Kein neues Gas in Bayern!
Neue fossile Projekte bedrohen unsere Umwelt und unser Klima
Wirtschaftsminister Aiwanger überzieht Bayern mit Genehmigungen für völlig aus der Zeit gefallene Vorhaben. Jetzt gibt Greenpeace ihm im Landtag Kontra.
- Ein Artikel von Georg Thanscheidt
- mitwirkende Expert:innen Saskia Reinbeck
- Überblick
Das idyllische Reichling im Kreis Landsberg am Lech, die bei Touristen beliebte Ammersee-Region, das malerische Holzkirchen im Landkreis Miesbach – diese drei Orte in Oberbayern nimmt die internationale Gasindustrie ins Visier. Und Bayerns Regierung hilft ihr dabei, wo sie kann: Für alle drei Gebiete genehmigte der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) die Suche nach fossilem Gas. Im Fall der 1700-Einwohner-Gemeinde Reichling bejubelte Aiwanger die sogenannte Aufsuchungserlaubnis per Pressemitteilung und gestattete die Errichtung eines 40 Meter hohen Bohrturms im August 2025. Als die Konzession Ende September 2025 auslief, hat Aiwanger sie um zwei Jahre verlängert, um weitere Arbeiten zu ermöglichen.
"Greenpeace Bayern leistet Widerstand gegen Aiwangers Erdgas-Irrsinn. Wir binden die Bürger:innen vor Ort ein. Wir organisieren Protest-Veranstaltungen. Wir bringen das Thema in politische Gremien – vom Gemeinderat über den Kreistag bis hin zum Landtag. Dabei weisen wir auch auf rechtliche Aspekte hin, die gegen neue Gasprojekte in Bayern sprechen."
Greenpeace Bayern fordert, diese Konzessionsverlängerung als rechtswidrig einzustufen und sie zurückzunehmen. Eine entsprechende Petition haben Bund Naturschutz, Fridays for Future und Greenpeace gemeinsam in den Bayerischen Landtag eingebracht. Am 12. Februar 2026 wurde sie im Wirtschaftsausschuss behandelt und Greenpeace-Klimaschutzexpertin Saskia Reinbeck richtete an die Parlamentarier:innen den dringenden Appell, jetzt aus der Verbrennung von fossilen Rohstoffen auszusteigen und legte dar, wie ein Bohrstopp in Bayern juristisch möglich sein könnte. Die Mehrheit aus CSU und Freien Wählern sah dafür allerdings keine rechtliche Handhabe – dabei kommt ein von Greenpeace beauftragtes Rechtsgutachten zu einem anderen Schluss.
Gutachten gegen Gas
Welche starken rechtlichen Bedenken, aber auch Handlungsmöglichkeiten es nach Meinung von Greenpeace Bayern für Minister Aiwanger gibt, hatte Rechtsanwältin Roda Verheyen zuvor in einem Kurzgutachten erläutert. Sie kommt zu dem Schluss, dass Aiwanger die Verlängerung der Konzession versagen kann und sogar versagen muss. Das Verwaltungsrecht, die nationale Gesetzgebung und das Völkerrecht eröffnen dem Wirtschaftsminister Wege, Nein zu fossilem Gas zu sagen. “Aiwanger könnte, wenn er wollte”, so Reinbeck. “Gasbohrungen in Bayern könnten zum Beispiel dauerhaft durch die Änderung des sogenannten Landesentwicklungsplans verhindert werden.”
Kurzgutachten Verlängerung Aufsuchungserlaubnis
Anzahl Seiten: 4
Dateigröße: 214.31 KB
HerunterladenSchwellenwerte im Grundwasser überschritten
Der Handlungsbedarf in Reichling, aber auch in der Ammersee-Region und in Holzkirchen ist groß: Unter dem sogenannten Feld “Lech”in Reichling werden in mehr als 3000 Meter Tiefe bis zu 500 Millionen Kubikmeter fossiles Gas vermutet. Die Bohrstelle liegt an den Lech-Auen, direkt neben einem Schutzgebiet für seltene Tiere und Pflanzen und einige hundert Meter von der einzigen Trinkwasserquelle des Dorfes entfernt. Für die Bohrung im Sommer 2025 wurde ein altes Öl-Bohrloch aus den 80ern geöffnet – mit anscheinend drastischen Konsequenzen: Wie Greenpeace-Recherchen zeigen, kam es laut Unterlagen des Wasserwirtschaftsamts, die Greenpeace vorliegen, im September 2025 im Grundwasser zu einer “teilweise deutlichen Überschreitung der Geringfügigkeitsschwellenwerte”von Zink, Barium und BTEX, einer Bezeichnung für giftige Bestandteile aus der Gruppe der leichtflüchtigen, aromatischen Kohlenwasserstoffe. Die Behörde stellte eine "systematische und anhaltende Missachtung” der Auflagen fest..
Verantwortlich für die Bohrung in Reichling ist die Betreiberfirma “Energieprojekt Lech Kinsau 1 Gmbh”. An diesem Unternehmen ist die Firma Genexco beteiligt, die sich wiederum komplett in den Händen der kanadischen Aktiengesellschaft MCF Energy befindet. MCF hat angekündigt, im ersten Quartal 2026 in Reichling einen sogenannten Fördertest durchzuführen und erwartet die Ergebnisse bis Ende Juni 2026. Dann entscheiden sich voraussichtlich zwei Dinge: ob das Unternehmen für das Feld “Lech” die Ausbeutung von fossilem Gas beantragt. Und ob die Gasförderung sich auf die gesamte Ammersee-Region ausdehnt.
Aktiv gegen Gasbohrungen in Bayern!
Denn die Firma “Genexco GmbH Internationales Handelszentrum” hat von Aiwanger die sogenannte Bergbauberechtigung – also sozusagen die Gas-Schürfrechte – bis Ende Juli 2026 für ein 100 Quadratmeter großes Gebiet vom Lech bis an den Ammersee erhalten. Dort – im sogenannten Feld “Lech Ost” – hat sie sich nach eigenen Angaben auch bereits ein Grundstück gesichert. Unter beiden Feldern werden nach früheren Angaben bis zu zwei Milliarden Kubikmeter Gas vermutet. Sprechen die Analysen der in Reichling gefundenen Kohlenwasserstoffe, eine Sammelbezeichnung unter anderem für Öl und Gas, für eine Förderung, ist zu befürchten, dass bald auch in der Ammersee-Region ein Bohrturm steht, wenn nicht sogar mehrere.
Gas ist extrem klimaschädlich!
Fossiles Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan, chemisch CH4. Methan erhitzt das Klima über 20 Jahre etwa 80 mal stärker als CO2, ist also viel klimaschädlicher. Aus Methanleckagen an Bohrstellen, beim Transport oder aus undichten Stellen in Pipelines entweicht es über die gesamte Lieferkette in großen Mengen in die Atmosphäre. Die CO2- Emissionen bei der Verbrennung kommen als zusätzliche Klimabelastung noch obendrauf. Erdgas ist damit ein echter Klimakiller, dessen Förderung weltweit schleunigst ein Ende haben sollte.
Auch in anderen Landkreisen wollen Investoren wieder fossile Rohstoffe ausbeuten: 70 Kilometer östlich von Reichling darf – von Aiwanger genehmigt – das Unternehmen Terrain Energy in Händen einer britischen Firma in Holzkirchen (Landkreis Miesbach) noch bis Ende Mai 2029 nach Gas suchen. 140 Kilometer westlich bei Pfullendorf (Baden-Württemberg) will ein australisches Unternehmen Gas finden. 40 Kilometer südlich von Reichling beabsichtigt das Unternehmen Oneo – mit österreichischen Wurzeln und einem Schweizer Investor – nach Öl zu bohren. Die Erkundung genehmigte Aiwanger im November 2025. Und die schwarz-rote Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, “Potenziale konventioneller Gasförderung im Inland” zu nutzen.
Ist Reichling also bald überall? Seit Mai 2024 ist Greenpeace unter der Devise “Kein neues Gas” aktiv gegen Gas-Bohrungen in Bayern. Gemeinsam mit der „Bürgerinitiative Reichling Ludenhausen – gegen die Ausbeutung unserer Heimat“ und einer neu gegründeten Bürgerinitiative in Dießen will Greenpeace Bohrungen in Reichling, in anderen Gemeinden in Bayern, aber zum Beispiel auch vor Borkum, verhindern.
CSU und Grüne gegen die Gasbohrung
Der Protest wird getragen von einer großen Mehrheit in der Region - wie sich Ende September 2025 bei einem Beschluss des Kreistags in Landsberg zeigte: Der sprach sich auf Initiative der CSU, der Grünen und der Vereinigung Unabhängiger Bürger mit 24 zu 17 Stimmen gegen die Gasbohrung und weitere fossile Projekte im Landkreis aus. Zudem beschloss er, keine eigenen Grundstücke für fossile Fördervorhaben zur Verfügung zu stellen. Damit stärkt er 22 Grundstücksbesitzer:innen rund um das Bohrloch den Rücken, die eine Bereitstellung ihrer Flächen für Gasleitungen oder Ähnliches bereits ein Jahr zuvor abgelehnt hatten. Der Betreiber muss laut Berggesetz nachweisen, dass durch “erforderliche Einrichtungen unter und über Tage (...) die Gewinnung in einer angemessenen Zeit erfolgt”. Kann er das nicht, weil beispielsweise der Abtransport nicht gelingt, darf er nach Ansicht von Greenpeace Bayern keine Genehmigung erhalten.
Damit Gasbohrungen in Bayern bald Geschichte sind, haben Greenpeace Bayern, Bund Naturschutz und Fridays For Future die Petition "Keine neues Gas in Bayern!" auf den Weg gebracht. Der Adressat: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.
Bis Anfang Februar 2025 haben insgesamt bei allen drei Organisationen fast 60.000 Menschen gegen die geplante Ausbeutung von Gas in Reichling und Holzkirchen unterschrieben. “Jede neue Gasbohrung kettet unser Land weiter an den Klimakiller fossiles Gas und blockiert die dringend notwendige Energiewende in Bayern”, stellt Saskia Reinbeck von Greenpeace Bayern fest. “Das sehen auch zehntausende Menschen so, die unsere Petition unterschrieben haben. Wir und alle diese Stimmen fordern Sie auf, Herr Aiwanger: Stoppen Sie die Gas-Bohrungen!” Die gemeinsame Petition läuft weiter. Greenpeace, Bund Naturschutz und Fridays for Future werden die Zahl der Unterschriften weiterhin zusammenzählen und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger übergeben.
Was bisher geschah
Oktober 2022
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt der Genexco Gas GmbH die Erlaubnis, im Feld "Lech" bis zum 30.9.2025 nach Erdgas zu suchen. Das versiegelte, vor 40 Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit nicht genutzte Bohrloch Kinsau 1 soll dafür auf den ersten 1000 Metern genutzt werden. Danach weicht die Bohrung seitlich ab und endet in 3400 Metern Tiefe. "Wir unterstützen die Suche nach heimischen Erdgas" und "stehen auch weiteren Anträgen offen gegenüber", erklärt Aiwanger
August 2023
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt der Genexco GmbH die Erlaubnis, im Feld "Lech Ost" bis zum 31.7.2026 nach Erdgas zu suchen. Das Feld ist mit 100 Quadratkilometern zehn Mal so groß wie das Feld in Reichling und erstreckt sich von dort ostwärts bis ins Gemeindegebiet von Dießen am Ammersee. Die Genexco GmbH wurde während des Genehmigungsverfahrens vollständig vom kanadischen Investor MCF Energy übernommen.
Mai 2024
Die Bürgerinitiative Reichling Ludenhausen gründet sich.
Juni 2024
1.6.2024: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt Terrain Energy die Erlaubnis, im Feld "Mühlleite" bis 31.5.2029 im Raum Holzkirchen/Otterfing nach Gas zu suchen. Terrain Energy wurde von der britischen Firma Evoterra übernommen.
13.6.2024: Die Bürgerinitiative und Greenpeace Bayern protestieren vor dem Wirtschaftsministerium in München mit einem 3,50 Meter großen aufblasbaren Bohrturm.
26.6.2024: Das Bergamt Südbayern erlaubt mit Auflagen die Gasbohrung im Feld "Lech" auf Reichlinger Gemeindegebiet
28.6.2024: Bürgerinitiative, Greenpeace und Bund Naturschutz informieren erstmals in einer ausschließlich dafür vorgesehenen Informationsveranstaltung in Reichling die Bürger:innen.
Juli 2024
4.7.2024: 150 Menschen bei einer Kundgebung am Bohrplatz, das gelbe "Koa Gas"-X wird an der Kreisstraße aufgestellt.
22.7: Landrat Thomas Eichinger (CSU) und der komplette Reichlinger Gemeinderat positionieren sich gegen die Gasbohrung und kündigen Protestschreiben an Aiwanger an.
August 2024
Bäume statt Bohrturm! 17 Greenpeace-Aktivist:innen pflanzen im Morgengrauen zehn Bäume auf dem Bohrplatz.
September 2024
5.9.2024: Grundstücksbesitzende rund um die Bohrstelle erklären in einem Schreiben an Genexco, dass sie ihren Grund und Boden im Falle einer Förderung nicht für Infrastruktumaßnahmen wie Pipelines zur Verfügung stellen.
14.9.2024: "Koa Gas"-Protestfest in Dießen
Oktober 2024
2.10.2024: "Jetzt red i" im Bayerischen Fernsehen mit Minister Aiwanger zum Thema Gasbohrung
16.10.2024: Die Herrichtung des Bohrplatzes beginnt.
24.10.2024: Vorstellung des Rechtgutachtens "Klimaschutz verpflichtet. Wie Bayerns Wirtschaftsminister Gasbohrungen im Freistaat verhindern kann" durch Greenpeace Bayern und Bund Naturschutz in Bayern. Die Petition "Kein neues Gas in Bayern" beginnt.
28.10.2024 Genexco informiert erstmals auf einer extra dafür vorgesehenen Veranstaltung über ihre Pläne im Feld "Lech".
November 2024
Aktivist:innen von Greenpeace und Fridays for Future protestieren in zahlreichen Städten in Bayern unter dem Motto "Kein neues Gas".
Dezember 2024
Greenpeace-Aktivist:innen protestieren mit einem brennenden CO2-Zeichen vor der Bohrstelle. 120 Demonstrant:innen ziehen zwei Tage später in einem Lichterspaziergang vom Reichlinger Rathaus zum Bohrplatz.
Mai 2025
1200 Menschen auf der "Koa Gas"-Demo in Reichling.
Juli 2025
Fast 50.000 Menschen haben die Petition "Kein neues Gas in Bayern" unterzeichnet.
August 2025
1.8.2025 Greenpeace-Aktivist:innen protestieren auf dem Bohrplatz in Reichling gegen Gasbohrungen in Bayern.
8.8.2025 Die Gasbohrung hat begonnen, vermutliche Dauer bis Anfang September.
September 2025
Der Kreistag Landsberg spricht sich mit breiter Mehrheit gegen Gasbohrungen im Landkreis aus und beschließt, für fossile Projekte keine Grundstücke zur Verfügung zu stellen. Minister Aiwanger verlängert die Konzession für die Aufsuchung von Gas in Reichling für weitere zwei Jahre.
Februar 2026
In einer gemeinsam eingebrachten Landtags-Petition fordern Bund Naturschutz Bayern, Fridays for Future Bayern und Greenpeace Bayern die Rücknahme der Konzessionsverlängerung von September 2025. Die entsprechende Unterschriftenaktion haben bis dahin fast 60.000 Menschen unterschrieben.
bis Ende Juni 2026
MCF Energy, der Mutterkonzern von Genexco, will eine Analyse der Probeförderung vorlegen. Dann entscheidet sich, ob in Reichling fossiles Gas ausgebeutet wird und weitere Bohrungen in der Ammersee-Region folgen könnten.