Höchste Zahl seit 13 Jahren

Dramatische Amazonas-Brände

2019 waren weltweite Waldbrände monatelang in den Medien. Dieses Jahr ist es stiller – doch brennt es wirklich weniger? Ein Interview mit Greenpeace-Waldexpertin Sandra Hieke.

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Greenpeace: In 2019 quoll die Medienberichterstattung im Spätsommer und Herbst über vor schlechten Nachrichten über Brände im Amazonas-Gebiet. Wie ist aktuell die Lage?

Sandra Hieke: Leider ist es im Juni dieses Jahres sogar noch dramatischer gewesen. Allein für diesen Monat hat das brasilianische Weltrauminstitut (INPE) mehr als 2000 Feuer-Hotspots gemeldet – die höchste Zahl im Juni seit 13 Jahren. Und das ist erst der Anfang. Es steht zu befürchten, dass die Brände am Ende der Saison noch schlimmer gewütet haben werden als vergangenes Jahr. Schon jetzt zerstören sie riesige Waldflächen, gefährden das Leben Indigener, töten Pflanzen und Tiere und heizen das globale Klima weiter an. 

Die brasilianische Regierung hat ein befristetes Verbot für Brandrodungen ausgerufen. Hören wir deswegen im Vergleich zu 2019 weniger von den Bränden? 

Ein befristetes Verbot gab es letztes Jahr auch schon. Aber selbst nachdem Bolsonaro es ausgesprochen hatte, kamen noch rund 42.000 Feuer-Hotspots dazu. Ein befristetes Brandrodungsverbot alleine reicht also nicht. Insbesondere, weil Bolsonaro ansonsten konstant gegen den Umweltschutz arbeitet. Indem er den Schutz des Amazonas-Regenwaldes und der indigenen Gebiete aufheben will und die Umweltschutzbehörde schwächt, macht er ja den Weg für Brandstiftung geradezu frei. 

Wie wirkt sich Covid-19 auf die Lage aus?

Bolsonaros Präsidentschaft hat dazu beigetragen, die Entwaldung im Amazonasgebiet in 2020 auf ein Elf-Jahres-Hoch zu steigern. Er hat die Covid19-Pandemie schamlos ausgenutzt, um den Umweltschutz zu torpedieren. Die Waldzerstörung passiert dabei in mehreren Schritten: zunächst Rodungen, dann Brandstiftungen, die die verbliebenen Bäume aus dem Weg räumen sollen. Ungefähr die Hälfte der Fläche, die 2019 gerodet wurde, wurde noch nicht in Brand gesetzt. Aber die übrig gebliebenen Bäume des letzten Jahres sind über die vergangenen Monate ausgetrocknet und fangen daher leichter Feuer. Das alles zusammen ist brandgefährlich für indigene Gemeinschaften, die ohnehin schon von Covid-19 besonders bedroht sind. 

Warum ist Covid-19 für Indigene besonders gefährlich?

Die Sterblichkeitsrate durch Covid-19 liegt bei Indigenen 150 Prozent höher als der brasilianische Durchschnitt. Der Zugang zu ärztlicher Hilfe und Krankenhäusern in den abgelegenen Gebieten des Amazonas-Regenwaldes ist begrenzt. Der Rauch der Brände belastet die Atemwege zusätzlich. Das Überleben der indigenen Gemeinschaften ist gefährdet. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass diese Menschen die notwendige Unterstützung bekommen.

Wie kann ein Regenwald überhaupt brennen? Müsste der Regen die Feuer nicht löschen?

Eins muss klar sein: Die Brände sind in den allermeisten Fällen menschengemacht. Sie werden gezielt gelegt, um abgeholzte Wälder als landwirtschaftliche Flächen vorzubereiten, vor allem für Rinderweiden und riesige Monokulturen für den Anbau von Futtersoja. Verschlimmert wird die dramatische Situation durch die Klimakrise mit längeren Trockenphasen, weniger Regenfällen und steigenden Temperaturen. Das beeinträchtigt die Fähigkeit der Wälder, Feuchtigkeit zu speichern. So werden sie anfälliger für Brände. Beginnt im Juni dann die Trockenzeit, lässt die Kombination aus trockenem Klima, trockener Vegetation, niedriger Luftfeuchtigkeit sowie Funken, die durch Brandrodung entstehen, den Wald brennen. Allerdings hat letztes Jahr die früh einsetzende Regenzeit Schlimmeres verhindert.

Wie geht es dem Wald insgesamt? Lassen sich die zerstörten Gebiete regenerieren?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind äußerst besorgt, dass sich der Amazonas einem sogenannten Kipppunkt nähert. Wenn die derzeitige katastrophale Entwicklung nicht gestoppt und umgekehrt wird, wird der Wald in weniger als 20 Jahren vermutlich nicht mehr genug Regen für sich selbst erzeugen können. Daran hängt das Überleben indigener Gemeinschaften sowie Millionen von Tierarten. Und der Amazonas-Regenwald spielt eine zentrale Rolle für das Weltklima: Es ist schwer vorstellbar, was es für das Leben auf der Erde bedeutet, wenn der Amazonas kippt.

Wie sieht es mit den anderen Regionen aus, in denen 2019 Feuer wüteten? Zum Beispiel in Sibirien?

Waldbrände sind inzwischen weltweit ein schwerwiegendes und ernstzunehmendes Problem. In der Taiga toben die Brände beispielsweise jedes Jahr, aber dieses Jahr sind sie besonders heftig. Feuer in Sibirien setzen jedes Jahr rund 166 Mt CO2 frei, das entspricht in etwa dem, was 36 Millionen Autos pro Jahr verursachen. Diese Brände haben außerdem einen weiteren negativen Klimaeffekt, weil sich ihr Ruß auf dem arktischen Eis absetzt. Durch die dunklere Farbe reflektiert es dann weniger Licht, heizt sich auf und schmilzt schneller. 

Was unternimmt Greenpeace in den Gebieten?

Greenpeace ist weltweit für den Schutz der Wälder aktiv – trotz Pandemie: In Brasilien haben wir uns beispielsweise mit anderen Organisationen und Fachpersonen aus der Gesundheitsbranche zusammengetan, um COVID-19-Tests, Sauerstoffflaschen, Desinfektionsmittel und auch persönliche Schutzausrüstung an indigene Gemeinden zu liefern. Mit diesem Projekt „Wings of Emergency“ konnten wir schon viele Gemeinden unterstützen.

Meine Kolleginnen und Kollegen in Russland dokumentieren derzeit die verheerenden Waldbrände in der Taiga. Sowohl in Russland als auch in Indonesien haben wir Feuer-Präventions-Teams, die immer wieder zusammen mit der lokalen Feuerwehr und den Gemeinden vor Ort Tag für Tag versuchen, Brände zu löschen und aufzuklären.  

Was können wir hier in Deutschland als einzelne Personen tun?

Erst einmal können wir alle bei uns selbst anfangen, den Wald zu entlasten: Jeden Tag konsumieren wir dutzende Produkte auf Kosten der Umwelt und des Waldes. Vor allem in hochindustrialisierten Ländern wie Deutschland müssen wir deutlich weniger konsumieren, verschwenden und wegwerfen. Das, was wir konsumieren, sollte umweltschonend und nicht auf Kosten anderer Menschen produziert sein. Ganz konkret heißt das beispielsweise, weniger Fleisch zu essen und möglichst auf Bio-Produkte umzustellen.

Was muss unsere Regierung tun?

Unsere Regierung, aber auch deutsche Unternehmen dürfen sich auf keine schmutzigen Deals mit der Bolsonaro-Regierung einlassen. Dazu gehört, auch keine Handelsabkommen wie das  EU-Mercosur Abkommen zu ratifizieren: Durch dieses Abkommen würden für die Mercosur-Staaten wie Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay Zölle auf Agrarprodukte wie Rind- und Hühnerfleisch, Zucker und Bioethanol gesenkt. Das alles sind Agrargüter, für die großflächig Wälder abgeholzt werden. Ein wahrer Brandbeschleuniger für den Amazonas-Regenwald und weitere Ökosysteme in Südamerika. Außerdem muss sich unsere Regierung dafür einsetzen, dass mehr Wälder und andere natürliche Lebensräume geschützt werden, natürlich mit Beteiligung und Zustimmung der indigenen und traditionellen Gemeinschaften vor Ort. Diesen Schutz müssen reiche Länder wie Deutschland finanziell unterstützen.  

Können wir hier in Europa noch etwas tun?

Produkte wie Soja, Rindfleisch, Palmöl und Kakao sollten nur dann in den europäischen Markt gelangen können, wenn sie strengen Kriterien entsprechen: Sie dürfen weder zur Entwaldung, Umwandlung oder Verschlechterung natürlicher Ökosysteme noch zu Menschenrechtsverletzungen beitragen. Die Europäische Kommission sollte deshalb Erzeugerländern gesetzlich unmöglich machen, Produkte, die zu Waldzerstörung und Menschenrechtsverletzungen beitragen, in Europa zu verkaufen.

Greenpeace versucht darüber hinaus auch, das EU-Mercosur-Handelsabkommen zu verhindern: Es wirkt als Brandbeschleuniger für den Amazonas-Regenwald. Zwar hat Merkel laut Medienberichten Zweifel am Abkommen geäußert, aber das heißt noch nichts. Denn bei diesem Abkommen hilft auch kein Nachbessern: Wir brauchen eine Neuausrichtung der europäischen Handelspolitik, die soziale Gerechtigkeit und den Schutz von Klima und Biodiversität in den Mittelpunkt stellt. 

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