Münchner Sicherheitskonferenz: Klimaschutz fehlt
Petition unterzeichnen- Ein Artikel von Martin Kaiser
- Meinung
Die Münchner Sicherheitskonferenz hatte einen blinden Fleck: Klimaschutz. Der muss mit ins Zentrum der Debatte. Denn ohne Klimaschutz gibt es keine Sicherheit.
Es war der wohl verstörendste Moment dieser Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Als US-Außenminister Marco Rubio am Rednerpult stand, die internationale Klimapolitik als ideologischen Ballast abtat und das Ende des „Klima-Diktats“ verkündete, herrschte im Saal Stille. Die versammelte Elite der westlichen Sicherheitspolitik – Staatschefs, Diplomaten, Rüstungslobbyisten ließ Rubio mit seiner Aussage alleine und ohne Applaus stehen. Noch am Tag zuvor, hatte Friedrich Merz mit neuem Selbstbewusstsein auch den Klimaschutz der EU verteidigt, zumindest ein wenig.
Trotzdem war die MSC eine Enttäuschung, denn anders als noch vor vier Jahren nimmt in diesem Jahr die Klimakrise mit ihren verheerenden Auswirkungen keine prominente Rolle bei den Diskussionen um die globalen Sicherheitsrisiken ein. Noch wichtiger, als Rubio den Applaus zu verweigern, wäre es gewesen, ihm offen zu widersprechen. Doch dazu fehlte den Anwesenden wohl der Mut.
Wer Sicherheitspolitik im Jahr 2026 noch immer losgelöst von der Klimakrise denkt – oder sie gar, wie Rubio, verhöhnt –, betreibt Realitätsverweigerung. Eine aktuelle Studie von namhaften Wissenschaftler:innen wie der Co-Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, der Direktor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, Hans Joachim Schellnhuber und William Ripple von der Oregon State University in den USA, vor wenigen Tagen veröffentlicht im renommierten Fachjournal Nature, liefert dazu keine bloße Meinung, sondern harte, wissenschaftliche Evidenz: Die Klimakrise ist ein "Hochrisikofaktor", sie ist der direkte Zünder für globale Konflikte. Die Analyse sieht deutliche Anzeichen dafür, dass die Erderhitzung nicht nur kontinuierlich zunimmt, sondern sich durch Rückkopplungseffekte selbst beschleunigen könnte. Diese dynamischen Wechselwirkungen im Erdsystem drohen eine Entwicklung zur Heißzeit auszulösen, bei der die globale Erwärmung außer Kontrolle gerät – mit tiefgreifenden Folgen für Ökosysteme, Gesellschaften, die Wirtschaft und die Sicherheit weltweit.
Die blinden Flecken der Sicherheitspolitik
Die Wissenschaftler haben analysiert, was Politiker:innen gerne verdrängen: den direkten kausalen Zusammenhang zwischen klimatischer Volatilität und Gewalt. Die Daten zeigen unmissverständlich, dass extreme Schwankungen bei Niederschlägen – das brutale Pendeln zwischen Dürre und Flut – die Wahrscheinlichkeit für bewaffnete Konflikte massiv in die Höhe treiben.
Die Logik ist von erschreckender Einfachheit: Wo Ernten verdorren und Wasserstellen versiegen, kollabiert die staatliche Ordnung. In diesem Vakuum haben extremistische Gruppen leichtes Spiel. Ein junger Mensch, dessen Lebensgrundlage weggeschwemmt oder verbrannt ist, ist leichte Beute für Rekrutierer.
Sicherheit lässt sich in dieser neuen Realität nicht herbei bomben. Keine Drohne der Welt kann Regen bringen, kein Panzer eine Dürre stoppen, kein U-Boot das Versiegen des Golfstroms verhindern.
Trump als Brandbeschleuniger
In diesem Licht erscheint die Antiklima-Politik von Donald Trump als sicherheitspolitischer Brandbeschleuniger. Wenn die USA nun aus dem Pariser Abkommen und der Klimafinanzierung aussteigen, ist das nicht nur ökonomisch ein irrwitziger Vorgang. Vielmehr ist es ein Angriff auf die globale Stabilität.
Trump setzt auf fossile Expansion – "Drill, baby, drill" – und ignoriert dabei die physikalischen Gesetze. Jeder Kubikmeter LNG-Gas, das wir aus den USA importieren, um uns von Putin zu lösen, finanziert genau jene Erwärmung, die laut der One Earth-Studie die Konflikte der Zukunft unausweichlich macht. Wir bekämpfen den geopolitischen Brand mit Benzin.
Daher fordern wir die EU-Kommissionspräsidentin dazu auf, die LNG-Abkommen mit der US-Administration unter Donald Trump aufzukündigen.
Die naive Hoffnung vieler Europäer, man könne Sicherheit durch reine Aufrüstung erkaufen, während man beim Klimaschutz auf die Bremse tritt, ist eine Illusion. Wer heute glaubt, dass wir uns aussuchen können, ob wir Geld für Rüstung oder Klimaschutz ausgeben, hat die Dimension der Bedrohung nicht verstanden. Ohne Klimaschutz wird jede Armee der Welt zur Feuerwehr, die zu spät kommt.
Deshalb muss die EU Sicherheitspolitik neu definiert werden:
- Prävention statt Reaktion mit dem Ausbau von Solarparks und Windkraftanlagen als Freiheitsenergien, die uns immun gegen Erpressung machen und verhindern, dass wir die Konflikte anheizen, vor denen wir uns fürchten.
- Wir müssen uns radikal schnell von Öl und Gas unabhängig machen.
- Wir müssen massiv den Globalen Südens unterstützen bei Investitionen in die Resilienz durch strategische Klima-Partnerschaften als Friedenssicherung. Nicht (nur) aus Verantwortungsbewusstsein, sondern aus Selbstschutz.
- Europa muss jene demokratischen Staaten als Allianz der Willigen um sich scharen, die die Klimawissenschaft anerkennen. Ein Bündnis, das nicht nur auf militärischem Beistand fußt, sondern auf dem gemeinsamen Willen, den Planeten bewohnbar zu halten.
Ein neues Sicherheitsbündnis der Vernunft
Was bedeutet das für Europa? Es war aus zwei Gründen richtig, sich von russischem Gas zu befreien- 2027 soll endgültig Schluss sein: Damit wir, erstens, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht weiter finanzieren und, zweitens, mit diesem billigen Gas nicht weiter rücksichtslos die Erderhitzung anfeuern. Nun muss der nächste Schritt folgen, um eine neue Abhängigkeit - diesmal von Trump - zu vermeiden.
Die Ergebnisse der Wissenschaft sind alarmierend, aber sie bieten auch Klarheit. Wir stochern nicht mehr im Nebel. Wir wissen genau, wo die Ursachen der kommenden Kriege liegen. Das gibt uns die Macht, sie zu verhindern.
Sicherheit im 21. Jahrhundert misst sich nicht an der Zahl der Sprengköpfe, sondern an der Einhaltung der Klimaziele. Über Physik lässt sich weder streiten noch verhandeln. Sie bietet keine „Deals“ an. Aber wir Menschen können uns entscheiden: Wollen wir sehenden Auges in das Zeitalter der Klimakriege marschieren, oder nutzen wir die Erkenntnisse der Forschung, um eine echte, nachhaltige Friedensordnung zu bauen?
Die Zeit der Ausreden ist vorbei. In München hätte man Klartext sprechen müssen, nächstes Jahr ließe sich das korrigieren: Klimaschutz ist ein wichtiger Baustein der Sicherheitspolitik. Diese Erkenntnis muss an die Politik durchdringen. Je früher, desto besser. Die Hoffnung liegt im Handeln.