Radikal hoffnungsvoll: Europa muss sich neu erfinden
- Ein Artikel von Martin Kaiser
- Meinung
In Zeiten von Trumps neuer Weltordnung brauchen wir Widerstand, Mut und Zuversicht, findet Martin Kaiser, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace Deutschland. Und ein neues, starkes Europa.
Die Geschichte bewegt sich nicht immer in einer geraden Linie. Manchmal macht sie eine brutale Kehrtwende. Nicht erst seit am 21. Januar 2026 Donald Trump seine verstörende Rede in Davos hielt ist klar: Wir stehen mitten in einer solchen Kehrtwende. Wenn der amerikanische Präsident von einer “neuen Welt” spricht und damit den Bruch unserer Weltordnung meint, Grönland wie eine Immobilie beansprucht und Europa offen militärisch und wirtschaftlich droht, dann ist das mehr als politische Rhetorik. Es ist der Inbegriff eines fossilen Autoritarismus, der mit offenem Visier wild um sich schlägt.
Trumps „Drill, baby, drill“-Agenda und seine imperiale Haltung gegenüber Grönland sind eine Kriegserklärung an die physikalische Realität unseres Planeten und an das Völkerrecht. Für vernünftige Menschen ist das ein Schock. Doch wir dürfen nicht im Schock verharren.
Es ist die Zeit für Widerstand - Time to resist
Wir befinden uns in einem Unsicherheits-Zeitalter, und das, was jetzt zählt, sind Widerstand, Mut und Zuversicht verbreitende Visionen.
Denn wir sind nicht nur gegen etwas. Wir kämpfen für eine bessere Welt. Eine neue Weltordnung wird kommen – die Frage ist nicht ob, sondern welche. Wird es Trumps Welt des „Rechts des Stärkeren“? Oder schaffen wir eine Ordnung des Rechts, der Fairness und der Partnerschaft für alle Weltbürger:innen?
Hier liegt die historische Aufgabe auch für Europa. Wir mögen geopolitisch nur eine „Mittelmacht“ sein, wie es Kanadas Premierminister Mark Carney es in Davos treffend analysierte. Aber gerade deshalb braucht die Welt jetzt ein starkes, geeintes Europa, das sich neu erfindet. Weg vom reinen Wirtschaftsliberalismus der letzten Jahrzehnte, hin zu einer resilienten Union der Werte.
Vision: Ein souveränes, grünes Europa
Um Trump und dem autoritären Backlash etwas entgegenzusetzen, müssen die Länder Europas ihre Hausaufgaben machen. Denn: Europäische Unabhängigkeit ist ein massiver Schutzwall gegen Angriffe von Autokraten. Mit folgenden Grundpfeilern können wir den Weg in eine gerechte Zukunft bahnen:
- Kein Gas und Öl von Autokraten – egal ob Putin oder Trump: Wir haben schmerzhaft gelernt, wohin die Energieabhängigkeit von Russland führte. Wir dürfen diesen Fehler bei den USA von Trump und seiner MAGA-Bewegung nicht wiederholen. US-LNG ist kein „Freedom Gas“, es ist Fessel und Klimakiller zugleich. Der konsequente Ausstieg aus fossilen Importen ist eine der tragenden Säulen europäischer Sicherheitspolitik. Der von Trump erpresste Vertrag zur Abnahme von gigantischen Mengen an fossilen Gas muss von der EU aufgekündigt werden. Im Heizungskeller und bei Neuzulassungen von PKWs sollten wir uns mehr und mehr Unabhängigkeit verschaffen.
- Kritische Infrastruktur darf nicht an Unternehmen autokratischer Regierungen verkauft werden: Der geplante Verkauf von systemrelevanten Gasspeichern von TanQuid an Sunoco birgt massive Risiken für den Klimaschutz und für die langfristige Energieversorgung des Landes. Kritische Infrastruktur darf nicht an ein Unternehmen gehen, das fossile Rückschritte und Umweltzerstörung in Kauf nimmt, um Profite zu sichern. In den USA versucht Sunocos Mutterkonzern Energy Transfer mit einer absurden Schadensersatzklage über Hunderte Millionen Dollar Greenpeace USA und Greenpeace International mundtot zu machen.
- Erneuerbare verschaffen uns Freiheit: Mit dem massiven Ausbau der Erneuerbaren haben wir die Instrumente für echte Souveränität in der Hand, und sie sind in der Entstehung die günstigsten der Welt. Wind und Sonne gehören niemandem. Wir müssen sie nur konsequenter nutzen.
- Kreislaufwirtschaft statt Erpressbarkeit: Wir brauchen Arbeitsplätze hier in Europa, statt Lieferketten, die von der Laune von Autokraten abhängen. Gerade in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland müssen wir Rohstoffe im Kreislauf halten, statt sie aus Ländern zu importieren, die weder die Menschenwürde bei den Arbeitsbedingungen noch Umweltrechte achten.
- Digitale Souveränität: Wir brauchen eigene Antworten auf Big Tech. Es kann nicht sein, dass unsere demokratischen Diskurse von Musk und anderen Tech-Milliardären per Algorithmen gesteuert und zerstört werden, die im Silicon Valley rein auf Profit und Spaltung von Gesellschaften optimiert sind.
- Eine europäische Friedensdiplomatie: Wir brauchen nicht die Summe von 27 einzelnen Verteidigungsstrategien, sondern eine konsequent und effizient europäisch ausgerichtete. Sie darf nicht auf Aufrüstung um der Aufrüstung willen setzen, sondern muss in eine aktive Friedensdiplomatie eingebettet sein.
- Völkerrecht: Die regelbasierte Ordnung muss für alle und für alle gleichermaßen gelten. Doppelte Standards, die die europäischen Staaten zugelassen haben oder sogar selbst in ihrem Handeln ausgeführt haben, müssen ein Ende haben. So entsteht neues Vertrauen zwischen den Staaten und globale Partnerschaften können (wieder) aufblühen.
- Zusammenarbeit: Die Kürzung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe sind ein fatales Signal in einer Phase, in der mehr und nicht weniger Zusammenarbeit nötig ist, um der brutalen Machtpolitik der Großmächte etwas entgegenzusetzen. Hier muss konsequent umgesteuert werden.
- Globale Partnerschaften: Die Partnerschaft mit Staaten wie Brasilien, Indien und Südafrika hilft, ein Gegengewicht zur Großmachtpolitik von Trump und Putin zu bilden. Was es hier braucht, ist eine solidarische Klimapolitik auch mit China, einen fairen internationalen Handel und den Schutz und die Weiterentwicklung des Völkerrechts. Eine grundlegende Reform der UN, die die Dominanz der Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat überwindet, kann das Zusammenwirken in der internationalen Staatengemeinschaft auf ein neues Level bringen.
Radikale Hoffnung: Warum wir gewinnen werden
Es ist leicht, angesichts der Nachrichten aus Washington und Davos in Verzweiflung zu verfallen. Wie kommen wir da heraus, was können wir aus der Situation machen? Hier ist unsere Strategie der Zuversicht:
- Erneuerbare Energien sind nicht mehr aufzuhalten: Trump kann Gesetze ändern, Zölle erheben und Verträge kündigen. Aber er kann die "Physik des Marktes” nicht per Dekret abschaffen. Er kann nicht verhindern, dass Solar- und Windenergie mittlerweile die günstigsten Energiequellen der Geschichte sind. Die ökonomische Realität spricht gegen die fossile Vergangenheit, die Trump wieder groß machen will. Und hierbei hat die EU große Kompetenzen und Regelungen.
- Solidarität schlägt Angst: Die Macht der Autokraten basiert auf Angst und Spaltung. Unsere Kraft basiert auf Solidarität, bei uns, in Europa, der Welt und mit den vielen Amerikaner:innen, die von Trump bedroht werden. Wenn Trump versucht, einzelne Länder zu erpressen, muss Europa einig, stark und solidarisch antworten. Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle.
- Gemeinsam entsteht Stärke: Wir sehen es überall. Lokaler Widerstand verhindert fossile Infrastruktur. Städte und Gemeinden gehen voran, wenn Nationalstaaten ausfallen. Wir suchen den Schulterschluss mit Demokrat:innen und zukunftsgewandten Unternehmen weltweit, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen – der Kampf ums Klima ist der Kampf um die Demokratie.
Eine neue globale Partnerschaft
Mark Carney hat in Davos dazu geraten, dass sich „Mittelmächte“ zusammenschließen, statt sich im Wettbewerb aufreiben zu lassen. Das ist der Schlüssel. Aber Europa wird nur dann Partner finden, wenn wir unsere eigenen Doppelstandards beenden.
Wir können nicht Solidarität im Fall Grönland erwarten, wenn wir bei anderen globalen Krisen wegsehen. Wir brauchen eine glaubwürdige neue Weltordnung, eine echte Reform der Vereinten Nationen mit fairen Handelsbeziehungen mit dem Globalen Süden, keine Waffenlieferungen an kriegstreibende Regime und echte Unterstützung bei verheerenden Zerstörungen durch Klima-Wetterextreme. Nur über eine weltumspannende Solidarität bauen wir eine Gegenmacht zu Trumps gelebten Egoismus auf.
Das Licht wird heller
Dieser autoritäre Backlash, dieses Poltern in Davos, ist nicht der Beginn einer düsteren Zeit. Es ist die Panikreaktion eines sterbenden Wirtschaftssystems, das sowohl in Russland als auch in den USA auf der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas fußt. Doch die fossile Ära geht zu Ende, und ihre Profiteure wissen das.
Trump repräsentiert eine Vergangenheit, die bereit ist, die Weltordnung zu opfern, um seiner Öl-Clique die Macht zu erhalten. Die Europäische Union allerdings hat die Chance auf eine Zukunft, die den Planeten retten hilft, und Fortschritt, Sicherheit und Gerechtigkeit ermöglicht. Der Schatten, den Trump wirft, ist dunkel, ja. Aber er lässt das Licht, das wir gemeinsam entzünden können, nur umso heller scheinen.
Das erfordert von uns allen eine radikale Veränderungsbereitschaft. Sind wir dazu bereit? Wenn nicht, wird die Trump-Maschinerie uns überrollen. Lasst uns anfangen, it’s time to resist!