Kein neues Gas in Bayern!
Erfolg! Suche nach fossilen Rohstoffen gestoppt
Umstrittene Firma zieht sich nach Protesten aus dem größten Teil der Ammersee-Region zurück – was wird aus dem Bohrplatz in Reichling?
- Ein Artikel von Georg Thanscheidt
- mitwirkende Expert:innen Saskia Reinbeck
- Überblick
Der Kampf gegen die fossilen Firmen aus dem In- und Ausland ist noch nicht gewonnen. Aber die Bürger:innen aus dem malerischen Landstrich zwischen Lech und Ammersee haben einen wichtigen Sieg errungen: Nach jahrelangen Protesten gegen die geplante Ausbeutung von Gasvorkommen in Oberbayern, hat sich der kanadische Investor MCF Energy vorläufig aus dem größten Teil der Ammersee-Region zurückgezogen. Ab dem 1. August 2026 hat keine Firma mehr das Recht, in dem 100 Quadratkilometer großen Areal zwischen Reichling an den Lech-Auen und Dießen am Ammersee nach Gas zu suchen. Ein Erfolg für die dortigen Bürgerinitiativen, die sich seit mehr als zwei Jahren mit Unterstützung von Greenpeace gegen drohende und bereits vollzogene Bohrungen gewehrt haben.
„Dieser Rückzug von MCF ist ein Erfolg für alle Bürger:innen in der Region zwischen Lech und Ammersee, die seit mehr als zwei Jahren gegen diesen klima- und wirtschaftspolitischen Unfug protestiert haben. Der Schutz unseres Trinkwassers und die Bewahrung unserer Natur haben Vorrang vor den kurzfristigen, klimaschädlichen Profit-Interessen privater Investor:innen.“
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hatte MCF Energy 2023 erlaubt, für drei Jahre in der touristisch attraktiven Region nach Gasvorkommen zu suchen. MCF ist auch an der bereits im September 2025 durchgeführten Gasbohrung im nahegelegenen Reichling beteiligt. Während Aiwanger die Konzession dort vergangenes Jahr auf Antrag um zwei Jahre verlängerte, wurde die Konzession für das zehnmal so große Feld „Lech Ost“ überraschend nicht verlängert. Der Grund: Das Unternehmen selbst hat „die Konzession am 31. Juli auslaufen lassen“, wie es mitteilen ließ. Das Ergebnis: Seit dem 1. August 2026 besitzt keine Firma mehr die sogenannte „bergrechtliche Erlaubnis“ für das riesige Areal. Die Suche nach Gas ist bis auf Weiteres nicht erlaubt, das kostbare Trinkwasser der Region bleibt geschützt.
MCF will eine kleinere Fläche
„Die genauen Gründe für den Verzicht des Unternehmens blieben zunächst unklar“, schreibt dpa. Hat die Politik der Firma signalisiert, dass ein erneuter Antrag für so ein ebenso großes wie umstrittenes Areal keinen Erfolg haben könnte? Oder hat MCF – vielleicht auch wegen der Proteste – seine Strategie geändert? In der Mitteilung kündigt die Firma an, „eine kleinere Konzessionsfläche“ beantragen zu wollen – angeblich um die „Auswirkungen auf die lokalen Gemeinden und das Wassereinzugsgebiet“ gering zu halten.
Aktiv gegen Gasbohrungen in Bayern!
Örtliche Bürgerinitiativen, Greenpeace, Bund Naturschutz und Fridays For Future haben immer wieder vor Gefahren für die Trinkwasserversorgung gewarnt, die von einer Gasbohrung ausgehen können. Fast 10.000 Menschen haben seit Juli 2026 auf Initiative von Greenpeace an Wirtschaftsminister Aiwanger geschrieben und gefordert, dass die Konzession für „Lech Ost“ nicht verlängert wird. In einem Offenen Brief an Aiwanger hatten sich die Landsberger Landrätin Daniela Groß (Grüne) und sechs Bürgermeister:innen aus der Region sowie Vertreter des Wasserzweckverbands Pöringer Gruppe ebenfalls im Juli gegen eine Konzessionsverlängerung ausgesprochen.
Bohrplatz in Gimmenhausen
Anlass für die Bedenken der Kommunalpolitiker:innen waren Pläne von MCF Energy für eine zweite Bohrung in der Ammersee-Region. Im Mai 2026 war durch Greenpeace-Recherchen bekannt geworden, dass sich das Unternehmen per Nutzungsvertrag ein Grundstück in Gimmenhausen gesichert hat und dort ohne Umweltverträglichkeitsprüfung einen Betriebsplan für einen Bohrplatz einreichen könnte. Dieser Ortsteil der Gemeinde Reichling liegt im Feld „Lech Ost“. Aber ohne Konzession kann laut Bergrecht derzeit kein Betriebsplan eingereicht werden. Und ein neuer Erlaubnistrag – zum Beispiel für Gimmenhausen – lag dem zuständigen Wirtschaftsministerium bis zum 10. August 2026 nicht vor, wie es auf Greenpeace-Anfrage mitteilte.
Gas ist extrem klimaschädlich!
Fossiles Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan, chemisch CH4. Methan erhitzt das Klima über 20 Jahre etwa 80 mal stärker als CO2, ist also viel klimaschädlicher. Aus Methanleckagen an Bohrstellen, beim Transport oder aus undichten Stellen in Pipelines entweicht es über die gesamte Lieferkette in großen Mengen in die Atmosphäre. Die CO2- Emissionen bei der Verbrennung kommen als zusätzliche Klimabelastung noch obendrauf. Erdgas ist damit ein echter Klimakiller, dessen Förderung weltweit schleunigst ein Ende haben sollte.
Bisher hatte der stellvertretende Ministerpräsident Aiwanger die Anträge der fossilen Firmen stets bewilligt, anfangs sogar bejubelt. Erst genehmigte sein Ministerium 2022 den Antrag für das Feld „Lech“. Ein Areal, zehn Quadratkilometer groß, auf dem Gemeindegebiet Reichling. Dort werden in mehr als 3000 Meter Tiefe bis zu 500 Millionen Kubikmeter fossiles Gas vermutet. Die Bohrstelle liegt an den Lech-Auen, direkt neben einem Schutzgebiet für seltene Tiere und Pflanzen und einige hundert Meter von der einzigen Trinkwasserquelle des Dorfes entfernt.
Schwellenwerte überschritten
Für die Bohrung im Sommer 2025 öffnete das Unternehmen ein altes Öl-Bohrloch aus den 80ern – mit anscheinend drastischen Konsequenzen: Wie Greenpeace-Recherchen zeigen, kam es laut Unterlagen des Wasserwirtschaftsamts, die Greenpeace vorliegen, im September 2025 im Grundwasser zu einer „teilweise deutlichen Überschreitung der Geringfügigkeitsschwellenwerte“ von Zink, Barium und BTEX, einer Bezeichnung für giftige Bestandteile aus der Gruppe der leichtflüchtigen, aromatischen Kohlenwasserstoffe. Die Behörde stellte eine „systematische und anhaltende Missachtung“ der Auflagen fest.
Verantwortlich für die Bohrung in Reichling ist die Betreiberfirma „Energieprojekt Lech Kinsau 1 Gmbh“. An diesem Unternehmen ist die Firma Genexco beteiligt, die sich wiederum komplett in den Händen der kanadischen Aktiengesellschaft MCF Energy befindet. Wie es dort weitergeht, ist unklar. Das Unternehmen ließ erklären, die Bohrung sei stillgelegt worden, „während Genehmigungen für Testarbeiten und verschiedene Optionen zur Monetarisierung dieser Gasentdeckung geprüft werden.“ Der Betreiber analysiere derzeit die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Optionen. Von einer bald beginnenden Förderung ist keine Rede.
Noch mehr fossile Projekte
Die Suche nach Erdgas im deutlich größeren Feld „Lech Ost“ hat Aiwangers Ministerium 2023 genehmigt. Es grenzt an das Feld Lech an und ist etwa 100 Quadratkilometer groß.
Auch in einem anderen Landkreis wollen Investoren wieder fossile Rohstoffe ausbeuten: 70 Kilometer östlich von Reichling darf – von Aiwanger genehmigt – das Unternehmen Terrain Energy in Händen einer britischen Firma in Holzkirchen (Landkreis Miesbach) noch bis Ende Mai 2029 nach Gas suchen. 40 Kilometer südlich von Reichling beabsichtigt das Unternehmen Oneo – mit österreichischen Wurzeln und einem Schweizer Investor – nach Öl zu bohren. Die Erkundung genehmigte Aiwanger im November 2025. Und die schwarz-rote Bundesregierung hat im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart, „Potenziale konventioneller Gasförderung im Inland“ zu nutzen.
Unterschreiben gegen Gasbohrungen!
Damit Gasbohrungen in Bayern bald Geschichte sind, haben Greenpeace Bayern, Bund Naturschutz und Fridays For Future die Petition „Keine neues Gas in Bayern!“ auf den Weg gebracht. Der Adressat: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.
Bis Anfang August 2026 haben insgesamt bei allen drei Organisationen fast 70.000 Menschen gegen die geplante Ausbeutung von Gas in Reichling und Holzkirchen unterschrieben. „Jede neue Gasbohrung kettet unser Land weiter an den Klimakiller fossiles Gas und blockiert die dringend notwendige Energiewende in Bayern“, stellt Saskia Reinbeck von Greenpeace Bayern fest. „Das sehen auch zehntausende Menschen so, die unsere Petition unterschrieben haben. Wir und alle diese Stimmen fordern Sie auf, Herr Aiwanger: Stoppen Sie die Gas-Bohrungen!“ Die gemeinsame Petition läuft weiter. Greenpeace, Bund Naturschutz und Fridays for Future werden die Zahl der Unterschriften weiterhin zusammenzählen und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger übergeben.
Was bisher geschah
Oktober 2022
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt der Genexco Gas GmbH die Erlaubnis, im Feld „Lech“ bis zum 30.9.2025 nach Erdgas zu suchen. Das versiegelte, vor 40 Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit nicht genutzte Bohrloch Kinsau 1 soll dafür auf den ersten 1000 Metern genutzt werden. Danach weicht die Bohrung seitlich ab und endet in 3400 Metern Tiefe. „Wir unterstützen die Suche nach heimischen Erdgas“ und „stehen auch weiteren Anträgen offen gegenüber“, erklärt Aiwanger
August 2023
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt der Genexco GmbH die Erlaubnis, im Feld „Lech Ost“ bis zum 31.7.2026 nach Erdgas zu suchen. Das Feld ist mit 100 Quadratkilometern zehn Mal so groß wie das Feld in Reichling und erstreckt sich von dort ostwärts bis ins Gemeindegebiet von Dießen am Ammersee. Die Genexco GmbH wurde während des Genehmigungsverfahrens vollständig vom kanadischen Investor MCF Energy übernommen.
Mai 2024
Die Bürgerinitiative Reichling Ludenhausen gründet sich.
Juni 2024
1.6.2024: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erteilt Terrain Energy die Erlaubnis, im Feld „Mühlleite“ bis 31.5.2029 im Raum Holzkirchen/Otterfing nach Gas zu suchen. Terrain Energy wurde von der britischen Firma Evoterra übernommen.
13.6.2024: Die Bürgerinitiative und Greenpeace Bayern protestieren vor dem Wirtschaftsministerium in München mit einem 3,50 Meter großen aufblasbaren Bohrturm.
26.6.2024: Das Bergamt Südbayern erlaubt mit Auflagen die Gasbohrung im Feld „Lech“ auf Reichlinger Gemeindegebiet
28.6.2024: Bürgerinitiative, Greenpeace und Bund Naturschutz informieren erstmals in einer ausschließlich dafür vorgesehenen Informationsveranstaltung in Reichling die Bürger:innen.
Juli 2024
4.7.2024: 150 Menschen bei einer Kundgebung am Bohrplatz, das gelbe „Koa Gas“-X wird an der Kreisstraße aufgestellt.
22.7: Landrat Thomas Eichinger (CSU) und der komplette Reichlinger Gemeinderat positionieren sich gegen die Gasbohrung und kündigen Protestschreiben an Aiwanger an.
August 2024
Bäume statt Bohrturm! 17 Greenpeace-Aktivist:innen pflanzen im Morgengrauen zehn Bäume auf dem Bohrplatz.
September 2024
5.9.2024: Grundstücksbesitzende rund um die Bohrstelle erklären in einem Schreiben an Genexco, dass sie ihren Grund und Boden im Falle einer Förderung nicht für Infrastruktumaßnahmen wie Pipelines zur Verfügung stellen.
14.9.2024: „Koa Gas“-Protestfest in Dießen
Oktober 2024
2.10.2024: „Jetzt red i“ im Bayerischen Fernsehen mit Minister Aiwanger zum Thema Gasbohrung
16.10.2024: Die Herrichtung des Bohrplatzes beginnt.
24.10.2024: Vorstellung des Rechtgutachtens „Klimaschutz verpflichtet. Wie Bayerns Wirtschaftsminister Gasbohrungen im Freistaat verhindern kann“ durch Greenpeace Bayern und Bund Naturschutz in Bayern. Die Petition „Kein neues Gas in Bayern“ beginnt.
28.10.2024 Genexco informiert erstmals auf einer extra dafür vorgesehenen Veranstaltung über ihre Pläne im Feld „Lech“.
November 2024
Aktivist:innen von Greenpeace und Fridays for Future protestieren in zahlreichen Städten in Bayern unter dem Motto „Kein neues Gas“.
Dezember 2024
Greenpeace-Aktivist:innen protestieren mit einem brennenden CO2-Zeichen vor der Bohrstelle. 120 Demonstrant:innen ziehen zwei Tage später in einem Lichterspaziergang vom Reichlinger Rathaus zum Bohrplatz.
Mai 2025
1200 Menschen auf der „Koa Gas“-Demo in Reichling.
Juli 2025
Fast 50.000 Menschen haben die Petition „Kein neues Gas in Bayern“ unterzeichnet.
August 2025
1.8.2025 Greenpeace-Aktivist:innen protestieren auf dem Bohrplatz in Reichling gegen Gasbohrungen in Bayern.
8.8.2025 Die Gasbohrung hat begonnen, vermutliche Dauer bis Anfang September.
September 2025
Der Kreistag Landsberg spricht sich mit breiter Mehrheit gegen Gasbohrungen im Landkreis aus und beschließt, für fossile Projekte keine Grundstücke zur Verfügung zu stellen. Minister Aiwanger verlängert die Konzession für die Aufsuchung von Gas in Reichling für weitere zwei Jahre.
Februar 2026
In einer gemeinsam eingebrachten Landtags-Petition fordern Bund Naturschutz Bayern, Fridays for Future Bayern und Greenpeace Bayern die Rücknahme der Konzessionsverlängerung von September 2025. Die entsprechende Unterschriftenaktion haben bis dahin fast 60.000 Menschen unterschrieben.
Oktober 2025
Das Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH kündigt an, die Ergebnisse der Probebohrung in Reichling spätestens im zweiten Quartal 2026 vorliegen zu haben.