Gülle im Überfluss bedroht Trinkwasser und Gewässer
- Ein Artikel von Anja Franzenburg
- mitwirkende Expert:innen Anne Hamester
- Hintergrund
Einst ein wertvoller Dünger, heute eher eine Plage: Deutschlands Massentierhaltung produziert mehr Gülle, als viele Äcker vertragen. Das hat Auswirkungen – auch auf unser Trinkwasser.
Eigentlich eine gute Sache, doch wir rümpfen die Nase – weil es stinkt. Gemeint ist das Düngen mit Mist oder – in flüssiger Form – Gülle. In den Exkrementen von Tieren stecken jedoch wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, die Pflanzen zum Wachsen brauchen.
Grundsätzlich stellt das Düngen mit Kot also kein Problem dar. Im Gegenteil: Dadurch steigern Landwirt:innen Erträge, um genügend Lebensmittel und Futter fürs Vieh ernten zu können. Ein fruchtbarer Kreislauf. Nur leider funktioniert der oft nicht mehr. Es fängt schon damit an, dass in den immer größer werdenden Ställen die Tiere eher auf Spaltenböden als auf Stroh gehalten werden. Für Landwirt:innen bedeutet es weniger Arbeit, wenn Kot und Harn über Spalten in darunterliegenden Auffangbecken landen.
© Greenpeace
Schweine in Massentierhaltung: Die Tiere stehen auf Spaltenboden.
Für die Tiere sind eingestreute Ställe eindeutig besser – für die Umwelt auch. Stallmist ist für die Böden deutlich hochwertiger als Gülle, er verbessert die Bodenstruktur und reichert Humus an.
Ein weitaus größeres Problem bereitet jedoch die Menge: Denn durch die Massentierhaltung ist die Zahl der Nutztiere von der zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Fläche entkoppelt. Bei den Landwirt:innen läuft also mehr Gülle auf, als sie sinnvollerweise ausbringen dürften, Pflanzen aufnehmen und Böden verarbeiten können. Zudem sind die festgelegten Bedarfswerte für Pflanzen, die die Landwirtschaft für die Düngung zugrunde legt, wissenschaftlich überholt: Bei Mais liegen sie beispielsweise bis zu 20 Prozent über dem tatsächlichen Aufnahmevermögen der Pflanzen.
Diese Nährstoffüberschüsse sickern als Nitrat ins Grundwasser, entweichen als klimaschädliches Lachgas in die Atmosphäre und lassen unsere Gewässer an Überdüngung (Eutrophierung) ersticken.
Wieso ist Tiermist gut für Pflanzen?
Kurz erklärt
Exkremente regen das Pflanzenwachstum an, indem sie dem Boden essentielle Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor, Kalium und Magnesium zuführen. In der Erde wandeln Bakterien Stickstoff in Nitrat und Ammonium um – auf diesen Prozess sind Pflanzen angewiesen, da sie Stickstoff nicht direkt verwerten können.
Deutschland hat ein Gülleproblem
Seit das Prinzip der Flächenbindung aufgehoben wurde, die die Menge der Tiere an vorhandene Äcker und Felder koppelt, haben sich Hotspots der industriellen Tierhaltung gebildet, auf denen massenhaft Tiere gehalten werden. Insbesondere in Nordwestdeutschland kommt viel Futter nicht nur von den eigenen Flächen der Betriebe, sondern wird importiert – etwa Soja, das meist aus zerstörten Wald- und Savannengebieten in Südamerika stammt. Im Extremfall sind so gewerbliche Betriebe entstanden, die gar keine eigenen Flächen haben. Die Tiere in den Intensivregionen produzieren viel mehr Gülle, als benötigt wird.
Folgen der Überdüngung
Pflanzen können nur begrenzt Nährstoffe verarbeiten. Das, was sie nicht über die Wurzeln aufnehmen, gelangt in die Luft oder ins Wasser. Nitrat ist sehr gut wasserlöslich. Phosphor reichert sich in den Böden an. Bei Starkregen werden Nährstoffe von den Ackerflächen abgeschwemmt oder versickern in tiefere Bodenschichten. So landen die Wirkstoffe im Grundwasser oder in Bächen, Flüssen und schließlich im Meer – und sorgen dort für Unheil.
Kippende Seen, Algen und tote Zonen im Meer
Urlauber:innen begegnet das Übel in Form stinkender Algenteppiche oder giftiger Algenblüten im Meer und in Seen, die dann oft gesperrt werden müssen. Denn die angeschwemmten Nährstoffe regen das Wachstum von Algen und Cyanobakterien, sogenannten Blaualgen, stark an. Abgestorbene (Blau-)Algen faulen – ein sauerstoffzehrender Prozess, der im schlimmsten Fall zu sogenannten toten Zonen in Gewässern führt. In ihnen kann mangels Sauerstoff fast nichts überleben.
- 94 Prozent der Ostsee sind bereits eutrophiert.
- Keines der behördlich festgelegten 48 Ostsee-Küstengebiete erreicht den nach EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten guten ökologischen Zustand.
- In der Ostsee sind bereits sauerstofffreie „Todeszonen“ von der Größe Bayerns (ca. 60.000 km²) entstanden, in denen Fische ersticken und das gesamte Ökosystem kollabiert.
Für Menschen und Vierbeiner sind die Algenblüten problematisch: Erwachsene können Hautreizungen bekommen, für Kleinkinder ist es gefährlich, für Hunde kann es tödlich enden.
Verunreinigtes Grundwasser gefährdet Trinkwasser
Es braucht manchmal einige Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis Nitrat ins Grundwasser und schließlich auch in unser Trinkwasser gelangt. Zu hohe Konzentrationen im Trinkwasser hätten gefährliche Auswirkungen auf unsere Gesundheit:
- Aus Nitrat gebildete Nitrosamine stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen.
- Im Körper wird Nitrat zu Nitrit umgewandelt. Nitrit blockiert den Sauerstofftransport im Blut. Bei Säuglingen kann das zu Sauerstoffmangel oder sogar zum Tod führen.
Deshalb gilt für Trinkwasser ein Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser. Jedoch überschreiten 25,6 Prozent der Grundwassermessstellen in landwirtschaftlichen Regionen Deutschlands den für Nitrat festgelegten EU-Grenzwert. Die belasteten Gebiete umfassen etwa 54.000 km², das entspricht mit 28,8 Prozent knapp einem Drittel der landwirtschaftlich bewirtschafteten Fläche.
In einigen Regionen wird es für Wasserwerke immer schwerer, den Grenzwert einzuhalten: Sie müssen zunehmend verschmutztes Wasser mit sauberem mischen oder aber Brunnen aus der Nutzung nehmen. Wenn das nicht mehr reichen sollte, müsste das Wasser technisch gereinigt werden. Ein extrem aufwändiges Verfahren – das laut Wasserwirtschaft zu massiven Preissteigerungen von bis zu 62 Prozent in besonders nitratbelasteten Regionen führen könnte. Auch das Umweltbundesamt warnt vor einer Erhöhung der Trinkwasserpreise um bis zu 45 Prozent.
© Sonja Och / Greenpeace
Bereits vor zehn Jahren forderte Greenpeace einen besseren Schutz für Gewässer und nahm Proben wie hier an der Schlei in Schleswig-Holstein im September 2016. Es folgten weitere Untersuchungen, die immer wieder zu hohe Nitratbelastungen attestierten. Die Ergebnisse sind in unterschiedlichen Berichten veröffentlicht, zu finden am Ende des Artikels.
Überdüngung treibt Artenverlust und Klimakrise an
Ökosysteme an Land, in Gewässern und im Meer reagieren hochsensibel auf Nährstoffeinträge. Etwa 70 Prozent der gefährdeten Pflanzenarten in Deutschland sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen und werden durch Stickstoffüberschüsse verdrängt. Stickstoffliebende Allrounder wie Brennnesseln und schnellwüchsige Gräser überwuchern dabei artenreiche Wiesen, Heide oder Wildkräuter. Dieser Verlust an Pflanzenvielfalt löst eine Kettenreaktion aus, die Insekten die Nahrung nimmt und dadurch auch zum Rückgang heimischer Vogelarten beiträgt.
Auch die zweite große ökologische Krise, den Klimawandel, heizt die Überdüngung an. Denn Stickstoffüberschüsse werden im Boden zu Lachgas (N20) umgewandelt. Lachgas ist etwa 300-mal klimaschädlicher als CO2 und greift zudem die Ozonschicht an. 28,2 Prozent der direkten landwirtschaftlichen Emissionen entfallen auf Lachgas aus Böden.
Ammoniak, Feinstaub und saure Wälder
Auch beim Ammoniak hält Deutschland die vorgegebenen Grenzwerte nicht ein. Dieser Luftschadstoff gefährdet durch Feinstaubbildung die menschliche Gesundheit und sorgt zugleich für die Überdüngung und Versauerung von Wäldern und Gewässern. 95 Prozent des Ammoniaks in Deutschland stammt aus der Landwirtschaft. Verursacher ist vor allem die Intensivtierhaltung. Denn er entsteht insbesondere dort, wo Kot und Harn sich vermischen, also auf feuchten Stallböden, in Güllekellern und Güllelagern. Aber auch beim Ausfahren der Gülle wird Ammoniak freigesetzt. Dem kann nur teilweise mit moderner Technik wie der bodennahen Ausbringung, Filteranlagen oder Abdeckungen der Lagerstätten begegnet werden.
Deutschland hat durch Überdüngung jahrelang gegen EU-Recht verstoßen
Die Politik hat das Problem mit der Überdüngung lange schleifen lassen. Im Vergleich zu benachbarten Ländern wurde wenig unternommen, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Das ist auch der EU aufgefallen: Weil Deutschland mit dem laxen Düngerecht die europäische Nitratrichtlinie zum Schutz des Grundwassers nicht erfüllte, verklagte die Europäische Kommission die Bundesregierung erstmals im Jahr 2016 und bekam im Juni 2018 vor dem Europäischen Gerichtshof Recht. Der Bundesrepublik – und somit den Steuerzahlenden – drohten Strafzahlungen in Milliardenhöhe.
Erst durch die Klage änderte die Bundesregierung wichtige Punkte im Düngerecht. Seit Februar 2017 gilt die novellierte Düngeverordnung, die 2020 erneut überarbeitet wurde, um Strafzahlungen zu verhindern. Greenpeace sah zwar richtige Ansätze, stufte die Verordnung aber insgesamt immer noch als zu schwach ein, da sie die industrielle Überproduktion von Gülle nicht stoppte und zu viele Schlupflöcher bot.
Rolle Rückwärts beim Düngen
Das, was im Düngerecht durchaus Sinn ergeben hat, kappte der amtierende Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2025. So strich das Bundeskabinett im Eilverfahren – am Bundestag vorbei – am 24. Mai 2025 die im Jahr 2018 in Kraft getretene Stoffstrombilanz. Diese Verordnung verpflichtete landwirtschaftliche Betriebe, jährlich Buch zu führen über alles, was an Nährstoffen in den Hof hineingeht (Futter, Mineraldünger, Tiere) und was wieder herauskommt (Milch, Fleisch, Pflanzen, Gülle). Aus der Differenz – dem Nährstoffüberschuss – ließ sich feststellen, welche Höfe zu viel Stickstoff und Phosphor in die Umwelt leiten. Ohne diese Daten ist eine verursachergerechte Kontrolle ausgeschlossen: Es wird unmöglich, gezielt Betriebe zu identifizieren, die für massive Nährstoffüberschüsse verantwortlich sind.
Dabei reichte auch dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig noch nicht einmal die nicht beschnittene Düngeverordnung. Im Oktober 2025 verurteilte das Gericht das Bundeslandwirtschaftsministerium dazu, ein Aktionsprogramm zum Schutz der Gewässer vor Nitrat aufzusetzen: Bereits seit 2017 hinke Deutschland den Anforderungen des Düngegesetzes hinterher und lasse solch ein Aktionsprogramm missen. Geklagt hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH).
Ebenfalls im Jahr 2025 kassierten Gerichte die Ausweisung sogenannter roter Gebiete – nicht inhaltlich, sondern wegen handwerklicher und verfassungsrechtlicher Fehler in der Gesetzgebung. „Rote Gebiete“ sind im deutschen Düngerecht jene Regionen, in denen das Grundwasser zu stark mit Nitrat belastet ist oder Oberflächengewässer durch den Eintrag von Phosphat überdüngt (eutrophiert) sind. So ausgewiesene Gebiete unterliegen strengeren Regeln, um das Wasser zu schützen. Der Bund muss nun die Verordnung neu aufsetzen, anschließend müssen die Länder ihre roten Gebiete neu ausweisen. Die Bundesländer Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen haben ihre roten Gebiete bereits vollständig aufgehoben. Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Sachsen haben Sanktionen ausgesetzt. Das heißt: In weiten Teilen Deutschlands gelten die strengeren Auflagen in besonders belasteten Gebieten nicht mehr, in denen das Grundwasser bereits stark mit Nitrat verschmutzt ist. Bislang ist die Bundesregierung ihrer Pflicht nicht nachgekommen, die belasteten Gebiete rechtssicher auszuweisen.
Konflikt mit der EU: Bundesregierung will Düngerecht erneut schwächen
Aus dieser Gemengelage heraus hat das Kabinett am 29. April 2026 die Novelle des Düngegesetzes beschlossen. Sie liegt nun bei Bundestag und Bundesrat.
Geplant ist, das Düngegesetz erheblich abzuschwächen: Die Pflicht zur betrieblichen Stoffstrombilanz soll ersatzlos gestrichen werden und stattdessen anhand von wenigen Modellhöfen und -regionen eine Einschätzung der Nährstoffeinträge erfolgen. Behörden vor Ort verlieren dadurch wichtige Eingriffsmöglichkeiten, da sie nicht mehr feststellen können, welche Höfe die Umwelt belasten – und welche nicht. Das Gesetz soll noch vor der Sommerpause im Bundestag verabschiedet und im September dem Bundesrat zur Zustimmung vorgelegt werden. Das Inkrafttreten ist für Herbst 2026 geplant.
Die EU hat Deutschland bereits zweimal verklagt. Mit der von Minister Rainer geplanten Aufweichung der Düngeregeln droht Deutschland ein neues Verfahren wegen unzureichendem Wasserschutz.
Kritik aus der Wissenschaft
Auch aus der Wissenschaft kommt Kritik: Das Science Media Center hat sechs Wissenschaftler:innen befragt zur Entscheidung Deutschlands, die Stoffstrombilanz abzuschaffen.
- Friedhelm Taube (Universität Kiel) wirft der Bundesregierung vor, Lobbyinteressen über das Gemeinwohl zu stellen.
- Klaus Dittert (Universität Göttingen) spricht von einem Rückfall in die Gesetzlosigkeit im Bereich der Düngung.
- Alfons Balmann (IAMO Halle) nennt die Abschaffung ein fatales Signal: Sie komme vor allem Betrieben zugute, die sich „durch andere Düngevorgaben durchmogeln“.
- Benjamin Bodirsky vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bemängelt, dass mit der Stoffstrombilanz ein wirksames Instrument gestrichen wurde: Seit Einführung der Stoffstrombilanz sei der Stickstoffeintrag aus landwirtschaftlichen Flächen immerhin um fast ein Drittel gefallen.
Die Bundesregierung begründet die Streichung der Stoffstrombilanz mit Bürokratieabbau. Wissenschaftler:innen wie Taube argumentieren hingegen, sie sei für gut geführte Betriebe nichts anderes als klassisches Controlling. Da die Lebensmittelindustrie- und Einzelhandelskonzerne bald ihre Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufzeichnen müssen, werde die digitale Erfassung und Bearbeitung der Daten in den landwirtschaftlichen Betrieben ohnehin erforderlich.
Auch die Wasserverbände BDEW, DVGW und DWA sehen den Grundwasserschutz in Gefahr und lehnen die Streichung der Stoffstrombilanz geschlossen ab.
„Die Politik muss ein verursachergerechtes Düngerecht umsetzen und Landwirt:innen auf dem Kurs hin zu Gewässer- und Umweltschutz mit digitalen, effektiven Lösungen unterstützen.“
Weniger Tiere, weniger Gülle, weniger Nitrat
Da sich die Tierzahlen in Deutschland jedoch nicht signifikant verringert haben, bleibt die Frage, wo die überschüssige Gülle geblieben ist, als die Stoffstrombilanz noch verpflichtend war? Es ist ein regelrechter Handel entstanden: In den Intensivregionen Deutschlands werden die Exkremente an „Güllebörsen“ gehandelt und überregional mit LKWs, teilweise sogar mit Schiffen transportiert. Betriebe, die bereit sind, Gülle anzunehmen, erhalten im Gegenzug Geld – eine kuriose Umkehr der Verhältnisse. Das Problem geht über unsinnige Transporte aber noch hinaus: Mit der Gülle reisen auch antibiotikaresistente Keime und Antibiotika durch die Republik und gelangen auf Felder. Wie groß das Problem der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen über Gülle ist, wird bisher kaum untersucht. Dass es existiert, dürfte unstrittig sein: Greenpeace hat wiederholt multiresistente Keime und Rückstände von Antibiotika in Schweinegülle nachgewiesen.
„Perspektivisch kann nur eine flächengebundene Tierhaltung helfen, das heißt: Landwirtschaftliche Betriebe halten nur so viele Schweine oder Rinder, wie sie mit Futter von eigenen Flächen versorgen können – und dementsprechend den anfallenden ‘Wirtschaftsdünger’, also Gülle oder Mist, auch sinnvoll einsetzen können. Dann wäre der funktionierende Kreislauf wiederhergestellt.“