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Aktivisten mit 50 Atommüll-Fässern mit Schwimmreifen vor dem Atommülllager Morsleben, November 1997
Ralf Brunner / laif / Greenpeace

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Das Atommülllager Morsleben hat zuletzt Ende August 2009 von sich reden gemacht. Im Zentralteil des Salzstockes könnten größere Gesteinsbrocken von der Decke fallen, hieß es. Zwar lagern in diesem Teil keine radioaktiven Abfälle. Doch auch dort, wo der Müll lagert, ist die Anlage schon seit Jahrzehnten bekanntermaßen marode.

Zur Geschichte: Bereits 1969 äußerten Wissenschaftler Zweifel an der Sicherheit des alten Bergwerks. 100 Jahre lang war dort abgebaut worden - erst Kali, dann Steinsalz. Der Salzstock war durchlöchert wie ein Schweizer Käse, die Standfestigkeit gefährdet.

Die AKW-Betreiber focht es nicht an. 1970 erwarben sie den Salzstock, 1971 begannen sie einzulagern - versuchsweise. 1981 nimmt ERAM (Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben) in Schacht Bartensleben offiziell den Betrieb auf. Eine Genehmigung für den Dauerbetrieb liegt nicht vor. Die kommt erst im April 1986 und gilt ausschließlich für schwachradioaktive Abfälle. Trotzdem landet auch mittelradioaktiver Müll in Morsleben.

Im Januar 1995 sieht Greenpeace Akten zum Atommülllager Morsleben ein. Dort sind die Zweifel an der Sicherheit des Standortes festgehalten. Wissenschaftler des Deutschen Brennstoffinstitutes in Freiberg/Sachsen merken 1969 an: Die Grube ist trotz gegenwärtig geringer Zuflüsse einer großen hydrologischen Gefährdung ausgesetzt. Bei der Überflutung des Grubengebäudes könne es durch Auflösung der Stützpfeiler zum Einsturz kommen.

1971, im selben Jahr, in dem die Einlagerung beginnt, stellen Gutachter fest: Der zentrale Teil der Grube Bartensleben lässt wahrscheinlich keine ausreichende Standsicherheit erwarten. Auch in den Folgejahren melden die Experten ihre Zweifel an. Doch wie in der BRD werden alle Bedenken beiseitegewischt. Der Atommüll muss schließlich irgendwo hin.

Nach der Wende geht es genauso weiter. Nur für kurze Zeit wird Morsleben geschlossen. Dann sorgt die CDU/FDP-Regierung dafür, dass wieder eingelagert wird. Klar, das westdeutsche Pendant Asse musste aus Sicherheitsgründen dichtgemacht werden. Und es wird weiter Atommüll produziert, der eigentlich nirgendwohin kann. Im Einigungsvertrag zwischen DDR und BRD 1991 wird eine Betriebsgenehmigung bis zum 30. Juni 2000 festgelegt.

1995 beantragen Greenpeace und Anwohner der Atommüllkippe den Widerruf - aus gutem Grund. Die Geologen Detlef Appel und Jürgen Kreusch sind 1993/94 zu dem Ergebnis gekommen: Der schlimmstmögliche Ereignisablauf beim Absaufen der Gruben führt zum Zusammenbruch des gesamten Grubengebäudes und der Freisetzung des radioaktiven Inventars in die Umwelt. Selbst die neue Betreiberin, die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE), schließt ein Versagen der Stützen nicht aus.

1997 stellt Umweltministerin Angela Merkel dem Atommülllager Morsleben einen Blankosicherheitsnachweis aus: Die Standsicherheit des Endlagers und der betroffenen Versturzkammern, aber auch der Hohlräume darüber und darunter, ist für die nächsten Jahrzehnte gegeben. 1998 verlängert sie die Betriebsgenehmigung um weitere fünf Jahre bis zum 30. Juni 2005.

Kurz darauf entscheidet das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg über eine Klage von Greenpeace und des BUND: Es stoppt die weitere Einlagerung in Morsleben. Nicht aus Sorge um die Menschen oder die Umwelt - aus rein formalen Gründen. Der Betrieb verstieß in zwei Punkten gegen die alte DDR-Genehmigung.

Angela Merkel spielt bei den aktuellen Endlagerproblemen eine Schlüsselrolle, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Wer derart bedenkenlos beiseiteschiebt, was gegen den Weiterbetrieb einer maroden Atomanlage spricht, verhält sich geradezu haarsträubend verantwortungslos.

Morsleben sei akut einsturzgefährdet, so Smital. Dort werde jetzt versucht, mit eiligen Gefahrenabwehrmaßnahmen das Schlimmste zu verhindern. Und nichts deutet darauf hin, dass Frau Merkel daraus etwas gelernt hätte. Im Fall Gorleben geht sie wieder den gleichen Weg.

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