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Jahrhunderthochwasser - da war doch was?

Kein Jahr ist es her, seit riesige Gebiete von den Flüssen Mulde und Elbe überschwemmt worden sind, da scheint das Jahrhunderthochwasser auch schon endgültig ad acta gelegt worden zu sein - zumindest bei den Behörden. Obwohl Greenpeace jüngst in einem Schreiben die Umweltministerien des Bundes und der Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt an die großflächige Schadstoffbelastungen nach dem Elbehochwasser 2002 hinwies und zur Gefahrenabwehr aufrief, sehen die Politiker dort kaum Handlungsbedarf.

Nicht ganz so problemblind erscheinen ihre Kollegen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen: Von dort kamen Mitte Juni Warnungen vor belastetem Aal aus der Elbe. Die schlängelnden Flussbewohner wiesen eine sehr hohe Belastung mit Dioxin und Polychlorierten Biphenylen (PCB) auf. Als vermutliche Ursache für die Schadstoffbelastung wurde das Hochwasser im letzten Jahr angegeben.

Die Wassermassen in Mulde und Elbe haben riesige Mengen Material aus den flussaufwärts gelegenen Überschwemmungsgebieten mitgerissen und anderswo als mehrere Zentimeter dicke Schlammschicht wieder abgelagert. In dem abtransportierten Material befanden sich tonnenweise Schwermetalle wie Arsen, Blei Quecksilber und Kadmium sowie Schadstoffe und Gifte wie PCB, DDT und andere. Mehrere Zehntausend Hektar Grünland wurden von den Schlammmassen bedeckt.

Die Folgen führt Manfred Krautter, Chemie-Experte von Greenpeace, vor Augen: Bodenschutz-Grenzwerte werden großflächig überschritten. In den Au-Wiesen der Elbe hat das Umweltforschungszentrum Halle-Leipzig Quecksilber in einer Größenordnung gefunden, die um das 60fache über dem Grenzwert der Bundesbodenschutzverordnung liegt. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die Schwermetalle und Gifte in die Körper von weidenden Rindern und Schafen gelangt sind. Durch deren Fleisch gelangen sie dann auch auf die Teller der Menschen.

Angesichts der ermittelten Belastungen besteht dringender Handlungsbedarf. Doch die zuständigen Stellen wiegeln ab. Kritische Daten wurden von ihnen lange wie Geheimpapiere unter Verschluss gehalten. So ist vielleicht zu erklären, warum betroffene Landwirte und Bodeneigentümer bislang nicht oder nur unzureichend informiert wurden. Dabei stellt sich die Frage, ob und wie die übermäßig mit Schadstoffen belasteten Äcker, Gärten, Wiesen und Auen in Sachsen und Sachsen-Anhalt zukünftig noch genutzt werden können, warnt Krautter.

Greenpeace fordert von den Landesregierungen und dem Bundesumweltministerium ein Sofortprogramm. Neben dem umgehenden Informieren der Bauern und Grundstücksbesitzer muss die Beweidung kritisch belasteter Au-Wiesen unverzüglich gestoppt werden, fordert Krautter. Wo notwendig, müssen Nutzungseinschränkungen auch für den Anbau von Feldfrüchten und Lebensmitteln ausgesprochen werden. Damit einhergehen sollten engmaschigere Untersuchungen von Böden, Futterpflanzen, Grundwasser und Lebensmitteln aus den Überschwemmungsgebieten.

Tipp: Einen sehr ausführlichen Artikel zu dem Thema hat unser Chemie-Experte Manfred Krautter für die Publikation Umwelt kommunale ökologische Briefe geschrieben. Zu finden ist er in der Ausgabe 10/03 vom 14. Mai 2003. Gut sortierte Bibliotheken mit Umweltschwerpunkt sollten über ein Exemplar der Publikation verfügen. (mir)

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