Gletscher schmelzen in einem Tempo, das selbst Klimaforscher überrascht

Berge ohne Eis: Die Gletscher schmelzen

Gletscher gelten als das Gedächtnis der Klimageschichte, Gebirgsgletscher als das Fieberthermometer der Erde. Kaum irgendwo lässt sich so deutlich ablesen wie hier, was mit unserem Klima geschieht: Wo sich einst strahlend weiße Eisriesen bis in die Täler schoben, bedecken heute vielerorts nur noch Schutt und Geröll den Boden.
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Das Verschwinden der Alpengletscher

In den Alpen ist die Veränderung besonders gut dokumentiert. Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 haben die Gletscher dort etwa ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Vor allem seit den 90er Jahren hat sich das Tempo erhöht und wird sich in den nächsten Jahren voraussichtlich weiter steigern: Die heutige Schmelze wurde durch Treibhausgasemissionen vor dreißig Jahren verursacht. Gletscherforscher rechnen mit einem fast vollständigen Abschmelzen noch in diesem Jahrhundert.

Es gibt 5.000 Gletscher in den Alpen. Wenn viele von ihnen für immer abgeschmolzen sind, könnte es empfindliche Einbrüche in der Wasserversorgung geben. Gletscher speichern Trinkwasser. Große europäische Flüsse wie Rhône und Rhein entspringen in Gletschergebieten. Das Süßwasser aus der Gletscherschmelze ist das wichtigste Trinkwasserreservoir in den alpinen Regionen.

Dem Wintersport droht vielerorts in den Alpen das Aus. Zu diesem Schluss kam eine Studie der UNEP, des UN-Umweltprogramms, im Jahr 2003. Eines der ersten prominenten Opfer könnte das Wintersportparadies Kitzbühel sein. Allgemein wird die Schneegrenze im Zuge der Klimaerwärmung in den nächsten 30 bis 50 Jahren um 200 bis 300 Meter höher liegen.

Himalaja: Nach der Flut kommt die Dürre

Für die Himalaja-Region könnte das Schmelzen der Gletscher in einer Katastrophe enden. Mit dem Absickern des Schmelzwassers steigt der Wasserpegel der Gletscherseen an. Wenn unter dem Druck des Wassers die Ränder wegbrechen, überfluten Millionen Kubikmeter Wasser die Täler und Dörfer.

Im östlichen Himalaja sind bereits rund 2000 Gletscher vollkommen weggeschmolzen. 44 Gletscherseen stellen durch ihren hohen Wasserstand eine ernste Bedrohung für die Menschen in den Tälern dar. In Indien, Nepal, Bangladesch und Bhutan könnten gewaltige Flutwellen zu Tal stürzen und Dörfer und Äcker verwüsten.

Nach der Flut drohen akuter Wassermangel und Dürre. Denn mit den Gletschern geht auch das in ihnen gebundene Wasser dahin; langfristig werden die Wasserspiegel im Zuge der Gletscherschmelze sinken, Flussbetten trocknen aus. Bleibt der Nachschub für die Flüsse aus, drohen Dürrekatastrophen. Die sieben großen Flüsse Asiens wie Indus, Ganges und Mekong werden mit Wasser aus den Bergen gespeist. 500 bis 600 Millionen Menschen wären betroffen - ein Zehntel der Weltbevölkerung.

Traurige Aussicht am Kilimandscharo

Der Kilimandscharo, der „Schimmernde Berg“, liegt in Tansania, rund 350 Kilometer südlich des Äquators. Mit seinen 5.895 Metern ist er der höchste Berg Afrikas. Seit Beginn der Aufzeichnungen 1912 schwanden mehr als 80 Prozent seiner Schnee- und Eismasse, allein seit 1989 waren es 33 Prozent. Jedes Jahr verliert das Naturwunder mindestens einen halben Meter an Eisdicke. Ein Forscherteam der Universität Ohio schätzt das Alter der Kilimandscharo-Gletscher auf 11.700 Jahre. In weniger als zehn bis fünfzehn Jahren könnte das letzte Eis abgetaut sein.

Schnellste Schmelze der Welt: Patagonien

Die Gletscher Patagoniens in Chile und Argentinien sind die am schnellsten schmelzenden Eismassen der Erde. Sie haben zwischen 1997 und 2004 jedes Jahr rund 42 Kubikkilometer Eis verloren, das entspricht in etwa der Wassermenge des Bodensees. Der argentinische Upsala-Gletscher hat neuen Daten zufolge in den vergangenen 30 Jahren rund zehn Kilometer Länge eingebüßt.

Die patagonischen Gletscher erstrecken sich über eine Fläche von insgesamt 17.200 Quadratkilometern. Das Schmelzwasser fließt auf der westlichen Seite ins Meer und im Osten in verschiedene Seen. Es trägt überproportional zur Erhöhung des Meeresspiegels weltweit bei.

Trinkwasser wird knapp, der Meeresspiegel steigt

Unmittelbare Folge der Gletscherschmelze sind Überschwemmungen, verbunden mit Erdrutschen, Schlamm- und Gesteinslawinen. Langfristig droht Trinkwasserknappheit, denn drei Viertel aller Süßwasserreserven sind im Gletschereis gebunden. Experten der Vereinten Nationen befürchten, dass sich die Zahl der Menschen, die in Regionen akuter Wasserknappheit leben, bis 2025 weltweit von derzeit knapp einer Milliarde auf 1,8 Milliarden erhöhen könnte.

Das Schmelzwasser lässt außerdem den Meeresspiegel ansteigen. Inselstaaten wie Tuvalu und Küstenregionen wie Bangladesch drohen unterzugehen. Ganze Ökosysteme mit unzähligen Tier- und Pflanzenarten sind in Gefahr. An den Gletschern lässt sich ablesen, wie rasant die vom Menschen gemachte Erderwärmung voranschreitet. Sie zieht eine Vielzahl von ökologischen und sozialen Problemen nach sich: Hunger, Verelendung sowie eine Zunahme von Fluchtbewegungen und Konflikten. Es ist abzusehen, dass die Kriege der Zukunft weniger um Öl und andere Rohstoffe geführt werden als um fruchtbare Erde und Wasser.

(Stand: April 2012)

Alarm für die Gletscher

Weltweit schmelzen die Gletscher - die unverwüstlich erscheinenden Eisriesen haben einen Feind: den vom Menschen gemachten Klimawandel. Zeit zum Handeln!
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