Warum Wale weltweit noch immer bedroht sind
Die IWC entscheidet über Schutz oder Jagd.
- Ein Artikel von Birgit Hilmer
- mitwirkende Expert:innen Franziska Saalmann
- Hintergrund
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
40 Jahre Moratorium: Das weltweite Walfang-Verbot ist ein historischer Erfolg. Trotzdem sind Meeressäuger weltweit weiter in Gefahr. Neue Schutzbemühungen werden von der Walfanglobby ausgebremst.
Noch immer erlauben einige Länder weiterhin jedes Jahr die Tötung hunderter Großwale zu kommerziellen Zwecken. Zudem gefährden wir Menschen heutzutage Wale auf vielerlei andere Weise. Beim Treffen der Internationalen Walfangkommission (IWC) alle zwei Jahre stehen daher zusätzliche Schutzmaßnahmen oder - unter Druck der pro-Walfang-Nationen - eben auch die Aufweichung und Abschaffung des Verbots immer wieder im Fokus der Debatten. Vor mehr als vierzig Jahren, im Jahr 1982, gab es bei der Internationalen Walfangkommission (International Whaling Commission, IWC) einen Durchbruch: Sie beschloss ein weltweites Verbot des kommerziellen Walfangs. Dieses Verbot, das unter anderem Greenpeace maßgeblich vorangetrieben hat, trat 1986 in Kraft und gilt heute, 40 Jahre später, als einer der größten Erfolge globaler Umweltbewegungen. Es hat nicht nur tausende Wale vor den Harpunen bewahrt, sondern auch ermöglicht, dass sich viele Walarten und -populationen weltweit erholen konnten – ein beeindruckender Beweis für die Kraft des Umwelt- und Naturschutzes.
Doch die Geschichte des Walfangs ist hier leider nicht zu Ende. Denn Norwegen, Island und Japan erkennen das Moratorium nicht an. Nach einer zweijährigen Pause haben Walfangflotten in Island im Sommer 2026 den kommerziellen Walfang wieder aufgenommen. Für die aktuelle Saison hat das isländische Forschungsinstitut eine Fangquote von bis zu 150 Finnwalen sowie 168 Zwergwalen festgelegt. Traurige Zahlen gibt es auch aus Norwegen: 418 Wale wurden während der diesjährigen Waljagd getötet – fast die Hälfte waren trächtige Weibchen. Die festgelegte Fangquote der norwegischen Regierung lag bei 1.641 Walen. Seit 2024 hat Japan die global gefährdeten Finnwale auf ihre Liste gejagter Arten aufgenommen.
Doch es gibt Hoffnung: Die isländische Regierung hat angekündigt, im Februar 2027 einen Gesetzesentwurf für ein komplettes Walfangverbot vorzulegen. Wirtschaftlich sinnvoll ist die Praxis ohnehin nicht, hinzu kommen Tierschutzverstöße – insgesamt wird die Jagd politisch immer schwerer zu rechtfertigen.
Ringen um globalen Walschutz – Ergebnisse der IWC 2026
Die IWC-Konferenz 2026 hätte ein historischer Erfolg zum 40. Jahrestag des Walfangmoratoriums werden können. Doch auch im 80. Jahr des IWC-Bestehens haben teilnehmende Länder Schutzanträge ausgebremst oder sogar voreilig zurückgezogen. Dies sind die Ergebnisse:
- Walfanglobby verhindert neues Walschutzgebiet im Südatlantik
Das IWC-Treffen im australischen Hobart endet erneut, ohne ein Schutzgebiet für Wale im Südatlantik auszuweisen. Die nötige Dreiviertelmehrheit (43 Stimmen) für das von Brasilien, Argentinien und Uruguay beantragte South Atlantic Whale Sanctuary (SAWS) kam nicht zustande. Wichtige Unterstützer-Nationen für den Walschutz wie Finnland und Luxemburg waren in diesem Jahr nicht vor Ort, während die Gegner ihre Blockade aufrechterhielten. So fehlten am Ende vier Stimmen für die Annahme. Eine Übersicht über das Abstimmungsverhalten findet sich hier. Das Gebiet im Südatlantik sollte Wale dauerhaft vor kommerziellem Walfang schützen sowie wertvolle Forschung ermöglichen. Es ist ein wichtiger Lebensraum für mehr als 50 Walarten wie Buckelwale, Finnwale und Blauwale. Es wäre mehr als doppelt so groß wie die USA gewesen. - Eingeknickt: Schweiz zieht wichtige Resolution zum Schutz von Delfinen und Kleinwalen vor gezielter Jagd zurück
Noch vor einer Abstimmung hat die Schweiz ihren eigenen Antrag zurückgezogen. Obwohl es Zuspruch für die Resolution gab und die Chancen gut standen, eine Mehrheit nach Anpassungen dafür zu erreichen, knickte die Schweiz ein, bevor eine Arbeitsgruppe überhaupt Änderungen vorlegen konnte. „Ein völlig unverständlicher Schritt, nachdem man mit dem Resolutionsvorschlag schon so weit gekommen war“, findet Greenpeace-Meeresexpertin Franziska Saalmann, die die Konferenz begleitet. Die EU hat es verpasst, diesem Vorschlag mehr Rückendeckung und Unterstützung zu geben. Schätzungsweise über 100.000 Delfine und Kleinwale werden jährlich durch gezielte Jagd getötet – denn das Moratorium für kommerziellen Walfang gilt nur für Großwale. - Resolutionen für besseren Walschutz beschlossen
Vorgeschlagene Maßnahmen zu Beifang, Schiffskollisionen und Strandungen, eingereicht durch die EU, konnte die Konferenz beschließen, da sie unstrittiger waren und eben nicht gezielt den Walfang adressierten. Stattdessen sollen sie den Walschutz an anderen Stellen verbessern – u.a. durch bessere Datenerhebungen und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Der Umgang mit Walstrandungen wurde einstimmig als ein Querschnittsthema der IWC bekräftigt, sowie auch eine zu entwickelnde weltweite Datenbank für Strandungsfälle. Das Strandungskomitee der IWC war als internationales Expert:innen-Gremium auch eine wichtige wissenschaftliche Stimme während der Buckelwalstrandungen in der Ostsee im Frühjahr 2026. - Moratorium bleibt trotz Machtspiele der pro-Walfang-Nationen
Die Walfang-Lobby hat auch in diesem Jahr alles versucht, um das Moratorium aufzuweichen. Am Ende konnte das weltweite Walfangverbot durch die noch vorhandene große Mehrheit verteidigt werden.
Die Ergebnisse ordnet Saalmann auch hier in einem Tagesschaubeitrag ein.
„Das geplante Schutzgebiet im Südatlantik hätte den Meeresschutz vorangebracht und das Momentum für weitere Schutzmaßnahmen geliefert. Bei der anstehenden ersten UN-Hochseeschutzkonferenz im nächsten Januar muss sich Deutschland mit allen Vertragsparteien umso stärker dafür einsetzen, dass mit dem neuen Abkommen ein globales Netz vollständig geschützter Gebiete entsteht.“
Das Problem mit dem Walfang, einfach erklärt
Problem
Einige Länder erlauben noch immer, Wale zu jagen, um das Walfleisch zu verkaufen. Dazu gehört Norwegen. Die Jagd bedroht die Wale. Heutzutage werden aber auch andere Gefahren für Wale immer größer, zum Beispiel Lärm und Wasserverschmutzung.
Greenpeace-Lösung
Greenpeace setzt sich für strengere Schutzmaßnahmen für Wale ein. Insbesondere braucht es mehr Schutzgebiete, die auch Walen helfen würden.
Mehr einfache Erklärungen in unserem Umwelt-Glossar.
Noch immer sterben zu viele Wale
Laut Meldungen an das IWC-Wissenschaftskommittee wurden 2024 über 700 Großwale kommerziell gefangen und getötet.
Dazu kommt eine gigantische Dunkelziffer von rund hunderttausend Delfinen und Kleinwalen wie beispielsweise dem Grindwal. Sie sind nicht im Moratorium für kommerziellen Walfang der IWC eingeschlossen, denn dieses gilt nur für Großwale. Kleinwale erhalten häufig einen anderen Schutzstatus, da sie in speziellen regionalen Gesetzen behandelt werden. Diese sind oft weniger streng als die internationalen Schutzmaßnahmen für große Wale, was zu einer unzureichenden und inkonsistenten Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Bedrohungen und Schutzbedürfnisse führt.
Neben dem gezielten Walfang ist inzwischen die Gefahr, durch Fischerei-Beifang zu sterben, riesig für die Meeressäuger geworden: Mindestens 300.000 verenden hierdurch pro Jahr elendig.
Während das Verständnis für die faszinierende Rolle der Wale im Ökosystem der Ozeane wächst, werden die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, immer gravierender. Die Klimakrise, Umweltverschmutzung, Beifang, Überfischung und der drohende Tiefseebergbau gefährden nicht nur diese majestätischen Meeresbewohner, sondern das gesamte Leben in den Ozeanen.
Besonders absurd: Selbst in Island, Japan und Norwegen, wo noch kommerziell gejagt wird, gibt es kaum noch einen echten Markt für Walfleisch. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgegangen, da sich die Essgewohnheiten und ethischen Einstellungen der Menschen verändert haben.
In Japan wird ein großer Teil des Walfleisches nicht verkauft und nur im Tiefkühlhaus gelagert, da das Interesse der Bevölkerung daran gering ist. Auch in Norwegen und Island ist der Absatz von Walfleisch stark rückläufig. In Island hat die erneute Aufnahme des Walfangs diese Entwicklung nicht verändert – große Teile des Fleisches finden weiterhin kaum Absatz. Den Großteil des Finnwal-Fleisches exportierte Island nach Japan – nachdem Japan jedoch 2024 seine eigene Waljagd um Finnwale erweiterte, brach der Absatzmarkt weiter ein.
Diese Entwicklung verdeutlicht, dass der Walfang heute vor allem aus starren kulturellen und politischen Überzeugungen heraus betrieben wird, ohne echte Notwendigkeit. Trotz der geringen Nachfrage und des wachsenden globalen Bewusstseins für den Schutz unserer Meere halten einige Länder an dieser grausamen Praxis fest. Doch die Realität ist klar: Der Walfang ist nicht nur wirtschaftlich sinnlos, sondern auch moralisch zutiefst fragwürdig.
Warum kann Walfang stattfinden, obwohl es verboten ist?
© Greenpeace
Walfänger in Island
Trotz des globalen Moratoriums für den kommerziellen Walfang, gibt es bestimmte Ausnahmen und Schlupflöcher, die es einigen Ländern ermöglichen, weiterhin Wale zu jagen: Einige Länder, wie Japan, haben das Moratorium umgangen, indem sie in der Vergangenheit Walfang unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Forschung betrieben. Das IWC-Moratorium erlaubt den wissenschaftlichen Walfang, jedoch gab es erhebliche Kritik daran, dass einige Programme eher kommerziellen Interessen als wissenschaftlichen Zielen dienen. Japan ist 2019 sogar aus der IWC ausgetreten und betreibt seitdem wieder offiziell kommerziellen Walfang.
Länder wie Norwegen und Island sind zwar Mitglied der IWC, haben jedoch offiziell Vorbehalte gegen das Moratorium eingelegt und betreiben weiterhin kommerziellen Walfang. Sie erkennen das Moratorium nicht an und haben eigene Quoten für den Walfang festgelegt. Die Wiederaufnahme des Walfangs in Island in diesem Sommer erscheint daher als ein Relikt der alten Politik und insofern wie ein letztes verzweifeltes Aufbäumen der sterbenden Industrie.
So grausam werden Wale gejagt
Walfang ist eine grausame Praxis, bei der Wale mit Harpunen gejagt und getötet werden, oft nach stundenlangem Leiden. Moderne Walfangschiffe nutzen hochentwickelte Sonartechnologie, um die Tiere aufzuspüren, bevor sie sie mit explosiven Harpunen angreifen. Diese Harpunen reißen tiefe Wunden und verursachen enorme Schmerzen, während die Wale oft qualvoll verbluten oder ersticken. Trotz internationaler Bemühungen, den Walfang zu stoppen, wird diese brutale Methode in einigen Ländern weiterhin praktiziert, was nicht nur eine abscheuliche Tierquälerei darstellt, sondern auch das Überleben bedrohter Walarten gefährdet.
Wie geht es einzelnen Walarten?
Im Vergleich zum verheerenden Ausmaß des historischen Walfangs werden nur noch relativ wenige Wale gejagt. Doch jeder Wal ist einer zu viel, zumal die Auswirkungen von damals für viele Populationen weiterhin spürbar sind. Zusätzlich stellen neue von Menschen verursachte Gefahren wie die Klimakrise, Fischerei-Beifang, Lärm und Verschmutzung ein erhebliches Hindernis für ihre Erholung dar. Hinzu kommen könnten schon bald weitere Bedrohungen, wie der Start von Tiefseebergbau. Ein zusätzlicher Faktor: Wale vermehren sich nur langsam – es braucht einige Jahre, bis sie geschlechtsreif werden und sie bekommen oft nur einmal im Jahr ein Kalb. Einige Beispiele dafür, wie sich die Populationen entwickeln:
Blauwal – Gigant in Gefahr:
Der Blauwal, das größte Tier, das jemals die Erde bewohnt hat, ist besonders bedroht. Einst zahlreich, wurden diese majestätischen Kreaturen durch den industriellen Walfang fast an den Rand der Ausrottung gebracht. Trotz des internationalen Schutzes bleibt ihre Zahl immer noch besorgniserregend niedrig, weil sie sich unter anderem aufgrund ihrer besonders langsamen Fortpflanzung nur langsam erholen.
Finnwal – Ein Schatten seiner selbst:
Der Finnwal, der zweitgrößte Wal, wurde ebenfalls massiv durch den Walfang beeinträchtigt. Die intensive Jagd auf diese Tiere in den vergangenen Jahrhunderten hat ihre Population stark reduziert. Obwohl sie in den letzten Jahrzehnten Schutzmaßnahmen genossen haben, sind die Populationen immer noch durch die historische Übernutzung geschwächt, und der vollständigen Erholung stehen viele Hürden im Weg. Außerdem machen Island und neuerdings auch Japan wieder kommerzielle Jagd auf die sanften Riesen, ungeachtet ihrer Bedrohung.
Buckelwal – Hoffnung auf Erholung:
Buckelwale erlitten während des industriellen Walfangs ebenfalls eine drastische Reduzierung ihrer Populationen. Diese Wale sind bekannt für ihre ausdrucksstarken Gesänge und ihre langen Wanderungen, doch auch sie wurden Opfer der Jagd. Glücklicherweise haben sich ihre Populationen seit dem Verbot des Walfangs in einigen Regionen etwas erholt, aber der Druck auf ihre Lebensräume und die gelegentliche illegale Jagd stellen weiterhin eine Bedrohung dar.
Seiwale – Ein kaum sichtbares Opfer:
Der Seiwal, der drittgrößte Wal, hat ebenso erheblich gelitten. Auch er wurde wegen seines Fleisches intensiv gejagt, was die Population drastisch reduziert hat. Trotz des heutigen Schutzes leidet die Art weiterhin an den lange anhaltenden Folgen der jahrzehntelangen Jagd und den Schwierigkeiten, die wir Menschen ihr bereiten.