Ikea: Kahlschlag statt Nachhaltigkeit
Das dunkle Geheimnis hinter den Ikea-Möbeln
Ikea-Kritik in XXL: Greenpeace-Aktive protestieren an Möbelhaus-Fassade in Hamburg-Altona gegen Zerstörung schützenswerter Wälder. Neue Recherche belastet den Konzern, Verantwortung geht anders.
- Ein Artikel von Miryam Nadkarni
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- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
© Daniel Müller, Greenpeace
Gegen die Zerstörung wertvoller Wälder haben 20 Greenpeace-Aktivist:innen heute ein deutliches Zeichen vor der Altonaer Ikea-Filiale in Hamburg gesetzt. Gleich zwei überdimensionale Strichmännchen im typischen Montage-Look „sägten“ mitten auf dem Vorplatz an den Bäumen. Wer den Blick nach oben richtete, sah das nächste Statement: Kletternde enthüllten an der Fassade ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Ikea vermöbelt Schutzgebiete“. Grund für den Protest ist eine düstere Recherche aus einem der wertvollsten Waldgebiete Europas. Dabei tragen Konzerne eine Verantwortung für den Erhalt der Artenvielfalt. Darum geht es auch bei der zur Zeit in Jerewan stattfindenden Weltnaturkonferenz CBD.
Kahlschlag in den rumänischen Karpaten
© Cătălin Rulea, Greenpeace
Schauspieler Moritz Jahn vor einem kahlgeschlagenen Wald in Rumänien.
Fast eine Stunde lang quält sich Schauspieler Moritz Jahn (bekannt aus den Serien Dark, Tatort und Die Pfefferkörner) zusammen mit unserem Greenpeace-Team einen steilen, matschigen Pfad in den rumänischen Karpaten hoch. Dann wird der Laub- und Mischwald plötzlich lichter, wir bleiben abrupt stehen. Vor unseren Augen erstreckt sich der Skandal, für den wir über 1000 km angereist sind, um ihn an die Öffentlichkeit zu bringen:
Wo vor wenigen Monaten noch ein lebendiger, kühler, circa 170 Jahre alter Wald stand, erstreckt sich jetzt ein kahlgeschlagenes Feld der Verwüstung: Kein einziger Baum steht mehr. Der Boden trocknet unter der prallen Sonne aus und erodiert. Die Verantwortlichen haben Plastikmüll, Ölpfützen, eine Flasche mit Benzin und sogar einen alten Traktorreifen achtlos in der Natur zurückgelassen.
Dabei liegt dieser Wald aufgrund seines bisherigen Artenreichtums in einem Natura-2000-Schutzgebiet – und hätte nicht kahlgeschlagen werden dürfen. Besonders bitter: Er stand auf einer Liste von Wäldern, die ab 2030 strikt vor Holzeinschlag geschützt werden sollen. Nun wurde er schnell noch gerodet, bevor dieser Schutz greifen konnte – und ist jetzt von der Liste verschwunden.
„Wie lange wird es dauern, bis hier wieder ein Wald steht?“, fragt Moritz Jahn.
„Jahrzehnte bis Jahrhunderte“, lautet die traurige Antwort des rumänischen Greenpeace-Waldexperten Valentin Salageanu.
Wer ist für diese Zerstörung verantwortlich? Greenpeace hat sich auf die Spur des Holzes begeben. Mithilfe von Satellitenbildern, Abholzgenehmigungen, Lieferkettenanalysen, Holzlagern und Handelsregistern konnten wir den Weg des Holzes aus den Wäldern Rumäniens verfolgen – bis in die Lieferkette Ikeas. Unter den Produkten, die mit der Zerstörung dieses Gebietes in Verbindung stehen, sind Tritthocker, Kochlöffel und Betten.
Dieser Fall untermauert, was vorherige Greenpeace-Recherchen bereits gezeigt haben: Solche Kahlschläge sind keine Einzelfälle, sondern haben System.
Greenpeace deckt auf: Wer zerstört Europas wertvollste Wälder?
Im Sommer 2026 hat der Schauspieler Moritz Jahn ein Greenpeace-Team in die Karpaten begleitet. Sie wollten wissen: Wer ist für den kahlgeschlagenen Wald verantwortlich?
Bildergalerie: “Ikea vermöbelt Schutzgebiete”
Alle zwei Sekunden fällt ein Baum für Ikea
Tick, tack. Ein Baum stirbt für Ikea. Alle zwei Sekunden fällt weltweit ein Baum für den Möbelriesen. Ikea ist der weltgrößte Möbelhändler und einer der größten Holzverbraucher der Welt. Rund 80 Prozent des Frischholzes – also Holz, das direkt aus Wäldern stammt und nicht recycelt wurde – kommt aus Europa.
Viele der fertigen Produkte landen bei uns – denn Deutschland ist der größte Absatzmarkt für Ikea.
„Ikea kann sich nicht länger hinter seiner Bullerbü-Fassade verstecken. Der Konzern muss seine Lieferketten radikal aufräumen. Das heißt konkret: kein Holz mehr aus schützenswerten Wäldern.“
Ikea verkauft (sich) gut
Ikea poliert seit Jahren an seinem Image und hat sich Nachhaltigkeit prominent auf die Fahne geschrieben. Wer auf Ikeas Webseite schaut, liest viele gut klingende Sätze wie diesen:
Wer genau liest, stellt fest: Konkret wird der Konzern vor allem bei den Produkten, die er uns verkaufen möchte. Auch das hat System. Greenpeace hat in einer Recherche die Unternehmenspolitik von Ikea genauer unter die Lupe genommen. Ikea folgt, wie viele Konzerne, einer Nachhaltigkeitsrichtlinie mit selbstgesteckten Zielen. Ein genauer Blick verrät jedoch: Beim Schutz von Ökosystemen und Artenvielfalt steht schlicht „Kein Ziel“.
„Das ist ein bisschen so, als würde ich allen Menschen sagen, dass ich mehr Sport machen werde. Wenn ich aber nicht definiere, was ich damit erreichen will, mit welcher Sportart und bis wann, bleibt das schwammig und damit schlecht nachprüfbar“, erklärt Hieke.
Schwindende Wildnis
Was sind die Karpaten?
Die Karpaten sind eine 1.500 km lange Gebirgskette, die sich von Polen über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die Ukraine und Rumänien bis nach Serbien erstreckt. Tief in ihren Wäldern leben die größten europäischen Populationen von Braunbären, Wölfen und Luchsen sowie mehr als ein Drittel aller europäischen Pflanzenarten. Die Region gilt als eines der letzten zusammenhängenden Wildnisgebiete Europas. In den Karpaten wird jede Stunde eine Fläche von fünf Fußballfeldern abgeholzt.
Ikea und das FSC-Siegel
Ikea nutzt gezielt seine Mitgliedschaft im Forest Stewardship Council (FSC). Das FSC-Siegel kennzeichnet Holzprodukte als Erzeugnisse aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern. Laut Ikea stammen fast 98 Prozent des verwendeten Holzes aus FSC-zertifizierten Quellen.
Allerdings reicht das FSC-System nicht zwangsläufig aus, um ökologisch wertvolle Wälder vor industriellem Holzeinschlag zu schützen. Zwar gibt es internationale Kriterien, aber immer nationale Standards. Häufig sind hier Kahlschläge nicht ausgeschlossen, in schützenswerten Wäldern darf weiter eingeschlagen werden. In anderen Fällen werden die Standards nicht ausreichend eingehalten oder kontrolliert. Ein Grund, weshalb Greenpeace Deutschland das Siegel bereits 2018 verlassen hat.
Europas schwindende Wälder
Wir haben den Verlust der Baumbedeckung in fünf europäischen Ländern über die vergangenen 25 Jahre analysiert. Die ernüchternde Erkenntnis: Selbst in ausgewiesenen Schutzgebieten wie Natura 2000 mit ökologisch wertvollen Wäldern gibt es immer mehr kahlgeschlagene Flächen.
EU und Ikea in der Pflicht
Vor einigen Jahren einigten sich knapp 200 Staaten auf der UN-Weltnaturkonferenz (CBD) auf ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Land- und Meeresflächen weltweit unter Schutz gestellt werden. Die EU hat beschlossen, ein Drittel davon (10 Prozent der Gesamtfläche) streng vor industrieller Ausbeutung zu schützen. Für die Natur sollte dieses Abkommen das werden, was das Pariser Abkommen für den Klimaschutz ist.
Das Problem: Die Versprechen werden viel zu langsam umgesetzt. Während die Politik im Schneckentempo an den Schutzzielen arbeitet, pausiert die Zerstörung nicht: Holzunternehmen holzen selbst in jenen Gebieten weiter, die für den künftigen Schutz vorgesehen sind.
Dabei nimmt das Abkommen ausdrücklich auch Konzerne in die Pflicht – sie tragen eine Hauptverantwortung für die Zerstörung und profitieren finanziell davon. Es ist klar: Ein Konzern wie Ikea muss Verantwortung übernehmen.
Und was sagt Ikea?
Wir haben Ikea vor Veröffentlichung mit unserer Recherche konfrontiert. In seiner Antwort versteckt sich der Konzern weiterhin hinter Legalitätsversprechungen und Zertifizierungen und tut unsere Vor-Ort-Aufnahmen damit ab.
Was jetzt für den Waldschutz passieren muss
- Kein Holz aus schützenswerten Wäldern: Ikea muss ab sofort auf Holz aus Europas ökologisch wertvollsten Wäldern verzichten, bis diese Gebiete offiziell gesetzlich geschützt sind.
Um klar zu definieren, welche Wälder gemeint sind, hat Greenpeace sogenannte Moratoriumsflächen identifiziert – also Regionen, in denen jeglicher Einschlag vorübergehend ausgesetzt werden muss, um Zeit für Prüfungen und Schutzmaßnahmen zu gewinnen. Die Abgrenzung dieser Flächen stützt sich auf nationale Kartierungen von Behörden, Wissenschaft und/oder Zivilgesellschaft. Sie umfasst Wälder mit hoher Biodiversität sowie Gebiete, die das Potenzial haben, einen solchen ökologischen Wert zu entwickeln. Es gibt keine Ausreden mehr – Ikea weiß nun, wo kein Holz eingeschlagen werden sollte. - Verbindliche Artenschutzziele: Ikea muss konkrete, messbare und verbindliche Vorgaben zum Arten- und Ökosystemschutz in die eigenen Unternehmensrichtlinien aufnehmen.
Dunkle Fakten zur Waldzerstörung in den Karpaten
- Weltweit wird laut Schätzungen alle zwei Sekunden ein Baum für die Produktion von Ikea-Möbeln gefällt.
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Nur noch rund 10 Prozent der rumänischen Wälder sind älter als 120 Jahre.
- Schätzungen zufolge hat Rumänien in den letzten 20 Jahren mehr als 50 Prozent seiner Urwälder durch Abholzung verloren.