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Christoph Thies, Greenpeace-Experte für Wälder
© Thomas Duffé / Greenpeace

Interview mit Waldexperte Christoph Thies zum FSC-Ausstieg von Greenpeace

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Das FSC-Siegel soll für Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft bürgen – 1993 riefen Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace und Vertreter der Industrie den Forest Stewardship Council ins Leben, um einen länderübergreifenden Standard zu schaffen. Nach einem Vierteljahrhundert beenden Greenpeace International und Greenpeace Deutschland ihre Mitgliedschaft. Christoph Thies, Greenpeace-Experte für Wälder, erläutert im Interview die Hintergründe für die schwierige Entscheidung.

Greenpeace: Greenpeace hielt sich trotz seiner Mitgliedschaft in den vergangenen Jahren nie mit Kritik am FSC-Siegel zurück. Gab es einen konkreten Anlass für den Ausstieg zu diesem Zeitpunkt?

Christoph Thies: Der FSC ist immer noch das einzige glaubwürdige Siegel für ökologische Waldwirtschaft. An den Urwäldern haben wir uns allerdings über die Jahre die Zähne ausgebissen. Greenpeace hat dokumentiert, wie FSC-zertifizierte Urwälder abgeholzt wurden, beispielsweise in Russland und im Kongobecken. Der Erhalt der letzten intakten Urwaldgebiete gehört aber zu den Kernzielen von Greenpeace. Hier darf gar keine industrielle Waldwirtschaft stattfinden – wenn überhaupt, ausschließlich für den Bedarf der umliegenden Gemeinden. Aber eben nicht im großen Maßstab. Dafür darf Greenpeace nicht stehen.

Versucht Greenpeace mit dem Ausstieg, Druck auf den FSC auszuüben?

Dem FSC ist es bisher nicht gelungen, den bestmöglichen Schutz der Wälder für Menschen, Biodiversität und Klima zu garantieren. Mit unserem Ausstieg wollen wir dazu beitragen, dass sich der FSC verbessert: Die Organisation sollte Urwaldschutz konsequent fördern und sich nicht mehr an industriellen Waldwirtschaftsprojekten in Urwäldern beteiligen. Wir scheiden nicht als Gegner aus. Wir ziehen unsere aktive Mitgliedschaft vorerst zurück, weil wir als konsequente Interessensvertretung die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Wälder international verändern wollen, zum Beispiel über internationale Abkommen zum Natur- und Klimaschutz. Wir werden mit dem FSC im Dialog bleiben und, wo es Sinn macht, kooperieren. Aber als Mitglied geben wir unseren Namen für alles her, was der FSC macht. Darum können wir nicht akzeptieren, dass ein – sei es noch so geringer – Anteil FSC-Holz aus industriellem Urwaldeinschlag stammt. 

Inwiefern hat das Pariser Klimaabkommen für die Arbeit des FSC eine Bedeutung?

Wald spielt für den Schutz des Klimas, neben dem Ausstieg aus fossilen Energieträgern und einer klimafreundlicheren Verkehrspolitik, eine zentrale Rolle. Wälder können viel klimaschädliches CO2 binden und so aus der Atmosphäre entfernen. Das funktioniert erstens mit konsequentem Urwaldschutz und zweitens, indem Sekundärwälder durch geringeren Holzeinschlag zurückwachsen. Was dort möglich ist, haben wir mit der Waldvision am Beispiel Deutschlands vorgerechnet. Wir brauchen eine unabhängige Zertifizierung von Urwaldschutz, die eine industrielle Nutzung ausschließt, und der Nutzung von Sekundärwäldern. Das sollte auch in Zukunft der FSC leisten.

Ist es denn für Verbraucherinnen und Verbraucher nach nach wie vor sinnvoll, sich beim Kauf nach dem FSC-Siegel zu richten?

Wir wollen Unternehmen, Verbraucherinnen und Verbraucher ermutigen, insgesamt weniger Holz- und Papierprodukte zu nutzen. Bei Papier sollte man da auf den Blauen Engel als Umweltzeichen achten, in vielen Fällen kann es wiederverwendet werden. Neuanschaffungen aus Holz sollten hochwertig und langlebig sein. Etwa die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Holzes wird in Industrieöfen, Pellet-Heizungen und Kaminen verbrannt. Diesen riesigen Anteil müssen wir drastisch reduzieren.

Für Holz- und Papierprodukte aus Sekundärwäldern ist das FSC-Siegel auf internationaler Ebene immer noch das Beste, was zur Verfügung steht. Falls die Herkunft zu erkennen ist, sollte Holz aus Urwäldern unbedingt vermieden werden.

Gibt es Alternativen zum FSC-Siegel, nach denen man Ausschau halten kann?

International gibt es noch keine Alternativen. Von dem weit verbreiteten PEFC-Siegel raten alle großen Umweltverbände ab: Hier hat sich die Wirtschaft im Wesentlichen selbst ein Gütesiegel verpasst, unabhängige Kontrollen zum Waldschutz gibt es nicht. Solche Industriezertifikate garantieren keine nachhaltige Waldwirtschaft. In Deutschland haben wir noch das Waldzertifizierungssystem nach Naturland, das strenger ist als das des FSC.

Was fordert Greenpeace also vom FSC?

Wenn er schon nicht aufhört, industrielle Waldwirtschaft in Urwäldern zu zertifizieren, müsste er als ersten Schritt zumindest die Herkunft kenntlich machen: Urwald oder urwaldfrei. Dann könnte der Markt entscheiden. Unsere Hoffnung ist, dass sich Verbraucher für urwaldfrei entscheiden würden – und sich beim FSC die Erkenntnis durchsetzt, dass das der richtige Weg ist.  Zur glaubwürdigen Zertifizierung gehört eine hundertprozentige Transparenz. Ich muss als Verbraucher nachvollziehen können, aus welchen Betrieben mein Holz stammt. Das darf nicht durch ökonomische Interessen der Betriebe ausgehebelt werden.

Wann könnte Greenpeace denn zum FSC zurückkehren?

Der Ball liegt beim FSC. All diese Probleme – die Urwaldfrage, Transparenz, Herkunftskennung – haben wir intern seit mindestens fünf Jahren diskutiert. Wenn bei den Verantwortlichen im FSC ein Umdenken stattfindet, könnte das ganz schnell gehen. Es ist nicht unsere Absicht, die Organisation zu schwächen. Im Gegenteil – wir  wünschen uns einen stärkeren FSC. Greenpeace ist nach wie vor davon überzeugt, dass der FSC – außerhalb von Urwäldern – das beste Zertifizierungssystem für Wälder ist.

  • Nahaufnahme des FSC auf Holz der Skaterampe bei den X Games in Los Angeles, August 2004

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