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Ölkatastrophe in den USA weitet sich aus

Der Ölteppich im Golf von Mexiko dehnt sich immer weiter aus. Mittlerweile haben die US-Bundesstaaten Louisiana, Florida, Alabama und Mississippi den Notstand ausgerufen. Lange haben sich die Verantwortlichen von BP Zeit gelassen, doch nun hat der Energiekonzern die Übernahme der Kosten in Verbindung mit dem Unfall angekündigt. Unser Meeres-Experte Christian Bussau beantwortet Fragen rund um die Katastrophe in einem Audio-Interview.

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Es ist eine sehr ernste Situation: Hören Sie hier das Interview mit Christian Bussau

Hier gibt es Bilder und ein Video von unseren Kollegen von Greenpeace USA.

Wir haben das Interview auch in getippter Form:

Am 20. April ist im Golf von Mexiko die BP-Ölplattform Deepwater Horizon explodiert und gesunken. Seitdem strömt Öl unkontrolliert ins Meer. Über die Auswirkungen der Katastrophe haben wir mit Christian Bussau, Meeresbiologe bei Greenpeace, gesprochen.

Online-Redaktion: Herr Bussau, wie schlimm ist die Katastrophe wirklich?

Christian Bussau: Sehr schlimm. Vor rund zwei Wochen kam es ja zu einer Explosion auf dieser Plattform, die dann zwei Tage später sank und seitdem strömen jeden Tag 800 Tonnen Öl am Tiefseemeeresboden aus. Man muss davon ausgehen, dass rund 10.000 Tonnen Öl bislang ausgetreten sind. Und das erklärt auch, warum der Ölteppich so riesengroß ist. Wir haben ja jetzt einen Ölteppich mittlerweile, der über 200 km lang ist, 100 km breit ist.

Das heißt, er ist größer als Schleswig-Holstein und wir müssen uns leider auf das Schlimmste vorbereiten, denn nach wie vor ist das Leck am Tiefseemeeresboden nicht geschlossen. Jeden Tag vergrößert sich also die Ölverschmutzung und wir können noch überhaupt nicht absehen, wie viel Öl letztendlich insgesamt austreten wird, wie lange diese Ölverschmutzung andauern wird. All das ist unklar. Wir steuern im Moment wirklich auf eine Situation zu, die sehr, sehr schlimm sein kann.

Online-Redaktion: Wie konnte es überhaupt dazu kommen?

Christian Bussau: Das wird sich höchstwahrscheinlich nie richtig erklären lassen, weil die Plattform explodierte und dann auf den Meeresboden sank. Das heißt, es wird keine abschließende Unfalluntersuchung geben können. Trotzdem wird es sich wahrscheinlich so ereignet haben, dass unkontrolliert ein hoch entzündliches Öl-Gas-Gemisch auf die Plattform geströmt ist und dass es dann zu einer Entzündung kam. Das führte zur Explosion.

Entscheidend ist jedoch, dass die Technik, die bei der Förderung von Öl und Gas in der Tiefsee benutzt wird, so kompliziert ist, so risikoreich ist, dass man sich immer an der Grenze des technisch Machbaren bewegt. Und wenn dann etwas Unvorhergesehenes passiert wie jetzt dieser Unfall, dann hat man die technischen Möglichkeiten nicht mehr, kurzfristig ein Leck zu stopfen. Das eigentliche Problem ist, dass man hier eine Technik benutzt, die nicht ausreichend abgesichert ist - die technischen Lösungen hat man nicht. Man bewegt sich also in einem technischen Grenzbereich und überschreitet immer mehr die Grenze des technisch Machbaren. Das ist das Hauptproblem.

Online-Redaktion: Wer ist für die Katastrophe verantwortlich?

Christian Bussau: BP ist für dieses Unglück verantwortlich. Diese Plattform hat im Auftrag von BP diese Bohrung in der Tiefsee durchgeführt. BP ist verantwortlich und hat mittlerweile auch die Verantwortung übernommen. Und das ist richtig so.

Online-Redaktion: Was kann man jetzt machen, um die Katastrophe einzudämmen?

Christian Bussau: Zunächst muss man sich weiterhin darauf konzentrieren, das Leck am Tiefseemeeresboden abzudichten. Das ist das allerwichtigste. Wenn das nicht passiert, dann strömen ja jeden Tag 800 Tonnen Öl zusätzlich aus. Das ist die Hauptaufgabe. Man muss also mit den unbemannten Unterwasserrobotern weiter in der Tiefsee versuchen, das Leck abzudichten. Dass das sehr schwierig ist, weiß man mittlerweile. Obwohl diese Unterwasserroboter Kameras und Lampen und Greifarme haben, muss man sich klar machen, dass da unten praktisch die Sicht gleich null ist. Sehr viele Ölteilchen werden die Sicht praktisch auf null beschränken.

Trotzdem muss man das immer, immer wieder probieren, denn das ist die einzige Möglichkeit, kurzfristig einen Erfolg zu erzielen. Dann ist es richtig, dass man versucht, eine zweite Entlastungsbohrung durch eine zweite Plattform vorzunehmen. Man würde also das Öl umleiten und so kontrolliert auf eine zweite Plattform leiten. Das ist sehr gut, dass man das probiert. Das wird aber Wochen beziehungsweise Monate dauern, bis man hier Erfolg haben kann.

Außerdem fährt man jetzt parallel einen anderen Weg: Man versucht, eine große Glocke - eine Stahlglocke im Prinzip - über das Leck rüberzustülpen und so das austretende Öl abzusaugen. Auch das ist richtig.

Zunächst muss man sich klar machen, dass die Bekämpfung auf der hohen See auch weitergehen muss. Das heißt, weiterhin mit den Schiffen und den Ölbarrieren zu arbeiten - versuchen, möglichst viel Öl abzusaugen. Auch das ist sehr schwierig, weil das Wetter sehr schlecht ist. Viel Öl klatscht über diese Ölbarrieren rüber, das lässt sich nicht vermeiden. Trotzdem darf man da nicht aufhören. Man muss so viel Öl wie möglich abpumpen.

Und an den Küsten, da laufen die Vorbereitungen jetzt auf Hochtouren. Irgendwo wird in den nächsten Tagen, Stunden eine große Menge Öl an die Küsten geschwemmt werden. Und da muss man vorbereitet sein und sofort versuchen, möglichst viel Öl von den Küsten zu bergen. Nur so kann man versuchen, die Schäden klein zu halten. Aber jedem muss auch klar sein: Es sind schon riesige Schäden entstanden. Der Ölteppich ist so groß mittlerweile, dass man ihn kurzfristig nicht mehr bekämpfen kann. Das heißt, wir richten uns jetzt höchstwahrscheinlich auf eine Situation ein, wo man wochenlang mit der Bekämpfung dieser Ölverschmutzung zu tun haben wird.

Online-Redaktion: Mit welchen Schäden ist jetzt zu rechnen?

Christian Bussau: Im Moment ist es so, dass wir nicht mehr ausschließen können, dass wir langfristige Schäden haben werden - also Schäden, die womöglich in drei, vier, fünf Jahren noch zu sehen sind. Entscheidend ist, das Leck am Tiefseemeeresboden abzudichten. Wenn das nicht passiert und sich die Ölverschmutzung ständig vergrößert, dann müssen wir davon ausgehen, dass sehr, sehr viel Öl an die Küsten getragen wird und da haben wir sehr sensible Ökosysteme.

Wir haben zum Beispiel Wälder, die im Wasser stehen, Mangrovenwälder. Wir haben Feuchtwiesen, wir haben Schilfgürtel. Überall dort in dieser sumpfigen Landschaft kann ich aber kaum arbeiten und reinigen. Da komm ich nicht mit Lastwagen hin, mit großem Räumgerät. Ich komm auch nicht mit Schaufeln und Eimern dort hin. Wenn das Öl in diese Landschaften kommt, dann wird viel Öl dort bleiben. Die Pflanzen werden absterben und zwar großflächig. Und damit auch alle Kleinlebewesen wie Insekten, Muscheln, Schnecken, Krebstiere und auch die größeren Tiere wie zum Beispiel Mississippi-Alligatoren, Schlangen, Eidechsen sind bedroht - natürlich auch die Seevögel.

Im Moment ist die Situation so, dass wir langfristige Schäden nicht ausschließen können. Kurzfristig werden wir natürlich sehr, sehr viele tote Seevögel zu erwarten haben. Das wird wohl nicht ausbleiben bei dieser Größe des Ölteppichs und es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis man die ersten großen toten Seeschildkröten und toten Delphine finden wird. Wir müssen uns leider darauf einstellen, dass wohl sehr, sehr viele Tiere sterben werden und dass wir höchstwahrscheinlich auch langfristige Schäden nicht ausschließen können.

Online-Redaktion: Was muss jetzt getan werden, damit eine solche Katastrophe nicht mehr passiert in der Zukunft?

Christian Bussau: Solange Öl und Gas im Meer gefördert werden, sind auch Unfälle nicht auszuschließen. Das muss jedem klar sein. Wir haben ja allein in der Nordsee - also in dem Meer vor unserer Haustür - 400 Öl- und Gasplattformen stehen und da passieren mehrere Hundert Unfälle jedes Jahr. Zum Glück nur kleinere Unfälle, da wird dann nur wenig Öl frei. Aber es gab auch schon größere Unfälle wie zum Beispiel 2007 auf der Statfjord A Plattform, betrieben von Statoil vor der norwegischen Küste. Damals wurden im Dezember 2007 bei einem Unfall über 4000 Tonnen Öl freigesetzt in die Nordsee.

Überall dort, wo Öl- und Gasplattformen stehen, da können Unfälle nicht ausgeschlossen werden und besonders risikoreich ist es natürlich in der Tiefsee. Wenn wir in Regionen mit über 1000 Meter Wassertiefe arbeiten, dann wird die Technik noch mal komplizierter. Es wird noch mal risikoreicher und man sieht ja, wenn dort ein Unfall passiert, dann hab ich die Technik gar nicht, den Unfall kurzfristig zu bekämpfen.

Man muss überdenken, ob es überhaupt richtig ist, dass Politiker den Mineralölkonzernen Lizenzen für die Förderung von Öl und Gas in der Tiefsee geben? Ich denke, nach diesem Unfall heißt die Antwort hier: Nein, die Technik ist noch nicht so weit. Wir haben die Technik noch nicht, hier Unfälle dann schnell zu bekämpfen. Und wir müssen uns klar machen: Solange Öl- und Gasplattformen hier in Grenzbereichen des technisch Machbaren vordringen, so lange kann so ein Unfall, wie jetzt im Golf von Mexiko, jederzeit überall auf der Welt passieren.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch an Christian Bussau.

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