der arktischen Tiefsee. Was sie sichtbar machen, begeistert selbst erfahrene Wissenschaftler:innen: Korallengärten, Schwammfelder und eine erstaunliche Vielfalt an Lebewesen in einem der am wenigsten erforschten Lebensräume unseres Planeten.
Nach vier Wochen auf See endet nun die Greenpeace Deep Arctic Expedition. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: Das Forschungsteam geht davon aus, mehrere bislang unbekannte Arten dokumentiert zu haben. Mit mehr als 100 Stunden Videoaufnahmen und Hunderten gesammelten Proben liefert die Expedition neue Erkenntnisse über die faszinierende und zugleich verletzliche Welt der arktischen Tiefsee.
Mit einem ferngesteuerten Tiefseeroboter (ROV) führte das Team 16 Tauchgänge entlang in Tiefen von bis zu 3.000 Metern durch. Zusätzlich sammelten die Forschenden Gewebeproben wirbelloser Tiere sowie Sediment- und Wasserproben. Die Auswertung des umfangreichen Materials wird noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen – doch schon jetzt zeichnen sich bemerkenswerte Entdeckungen ab.
Tiefster Protest der Welt
2.315 Meter unter der Oberfläche des Arktischen Ozeans setzt Greenpeace ein Zeichen. Erstmals in der Geschichte hat Greenpeace ein Protestbanner am Grund der Tiefsee platziert. Die Botschaft an die Staats- und Regierungschefs der Welt: „Hört auf die Wissenschaft! Die Tiefsee ist ein Ort, der Artenvielfalt, der unseren Schutz braucht.“
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© Christian Åslund / Greenpeace
Dr. Paco Cárdenas von der Universität Uppsala hält einen Tiefsee-Glasschwamm in der Hand. Er ist einer der weltweit führenden Experten für Tiefsee-Schwamm-Forschung.
„Unter den mehr als 400 gesammelten Schwammproben haben wir während dieser Expedition mindestens drei potenziell neue Arten identifiziert“, sagt Dr. Paco Cárdenas, Tiefseeschwamm-Experte am Museum für Evolution der Universität Uppsala. Schwämme gehören zu den ältesten Tiergruppen der Erde. Im Laufe ihrer Evolution haben sie chemische Abwehrstoffe entwickelt, um sich gegen Fressfeinde und Krankheitserreger zu schützen. Diese Substanzen könnten auch für die Forschung interessant sein, da ihre biologische Zusammensetzung möglicherweise Hinweise auf neue Wirkstoffe für die Medizin liefert – etwa für zukünftige Behandlungen von Krankheiten.
Auch Dr. Anne-Nina Lörz von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung zieht eine erste positive Bilanz:
„Diese Ökosysteme überraschen uns immer wieder. Wir haben einen bisher von Menschen unerschlossenen, namenlosen Unterwasserberg gefilmt und dort Proben entnommen. Zahlreiche verschiedene Arten und Ökosysteme – wie Bambuskorallen und Schwammgärten – wurden erstmals in hoher Auflösung gefilmt, was der weltweiten Forschungsgemeinschaft lang ersehnte Details liefert.“
Darüber hinaus vermutet das Forschungsteam, bei den Amphipoden – einer Gruppe von Flohkrebsen – auf vier bislang unbekannte Arten gestoßen zu sein.
Die Expedition liefert damit genau jene wissenschaftlichen Erkenntnisse, die untermauern, warum der Erhalt der arktischen Tiefsee-Lebensräume dringend nötig ist. Teile des untersuchten Gebiets entlang des Mittelatlantischen Rückens galten bereits zuvor als besonders schützenswert. Greenpeace fordert deshalb, diese einzigartigen Lebensräume unter nationalen und internationalen Schutz zu stellen, mindestens 30 Prozent der Ozeane bis 2030 zu schützen und ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau zu beschließen.
„Noch hat die Bergbauindustrie nicht damit begonnen, den empfindlichen Boden der Tiefsee aufzureißen. Jetzt ist der Moment, einer Umweltkatastrophe vorzubeugen“, sagt Dr. Sandra Schöttner, leitende Wissenschaftlerin der Deep Arctic Expedition. „Die Daten und Erkenntnisse der Expedition werden dazu beitragen, diese außergewöhnlichen Ökosysteme sichtbar zu machen und die Politik zum Handeln zu bewegen.“
Jetzt mit uns in der Arktis abtauchen!
In den vergangenen Jahren war Greenpeace bereits mehrfach in der Arktis im Einsatz. Gemeinsam mit vielen Unterstützer:innen ist es gelungen, den öffentlichen Druck so zu erhöhen, dass Norwegen seine Pläne für Tiefseebergbau vorerst bis 2029 gestoppt hat. Ein wichtiger Erfolg – aber nur eine Atempause. Unsere Mission ist daher klar: sichtbar machen, was auf dem Spiel steht. Denn je besser wir etwas kennen, desto zielgerichteter können wir es schützen. Die Erkenntnisse dieser Expedition sollen helfen, echte Meeresschutzgebiete durchzusetzen – in der Arktis und weltweit.
Einblicke von der Deep Arctic Expedition
Der Meeresgrund: Eine Reise an die Grenzen unseres Wissens
Die Tiefsee ist weniger erforscht als die Oberfläche des Mondes – und doch entscheidend für das Leben auf der Erde. Hier existieren Tierwelten in uralten Lebensgemeinschaften, die sich über Jahrtausende entwickelt haben: Korallengärten, Schwammfelder und Arten, die unter extremen Bedingungen überleben.
Die Expedition führt durch Regionen mit intensiver vulkanischer Aktivität – darunter hydrothermale Quellen wie „Loki’s Castle„. Dort treten bis zu mehrere hundert Grad heiße, mineralreiche Flüssigkeiten aus dem Meeresboden aus und schaffen Lebensräume, in denen Organismen Energie ganz ohne Sonnenlicht erzeugen können. Forschende vermuten sogar, dass das erste Leben auf unserem Planeten in solchen Umgebungen entstanden sein könnte.
Faszinierende Arten – und ein verletzliches arktisches Ökosystem
Die arktische Tiefsee ist Heimat außergewöhnlicher Lebewesen: von tief tauchenden Walen, Verwandten des bizarren Blobfischs und seltenen Oktopussen, die Eier auf Manganknollen legen. Zehn spannende Fakten über die Tiefsee finden sich hier. Aber vieles, darunter viele Arten, ist auch noch wenig erforscht, oder sogar noch völlig unbekannt.
Doch diese fragile Heimat steht unter wachsendem Druck. Der geplante Tiefseebergbau bedroht genau jene Regionen, die wir gerade erst beginnen zu verstehen. Die Ausbeutung von Rohstoffen vom Meeresboden würde Ökosysteme zerstören, die sich über Jahrtausende entwickelt haben – bevor wir überhaupt genau wissen, was wir verlieren und mit welchen weitreichenden Konsequenzen.
„Der Tiefseebergbau würde einzigartige Hotspots der Artenvielfalt unwiderruflich zerstören. Daher ist jetzt der Moment, die Arktis dauerhaft vor dem Raubbau zu schützen. Diese Expedition wird wissenschaftliche Belege für die gefährdeten Tiefseeökosysteme der Arktis sammeln. Sie sollen dazu dienen, Meeresschutzgebiete in dieser Region einzurichten. Wir wollen dokumentieren, was auf dem Spiel steht, wenn wir in das komplexe System der Ozeane eingreifen.“
Forschung für den Meeresschutz
Einen Monat lang – vom 8. Mai bis 5. Juni – erkundete Greenpeace den am wenigsten erforschten Lebensraum unserer Erde. Mit an Bord der Deep Arctic Expedition waren Wissenschaftler:innen von vier unabhängigen renommierten Forschungseinrichtungen: Dr. Anne Helene Tandberg von der Universität Bergen (Norwegen), Dr. Julio A Diaz und Dr. Paco Cárdenas von der Universität Uppsala (Schweden); Dr. Sergi Taboada von der Universität von Madrid (Spanien), sowie Dr. Anne-Nina Lörz und Dr. Jenny Neuhaus von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Zusammen mit den Greenpeace-Meeresbiologinnen Dr. Sandra Schöttner und Franziska Saalmann sammelt das Team wichtige Daten, die zur Ausweisung neuer Meeresschutzgebiete beitragen können.
Ziel ist es, diese einzigartigen Lebensräume besser zu verstehen – und sie wirksam zu schützen, bevor wirtschaftliche Interessen irreversible Schäden anrichten. Zum ersten Mal organisiert und führt Greenpeace so unmittelbar eine wissenschaftliche Entdeckungsreise in die Tiefsee durch.
Das 65 Meter lange Forschungsschiff war unter anderem mit einem Tiefseeroboter, den wir auf den Namen „Holly“ getauft haben, ausgerüstet. Holly besitzt integrierte Kameras für hochauflösende Video-Dokumentation und Greifarme, mit denen das Team Probenahmen für Laboruntersuchungen durchführen konnte.
Im Fokus der Untersuchungen standen Seeberge, hydrothermale Quellen und Schwämme – Orte, die als Hotspots der Artenvielfalt gelten. Zum Expeditions-Team gehörte auch der deutsche Meeresbiologe und bekannte Tiefsee-Fotograf Solvin Zankl.
Klima, CO2 & Co.: Warum die Tiefsee uns alle angeht
Was in der Tiefsee geschieht, bleibt nicht dort. Die Ozeane regulieren unser Klima, speichern CO2 und sind Grundlage für globale Ökosysteme. Ihr Schutz ist kein fernes Thema – sondern eine Frage unserer gemeinsamen Zukunft.
Diese Expedition zeigt, wie viel es noch zu entdecken gibt. Und wie dringend wir handeln müssen, um das zu bewahren, was wir gerade erst kennenlernen.
Unterstützen Sie daher unsere Forderung nach starken Hochseeschutzgebieten und helfen Sie mit, diese faszinierende Welt zu schützen: Unterzeichnen Sie jetzt unsere Petition „Mission 30x30“.