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Was macht eigentlich Greenpeace Polen?

Auch in unserem östlichen Nachbarland gibt es jede Menge Umweltprobleme und - seit gut zwei Jahren - ein Greenpeace-Büro. Der polnische Greenpeace-Pressesprecher Jacek Winiarski antwortet auf unsere Fragen zu den Besonderheiten und dem Alltag von Greenpeace in Polen.

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Greenpeace Online: Wann nahm Greenpeace die Arbeit in eurem Land auf?

Jacek Winiarski: Das polnische Büro wurde am 19. April 2004 in Warschau eröffnet und zählt zu Greenpeace Zentral- und Osteuropa (CEE). Dazu gehören neben Österrreich auch die Büros von Ungarn, Rumänien und der Slowakei.

Greenpeace Online: Wie groß ist euer Büro und welche Schwerpunkte habt ihr in eurer täglichen Arbeit?

Jacek Winiarski: Wir entwickeln uns sehr schnell. Gegenwärtig sind wir 13 Mitarbeiter im Warschauer Büro und arbeiten an fünf Schwerpunktthemen. Das sind Gentechnik und hier vor allem der Anbau von Gen-Pflanzen und Verbraucheraufklärung, Chemie, hier ist die EU-Chemikalienrichtlinie REACH zu nennen, Energie - mit den beiden Bereichen Erneuerbare Energie und Atomkraft und unsere Meeresarbeit für Schutzgebiete in der Ostsee.

Außerdem arbeiten wir noch zu einem eher lokalen Thema: die Via Baltica. Dabei handelt es sich um eine Autobahntrasse die das südliche Europa mit Finnland verbinden soll. Sie soll durch Polen und die baltischen Staaten verlaufen. Nach dem Plan sollen fünf Nationalparks im nordöstlichen Polen von der Strecke zerschnitten werden. Alles Natura 2000-Gebiete.

Greenpeace Online: Welches ist das brennendste Umweltproblem in eurem Land?

Jacek Winiarski: Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil jeder unter brennendstes Problem etwas anderes versteht. Hier im Büro sind wir der Meinung, dass das derzeitige Hauptproblem in Polen die Verschmutzung der Flüsse durch die Industrie und die Landwirtschaft ist. Dadurch sterben unsere Flüsse, Fische sterben aus und das Trinkwasser gerät in Gefahr. Sobald die Arbeit an REACH es zulässt, wollen sich unsere Chemieexperten dieses Problems annehmen.

Greenpeace Online: Wie ausgeprägt ist das Umweltbewusstsein in der polnischen Bevölkerung?

Jacek Winiarski: Die Menschen in Polen zeigen ein leicht paradoxes Verhalten: Die meisten sind sehr gut informiert und sich vieler Umweltprobleme bewusst. Aber sie wollen absolut nichts tun, um ihr Alltagsverhalten zu ändern.

Greenpeace Online: Wie sieht dann die Unterstützung aus der Bevölkerung für euch und eure Arbeit aus?

Jacek Winiarski: Das hängt sehr stark vom jeweiligen Thema ab. Es gibt Arbeitsfelder, wie beispielsweise die Gentechnik, da erfahren wir eine deutliche Unterstützung durch die Bevölkerung, auch moralisch. Bei anderen werden uns die Menschen wahrscheinlich lynchen, falls wir es wagen etwas dagegen zu unternehmen. Dabei denke ich an die Via Baltica, denn die Leute wollen gute Straßen und kümmern sich dabei nicht um die Umwelt.

Umfragen haben ergeben, dass Greenpeace die bekannteste Umweltorganisation in Polen ist. Auch in den Medien hat unsere Stimme Gewicht. In Hinblick auf die finanzielle Unterstützung befinden wir uns allerdings noch ganz am Anfang. Zurzeit haben wir gerade etwas mehr als 500 Förderer.

Greenpeace Online: Gibt es in Polen auch ehrenamtliche Gruppen, die eure Arbeit unterstützen?

Jacek Winiarski: In den fünf größten Städten Polens existieren Greenpeace-Gruppen. Zusammen sind dort rund 600 Aktivisten tätig, wovon rund 250 ganz besonders aktiv sind. Sie helfen uns, in dem sie Aktionen machen. Daneben betreuen sie Info-Tische, verteilen Flugblätter und sammeln Unterschriften. Und sie halten Vorträge. Für manches Projekt liefern sie unschätzbare Hilfe, zum Beispiel zeigen sie Flagge bei Musikfestivals, auf Info-Touren oder recherchieren Umweltprobleme vor Ort.

Greenpeace Online: Welchen großen Erfolg konnte Greenpeace in Polen schon einfahren?

Jacek Winiarski: Unser größter Erfolg in Polen war das nationale Verbot für den Handel und Anbau von genmanipuliertem Saatgut. Und zwar ein umfassendes Verbot und nicht nur für die eine oder andere Sorte. Es gab einen Mehrheitsbeschluss im Parlamente und der Präsident hat es dann im Mai diesen Jahres abgesegnet.

Aber mittlerweile können wir schon den nächsten Erfolg feiern. Vor zwei Wochen hat das polnische Parlament für ein Verbot von Gen-Pflanzen im Tierfutter votiert.

Greenpeace Online: Mit welchen Hindernissen und Schwierigkeiten muss sich Greenpeace in Polen auseinandersetzen?

Jacek Winiarski: Hier kommen wir auf ein ganz wichtiges Thema zu sprechen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass die größte Gefahr für unsere Arbeit von dem Mangel an Vertrauen herrührt, den viele Polen gegenüber Umwelt-NGOs zeigen. Bevor das polnische Greenpeace-Büro gegründet wurde, gab es eine ganze Reihe von Skandalen mit kleinen, unbekannten NGOs.

Mit ihrer Arbeit verhinderten sie einige Investitionen. Allerdings nur solange, bis sie von den Investoren so viel Geld erhielten, dass sie umkippten. Daran erinnern sich die Menschen in Polen sehr genau. Die gesamte Umweltbewegung steht deshalb unter Generalverdacht, auch Greenpeace.

Natürlich gibt es auch die Gegner, die sich an unserer gesamten Arbeit stören. Das sind Gentechnik-Wissenschaftler und Gen-Firmen, Nahrungsmittelhersteller, aber auch die chemische Industrie und ähnliche. Ich fürchte, da unterscheiden wir uns nicht so sehr vom Rest der Welt.

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