Wärmewende: Berlin nur Mittelmaß
- Ein Artikel von Michael Weiland
- mitwirkende Expert:innen Marina Falke
- Nachricht
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Ein Greenpeace-Ranking vergleicht 15 europäische Großstädte beim Ausstieg aus fossilem Heizen. Berlin landet nur auf Platz 8: mit guten Plänen, aber schädlichen Gas-Investitionen.
Wie heizt Europa in Zukunft? Die Antwort entscheidet sich nicht nur in Brüssel, sondern auch in den städtischen Rathäusern. Ein neuer Greenpeace-Bericht vergleicht 15 europäische Großstädte bei ihrem Ausstieg aus fossilem Heizen und zeigt, wie unterschiedlich weit sie dabei sind. Berlin liegt im Mittelfeld, auf Platz 8 von 15.
Das Ranking bewertet die Städte in fünf Kategorien: Klimapolitik und Zielsetzung, tatsächliche Emissionsentwicklung, Fortschritt bei der Wärmeversorgung, Steuerungsfähigkeit der Verwaltung sowie sozialer Ausgleich. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das über reine Klimaziele hinausgeht und misst, ob aus Ankündigungen auch tatsächlich Projekte werden.
Berlin: gute Pläne, aber schädliche Investitionen
Berlin erreicht rund 61 von 100 möglichen Punkten und liegt damit dicht bei Budapest, Prag, Warschau und Brüssel – der eng zusammenliegenden Mittelgruppe des Rankings. Bei der Governance schneidet die Stadt vergleichsweise stark ab: Ein detaillierter kommunaler Wärmeplan liegt vor, die Fernwärme gehört mit der BEW (Berliner Energie und Wärme) einem städtischen Unternehmen. Und bis 2030 sind rund 3,5 Milliarden Euro für Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen, Speicher und den Kohleausstieg eingeplant.
Bei den tatsächlichen Ergebnissen fällt die Bilanz allerdings deutlich schwächer aus: Die wärmebedingten Emissionen sanken zwischen 2020 und 2024 lediglich um 1,3 Prozent, rund 39 Prozent der Gebäudewärme stammen weiterhin direkt aus fossilen Quellen. In Moabit, Charlottenburg und Klingenberg lässt die Stadt neue Kraftwerksblöcke mit Gasturbinen errichten und riskiert damit, fossile Abhängigkeiten auf lange Zeit zu zementieren. In den Zukunftsszenarien der BEW soll das Gas ab 2035 teilweise durch Wasserstoff ersetzt werden, dabei sind Preis und Verfügbarkeit unsicher. Ein konkreter, terminierter Fahrplan zum Rückbau des Gasnetzes existiert nicht...
Starke Planung und öffentliches Eigentum an der Fernwärme verschaffen der Stadt gute Voraussetzungen, doch neue fossile Investitionen drohen, diesen Vorteil zu verspielen. Bessere Beispiele findet der Bericht in anderen europäischen Metropolen: In Paris und Wien senkten Sanierungs- und Solarprojekte die Energiekosten der Bewohner:innen spürbar. Stockholm und Kopenhagen zeigen, wie eine konsequente Wärmewende die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern verringert.
„Berlin setzt seine guten Voraussetzungen bei der Wärmewende aufs Spiel. Mit einer vorausschauenden Planung und einem kommunalen Fernwärmenetz könnte Berlin schnell voran kommen auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Doch statt die Wärmenetze zu elektrifizieren, plant die Stadt Kohle durch Gas zu ersetzen. Die Stadt bleibt die Erklärung schuldig, wie sich Investitionen in die Gas-Infrastruktur mit dem geplanten fossilen Ausstieg vereinbaren lassen.“
Warum Städte über die Wärmewende entscheiden
Die Wärmeversorgung europäischer Städte hängt noch immer stark an Erdgas, Heizöl und Kohle. Anders als beim Strom, wo nationale und europäische Energiepolitik den Takt vorgibt, liegen viele Hebel der Wärmewende direkt bei den Kommunen: Sie entscheiden über Wärmepläne, kontrollieren oft die örtlichen Fernwärmenetze, steuern Sanierungsprogramme im sozialen Wohnungsbau und vergeben Aufträge für neue Heizkraftwerke. Ob eine Stadt in den nächsten Jahren neue Gasanlagen baut oder konsequent auf Wärmepumpen und Fernwärme aus erneuerbaren Quellen setzt, prägt die Emissionen und die Heizkosten der Bewohner:innen für Jahrzehnte. Fehlentscheidungen von heute lassen sich nur schwer rückgängig machen.
Stockholm, Paris und Wien führen das Ranking an. Alle drei Städte verbinden langfristige Planung mit umfangreichen Investitionen in ihre Wärmenetze und sozialer Abfederung für einkommensschwache Haushalte. Am Ende des Rankings liegen Athen, Rom und Bukarest. Dort fehlt es laut Bericht an grundlegenden Voraussetzungen – unvollständige Wärmeplanung, schwache Umsetzungsmechanismen und eine anhaltend hohe Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ergeben unterm Strich eine schlechte Bewertung.
Von der Ankündigung zur Umsetzung
Die größte Lücke liegt laut Bericht heute nicht mehr beim politischen Willen, sondern bei der Umsetzung. Fast alle untersuchten Städte haben inzwischen Klimaziele und Wärmepläne formuliert. Entscheidend ist, ob diese Pläne auch in konkrete, terminierte Projekte mit eigenem Budget münden und ob die Städte neue fossile oder fossilfreie Anlagen errichten. Der Bericht empfiehlt unter anderem ein verbindliches Enddatum für Wärme aus fossilen Quellen sowie gezielte Unterstützung für Haushalte in ineffizienten, fossil beheizten Gebäuden.
Wärmewende selber machen
Wer seinen Haushalt eigenhändig elektrifizieren kann, macht sich unabhängig – von fossilen Energiepreisschwankungen und kommunaler Wärmeplanung. Wärmepumpen heizen Häuser wirtschaftlich und zuverlässig. Wie das praktisch funktioniert, welche Förderungen es gibt und was es sonst noch zu beachten gilt, zeigen Nachbar:innen am Tag des offenen Heizungskellers am 21. November. Mit mehr als 1000 Veranstaltungen dieses Jahr findet sicher auch ein Ortstermin in Ihrer Nähe statt. Alle Informationen dazu finden Sie hier. offenerheizungskeller.de.